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Telefon Nummer 2, Art déco und eine Familie: Was den Goldenen Anker besonders macht
Wer heute vor der Fassade des Goldenen Ankers in der Bayreuther Opernstraße steht, blickt auf mehr als 300 Jahre Stadtgeschichte. Das Hotel ist damit älter als das benachbarte Markgräfliche Opernhaus – und sogar älter als die Bayreuther Festspiele, die 2026 ihr 150-jähriges Jubiläum feiern. Bis heute wird der Betrieb von derselben Familie geführt. Wir haben ein paar spannende Fakten zusammengetragen.
Vom Fleischhacker zum Hotelier: Eine Familie im Wandel
Die Geschichte beginnt weit weg von der heutigen Adresse: Im 16. Jahrhundert hatten die Bayreuther Metzger am Mühltürlein ihre Fleischbänke. 1676 verlagert sie ihren Betrieb in die heutige Opernstraße, die damals noch schlicht „Vor dem oberen Tor“ heißt, und eröffnet dort zusätzlich zur Metzgerei eine Garküche. Für die vielen Handwerker im Viertel – Wagner, Büttner, Hufschmiede – ist das eine willkommene Adresse für eine warme Mahlzeit.
Wie sich der Betrieb seither entwickelt hat, lässt sich sogar in historischen Adressbüchern nachverfolgen, wie die Bayreuther Historikerin Alexandra Siemen-Butz erklärt: von „Fleischhacker“ über „Gastwirt“ bis hin zum „Hotelier“ – ein Aufstieg, der sich Begriff für Begriff nachlesen lässt.
„Was den Goldenen Anker in der Geschichte stets von anderen unterschieden hat: Er hat sich immer als Herberge mit Herz verstanden. Der Dienst am Gast hat auch über schwere Zeiten hinweggetragen. Tradition und Werte, für die dieses Haus steht, wurden immer von einer Generation auf die nächste übertragen.“
— Alexandra Siemen-Butz, Historikerin
Wie Markgräfin Wilhelmine die Opernstraße prägte
Mitte des 18. Jahrhunderts verändert sich das Bild der Straße grundlegend. Markgräfin Wilhelmine lässt in direkter Nachbarschaft das Markgräfliche Opernhaus errichten. Daran schließt sich, wie Siemen-Butz einordnet, ein typisch barockes Kalkül der Fürsten an:
„Die Sandsteinfront am Goldenen Anker und auch an anderen Gebäuden ist im Rahmen des Baus des Markgräflichen Opernhauses entstanden. Typisch Barock war das Ansinnen der Fürsten, die eigene Macht besonders darzustellen. Das Opernhaus sollte nicht allein stehen, sondern der ganze Straßenzug sollte gut und prunkvoll aussehen, bis in die Friedrichstraße hinein. Die Prachtstraßen und ihre Gebäude dienten als repräsentative Bühne der höfischen Gesellschaft.“
— Alexandra Siemen-Butz, Historikerin
Die Markgrafen unterstützten diesen Wunsch nach einem einheitlichen Bild ganz praktisch – mit gestiftetem Sandstein, Steuerbefreiungen oder bereitgestelltem Holz, individuell je nach Haus. Auch Familie Köhler passte ihre Fassade entsprechend an; sie trägt seither denselben Sandstein wie die umliegenden Prachtbauten.
Woher der Name „Goldener Anker“ stammt
Erst 1839 erwirbt Georg Wilhelm Köhler die „Gast- und Schildgerechtigkeit“ des vorher im heutigen Rennweg ansässigen Gasthofs „L’Ancre d’Or“ – zu Deutsch: der Goldene Anker. Mit dem Namen übernimmt die Familie auch das Recht, mit einem Schild auf die Gastwirtschaft hinzuweisen.
Art déco, Telefon Nummer 2 und ein Haus voller Spuren
Mit dem Bahnanschluss Bayreuths 1853 beginnt die Hoch-Industrialisierung der Stadt, Bayreuth wandelt sich von der Handwerker- und Residenzstadt zur Industriemetropole. Der Goldene Anker geht diesen Wandel technisch mit: 1895 lässt sich die Familie einen der ersten Telefonanschlüsse Bayreuths legen, mit der schlichten Nummer 2.
1927 folgt der wohl prägendste Umbau der Hausgeschichte: Die Innenräume im Erdgeschoss werden im Stil des Art déco neu gestaltet, nach den Plänen von Architekt Adolf Schmoll. Der Stil kam vor allem beim intellektuellen Publikum der Zeit gut an, wie Siemen-Butz betont – und ist bis heute im Original erhalten.
Wer genau hinsieht, findet im ganzen Haus bauliche Spuren aus allen Epochen: Aus der Durchfahrt für Kutschen wurde der heutige Hoteleingang, aus den einstigen Kutschenstellplätzen wurden Garagen. Im Keller finden sich noch die Kuhlen, in denen einst die Fässer der Familie Köhler lagerten – ein direkter Rest aus den Anfängen als Metzgerei und Garküche.
