Glosse: Das Missverständnis von Schauenstein

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Peter Krügel. Foto: Thorsten Gütling

Peter Krügel (44) ist Website-Manager beim Bayreuther Tagblatt. Der Helmbrechtser pendelt täglich rund 80 Kilometer auf der A9 zur Arbeit und zurück. Während dessen ist genug Zeit, sich über Gott und die Welt Gedanken zu machen. Diesmal bewegt Krügel die Frage, was den Mann, der in Schauenstein nun wegen mehrfacher Fäkal-Vergehen zur Fahndung ausgeschrieben ist, eigentlich so umtreibt.

 

Kürzlich rief die Polizei in Naila zu einer großen Fahndung auf. Gesucht wird seitdem ein Mann oder eine Frau, der oder die regelmäßig vor dem Feuerwehrhaus und an anderen Stellen in dem beschaulichen Örtchen Schauenstein seine oder ihre recht übel riechende Notdurft verrichtet. Wohl eher aus Protest gegen irgendwen oder irgendwas, als wegen der Beseitigung dieser Notdurft selbst. Was genau das Anliegen des Täters ist, darüber rätseln die Schauensteiner aber bislang genauso wie über den Täter selbst.

Was die Frage aufwirft, welche Regeln eigentlich so für den gelten, der seinem Unmut über etwas Ausdruck verleihen möchte. Kurzum: Welche Grundregeln der Kommunikation es einzuhalten gilt, damit die Nachricht beim Empfänger auch ankommt.

Kommunikation, so weiß Wikipedia zu berichten, kommt aus dem Lateinischen, heißt auf deutsch “Mitteilung” und man versteht darunter den Austausch von Information.

Wie die “Information” kann man natürlich auch die “Kommunikation” wissenschaftlich betrachten und wenn man etwas schon wissenschaftlich betrachtet, kommt man nicht um eine ordentliche Theorie herum.

Einer der großen Akteure, wenn es um eine solche wissenschaftliche Betachtung des Themas geht, war der Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe, Philosoph und Autor Paul Watzlawick, der einmal so schön sagte: “Wir sind wie eingesponnen in Kommunikation; selbst unser Ichbewusstsein hängt … von Kommunikation ab. … und [wir] sind doch – oder gerade deshalb – fast unfähig, über Kommunikation zu kommunizieren.”

Also eine ganz schön komplizierte Sache diese Kommunikation an der wir uns im Alltag so laienhaft versuchen und oft genug kläglich scheitern. Erstaunlich, dass wir uns da ohne Ausbildung überhaupt ran wagen, gerade wir in Deutschland verlangen doch bei allen Tätigkeiten einen Nachweis darüber, etwas gelernt zu haben und zu beherrschen.

Nur Kommunikation betreibt jeder, einfach so und ganz ohne abgeschlossenes Studium. Aber es kommt noch schlimmer. Man könnte ja auch einfach sagen: “Ich denk da jetzt einfach mal drüber nach und sag mal nichts dazu”. Aber so einfach kommen wir aus der Nummer nicht raus, denn Watzlawick sagt auch: Man kann nicht nicht kommunizieren.

Oh Elend, wir können einfach nicht aufhören zu plappern, selbst wenn wir uns still in eine Ecke verkriechen. Eine Art Logorrhö, eine krankhafte Geschwätzigkeit, die nicht mal drauf angewiesen ist, dass wir den Mund bewegen. Da könnte man doch glatt schlechte Laune bekommen. Zumindest wird nun klar weshalb wir eine Kommunikationsgesellschaft sind.

Wer sich nun in das Bällchenbad negativer Laune werfen möchte und denkt: Wenn es schon nicht möglich ist einfach nichts auszudrücken, dann möchte ich doch zumindest den Unmut über das Unvermögen zu schweigen aus mir heraus kommunizieren. Ja wer solches denkt, der sollte an dieser Stelle einen kurzen Moment innehalten.

Schlechte Laune ist kein guter Ratgeber und macht uns nicht zu Kommunikations-Experten wie das folgende Beispiel zeigt.

Es ist nun schon ein paar Jahre her, da gab es einen Herren, der hatte ein gerüttelt Maß an schlechter Laune und daher auch ein paar schlechte Ideen, wie er diese miese Laune in Form bringen und sodann der Welt mitteilen könnte. Ich weiß nun nicht wie lange man nachdenken und handeln muss, bis man den Plan gefasst und in die Tat umgesetzt hat, Stinkbomben im Bayreuther Rathaus zu hinterlegen, aber egal wie lange es gedauert hat, die Sache war nicht richtig zu Ende gedacht. Zumindest was den Aspekt der Anbringung seines Anliegens anging.

Wer  also, wie dieser Herr, Stinkbomben im Rathaus deponiert,  erregt dank der starken Wirkung auf den Geruchssinn zwar Aufmerksamkeit, zugleich geschieht durch das Ungestüm der Botschaft einem Riechorgan und somit den potentiellen Empfängern der Nachricht so viel Missvergnügen, dass sich – salopp gesagt – keine Sau mehr dafür interessiert warum und weshalb der Täter so tat.

Mit anderen Worten: Die Kommunikation hat stattgefunden und ist gescheitert.

Denial of Service, also das Verweigern des weiteren Dienstes wegen der schieren Überflutung mit sinnlosen Anfragen an den Server ist in der IT eigentlich nicht als praktikable Methode zur Geheimhaltung von Informationen bekannt. Hier jedoch funktioniert das ganz hervorragend.

Die eigentliche Botschaft ist durch die schiere Masse an Eindrücken, die den Empfänger zum Abschalten anregen, sozusagen verschlüsselt und bleibt dem gewöhnlichen Riecher der Nachricht ein Mysterium.

Die Frage ist nur, wozu so etwas eigentlich gut sein soll.

Vielleicht wäre hier einfach ein Brief besser gewesen, den hätte man mit Geheimtinte schreiben können oder man hätte einfach auf die Buchstaben verzichtet, dann wäre es ebenso beim Rätselraten über die Intention des Absenders geblieben, aber es wäre etwas günstiger gewesen. Immerhin sind Feuerwehr und Polizei nicht gerade billig.

Womit wir wieder am Anfang der Geschichte wären. Auch im Zuständigkeitsbereich der Polizei Naila kommuniziert jemand offenbar mit  ungewöhnlich starker Verschlüsselung und Vehemenz. In diesem Fall durch defäkieren. Das Feuerwehrhaus und andere Gebäude in Schauenstein sollen hier bereits mehrfach Leinwand für rätselhafte Botschaften geworden sein.

Wären wir Angehörige der Familie der Canidae, sprich Hunde, dann könnten wir mit dieser Art der Kommunikation wahrscheinlich mehr anfangen. Bei unseren vierbeinigen Freuden gilt das Beschnüffeln solcher Häufchen ja bekanntlich als eine Art Zeitung lesen.

Na vielleicht haben wenigstens die Schauensteiner Hunde ihren Spaß daran. Die menschlichen Bewohner finden das wohl nicht so witzig weshalb nun die Polizei nach dem Urheber fahndet.