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Verstummte Stimmen: Bayreuth macht 300 Schicksale von NS-Opfern digital sichtbar
Zwanzig Jahre Recherche, fast 300 Biografien, fünf Opernhäuser: Bayreuth hat ein einzigartiges Erinnerungsprojekt online gebracht – pünktlich zum Festspieljubiläum.
Seit heute ist die digitale Plattform verstummte-stimmen.de online. Sie dokumentiert die Lebenswege jüdischer und politisch verfolgter Künstlerinnen, Künstler und Bühnenmitarbeitenden, die zwischen 1933 und 1945 von deutschen Opernhäusern vertrieben, verfolgt oder ermordet wurden.
Für Bayreuth ist das mehr als ein weiteres Kulturprojekt. Der Grüne Hügel ist einer der Orte, an denen die „Verstummten Stimmen“ seit 2015 dauerhaft sichtbar sind – als Stelen-Installation im Festspielpark.
Zwischen 2006 und 2012 war die Ausstellung „Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der Juden aus der Oper 1933 – 1945“ in sechs deutschen Städten zu sehen. 20 Jahre nach dem Auftakt des Projekts an der Hamburgischen Staatsoper werden ab dem 20. Juli 2026 alle Ergebnisse der Recherchen seit 2006 auf einer zentralen Plattform erstmals dauerhaft zugänglich gemacht.
Was die Plattform verstummte-stimmen.de leistet
Die Website versammelt fast 300 Biografien von Künstlerinnen, Künstlern und Bühnenangehörigen aus deutschen Opernhäusern, kartiert ihre Lebenswege auf einer europäischen Karte und macht sie über eine Zeitleiste durchsuchbar. Kuratiert wurde das Projekt von Sven Fritz und Jens Geiger-Kiran, gestaltet vom Hamburger Designstudio Hansen/2.
Oberbürgermeister Andreas Zippel nannte bei der Vorstellung drei Funktionen, die das Portal erfüllen soll:
- ein dauerhaft geschützter digitaler Erinnerungsort zu sein,
- ein niedrigschwelliger Bildungsort
- und ein offener Forschungs-Hub, in den auch künftig neue Erkenntnisse von Historikerinnen und Historikern weltweit einfließen können.
Die Stadt Bayreuth trägt das Projekt nach eigenen Angaben für mindestens zehn Jahre.
Von Hamburg an den Grünen Hügel: 20 Jahre Recherche
Angefangen hat alles 2006 mit einer Wanderausstellung an der Hamburgischen Staatsoper, initiiert vom Historiker Hannes Heer, dem Bayreuther Designer Peter Schmidt und dem Musikkritiker Jürgen Kesting. Bis 2012 zog die Schau durch sechs deutsche Städte, ehe sie 2012 auch im Bayreuther Festspielpark und im Neuen Rathaus zu sehen war. Die Stadt Bayreuth entschied damals als erste, die Ausstellung dauerhaft stehen zu lassen – seit 2015 sind die Stelen fester Bestandteil des Festspielparks.
Sven Fritz und Kurator Jens Geiger-Kiran stiegen 2007 beziehungsweise 2008 in das Projekt ein und übernahmen 2020 nach dem Rückzug Hannes Heers die Leitung. Seit sechs Jahren arbeitete das Team an der Digitalisierung, weil klar war, dass sich der gewachsene Wissensbestand nur online sinnvoll bündeln lässt. Recherchiert wurde an sechs von damals rund 50 deutschen Opernhäusern – an allen wurden jüdische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfolgt und vertrieben, wie Geiger-Kiran bei der Präsentation betonte. Ein Großteil der Fälle an anderen Häusern ist demnach bis heute nicht erforscht.
Fünf Opernhäuser stehen gemeinsam hinter dem Projekt
Getragen wird „Verstummte Stimmen“ von der Stadt Bayreuth in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper, der Staatsoper Unter den Linden Berlin, dem Staatstheater Stuttgart, der Semperoper Dresden und dem Staatsschauspiel Dresden. Gegenwärtige Ensemblemitglieder der Häuser sprechen die Biografien der Vertriebenen ein, darunter auch die Intendantin der Semperoper, Nora Schmid, und der Intendant der Hamburgischen Staatsoper, Tobias Kratzer, sowie Generalmusikdirektor Christian Thielemann von der Staatsoper Unter den Linden.
