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Zuletzt aktualisiert am 21. März 2025 | 11:33

„wenn ich dich nicht krieg, kriegt dich keiner“

Femizid – Mord aus Besitzanspruch

von Stefanie Schweinstetter

Im Herbst verhandelte das Landgericht Bayreuth den Mord an einer 18-Jährigen – auf der Anklagebank saß ihr Exfreund. Schnell fiel der Begriff „Femizid“. Was bedeutet das eigentlich genau? Soziologin Monika Schröttle, Expertin für geschlechtsspezifische Gewalt, ordnet den Fall ein.

Rote Schuhe werden häufig als Symbol für Femizide verwendet. Symbolbild: Pixabay
Rote Schuhe werden häufig als Symbol für Femizide verwendet. Symbolbild: Pixabay

Mann oder Bär? lautete die Frage, die letztes Jahr einen TikTok-Trend bestimmte, oder genauer: Wärst du lieber mit einem Bären oder mit einem Mann allein im Wald? Viele Frauen haben sich zugunsten des Bären entschieden. Das Szenario ist natürlich theoretisch, verdeutlicht aber, wie groß die Angst vor Übergriffen von Männern ist. Und diese Angst ist berechtigt: Jeden zweiten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. 80,6 Prozent der in Partnerschaften getöteten Personen sind Frauen. Die Täter sind fast immer Männer.

In Anbetracht solch drastischer Zahlen könnte man vielleicht erwarten, dass Femizide die breite Öffentlichkeit mehr beschäftigen. Das Tätermerkmal „Mann“ spielt in der öffentlichen Diskussion nach Straftaten aber keine große Rolle.

Sehr konkret wurde der Begriff „Femizid“ im Herbst letzten Jahres am Landgericht Bayreuth, obwohl er im Gerichtssaal nicht fiel. Der damals 19-jährige Leon D. saß auf der Anklagebank, nachdem er seine 18-jährige Ex-Freundin Rebecca S. im Mai 2024 getötet hatte. Das Landgericht verurteilte Leon D. wegen Mordes zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft, die Verteidigung hat Revision eingelegt.

„Frauen töten ihre Männer um sie loszuwerden, Männer töten ihre Frauen um sie zu behalten.“

„Es gibt ein klares Schema bei Femiziden“, sagt Monika Schröttle. Sie ist Professorin an der Hochschule Ravensburg-Weingarten und forscht zu geschlechtsspezifischer Gewalt.

Der Begriff Femizid geht auf die Soziologin Diana Russell zurück. Schröttle erklärt:

„Femizide sind Tötungsdelikte an Frauen, die aus der Vorstellung heraus begangen werden, dass Frauen weniger wert sind.“

In der Mehrheit der Fälle werden Frauen durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet. Jane Monckton-Smith hat anhand von Gerichtsakten ein Modell mit acht Stufen entwickelt, wie es zu einem Femizid kommt. Dabei hat sie ein wiederkehrendes Motiv festgestellt: “Die Frau will sich von einem kontrollierenden Partner trennen, er will das nicht und tötet sie”, sagt Monika Schröttle.

Auslöser: Besitz- und Kontrollanspruch

„Es gibt da so einen Spruch: Frauen töten ihre Männer, um sie loszuwerden, Männer töten ihre Frauen, um sie zu behalten“, sagt Schröttle. Wenn Männer ihre Partnerinnen töten, steht dahinter der unbedingte Wille, sie zu kontrollieren. Das geht nicht mehr, wenn sich die Partnerin trennt und sich danach zunehmend der Kontrolle des Ex-Partners entzieht. Monika Schröttle erklärt: „So absurd das klingt, aber der Gedanke ist: Wenn ich dich nicht kriege, dann kriegt dich keiner.”

Ob Leon D. auch so gedacht hat, sagt er im Gerichtssaal nicht. Er formuliert es vor Gericht lediglich so: “Ich sehe es nicht gerne, wenn meine Ex-Freundin rumknutscht.“ Dabei spricht er über einen Ausgeh-Abend, dem das Gericht in seinem Urteil besondere Wichtigkeit einräumt: Er hatte von seiner Ex-Freundin gefordert, sich an dem Abend von anderen Männern fernzuhalten. Zeugenaussagen zufolge tanzte sie beim Ausgehen mit einem anderen Mann, Leon D. beschimpfte sie daraufhin auf dem Heimweg lautstark und öffentlich. Für das Gericht ist das der Abend, an dem Leon D. erkennt, dass er seine Ex-Freundin nicht mehr kontrollieren kann und die Entscheidung trifft, sie zu töten.

Der Täter übt sich in ‚Victim-Blaming‘

„Viele dieser Männer haben das Gefühl: Meine Ex-Freundin hat mir etwas angetan, nicht ich ihr“, sagt Monika Schröttle. Der Täter hat den Eindruck, dass die Trennung sein Leben zerstört hat. Nach der Tat führt diese Haltung zu einer Täter-Opfer-Umkehr. „Der Täter übt sich in Victim-Blaming – er versucht, sich als Opfer darzustellen, behauptet, in Notwehr gehandelt zu haben“, heißt es in Monckton-Smiths Modell. Leon D. spricht im Gerichtssaal von einem ausgeglichenen Kampf mit zwei Messern und behauptet, Rebecca S. sei schon während der Beziehung gewalttätig gewesen. Belege für diese Aussage findet das Gericht keine, ein ausgeglichener Kampf ist für den Gerichtsmediziner, der Verletzungsbild und Tatort untersucht hat, in keinster Weise nachvollziehbar.

