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IHK warnt vor Deindustrialisierung
Die oberfränkische Wirtschaft sendet Alarmsignale. Der IHK-Konjunkturklimaindex fiel im Frühjahr auf ein Niveau, das die Region zuletzt in Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie oder dem Ukrainekrieg erlebt hat.
Die Konjunkturumfrage der IHK für Oberfranken Bayreuth gilt als wichtiges Barometer für die wirtschaftliche Entwicklung in der Region. Befragt werden Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Dabei geht es unter anderem um die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage, die Erwartungen für die kommenden Monate sowie um Investitions- und Beschäftigungspläne.
Die Ergebnisse fließen in den IHK-Konjunkturklimaindex ein, der dreimal im Jahr die wirtschaftliche Stimmung in Oberfranken aus Sicht der Unternehmen abbildet. Im Frühjahr sank der Index um acht Punkte auf einen Wert von 87.
IHK-Konjunkturklimaindex auf Krisenstand
„Die Ergebnisse sind ein deutlicher Warnruf“, betont IHK-Präsident Michael Waasner. In den vergangenen 30 Jahren habe der Index nur 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, 2020 während der Corona-Pandemie, 2009 in der Immobilien- und Wirtschaftskrise sowie 2003 im Zuge des Irak-Kriegs ähnlich niedrige Werte erreicht.
„Statt des vorhergesagten Aufschwungs erwarten die Unternehmen eine sich verschärfende wirtschaftliche Krise. Das liegt zum Teil an neuen weltwirtschaftlichen Unsicherheiten, aber auch an ausbleibenden politischen Reformen in Deutschland.“
Geschäftslage und Erwartungen: Negative Salden auf breiter Front
Nur noch 21 Prozent der befragten Unternehmen beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage positiv. Dem stehen 29 Prozent mit einer negativen Einschätzung gegenüber, was einen Saldo von -8 Punkten ergibt. Zu Jahresbeginn lag dieser noch bei -2.
Noch deutlicher fällt der Einbruch bei den Geschäftserwartungen aus. Lediglich 13 Prozent der Unternehmen erwarten für die nächsten zwölf Monate eine Verbesserung, während 32 Prozent eine Verschlechterung befürchten. Der Saldo sank damit von -8 auf -19 Punkte.
Besonders trüb sind die Aussichten für die Inlandsnachfrage (Saldo -22 Punkte). Etwas weniger pessimistisch sind die Erwartungen für Auslandsaufträge (-6 Punkte). Einzig der Asien-/Pazifikraum zeigt im Saldo leicht positive Werte. Für Aufträge aus den USA und China sind die Einschätzungen dagegen besonders schlecht.
„Vor allem im Handel und Tourismus, aber auch in der Industrie, fehlt es an Aufträgen“, erklärt Wolfram Brehm, Hauptgeschäftsführer der IHK für Oberfranken Bayreuth.
Die Auslastung werde vor allem in der Industrie sehr negativ bewertet, nur Dienstleister bewerteten diese noch im positiven Bereich.
Schon gelesen? Mehr Beschäftigte in Bayreuth, weniger in der Industrie.
Zukunftsinvestitionen wandern ins Ausland
Ein besonders beunruhigendes Signal sendet die Investitionsplanung. Im Inland wollen nur 17 Prozent der Unternehmen mehr investieren, 29 Prozent planen hingegen weniger zu investieren. Weitere 26 Prozent sehen für die nächsten zwölf Monate keinerlei Investitionen vor.
Gleichzeitig wächst das Interesse an Auslandsinvestitionen: 12 Prozent der befragten Unternehmen planen dort eine Ausweitung, nur 7 Prozent einen Rückgang. Noch aufschlussreicher ist die Motivation dahinter. Im Inland dominieren Ersatzbeschaffungen (68 Prozent) und Rationalisierungen (34 Prozent). Im Ausland hingegen stehen Kapazitätserweiterungen (55 Prozent) und Produktinnovationen (45 Prozent) im Vordergrund. Zum Jahreswechsel lagen diese Werte jeweils noch bei gerade einmal 29 Prozent.
„Wer immer noch nicht versteht, was die Uhr geschlagen hat: Die Diskussion, ob eine Deindustrialisierung droht, ist längst keine theoretische mehr“, warnt Waasner.
Gerade Oberfranken mit seiner hohen Industriedichte sei besonders gefährdet.
Beschäftigungsabbau auf höchstem Stand seit Jahren
Auch die Beschäftigungspläne verschlechtern sich deutlich. Mit einem Saldo von -19 fiel der Wert im Frühjahr gegenüber dem Jahresanfang (-11) erheblich. Insgesamt rechnen 28 Prozent der Unternehmen damit, ihre Belegschaft in den nächsten zwölf Monaten zu reduzieren – der höchste Wert seit Jahren.
Als größte Risikofaktoren nennen die Unternehmen Energie- und Rohstoffpreise, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Arbeitskosten sowie die schwache Inlandsnachfrage. Jeweils über 60 Prozent der Befragten sehen in diesen Bereichen eine ernste Bedrohung. Besonders auffällig: Energie- und Rohstoffpreise machten einen Sprung von Platz 4 auf Rang 1.
„Die aktuelle Lage auf den Energiemärkten, zuletzt stark befeuert durch den Nahost-Konflikt, ist für viele Unternehmen wie ein Damoklesschwert“, so Brehm. Doch er betont auch:
„Zur ganzen Wahrheit gehört, dass viele der großen Risikofaktoren für unsere Wirtschaft hausgemacht sind.“
Bürokratie und fehlende politische Strategie als Standortrisiken
Die IHK-Vertreter richten scharfe Kritik an die Politik. Ausufernde Bürokratie, komplexe Genehmigungsverfahren und eine hohe Steuer- und Abgabenlast nähmen den Unternehmen die Luft zum Atmen. Besonders schwer wiege die fehlende strategische Ausrichtung der Bundesregierung.
„Vor allem muss endlich erkennbar sein, wohin es eigentlich gehen soll. Die unklare strategische Ausrichtung der Bundesregierung ist längst unser größtes Standortrisiko“, so Waasner.
Er appelliert an Berlin, sich auf eine Politik zu einigen, die Produktivität steigert, Innovationen ermöglicht und Investitionen anreizt.
„Es muss jetzt Schluss sein, das Trennende in den Mittelpunkt zu stellen. Entscheidend ist, dass das Einigende in den Fokus rückt.“
Nur so ließen sich Vertrauen und Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen – ganz im Sinne von „Made in Germany“.












Rettungshubschrauber. Symbolfoto © Pixabay
Symbolfoto: Pixabay