Illustre Gäste und eine Familie, die sich treu bleibt
Der Ruf des Hauses lockt im 19. und 20. Jahrhundert prominente Besucher an, historischen Aufnahmen zufolge etwa den Großherzog von Hessen. Auch zur Festspielzeit gehört der Anker seit jeher zu den gefragten Adressen der Stadt, was ein Foto der stolz posierenden Hotelbelegschaft aus dem Jahr 1924 zur Erinnerung an die damalige Festspielzeit belegt.
Die Kontinuität der Familie zeigt sich bis zur heutigen Besitzerin: Eva Grafs Großmutter hieß Madlon Köhler und trug damit noch den Gründernamen. Erst durch Heirat wurde daraus der Name Graf – unter dem das Haus bis heute geführt wird.
„Ein Grandhotel war er nie und wird er auch nicht sein. Er ist ein Gasthof – und das schon seit Jahrhunderten.“
— Eva Graf, Eigentümerin des Goldenen Ankers
Genau darin liegt für Eva Graf der eigentliche Charakter des Hauses: nicht der austauschbare Luxus eines Grandhotels, sondern die Freiheit und Ruhe eines traditionsreichen Gasthofs, in dem seit Jahrhunderten Gäste ein- und ausgehen. Lust auf einen virtuellen Rundgang durchs Haus?
Angeberwissen: Der Goldene Anker in Zahlen und Fakten
- Über 350 Jahre Familiengeschichte: Seit 1676 ist derselbe Familienstamm ununterbrochen in der Opernstraße ansässig – vom Fleischhacker bis zum Hotelier.
- Älter als das Opernhaus: Die Köhlers verkaufen hier schon Garküchenessen, bevor Markgräfin Wilhelmine überhaupt an den Bau des benachbarten Opernhauses denkt.
- Namensgeber aus dem Rennweg: Der Name „Goldener Anker“ stammt eigentlich von einem anderen Gasthof – „L’Ancre d’Or“ im heutigen Rennweg –, dessen Namensrecht 1839 gekauft wurde.
- Telefon-Pionier: um 1895 bekommt das Haus als eine der ersten Adressen Bayreuths einen Telefonanschluss – mit der schlichten Nummer 2.
- Art déco von 1927 im Original: Die Innenräume aus dem großen Umbau von Architekt Adolf Schmoll sind bis heute erhalten – unverändert seit fast 100 Jahren.
- Kutschenstellplätze wurden Garagen: Wo früher Pferdekutschen standen, parken heute Autos – dieselben Flächen, anderes Fortbewegungsmittel.
- Fässer im Keller: Noch heute sind im Keller die Kuhlen zu sehen, in denen einst die Bierfässer der Metzgerei und Garküche lagerten.
- Zwei Namen, eine Familie: Eva Grafs Großmutter Madlon trug den Gründernamen Köhler – erst durch Heirat wurde daraus „Graf“.
Häufige Fragen
Seit wann gibt es den Goldenen Anker in Bayreuth?
Die Wurzeln reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, als die Familie Köhler eine Fleischhauerei betrieb. Seit 1676 ist die Familie durchgehend in der heutigen Opernstraße ansässig, seit 1839 trägt der Betrieb den Namen Goldener Anker.
Warum heißt das Hotel Goldener Anker?
Der Name geht auf den 1839 erworbenen Gasthof „L’Ancre d’Or“ (Goldener Anker) im heutigen Rennweg zurück, dessen Gastwirtschaftsrecht Georg Wilhelm Köhler übernahm.
Ist der Goldene Anker noch in Familienbesitz?
Ja, das Hotel gilt als ältestes noch durchgehend in Familienhand geführtes Hotel Bayreuths und wird aktuell von Eigentümerin Eva Graf geleitet, deren Großmutter Madlon Köhler noch den ursprünglichen Familiennamen trug.
Woher stammt das Art-déco-Interieur des Hotels?
Die Innenräume im Erdgeschoss wurden 1927 nach Plänen von Architekt Adolf Schmoll im Stil des Art déco umgestaltet und sind bis heute im Original erhalten.
Welche Verbindung besteht zum Markgräflichen Opernhaus?
Der Goldene Anker liegt direkt neben dem Opernhaus. Mit dessen Bau durch Markgräfin Wilhelmine im 18. Jahrhundert mussten auch die Fassaden der umliegenden Häuser, darunter das der Köhlers, im einheitlichen Sandstein-Stil angepasst werden.












Blick in die Mannschaftskabine des Eisstadions, deren Einrichtung nun die Stadt Bayreuth erwirbt. | Foto: Stadt Bayreuth
In dem Transporter waren 160 Schweine. Symbolbild: Canva