Bayreuth Historisch

Mit einem Topf Sauerkraut im Luftschutzkeller: Ein Zeitzeuge berichtet vom Bombenangriff auf Bayreuth

Heinz Leimenstoll (85) kann sich noch gut an den Bombenangriff auf Bayreuth erinnern. Im Gespräch mit dem Bayreuther Tagblatt erinnert er sich daran.

Heinz Leimenstoll (85) kann sich noch gut an den Bombenangriff auf Bayreuth erinnern. Und das, obwohl der Angriff bereits 75 Jahre her ist. Am 11. April 1945, knapp fünf Monate vor Ende des 2. Weltkrieges, wurde Bayreuth zerbombt und dabei schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Sauerkraut im Luftschutzkeller

„Am 11. April 1945 lag etwas in der Luft“, berichtet Heinz Leimenstoll. „Schon am Vormittag gab es Daueralarm. Wir sind dann wie üblich von der Wohnung in der Markgrafenallee 1 in den gegenüber liegenden Luftschutzkeller im Verwaltungsgebäude der mechanischen Baumwoll-Spinnerei & Weberei in die Tunnelstraße 6 gegangen.“ Leimenstolls Mutter Bertha und sein Bruder Klaus waren auch dabei an jenem Tag. „Wie immer hatten wir unser Bettzeug dabei und auch noch einen Topf Sauerkraut, falls es länger dauert.“ Zu dem Zeitpunkt war Heinz Leimenstoll zehn Jahre alt.

Heinz Leimenstoll vor dem Eingang zum Luftschutzbunker. Foto: Privat

Vater Leimenstoll in der Luftschutzzentrale

Wenn Fliegeralarm war, sei Leimenstolls Vater immer in der Luftschutzzentrale zusammen mit dem Vorstand der Spinnerei, Dr. Eberhard Wurster, gewesen. „Die beiden waren damals im besten Alter und quasi als Führungskräfte zurückgestellt beziehungsweise nie einberufen worden.“ In den letzten Tagen vor Kriegsende seien die beiden nur mit Overall und Luftschutzhelm bekleidet gewesen. „Vater trug eine Armbinde auf der „Betriebsleiter“ stand und Dr. Wurster war „Betriebsführer““, erinnert sich Leimenstoll.

Der Tag in Fakten

Eine Bomberstaffel startete vom RAF-Fliegerhorst in Südengland aus mit dem Auftrag, den Bayreuther Bahnhof bzw. die Eisenbahnanlagen zu bombardieren. Gegen 14:53 Uhr hatten die Bomber Bayreuth erreicht. Es waren 92 Halifax-Bomber, 14 Lancaster-Bomber und drei Mosquito-Bomber. Zwischen 14:53 Uhr und 15:07 Uhr waren 340,3 Tonnen Sprengbomben und 17,8 Tonnen Brandbomben abgeworfen worden. Es waren unterschiedliche Kaliber mit 250 Pfund und 500 Pfund. Drei davon fielen auf die Tunnelstraße 6. „Ein Volltreffer durchschlug im Treppenhaus die Granittreppen und die Kellerdecke“, erinnert sich Leimenstoll. Auch die üblichen Brandbomben seien dabei gewesen. „Das war der Tod von zehn Leuten aus dem Umfeld der Firma. Unter den weiblichen Todesopfern waren ein 8-jähriges und ein einjähriges Mädchen an seinem Geburtstag.“

Die Opfer

In der Tunnelstraße habe es sieben weibliche und drei männliche Opfer gegeben. „Da war eine Großmutter mit ihren zwei Enkelinnen. Die Großmutter starb bei dem Angriff mit ihren Enkelinnen im Arm“, sagt Leimenstoll. Die beiden Mädchen überlebten. „Die meisten Leichen, die unter den Trümmern lagen, konnten erst zwischen dem 25. April und dem 15. Mai geborgen werden.“ Insgesamt starben 221 Menschen bei diesem Luftangriff.

