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Eine schöne Geschichte

Schneemann Jakob und das Herz des Winters

Als in Bischofsgrün plötzlich der Winter ausbleibt, droht eine jahrzehntealte Tradition zu zerbrechen. Doch der Schneemann Jakob trägt ein Geheimnis in sich – und stellt sich dem Wintergeist, um das Gleichgewicht der Natur zu bewahren.

© von Heike Greiner

Schneeflocken wirbelten vom wolkenverhangenen Himmel über Bischofsgrün. Der kleine Ort im Fichtelgebirge war umgeben von sanften Hügeln und idyllischen Wäldern. Im Winter herrschte hier ein alter Brauch: Jedes Jahr am Freitag vor Rosenmontag wurde der Schneemann Jakob auf dem Marktplatz errichtet. Groß, prächtig und mit einem beeindruckenden blauen Hut wachte Jakob stolz über das Geschehen im Dorf.

Dabei war Jakob mehr als nur ein Schneemann. Er hatte ein Geheimnis: Jakob trug das Herz des Winters in sich.

In jener kalten Winternacht 1985, als Jakob zum ersten Mal gebaut wurde, wurde er nicht nur aus Schnee erschaffen. Karl, ein kauziger Eigenbrötler, hatte ihn heimlich mit dem Herz des Winters ausgestattet. Dazu bespritzte er Jakobs Schneekörper mit einem Pflanzensud aus Fichte, Primel, Krokus und Veilchen und flüsterte mystische Worte, die der Wind forttrug – hinaus aus dem Dorf, hinein in die dichten Wälder des Fichtelgebirges.

Deshalb war Jakob kein gewöhnlicher Schneemann. Er konnte die Stimmen der Berge hören, die gehauchten Lieder des Schnees verstehen und die Seelen der Menschen fühlen, die um ihn herum lebten. Jakobs Bestimmung war klar: Nur in den drei Nächten zwischen seiner Erschaffung und dem Schneemannfest durfte er sich bewegen, um für das winterliche Gleichgewicht im Fichtelgebirge zu sorgen – natürlich unsichtbar für die Menschen.

Und so war Jakob jede Nacht unterwegs, wandelte durch die stillen Straßen, streute Schnee auf die Dächer und brachte Kälte dorthin, wo sie nötig war. Unbemerkt von den Dorfbewohnern sorgte er seit Jahrzehnten dafür, dass an Rosenmontag das große Fest mit Schnee und winterlicher Atmosphäre gefeiert werden konnte.

Doch dann kam das Jahr, das die Magie des Winters ins Wanken brachte – das Jahr, in dem der Winter nicht kam. Während man sich sonst immer zu dieser Jahreszeit auf Schneefall, Frost und Kälte verlassen konnte, ließ sich der Winter diesmal nicht blicken. Die Temperaturen waren ungewöhnlich mild, keine Schneeflocke weit und breit.

Die Bischofsgrüner Bürger waren sich sicher: Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Wie immer versammelten sie sich am Freitag vor Rosenmontag, um Jakob zu bauen. Doch wie sollte das ohne Schnee funktionieren? Alle redeten durcheinander, diskutierten und suchten nach einer Lösung. Jemand machte sogar den Vorschlag, einen Schneemann aus Heu zu bauen – einen „Heumann“ sozusagen. Doch die absurde Idee wurde schnell wieder verworfen. Schließlich entschieden die Bürger, zunächst eine Nacht darüber zu schlafen. Vielleicht hatten sie am nächsten Morgen die zündende Idee.

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Als in der Nacht die Bischofsgrüner längst schliefen, erschien Jakob in einer seltsamen Form – wie von Geisterhand geschaffen. Er schwebte über dem Marktplatz, nur ein Schatten seiner selbst, ein grauer, nebelähnlicher Schleier aus Frost und einer hauchdünnen Schneeschicht. Doch seine Bestimmung trieb ihn vorwärts.

Es fiel ihm schwer, sich zu bewegen, aber er gab nicht auf. Er hatte eine Mission zu erfüllen. So machte er sich auf den Weg zum höchsten Berg des Fichtelgebirges, dem Schneeberg, an dessen Osthang die Röslau-Quelle entsprang. Der Weg war beschwerlich, der Wind heulte um ihn herum, als wolle er ihn zurückdrängen. Doch Jakob fürchtete sich nicht. Schritt für Schritt kämpfte er sich durch Dunkelheit und Sturm.

Nach über zwei Stunden kam Jakob schließlich erschöpft an der Quelle an und blickte sich suchend um. Auf einer Höhe von 915 Metern hatten die Menschen die Quelle einst mit Granitsteinen gefasst. Aus ihrem Zentrum ragte ein großer Eisobelisk empor, dessen Inneres in kalt-bläulichem Licht erstrahlte.

Jakob wusste, dass dies die Quelle des Winters war – der Ursprung der Schneeflocken, die durchs Fichtelgebirge tanzten. Ein sanfter Wind strich über die Baumwipfel und bewegte sie hin und her.