Die Intendantinnen und Intendanten der beteiligten Häuser erklärten dazu gemeinsam, die 2006 konzipierte Wanderausstellung habe deutlich gemacht, dass die deutschen Bühnen vor und nach 1933 keine unpolitischen Räume gewesen seien. Man bekenne sich als Nachfolgegeneration dazu, die Erinnerung an das damalige Unrecht wachzuhalten, und sei froh, dass sich Mitarbeitende aller Sparten und Gewerke mit ihrer Mitwirkung am Projekt zu diesem Ziel bekennen.
Die Bayreuther Festspiele gehören übrigens nicht zu den Kooperationspartnern. Warum sie sowohl beim Stelen-Projekt 2012 als auch beim neuen Online-Auftritt nicht dabei sind, können die Macher des Projektes nicht begründen.
Warum ausgerechnet Bayreuth
Dass die Aufarbeitung an den deutschen Opernhäusern ausgerechnet in Bayreuth ihren dauerhaften Ort findet, hat historisches Gewicht. Die antijüdische Vergangenheit der Familie Wagner schon vor dem zweiten Weltkrieg, aber auch währenddessen und Cosima Wagners Nähe zu Adolf Hitler gilt es aufzuarbeiten.
Die aktuelle Präsentation fällt mitten in eine angespannte Debatte um die Erinnerungskultur der Bayreuther Festspiele im Jubiläumsjahr: Erst vor wenigen Wochen hatten die Festspiele ein geplantes Gedenkkonzert mit Michel Friedman kurzfristig abgesagt und damit bundesweite Kritik ausgelöst, ehe sich Katharina Wagner entschuldigte und die Veranstaltung doch wie geplant stattfinden wird. Auch die Stelen der Dauerausstellung im Festspielpark waren zuletzt wegen Witterungsschäden in die Kritik geraten und wurden auf Antrag des Stadtrats erneuert, rechtzeitig zum Festspieljubiläum.
Gedenkakt und Gedenkkonzert am 26. Juli
Am Tag der Eröffnung der 150. Bayreuther Festspiele, dem 26. Juli, findet um 9.30 Uhr in der Dauerinstallation im Festspielpark ein öffentlicher Gedenkakt statt, organisiert in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth. Michel Friedman nimmt an einem Totengedenken mit Rezitation des Gebets „El male rachamim“ teil.
Wer die Biografien direkt vor Ort erleben will, kann künftig auch die Stelen im Festspielpark per QR-Code mit der Plattform verknüpfen. Im Lauf des kommenden Jahres sollen zudem in den Foyers aller beteiligten Opernhäuser QR-Codes angebracht werden, sobald denkmalschutzrechtliche Fragen geklärt sind.
Häufige Fragen
Was ist die Plattform „Verstummte Stimmen“?
Eine seit dem 20. Juli 2026 öffentlich zugängliche digitale Forschungs- und Gedenkplattform unter verstummte-stimmen.de. Sie dokumentiert fast 300 Biografien von Künstlerinnen, Künstlern und Bühnenangehörigen, die zwischen 1933 und 1945 aus deutschen Opernhäusern vertrieben, verfolgt oder ermordet wurden.
Welche Opernhäuser sind an dem Projekt beteiligt?
Träger ist die Stadt Bayreuth, in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper, der Staatsoper Unter den Linden Berlin, dem Staatstheater Stuttgart, der Semperoper Dresden und dem Staatsschauspiel Dresden.
Wann findet der Gedenkakt in Bayreuth statt?
Am 26. Juli 2026 um 9.30 Uhr in der Dauerinstallation im Festspielpark Bayreuth, mit anschließendem Gedenkkonzert im Festspielhaus, zu dem Michel Friedman eine Gedenkrede hält.
Seit wann gibt es die Ausstellung „Verstummte Stimmen“ in Bayreuth?
Die ursprüngliche Wanderausstellung entstand 2006 in Hamburg. 2012 kam sie erstmals nach Bayreuth, seit 2015 ist sie als Dauerinstallation mit Stelen im Festspielpark zu sehen.
Wie lange trägt die Stadt Bayreuth das Projekt?
Nach eigenen Angaben hat sich die Stadt verpflichtet, die digitale Plattform mindestens zehn Jahre lang zu tragen und inhaltlich sowie technisch zu aktualisieren.












Unbekannte Täter sprühten am Freitag, 17. Juli, zwei umgedrehte Kreuze auf die Säulen am Eingang der Schlosskirche. Die Polizei bittet um Hinweise aus der Bevölkerung. © bt-Redaktion
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