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Als das Geld fehlte, kam das Gespräch: Bayreuths Kulturszene sucht neue Wege
Eigentlich sollte am 25. September in Bayreuth eine ganze Nacht lang gefeiert werden. Dann war plötzlich kein Geld mehr da. Was daraus wurde: ein Abend, an dem rund 80 Menschen offen über Geld, Räume und die Zukunft der Kulturszene sprachen.
Die „Lange Nacht der Kultur“ in Bayreuth musste ausfallen – der städtische Haushalt gab sie nicht her. Statt das Vorhaben zu streichen, lud Fergus Wünschmann, Vorsitzender des Jean-Paul-Kulturvereins, am Freitagabend zu einem offenen Gespräch ein. Rund 80 Besucherinnen und Besucher kamen in den Jean Paul Art Space in der Friedrichstraße.
Der Abend war von Anfang an als offenes Format angelegt: Neben der Runde auf dem Podium waren auch Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum ausdrücklich erwünscht. Unter den Zuhörern saß auch Oberbürgermeister Andreas Zippel. Er verfolgte die Diskussion aufmerksam und machte sich Notizen.
Wer saß auf dem Podium?
- Björn Rodday, Leiter des Friedrichsforums
- Michael Semmelmann, aktiv bei Saalmitte und im Kollektiv Tongranulat
- Lena Wenz, Künstlerin und Vorstand von Wundersam Anders e. V.
- Maria Trunk, freie Künstlerin und Journalistin aus Nürnberg, zuständig für den dortigen „Raumkompass“
Moderiert wurde der Abend von Fergus Wünschmann und Jens Wagner, Vorstand des Kunst- und Kulturhauses Neuneinhalb.
Kultur als Demokratieraum
Wünschmann eröffnete, ohne Kultur definieren zu wollen – ihm ging es darum, was sie bewirkt: Selbstermächtigung, Selbstbewusstsein und eine Form von Miteinander, die sich praktisch einüben lässt. Für ihn hängt das eng mit Demokratie zusammen. Kultur sei vor allem ein „Demokratieraum“, sagte er. „Es ist erlernbare Demokratie über die Kunst.“
Das Paradox dabei: Räume, in denen Geld keine Rolle spielen soll, kosten Geld. Sie sind offen für alle, aber nicht umsonst zu betreiben.“Wenn der Gesellschaft das wichtig ist, muss sie auch dafür kämpfen, dass die Steuergelder dafür bereitstehen, so Wünschmann.
Kultur als Alleinstellungsmerkmal der Stadt
Für Björn Rodday liegt der eigentliche Reichtum der Stadt in ihrer Bandbreite: Von der Subkultur bis zur klassischen Kultur sei in Bayreuth alles vertreten – eine Strahlkraft, die die Stadt seiner Meinung nach bislang gar nicht ausschöpft.
„Wenn es irgendetwas gibt, wofür Bayreuth steht, dann ist es Kultur.“ -Björn Rodday, Leiter des Friedrichsforums
Genau dieses Spektrum will er im Friedrichsforum zusammenführen, verbunden mit einem soziokulturellen Auftrag: Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildung zusammenbringen, gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, Begegnung und Gemeinschaft fördern – nicht nur Kunstgenuss im engeren Sinne.
Angebote durch Synergien stärken
Diese Vielfalt bringt aber nichts, wenn jede Gruppe für sich allein kämpft. Rodday schlug deshalb eine gemeinsame Drittmittelstelle vor: eine Anlaufstelle, die mehrere Vereine bei einem einzigen Förderantrag bündelt und Ehrenamtliche bis zum Verwendungsnachweis begleitet. Denn viele scheitern nicht an Ideen, sondern am Verwaltungsaufwand. Lena Wenz griff den Gedanken auf: Statt dass jede und jeder einzeln kämpft, brauche es gemeinsame Ziele, auf die mehrere Kulturschaffende hinarbeiten.
Wie das konkret aussehen kann, zeigte Andrea Wunderlich mit einem Beispiel aus dem Publikum: Als freischaffende Künstlerin stellt sie selbst keine Förderanträge – das liege ihr nicht. Möglich wurde ihre Arbeit trotzdem: Im Rahmen des Jean Paul Jahres wurde sie vom RW21 gefragt, ob sie ihre Kunst zeigen wolle. Die Antragstellung und Organisation übernahm jemand anderes. So konnte sie unter anderem eine internationale Gruppenausstellung realisieren, mit Beteiligten aus Norwegen, England und Slowenien – inklusive bezahlter Reisekosten. Für sie ist genau diese Arbeitsteilung der Idealfall: „Das ist für mich dann das Paradies.“
Was Bayreuth von Nürnberg lernen kann
Maria Trunk brachte den Blick von außen mit: In Nürnberg entstand vor Jahren der Raumkompass, eine städtische Initiative, die Leerstände an Künstlerinnen und Künstler vermittelt. Ihre eigene Stelle war zunächst nur über ein EU-Projekt finanziert – fünf Jahre kämpfte sie dafür, dass sie entfristet wurde. Ihr Rat an Bayreuth: Forderungen wiederholen, Stadtratsbeschlüsse im Blick behalten. Zeitfenster für Veränderung schließen sich schnell wieder, wenn niemand mehr nachfragt.
