Fasching in Bayreuth: Ein einziges Auf und Ab

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Rund 10.000 Menschen haben am Sonntag den Faschingsumzug durch Bayreuth bejubelt. Für Bayreuther Verhältnisse ist das nicht schlecht, wie ein Blick in eine alte Ausgabe des Heimatboten aus dem Jahr 1989 zeigt. Bayreuths verstorbener Stadtrat, Historiker und früherer Tagblatt-Redakteur Bernd Mayer schreibt darin, dass der Gaudiwurm in Bayreuth oft Jahre hintereinander mangels Interesse oder anderer Gründe ausfiel. Dass in einem Jahr aber auch rund 50.000 Menschen die Straßen säumten.

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Bayreuths früherer Oberbürgermeister Hans Walter Wild soll einmal gesagt haben:

„Die Bayreuther können nichts so gut wie schauen. Beim Schauen sind sie Weltmeister.“

Und auch Mayer vergleicht den Bayreuther Faschingszug eher mit einem Leichenzug als mit den rheinländischen Vorbildern und spricht vom Bayreuther als dem „Homo Daabiens“, dem daaben Menschen also. Kurzum: So richtig Stimmung wollte bei den Bayreuther Faschingsumzügen eigentlich nie aufkommen. Dabei hat die Narrethei In Bayreuth durchaus Tradition. Sogenannte Kappenfahrten gibt es in der Stadt seit 1839. Sieben Jahre später war allerdings zum ersten Mal die Luft raus. Fast 20 Jahre lang wurde pausiert. Das Bayreuther Tagblatt schrieb darüber, es „schlummerte die Narrethei, wie Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser“.

Eines der ersten Fotos, das den Bayreuther Faschingsumzug zeigt. Aufgenommen in der Richard Wagner Straße. Foto: Archiv Bernd Mayer

Etwa zur gleichen Zeit schreibt ein Reiseschriftsteller Menk-Dittmarsch in seinem Reisebericht über den Main: „Dieses Volk der derben Gradheit verabscheut Windbeuteleien und Oberflächlichkeit und theilt sich nur schwer mit.“

Fasching 1912.  Wagen der Bayreuther Turner im Hof der Dammallee-Turnhalle. Foto: Archiv Bernd Mayer

Was auffällt: Die Berichterstattung über den Bayreuther Faschingsumzug schwankt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. 1865 muss einmal wieder der Bär gesteppt haben in der Bayreuther Innenstadt. Kurzerhand nutzten ein paar Narren den offensichtlichen Hype und gründeten den ersten Bayreuther Carnevalsverein. Am 11. Februar 1866 kam es schließlich zum bis dato größten Faschingsumzug in der Geschichte Bayreuths. In einem Stich wird der Umzug für die Nachwelt festgehalten.

Bayreuths erster großer Faschingsumzug von 1866, verewigt in einem Stich. Foto: Archiv Bernd Mayer

Auf einem Wagen, der eine Eisenbahn darstellte, soll schon damals der Schriftzug „Schnecke“ geprangt haben – manche Dinge, wie die Unzufriedenheit mit der Bahnanbindung, ändern sich scheinbar nie in Bayreuth.

Foto: Archiv Bernd Mayer

Auch politisch ging es damals zu. Statt Brigitte Merk-Erbe, bekam damals Fürst Bismarck sein fett weg. Später wurden die Oberbürgermeister Leopold Casselmann als Dr. Quasselmann verunglimpft und Hans Rollwagen kurzerhand in ein „Rollwagerl“ gesetzt. Aber zurück ins 19. Jahrhundert. Gerade als der Fasching in Bayreuth zum Höhenflug ansetzen sollte, war es auch schon wieder aus mit der Narrethei. Bei Seybothenreuth schlugen sich Preußen und Bayern im sogenannten Bruderkrieg auf blutigste Art und Weise die Köpfe ein und bis 1910 war den Bayreuthern so gar nicht mehr nach Fasching zumute. Zwar wurde in Gaststätten und Vereinsheimen die ein oder andere rote Nase übergestülpt, zum nächsten großen Umzug kam es aber erst 1910 wieder. Militärs, Schüler und Beamte hatten an diesem Tag extra frei bekommen. Weil sich der Halleysche Komet der Erde näherte, hatten der Fremdenverkehrsverein launig zum wahrscheinlich letzten Faschingsumzug vor dem Untergang der Welt eingeladen.

„Heil Hitler!“ Foto: Stephan Müller

Zwar blieben die Bayreuther und der Rest der Weltbevölkerung vor dem befürchteten Kometen-Einschlag verschont. Nich viel weniger schlimm, waren aber die Weltkriege Eins und Zwei, die die Erde in den folgenden Jahren heimsuchten. Lust auf den sogenannten Nasentag, hatten die Bayreuther erst 1952 wieder. Dann aber richtig. Säumten 1953 schon 10.000 Bayreuther die Straßen, waren es 1957 schon 50.000. Und das, obwohl es regnete.

Stadtrats-Akte aus dem Jahr 1934. Foto: Stephan Müller

Damals listete der Carnevalsverein fein säuberlich auf, was er für den Umzug ausgegeben hatte. Auf den Rechnungen, die er der Stadt präsentierte, waren etliche Prinzenorden für 6,50 Mark das Stück vermerkt. Dazu neue Röckchen für die Funkenmariechen zu je 22,70 Mark das Stück. Noch aber weigerte die Stadt, sich an den Kosten des Umzugs zu beteiligen. Erst ein Jahr später knickt die Verwaltung ein. Der damalige Kulturreferent begründete die Bezuschussung des Umzugs schließlich überschwänglich mit den Worten:

„Es kann nicht bestritten werden, dass die Bayreuther Bevölkerung im vorigen Jahr mit regster Beteiligung – wenn auch ohne den dazugehörigen Humor – den Faschingsumzug begleitet hat.“

1968: Bayreuther Tagblatt und Fränkische Presse verschmelzen zum Nordbayerischen Kurier. Die Bayreuther widmen dem neuen Zeitungsbaby einen Motivwagen. Das Foto ist am Geißmarkt entstanden. Foto: Archiv Bernd Mayer

In den Jahren 1962 und 1967 fiel der Gaudiwurm schließlich wieder aus. Allen Bemühungen zum Trotz, erinnerte sich ein Redakteur des Bayreuther Tagblatts damals zurück: „Das dünne Awaaf der Bayreuther gleicht freilich der unterbesetzten Statisterie eines Provinztheaters.“ Offenbar waren sich schon damals die Bayreuther Faschingsvereine eher feindlich als freundlich gegenüber gesinnt, wie der Historiker Bernd Mayer damals schreibt. Kein Wunder also, das Oberfrankens Karnevalspräsident im Jahr 1970 Stadtsteinach zur oberfränkischen Faschingshochburg ausrief.


Mit Material von Stephan Müller