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Schaufenster-Galerie in Bayreuth
In der Bayreuther Innenstadt wird Schaufensterdekoration zur Kunstgalerie. Statt der üblichen Richard-Wagner-Büsten zeigen zwei Apotheken großformatige, auf Klebebandleinwänden entstandene Werke des Berliner Künstlers Claus Deuerling. Sie sind nicht nur zum Anschauen da.
Die Mohren-Apotheke und die Rathaus-Apotheke gehören beide der Familie Landwehr. Während der Festspielzeit bis Mitte September werden ihre Schaufenster erstmals zu einer kleinen Galerie mitten in der Innenstadt. Insgesamt sechs Fenster zeigen dann farbenfrohe, urban wirkende Werke von Claus Deuerling. Wer eines der Unikate erwerben möchte, kann sich über die Apotheke oder den QR-Code im Schaufenster an die richtigen Ansprechpartner wenden.
Im Jubiläumsjahr der Bayreuther Festspiele wollte Simone Landwehr etwas Neues wagen. Die Kunst selbst hat zwar keinen Bezug zu Richard Wagner. Eine dezente Verbindung zu den Festspielen bleibt dennoch bestehen: Notenmotive in der Schaufensterdekoration sollen die Werke in Szene setzen.
Große Leinwände, große Wirkung
Große, aus Klebeband gewebte Leinwände, kräftige Pinselstriche in Schwarz, Rot, Blau und Neonfarben, gesichtslose Figuren, durchscheinende Klebebandflächen sowie überdimensionale Köpfe mit den unterschiedlichsten Kopfbedeckungen verleihen den Werken ihre unverwechselbare Form. Am besten lässt sich die Ausstellung vor Ort erleben und auf sich wirken lassen: urban, modern und originell.
Statt auf klassischer Leinwand malt Deuerling auf transparentem Klebeband – und zwar von der Rückseite aus. „Der erste Strich, den ich mache, ist eigentlich der, den man später auf der Oberfläche sieht“, erklärt er dieses sogenannte Reverse Painting, das an die Hinterglasmalerei erinnert.
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Vom Berliner Flohmarkt in die Bayreuther Innenstadt
Simone Landwehr lernte den Künstler eher zufällig kennen: Eine Freundin hatte Deuerlings auffällige Kunst auf einem Flohmarkt in Berlin entdeckt und wollte unbedingt ein Werk besitzen. Der Künstler lud die beiden Frauen kurzerhand zu sich nach Hause ein – dort lagere noch mehr Material.
Zunächst kaufte Landwehr kleinere Skizzen von Deuerling. Nachdem die Werke auch ihrem Mann Jens Landwehr auch gefallen hatten, entschied sie sich für eine größere Leinwand. Diese erwies sich schließlich als zu wertvoll für den Seminarraum der Apotheke und wurde stattdessen zu Hause aufgehängt. Es folgte der Kauf einer zweiten, „ganz großen“ Leinwand.
Aus einem Scherz während eines Berlin-Besuchs, bei dem das Ehepaar eine Leinwand abholte, entstand schließlich eine konkrete Idee: Man könne doch „mal eine Ausstellung für ihn machen“. Daraus wurde die Idee, dem Künstler in Bayreuth eine eigene Ausstellung zu widmen.
Gesichtslose Figuren, große Köpfe, Sonnenbrillen
Ein wiederkehrendes Motiv in Deuerlings großformatigen Werken sind gesichtslose, weiblich anmutende Figuren mit auffälliger Kopfbedeckung und überproportional großem Kopf. Nach der Bedeutung gefragt, bleibt er vage: „Ich kann keine Antwort darauf geben. Ich kann auch gar nicht sagen, warum der Kopf immer so groß wird.“
Eine mögliche Erklärung liefert er dennoch – eher pragmatisch als symbolisch: Er selbst trägt viele Hüte, und kleine Details wie Hüte, Ketten, Ohrringe oder Brillen dienen in seiner Kunst als Blickfang. „Wenn etwas Kleines extra dabei ist, kannst du es gut hervorheben.“ Seine erste, besonders gut angenommene Serie zeigte Gesichter mit Sonnenbrillen, gemalt mit Tusche auf schwarzem Grund – ein Motiv, das bis heute nachwirkt.