Junge Leute halten, Freiräume schaffen
Dass es nicht nur an Strukturen, sondern auch an Wissen fehlt, machte Michael Semmelmann deutlich. Er berichtete von einem Auftritt im Bayreuther Kulturausschuss, gemeinsam mit Chris Renner, dem damaligen Vorsitzenden des Glashauses, um für die Subkultur zu sprechen. Bayreuth werde immer älter, und es gelinge der Stadt nicht, junge Menschen nach dem Studium zu halten. Das schade auch der Kulturszene selbst, weil ständig neue Leute geworben werden müssten. Vor allem junge Kulturschaffende wüssten zudem oft gar nicht, welche Fördermöglichkeiten es überhaupt gibt – er warb deshalb für niedrigschwellige Informationsangebote dazu.
Daneben sprach er über mehr Freiflächen für Kulturschaffende – oft reiche im Grunde eine leere Wiese, auf der Generator und Anlage selbst mitgebracht werden können. Sein anspruchsvollster Vorschlag: ein Nachtbürgermeister bzw. eine Nachtbürgermeisterin, der oder die der Nachtszene – Clubkultur, Gastronomie, Subkultur – eine eigene Anlaufstelle gibt, statt sie in bestehenden Strukturen untergehen zu lassen.
Weg von der Projektitis
Lena Wenz benannte noch ein weiteres Problem: die „Projektitis“. Wer jedes Jahr ein neues, „innovatives“ Projekt erfinden muss, um Förderung zu bekommen, verliert Kraft für die eigentliche Arbeit – „Am Ende macht man eigentlich das, was man eh schon macht.“ Ihr Wunsch: strukturelle statt projektbezogene Förderung – Geld, das feste Kosten wie Miete oder Personal absichert, statt jedes Jahr aufs Neue um den Fortbestand zu bangen. Eine solche Änderung würde aktive politische Beteiligung erfordern.
Faire Bezahlung für Kunstschaffende
Eine Zuschauerin, seit Jahren als Tanzvermittlerin tätig, brachte einen kritischen Einwand ein: Bundesförderprogramme für kulturelle Vermittlungsarbeit hätten oft nichts mit der eigentlichen künstlerischen Arbeit zu tun. Ihr Punkt: Kulturelle Bildung und freie künstlerische Praxis brauchen unterschiedliche Formen der Wertschätzung und Finanzierung.
Björn Rodday stimmte zu und ergänzte seinen Blick auf faire Honorierung. Er beschrieb, was passiert, wenn Förderanträge gekürzt werden: Technik, Raum und Energie würden dadurch nicht billiger. „Am Ende spart man an sich selber, an der künstlerischen Arbeit, und man macht eine Selbstausbeutung und arbeitet dann prekär.“ Als Vorsitzender des BBK Rheinland-Pfalz hat er durchgesetzt, dass Künstlerinnen und Künstler bei einer Landesausstellung nach Mindeststandards bezahlt werden – das machte sie ein Drittel teurer, aber auch gerechter. Auch das, so Rodday, war ein Kampf, der sich gelohnt hat.
Sichtbarkeit schaffen
Wie erreicht die Kulturszene Menschen, die bisher gar nicht kommen? Aus der Diskussion entstanden mehrere Ansätze: Aus dem Publikum kam der Vorschlag, leere Schaufenster mit einfachen Bildschirmen zu bespielen. Fergus Wünschmann forderte eine gemeinsame, verständliche Plattform für sämtliche Kulturangebote der Stadt – unabhängig davon, ob Hoch- oder Subkultur. Aus dem Publikum kam zudem Kritik an der bestehenden Plattform „Stadt Land leben“: zu unübersichtlich, schwer zu filtern, kaum bekannt. Sabine Hacker vom Kulturamt bat direkt darum, genau diese Kritik auch offiziell zu melden – nur so könne die Plattform verbessert werden.
Auch bei Räumen fehlt es an Überblick: Aus dem Publikum kam der Vorschlag, freie städtische Flächen – etwa die Halle im Neuen Rathaus – in einer gemeinsamen Liste zu bündeln. Wünschmann nutzte den Ort des Abends selbst als Beispiel: Der Jean Paul Art Space ist seit sieben Jahren als Open Space angelegt – niedrigschwellig, kostenfrei, ohne Bewertung. Für ihn ist das kein Nebenaspekt, sondern der Kern der Sache: ein Möglichkeitsraum, in dem sich Demokratie über die Kunst erlernen lässt. Nicht das fertige Ergebnis zähle, sondern der gemeinsame Prozess dorthin, ergänzte Lena Wenz.
Für die „Lange Nacht der Kultur“ fehlte das Geld. Was stattdessen entstand, kostete kaum etwas.
„Wir brauchen Open Spaces for Open Minds“, schloss Wünschmann die Podiumsdiskussion ab.












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Auto liegt in Hof im Graben. ©News5/Stephan Fricke