Zuletzt aktualisiert am
Karajan dirigierte trotz NS-Vergangenheit in Bayreuth – neue Erkenntnisse
Zum 150-jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele rückt ein altes Thema wieder in den Fokus: die braune Vergangenheit des Festivals. Eine neue Studie des Historikers Michael Wolffsohn nimmt dabei gezielt die Rolle Herbert von Karajans im Nationalsozialismus unter die Lupe. Am 2. August stellt Wolffsohn seine Ergebnisse im Friedrichsforum persönlich vor.
Karajan im Nationalsozialismus laut neuer Studie
Die Rolle Herbert von Karajans im Nationalsozialismus gehört seit Jahrzehnten zu den umstrittensten Kapiteln der Musikgeschichte. Politische Zuschreibungen und verkürzte Deutungen prägen bis heute das Bild des 1989 verstorbenen Dirigenten. Genau hier setzt die neue Studie des Historikers Michael Wolffsohn an, die eine quellenbasierte Neubewertung liefert.
Das Buch erschien im Februar 2026 im Verlag Herder unter dem Titel „Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“. In Auftrag gegeben hatte die Studie das Eliette und Herbert von Karajan Institut, mit dem Ziel einer wissenschaftlich fundierten Aufarbeitung.
Besondere Aktualität erhält das Thema durch das Jubiläumsjahr der Bayreuther Festspiele. Nach Bekenntnissen der Festspielleitung und einer vielbeachteten Rede von Michel Friedman rückt nun auch Wolffsohn die braune Vergangenheit des Festivals erneut in den Blick. Karajan selbst dirigierte 1951 und 1952 mehrfach in Bayreuth, unter anderem den kompletten Ring des Nibelungen sowie Tristan und Isolde.
Lesung und Diskussion in Bayreuth am 2. August
Wer sich näher mit der Studie beschäftigen möchte, kann Michael Wolffsohn persönlich erleben. Der Richard-Wagner-Verband Bayreuth hat für Sonntag, den 2. August 2026, um 11 Uhr eine Lesung mit anschließender Diskussion organisiert. Austragungsort ist der Balkonsaal im Friedrichsforum.
Der Eintritt kostet 15 Euro, Mitglieder des Richard-Wagner-Verbands Bayreuth zahlen 10 Euro. Wolffsohn selbst gilt als einer der führenden Experten für internationale Politik sowie für deutsch-jüdische Beziehungen und lehrte von 1981 bis 2012 als Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.
Wolffsohn wertet erstmals internationale Archive aus
Für seine Untersuchung stützt sich Wolffsohn auf umfangreiche internationale Archivarbeit. Ausgewertet wurden Quellen aus Archiven in Deutschland, Österreich, den USA, Großbritannien, Frankreich und Israel. Darunter befinden sich NSDAP- und Behördenunterlagen, Entnazifizierungsakten sowie private Korrespondenzen.
Erstmals zugänglich waren dabei auch Bestände aus Karajans Privatbibliothek. Ergänzend führte Wolffsohn zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen und deren Nachfahren. Dadurch entstand laut eigenen Angaben eine besonders breite Quellenbasis für die Neubewertung.
Formalnationalsozialist statt Gesinnungstäter
Zentrales Ergebnis der Studie ist eine klare Trennung zwischen formaler Anpassung und ideologischer Überzeugung. Wolffsohn kommt zu dem Befund, dass Karajan kein Gesinnungsnationalsozialist und kein Täter gewesen sei. Stattdessen ordnet er ihn als „Formalnationalsozialisten“ ein, als politisch desinteressierten, karriereorientierten Mitläufer in einem autoritären System.
In einer zusammenfassenden Aussage bringt Wolffsohn seinen Befund selbst auf den Punkt: „Karajan war als NSDAP-Mitglied formal Nazi. Nicht in seiner Gesinnung. Formalnazi ja, Gesinnungsnazi nein.“ Karajans Handeln sei demnach in erster Linie von seiner Fixierung auf Musik und künstlerischen Erfolg geprägt gewesen, nicht von politischem Engagement.
Die Debatte um Karajan gewinnt dadurch zusätzliche Brisanz, dass der Dirigent auch nach dem Krieg wieder in Bayreuth auftrat. Genau diese Nähe zum Grünen Hügel macht die Neubewertung für das Festspieljubiläum besonders relevant.












Zahlreiche Gäste folgten der Einladung zum Landkreisempfang 2026 im Bayreuther Landratsamt. Landrat Florian Wiedemann begrüßte die Anwesenden im Sitzungssaal. © Landratsamt Bayreuth
Musik durch die Hinterbühne: DJ Alle Farben spielt am Festspielhaus. © FABRIK