In der Vergangenheit gab es oft viel Verständnis für die “Ausnahmesituation”, in der Männer ihre Partnerinnen töten und so einen Femizid begehen: „Früher hat man das noch öfter gehört: Der war eben so außer sich vor Schmerz über die Trennung, dass er sie im Affekt getötet hat“, sagt Monika Schröttle. Die Forschung zeigt aber: Femizide geschehen nicht im Affekt, sondern sind geplant. Auch dass er seine Tat geplant hat, räumt Leon D. vor Gericht nicht ein, obwohl sein Plan dem Gericht schriftlich und im Detail in Form einer Handynotiz vorliegt. Aber auch ohne klares Geständnis entscheidet das Gericht im Urteil: Ja, die Tat war geplant.

Femizide zeigen, wie patriarchalisch unsere Gesellschaft ist

Ein Femizid ist die Spitze des Frauenhasses. „So gut wie kein Mann wird umgebracht, weil er sich trennen will“, sagt Schröttle. „Dass jeden zweiten Tag eine Frau umgebracht wird, zeigt, wie patriarchalisch unsere Gesellschaft ist.“ Die Täter glauben, sie haben ein Recht darauf, über ihre Partnerinnen zu entscheiden. Das reicht bis zur Entscheidung darüber, ob sie weiterleben darf oder nicht. Weil die Behauptung immer wieder auftaucht, sagt Monika Schröttle ganz ausdrücklich: „Es sind nicht überwiegend Migranten, die Femizide begehen. Diese Taten finden sich in allen Bildungsschichten, in allen sozialen Schichten.“ Wenn Frauen umgebracht werden, ist eine Tätereigenschaft entscheidend: in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist der Täter ein Mann.

Patriarchalische Strukturen wirken aber nicht nur in den Tätern. Polizisten nehmen Warnsignale nicht ernst genug, Richter entscheiden, die Eifersucht war kein niedriger Beweggrund, Journalisten schreiben hinterher: Beziehungsdrama, Mord aus Leidenschaft. Wir sind alle Teil dieser patriarchalisch geprägten Gesellschaft. „Wir beobachten aber, dass das Bewusstsein für Femizide bei der Polizei und auch bei Juristinnen und Juristen wächst“, so Schröttle. „Dennoch zeigt eine Dissertation, dass Tötungen an Frauen im Kontext von Partnerschaften häufiger milder bewertet werden als andere Morde.“

Urteil gegen Leon. D.: „Femizid-Urteil“

Einen eigenen Straftatbestand für Femizide braucht es aus Monika Schröttles Perspektive nicht. „Wichtig wäre aber, dass das Töten von Frauen als spezifische Gewaltform anerkannt wird, wie es beispielsweise in Spanien der Fall ist.“ Dort wird ein Femizid als erschwerender Umstand in die Strafzumessung einbezogen. „So wird deutlich: der Staat duldet diese Art von Gewalt nicht“, sagt Schröttle.

Andrea Deyerling, Richterin im Prozess gegen Leon D., hat in der Urteilsbegründung den Besitz- und Kontrollanspruch des Täters über seine Ex-Freundin explizit als alleiniges Tatmotiv genannt und seine Wut über ihre Unabhängigkeit ausdrücklich als nicht nachvollziehbar benannt. (Anmerkung: Im deutschen Recht gelten Gefühlsregungen, die nachvollziehbar sind, nicht als Mordmerkmal niedrige Beweggründe. Oft werden Wut oder Enttäuschung über eine Trennung oder Eifersucht von Gerichten als nachvollziehbar eingeordnet und wirken daher einer Verurteilung wegen Mordes entgegen.)

Ist das Urteil gegen Leon D. also ein Femizid-Urteil? „Das kann man so sagen“, so die Einschätzung von Monika Schröttle. „Der Besitz- und Kontrollanspruch ist das, was einen Femizid ausmacht.“

Warnsignale erkennen

Femizide anzuerkennen bedeutet nicht, Männer unter Generalverdacht zu stellen. „Die Mehrheit der Männer tötet nicht“, sagt Monika Schröttle. „Aber Männer sind eben viel häufiger Täter als Frauen.“

Mehr Bewusstsein für Femizide sorgt dafür, dass wir gesellschaftlich und im Umfeld genauer hinhören und Warnsignale früher erkennen. Häufig deuten oder kündigen Täter ihre Tat an. So auch Leon D. in einem Telefonat mit einem Freund aus Nordrhein-Westfalen. Ihn fragte er zunächst, wie man vor Gericht eine Strafmilderung erwirken könne, dann deutete er an, sich und Rebecca etwas antun zu wollen.

„Wenn ein Kumpel eigentlich nur noch im Tunnelblick auf eine Trennung schaut, Dinge sagt wie ‚Die mach ich fertig‘, oder ‚Wenn ich gehe, nehme ich sie mit‘, sollte man sehr hellhörig werden, ihn beiseite nehmen, eine Beratungsstelle aufsuchen und die gefährdete Frau warnen”, so Monika Schröttles Ratschlag.

Der Begriff „Femizid“ trägt dazu bei, Tötungsdelikte an Frauen im Partnerschaftskontext als das einzuordnen, was sie sind: Keine Einzelfälle. Das bedeutet, dass es möglich ist, Gefährder frühzeitig zu erkennen und Taten zu verhindern. Jane Monckton-Smiths Stufenmodell kann dabei hilfreich sein.



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