2. Weltkrieg

Jüdische Opfer des Nationalsozialismus bekommen Gedenkstele in Bayreuth – deshalb sind die Grünen gegen die Pläne

Rund 150 Juden sind in Bayreuth Opfer der Nationalsozialisten geworden. Die Fraktionen des Bayreuther Stadtrats wollen nun, dass für sie ein Denkmal errichtet wird. Die Grünen sind dagegen.

Einigkeit im Bayreuther Stadtrat: Fraktionsübergreifend wollen die Stadträte ein Denkmal für die jüdischen Bürger errichten lassen, die in Bayreuth den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind. Die Fraktion der Grünen ist dagegen.

Update vom 1. Dezember 2020: Jüdische Gedenkstele in Bayreuth – deshalb sind die Grünen dagegen

Im Bayreuther Rathaus hat sich Stadträtin Sabine Steininger jüngst gegen eine geplante Gedenkstelle ausgesprochen. Jetzt haben die Grünen im Bayreuther Stadtrat sich detailliert zu den Gründen geäußert.

Demnach sei es mit dem Aufstellen einer Gedenkstele nicht getan, heißt es vonseiten der Fraktion. Obendrein sei die Gestaltung der Stele „bisher vollkommen unüberlegt“. „Grundsätzlich sollten wir Opfergedenken und die Bekämpfung von Antisemitismus möglichst auseinanderhalten: Die geplante Gedenkstele ist kein geeignetes Mittel, antisemitische Tendenzen zu bekämpfen“, schreibt die Fraktion in einer Mitteilung.

„Bayreuth tut zu wenig gegen Rechtsextremismus“

Gedenken sei angesichts von zunehmendem Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus zu wenig. Vielmehr müsse das Erinnern und Gedenken von den den Bürgen mitgetragen werden. Dies könne auf anderem Wege erreicht werden. Bislang würde die Stadt zu wenig gegen Rechtsextremismus tun, bemängeln die Grünen.

Die Grünen sehen Stolpersteine als erste Wahl des Gedenkens. In Coburg und Bamberg sei dies bereits umgesetzt worden. „Die Namen der Opfer werden an die Orte ihres Lebens zurück gebracht. Hier wird ihr Fehlen in der Stadtgesellschaft erlebbar und spürbar“, heißt es vonseiten der Fraktion. Die Gestaltung eines Denkmals sollten darüber hinaus auch nicht Kommunalpolitiker und Historiker vornehmen, sondern Künstler.

Grüne wollen keine Opfer ausgrenzen

Daneben sprächen auch weitere Gründe gegen eine Stele.

„Es ist schwer zu vertreten, warum es zwei solche Gedenkorte in der Stadt geben soll: im Rathaus und am Sternplatz. In der Folge würde es zu unterschiedlichen Namensnennungen kommen. Die 150 Opfer sind nach unseren Unterlagen nicht nachvollziehbar und im übrigen mit Namen, Wohnort, Geburtsjahr, Sterbejahr und Sterbeort nicht angemessen auf der Stele unterzubringen.

Dazu kommt das Problem der anderen Opfergruppen: Warum zweimal öffentlich an die Bayreuther jüdischen Opfer erinnern, während andere Opfergruppen unbeachtet bleiben? Z.B. die Euthanasie-Opfer, von denen es in Bayreuth zahlreiche gab. Das waren mit Sicherheit viel mehr. Auch wenn die Zahl der Opfer ist kein gutes Argument bei der Erinnerung ist, sollten wir alle Opfer im Auge behalten.

Ein dynamisches Kunstprojekt wie die Stolpersteine entwickelt sich dagegen weiter. Die Suche hört nicht auf, neue Erkenntnisse können jederzeit berücksichtigt werden.“

(Presseerklärung der Grünen-Fraktion im Bayreuther Stadtrat)

Meldung vom 23. November 2020: Jüdische Opfer bekommen Denkmal in Bayreuth

Die Fraktionen von SPD, CSU, BG, FDP/DU/FL und JB wollen den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus in Bayreuth gedenken. Die Stadträte haben bereits eine genaue Vorstellung davon, wie dieses Denkmal aussehen soll.

Neuer Gedenkstein in Bayreuth

Und zwar soll der Platz eine Stele mit vier Seiten werden: das ist eine besondere Art von Pfeiler. Auf jeder Seite kommen rund 40 Namen der Opfer sowie auch ihr Wohnort, Geburts- und Sterbejahr und der Sterbeort. In der Mitte dieser Stele soll eine kurze Inschrift in deutsch, englisch, französisch und hebräisch an das Schicksal der Betroffenen erinnern.