Im Luftschutzkeller

„Als wir damals noch unversehrt im Luftschutzkeller saßen, fühlten wir uns sicher“, sagt Leimenstoll. Denn der Betonstahlbau auf dem Betriebsgelände der Spinnerei, war eines der bombensichersten Gebäude von Bayreuth. „Plötzlich merkten wir, dass es ernst wurde.“ Denn es ging Schlag auf Schlag, bis schließlich ein Volltreffer ins Treppenhaus einschlug. „Dann gab es noch zwei Treffer auf den Gebäudeteil links vom Treppenhaus, also genau über unserem Keller“, erinnert er sich. „Im Keller waren die Grundmauern gebrochen und die Betonstützen verbogen.“ Die Brandbomben hätten wie Feuer gewirkt. Leimenstoll hörte auch wie eine ältere Frau jammerte: „Jetzt müssen wir alle sterben.“ Darüber ärgerte er sich damals. „Ich wollte nicht aufgeben.“

Direkt nach dem Angriff

„Die Todesschreie der Zertrümmerten verhallten. Der Keller war eine einzige Zementstaubwolke. Dank der Notbeleuchtung konnten wir uns vortasten Richtung Kellerausgang“, erzählt Leimenstoll. „Glücklicherweise hatte unser Luftschutzwart vor dem letzten Bombeneinschlag die Bunkertüre aufgestoßen. Der Schutt quoll zwar in den Keller, aber wir konnten uns durchwühlen.“ Heinz Leimenstoll krabbelte zusammen mit seinem Bruder Klaus als erste zurück ans Tageslicht. Draußen angekommen, konnten die Überlebenden kaum etwas sehen durch den Zementstaub. Das Atmen fiel ihnen schwer und sie konnten sich nur durch Rufe verständigen. „Außerdem war die Luft heiß wie in einem Pizzaofen vom höllischen Brand des alten Spinnereigebäudes.“

Das war das Verwaltungsgebäude über dem Luftschutzkeller, in dem Heinz Leimenstoll den Bombenangriff überlebte. Foto: Privat

Die Flucht vom Gelände

Die Brüder Heinz und Klaus Leimenstoll gingen dann außen in einem der Bombentrichter in Deckung. „Unser Vater hat uns dann gefunden und musste noch unsere Mutter aus dem Keller holen“, sagt Leimenstoll. Zusammen mit einer weiteren Familie seien sie durch die Mainauen in Richtung Friedrichsthal gelaufen. Das Ziel war die dortige Weberei. Als die Familien in den Mainauen ankamen, mussten sie erstmal in Deckung gehen. Denn amerikanische Tiefflieger griffen den Bindlacher Flugplatz an und zogen über den Flüchtigen ihre Schleifen. „Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass wir eines Zieles würdig waren“, sagt der Zeitzeuge. Schließlich erreichten sie die Weberei in Friedrichsthal.

Die Zeit danach

„Von den Betriebsangehörigen in Laineck und Friedrichsthal wurden wir mit Kaffee und Kuchen versorgt“, erzählt Leimenstoll. Damals wurden sie im Garten bei „schönstem“ Sonnenschein bewirtet. Allerdings blieben sie nicht dort, sondern zogen weiter. „Wir haben im Heu in einer kleinen Scheune am Kanal übernachtet mit Ratten.“ Am nächsten Tag wollten die Überlebenden die Jagdhütte auf der Königsheide erreichen. „Unterwegs konnten wir an einer Lichtung zuschauen, wie amerikanische Jagdflugzeuge den Flugplatz auf dem Bindlacher Berg angriffen“, erzählt Leimenstoll. Als sie schließlich die Jagdhütte erreichten, stellten sie fest, dass diese geplündert worden war. „Beim Bauern Lochmüller auf dem Rügersberg fanden wir dann Unterschlupf für die nächste Zeit.“

Bayreuther Tagblatt - Katharina Adler

 bt-Redakteurin Online/Multimedia
Katharina Adler