Die Geschichte hinter dem Klebeband
Woher kommt die charakteristische Tape-Art-Technik? Klebeband mochte Deuerling schon immer, auch akustisch: „Ich mag das Geräusch des Abziehens.“ Als er einmal einen leeren, großen Bilderrahmen besaß, entstand die Idee fast beiläufig: „Dann habe ich irgendwie in einem Nachtzustand gedacht: Ja gut, dann klebe ich da jetzt einfach mal.“
Aus dem meditativen Beklebeprozess – bei einem Format von 1,80 mal 1,80 Metern – entwickelte sich zunächst eine durchsichtige, fensterartige Fläche, die er anfangs mit Objekten dahinter inszenierte, bevor er begann, direkt darauf zu malen. Entscheidend dabei: Er malt von hinten, wodurch die Oberfläche einen eigentümlichen Glanz erhält. Und weil das Klebeband nie ganz gerade verläuft, entsteht mehr als ein klassisches Bild. „Du gehst weg von einem normalen Bild als Leinwand, du hast quasi eine Skulptur“, erklärt Deuerling. Die charakteristischen Unregelmäßigkeiten seien dabei ausdrücklich gewollt: „Das soll auch sein.“
Zur Haltbarkeit der ungewöhnlichen Technik kann er inzwischen aus Erfahrung sprechen: Trotz zweier Wohnungsbrände, die seine Wohnungen komplett verrauchten, haben mehrere seiner Leinwände überlebt – ebenso etliche Umzüge. „Also, die sind stabil. Das hat mich dann beruhigt.“
Vom Dunkel ins Neonlicht
Auch farblich hat sich Deuerlings Werk stark gewandelt. Früher arbeitete er fast ausschließlich in Schwarz und dunklen Tönen, bis seine Frau ihn zum Umdenken bewegte: „Mach mal was mit Farbe – das kauft keiner, diese dunklen Dinger.“ Aus vorsichtigen ersten Versuchen wurde eine ausgeprägte Vorliebe für Neonfarben. Wer seinen Instagram-Kanal chronologisch durchblättert, kann diese farbliche Entwicklung – seine „Malschwingungen“, wie er es nennt – regelrecht nachvollziehen. Aktuell befindet er sich in einer neuen Phase mit viel Wasserfarbe auf Papier, wobei eine Farbe fast immer wiederkehrt: „Ich habe einen ziemlichen Rot-Tick. Ich male gerne mit Rot.“
Fünftausend Zeichnungen aus der Nacht
Deuerlings Produktivität ist beeindruckend und, wie er selbst zugibt, kaum zu bändigen. „Ich male alle zwei Nächte, und ich male sehr viel auf Papier“, erzählt er. „Ich habe letztens gezählt, ich glaube, ich habe 5000 Papierzeichnungen zu Hause. Die müssen ja irgendwie weg.“ Weil er sich bewusst außerhalb des klassischen Galeriebetriebs bewegt, verkauft er seine Werke auf Kunst- und Handwerksmärkten – „zwischen Tontassen und Vogelhäuschen“.
„Es muss nur eine Person kommen, die irgendwas kauft, die dann irgendjemandem etwas erzählt, und der dann am Ende eine Leinwand will. Und so geht es dann weiter.“
Mit dem Loslassen der eigenen Bilder hat er inzwischen Frieden geschlossen. Früher selektierte er noch, welche Werke er verkaufen wollte und welche nicht. Heute nicht mehr: „Ich mache keine Vorschläge mehr, weil am Ende jeder die Bilder anders sieht – jeder Kopf, jedes Bild wirkt auf jeden anders, und jeder hat einfach einen anderen Geschmack.“
Malen als Ventil, nicht als Beruf
Dass Deuerling seine Kunst ausschließlich abends produziert, hat einen tieferen Grund als reine Zeitnot durch Job und Familie. „Wenn ich nur malen würde, das wäre nicht gut für mich. Da würde ich mich drin verlieren“, sagt er offen. „Ich bin sehr anfällig für Abhängigkeit.“
Diese Selbsteinschätzung stützt er mit einer Erinnerung aus seinen Zwanzigern, kurz nachdem er nach Berlin gezogen war: eine Performance, bei der er sich einen ganzen Abend lang komplett in durchsichtiges Klebeband einwickeln ließ, mit nur einem kleinen Loch zum Atmen, und fünf Stunden lang bewegungslos in einer Ausstellung stand.
Um nicht wieder in solche Extreme abzudriften, hat er sich eine feste Struktur geschaffen: tagsüber Job, abends Kunst. Hauptberuflich arbeitet er in der Geschäftsentwicklung eines Berliner Animationsstudios. Wenn die Kinder schlafen, beginnt sein eigentliches kreatives Leben: „Abends, wenn die Kinder dann im Bett sind, Tür zu und Kopfhörer auf – und dann bin ich in meiner Welt.“ Musik läuft dabei zu neunzig Prozent Elektro.
Eine Galerie für die Innenstadt
Für Landwehr geht das experimentelle Galiere dabei um mehr als reine Dekoration. „Alles wird immer gleicher“, sagt sie mit Blick auf Ketten und Innenstädte voller austauschbarer Geschäfte, „und Kunst ist etwas so Individuelles.“ Genau diese Individualität will sie mit der Street-Schaufenster-Galerie zurück ins Stadtbild bringen. Wer sich für die Kunst interessiert oder Skizzen sehen möchte, kann sich dazu direkt in den Apotheken informieren.
Ob aus der diesjährigen Schaufensteraktion eine feste Institution wird, bleibt offen. Die Beteiligten lassen die Frage unbeantwortet und wollen zunächst die Resonanz der Bayreuther Bevölkerung und der Festspielgäste abwarten.











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