Hier soll der Gedenkpfeiler stehen

Die Fraktionen haben sich ebenfalls bereits einen Ort überlegt, an welchem das Denkmal stehen könnte. Sie schlagen vor, den Gedenkstein am Rande des Sternplatzes zu errichten. Und das auch gutem Grund. Denn wichtige Geschäfte in der Maxstraße 2 und 4 wurden damals arisiert. Auch befand sich dort das sogenannte Braune Haus, die ehemalige Zentrale der Nationalsozialisten. Der Gedenkstein soll durch Spenden finanziert werden.

Antisemitismus in Deutschland

Warum auf einmal eine Gedenkstele für jüdische Opfer im 2. Weltkrieg? Der Antisemitismus hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen, erklären die Fraktionen in ihrem Antrag. Dabei kommt es auch immer wieder zur Leugnung oder Relativierung des Holocausts. Deswegen soll mit dieser Stele ein deutliches Zeichen gegen diese Tendenzen gesetzt werden.

Ein gemeinsames Zeichen in Bayreuth

„Man sollte allerdings darauf schauen, dass es so platziert wird, dass es auch eine entsprechende Solitärwirkung hat“, erklärt Stefan Specht (CSU). „Diese Stele ist mit Sicherheit auch ein Baustein gegen diese Tendenzen“, sagt Thomas Bausker (SPD). Trotzdem dürfen andere jüdische Opfer nicht vergessen werden. „Man sollte ein gemeinsames Zeichen setzen“, sagt er.

Die Grünen sind gegen eine Gedenkstele

Sabine Steininger (Bündnis90/Die Grünen) findet, dass Stolpersteine die richtige Art des Gedenkens wären. „Alleine mit dem Aufstellen einer Stele ist es nicht getan“, findet Steininger. „Erinnern und Gedenken müssen von den Bürgern mitgetragen werden.“

Für die Grünen ist der Fraktionsübergreifende Antrag für das Aufstellen einer solchen Stele, nur ein symbolischer Akt und zu wenig. „Deswegen tragen wir den Antrag nicht mit“, erklärt Steininger.

Geschichte darf nicht vergessen werden

Stephan Müller (BG) findet die Stolpersteine prinzipiell gut. „Aber wenn es die jüdische Gemeinde in Bayreuth nicht haben will, dann sollten wir es auch nicht machen“, sagt Müller. „Wir leben in einer Zeit, in der für viele die Geschichte vergessen zu sein scheint“, erklärt Thomas Hacker (FDP) merklich erschüttert.

„Es hat viel zu lange gedauert, bis man sich mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt hat. Auch am Festspielhügel“, sagt er. „Erinnern braucht immer auch Orte.“ Er sieht es wie Stephan Müller. Wenn keine Stolpersteine gewünscht sind, können keine installiert werden.

„Wir machen das nicht als Selbstzweck, sondern aus Überzeugung“, erklärt Christopher Süss (JB). Für Helmut Parzen (CSU) ist die Stele ein Anfang. Er fordert den Kulturreferenten Benedikt Stegmayer dazu auf, weitere Orte zu finden, an denen Erinnerungskultur stattfinden kann.

NS-Dokumentationszentrum in Bayreuth

Stegmayer erklärt an Sabine Steininger gerichtet, dass es für ihn nicht damit getan ist, alleine eine Stele aufzustellen. Er steht hierfür in engem Austausch mit der jüdischen Gemeinde. „Wir entwickeln ein umfangreiches NS-Dokumentationszentrum“, berichtet Stegmayer. Ihm geht es darum, dem Thema in Bayreuth den nötigen Raum zu geben.

Das NS-Dokumentationszentrum ist allerdings nur ein Arbeitstitel. Dieses soll an unterschiedlichen Orten, unter anderem im historischen Museum stattfinden. „Wir tun in unseren Kapazitäten alles, aber können nicht mehr“ ist ein Satz, der Steininger massiv aufregt. Denn wenn einem ein Thema wichtig ist, müssten eben andere Gelder umgeschichtet werden, um dieses Thema anständig und vollumfassend zu unterstützen und auch umzusetzen.

Am Ende stimmten die Stadträte im Ältestenausschuss bei einer Gegenstimme für die Gedenkstele.

Bayreuther Tagblatt - Redaktion

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