„Hallo, Wintergeist!“, rief Jakob. „Bist du hier irgendwo?“

Plötzlich wurde aus dem Wind ein heftiger Sturm. Steinchen und Erde wurden aufgewirbelt, und die hohen, schlanken Fichten schwankten gefährlich hin und her. Mit einem lauten Zischen erhob sich eine gewaltige Gestalt, größer als die höchsten Bäume. Ihr Körper bestand aus blau schimmerndem Eis und funkelte in der Dunkelheit wie gefrorenes Mondlicht. Runde Augen aus durchscheinendem Frost blickten Jakob an. Durch eine schmale, mundähnliche Öffnung drang kalter Atem, der sofort in der eisigen Luft zu Schneekristallen gefror und sacht zu Boden rieselte.

Vor Jakob stand der Wintergeist – der Hüter des winterlichen Gleichgewichts.

„Was willst du, Jakob?“, fragte er. „Warum störst du meine Ruhe?“ Seine Stimme klang wie knirschendes Eis, sodass sich Frostbeulen an Jakobs schattenhaftem Schneekörper bildeten.

Jakob räusperte sich. „Lieber Wintergeist, der Winter ist in diesem Jahr ausgeblieben, und die Menschen verzweifeln. Ohne Schnee gibt es keine Kälte, ohne Schnee kann die Natur sich nicht erholen, um Kraft für das Frühjahr und den Sommer zu sammeln. Warum hast du dich zurückgezogen und verweigerst den Schnee?“

Der Geist musterte ihn eindringlich. Dann knisterte das Eis an seinen Schultern, als würde er seufzen.

„Die Menschen haben den Winter vergessen“, grollte er. „Einst haben sie ihn geschätzt, nahmen ihn an als Teil des ewigen Kreislaufs. Doch jetzt?“ Seine Stimme wurde lauter und drohender – wie eine Lawine, die ins Tal donnerte. „Sie fürchten und verfluchen ihn. Stattdessen wollen sie lieber Wärme und vertreiben mich mit Lärm, Licht und Rastlosigkeit. Warum sollte ich ihnen einen schönen Winter schenken?“

Jakob schwieg. Er dachte an die stillen Winternächte im Fichtelgebirge, an das Glitzern des Schnees im Sonnenschein, an die Freude der Einwohner, wenn sie beim Schneemannfest um ihn herumtanzten. Er dachte aber auch an die Menschen, für die der Schnee eine Qual beim schweren Schippen war, an Straßen, die geräumt werden mussten, und an Unfälle, die bei Schnee und Eisglätte oftmals passierten.

„Du hast schon recht“, erwiderte Jakob. „Die Menschen haben sich verändert. Aber Winter ist viel mehr als Kälte und Dunkelheit. Er gibt der Welt Zeit, sich zu erneuern und innezuhalten. Und es gibt immer noch viele Menschen, die den Winter lieben – zum Beispiel weil sie Skifahren, Rodeln oder Schneeschuhwandern. Sie alle vermissen ihn.“

Der Geist überlegte lange. Minuten, die Jakob wie Stunden vorkamen. Dann ein Windhauch, ein leises Raunen, als würde das Eis die Antwort flüstern.

„Was ist mit dir, Jakob?“, fragte der Geist schließlich. „Du bist außen aus Schnee, doch in dir schlägt das Herz des Winters. Warum setzt du dich für diejenigen ein, die mich und meinen Wert vergessen haben?“

Der Schneemann überlegte. „Weil ich Hoffnung bin. Seit Jahrzehnten kehre ich jedes Jahr zurück. Solange mich die Menschen bauen und auf dem Marktplatz von Bischofsgrün mir zu Ehren ein Fest feiern, haben sie den Winter nicht vergessen. Sie haben Freude daran, wenn es schneit und kalt ist.“

Kaum merklich nickte der Wintergeist. Dann hob er langsam seine rechte Hand aus purem Eis. Ein kalter Hauch breitete sich vom Obelisken über das ganze Land aus.

Innerhalb weniger Sekunden fielen die ersten Schneeflocken – sanft wirbelnd glitten sie zur Erde. Und es wurden immer mehr, bis man kaum noch durch den dichten Flockenwirbel hindurchsehen konnte.

„Du hast mich überzeugt, Jakob“, murmelte der Geist. „Der Winter soll zurückkehren.“

Mit diesen Worten löste sich die Gestalt auf und wurde eins mit dem Sturm, der sich über das gesamte Fichtelgebirge legte und reichlich Schnee brachte. Jakob spürte, wie seine eigene Gestalt wieder fester wurde. Der Schnee umhüllte ihn wie eine schützende Decke und formte ihn zu dem imposanten Jakob – dem berühmten Schneemann von Bischofsgrün.

Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, lag das Fichtelgebirge unter einer dichten Schneedecke. Auf dem Marktplatz stand Jakob – größer und schöner als je zuvor. Die Menschen wunderten sich, wie er über Nacht dorthin gekommen war. Wer hatte ihn gebaut? War es ein Zauber? Was war geschehen?

Doch die Fragen verstummten schnell, denn alle waren froh, dass der Winter – und mit ihm Jakob – zurückgekehrt war.

Wenige Schritte entfernt stand Karl unbemerkt hinter einem Schneehaufen und lächelte wissend. Ja, der Winter war zurück. Und Jakob würde immer über ihn wachen.