Grimme-Preis für Tatort-Macher

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Sechzehn Preise vergibt das Grimme-Institut in diesem Jahr. Einer geht an die Macher des Bayreuth-Tatorts. Allerdings für einen anderen Film.

Einer Mitteilung des Instituts zufolge werden Drehbuchautor Erol Yesilkaya und Regisseur Sebastian Marka „für den spielerischen und selbstironischen Umgang mit dem Format Tatort und die Einbettung in einen cineastischen Kontext“ im Berlin-Tatort “Meta” ausgezeichnet. “Meta” lief im Februar vergangenen Jahres in der ARD. Die Jury schwärmt von großem Tatort-Kino.

Die Frau von Sebastian Marka ist eine gebürtige Bayreutherin. Zusammen mit Drehbuchautor Yesilkaja hat Marka bereits sechs Tatorte produziert.

Drehbuchautor Erol Yesilkaya. Foto: Katrin Schempp

Ebenso nominiert, aber leider leer ausgegangen, ist die deutsche Serie “Das Boot” (SKY) nach dem Drehbuch von Tony Saint und dem gebürtigen Bayreuther Johannes Betz.

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Die Verleihung des 55. Grimme-Preises findet am 5. April im Theater der Stadt Marl statt und wird von 3sat zeitversetzt ab 22.25 Uhr im Fernsehen ausgestrahlt.

Der Tatort “Meta” (Wiedemann & Berg Television / RBB)

Worum geht es?

“Kommissar Robert Karow ist schockiert. Ihm wird der abgetrennte Finger eines jungen Mädchens zugeschickt. Offenbar wurde die Tote jahrelang in einem Storage eingelagert. In einem solchen Lagerhaus entdecken Karow und Nina Rubin die Leiche, der dieser Finger fehlt. Die Tote war eine minderjährige Prostituierte. Auf der Suche nach dem Absender des Pakets stoßen die Ermittler auf eine Filmproduktionsfirma und den Regisseur Schwarz, die gerade mit ihrem ersten Kinofilm “Meta” auf der Berlinale Premiere feiern. Auf verstörende Art schildert der düstere Thriller den Mord an der jungen Prostituierten Svenja Martin. Rubin und Karow sind sprachlos, denn was die Polizisten Rolf Poller und Felix Blume im Film “Meta” ermitteln, passt auffällig zu ihrem aktuellen Fall.” (Quelle: www.daserste.de)

Die Begründung der Jury im Wortlaut:

„Der Film hat Recht!“ In einer Szene stehen Rubin und Karow vor einer Leinwand im Kino und werden Zeuge von Ereignissen, die frappierend denen in ihrem eigenen aktuellen Fall ähneln. Die Fernsehkommissare können den Filmkommissaren auf der Leinwand zuschauen, wie diese wiederum ebenfalls Kommissaren dabei zuschauen, wie diese dem abgetrennten Finger bis zu einem Komplott in höhere Etagen des Innenministeriums folgen. Eine aberwitzig anmutende Film-im-Film-im-Film-Konstruktion, die sofort in sich zusammenfallen würde, hätte sich auch nur der kleinste Fehler hineingeschlichen.

Doch hier stimmt einfach alles: Das perfide schlaue Drehbuch von Erol Yesilkaya und die virtuos verspielte Inszenierung von Sebastian Marka legen Kino-Fiktion und „Tatort“-Realität derart einfallsreich übereinander, dass der Zuschauer bald nicht mehr weiß, auf welcher Wirklichkeitsebene er sich eigentlich gerade befindet. Alles totaler Schmu oder höhere Wahrheit? Letzteres, definitiv. Dieser „Tatort“ ist nicht darum bemüht, die Wirklichkeit abzubilden, sondern eine eigene Form der Wirklichkeit aus dem Mythenschatz des Kinos zu schaffen. Hier sind zwei Kenner am Werk, die die Klassiker der Filmgeschichte genauso studiert haben wie B-Movie-Absonderlichkeiten.

Man stellt sich Yesilkaya und Marka, die beiden Genre-Akrobaten des deutschen Fernsehkrimis, die immer als Duo arbeiten, als Mega-Film-Nerds vor, die in ihrer Jugend viel zu viele einsame Nächte vor dem Video- und DVD-Player verbracht haben – und nun endlich Kapital aus diesen Nächten schlagen: Wie sie in „Meta“ mit Selbstironie und Stilwillen in Kommissar Karow den „Taxi Driver“ zum Leben erwecken, um ihn dann zum bedrohlich schwelenden Original-Soundtrack von Bernhard Herrmann durch suggestiv ausgeleuchtete Straßen rollen lassen, verleiht diesem „Tatort“ eine cineastische Pracht. Und Waschke muss sich keinen Irokesen-Haarschnitt rasieren, um seine Einsamkeit und Wut nachvollziehbar zu machen. Er legt einen wahren Höllenritt durch Berlin hin.

Ist das noch Fernsehunterhaltung oder schon Arthouse-Kino? Eben beides. „Meta“ spielt mit Formaten, wirbelt sie durcheinander, baut sie in neuer Ordnung wieder auf. Darin liegt der Zauber: dass hier liebevoll der „Tatort“ samt seiner Ermittler-Malocher zerlegt wird, um diese Ermittler-Malocher dann als fast schon mythische einsame Wölfe zu inszenieren. Und das gelingt nur, weil Yesilkaya und Marka bei allem cinephilen Checkertum das Genre TV-Krimi ernst nehmen – und die Ermittlerfiguren aus ihrer Berliner Erdung heraus zu Überlebensgröße auflaufen lassen. Großes „Tatort“-Kino.


Trailer “Das Boot”

Worum geht es?

“Frankreich, 1942: Im U-Boot-Hafen von La Rochelle bereitet sich die 40 Mann starke Besatzung der U-612 auf ihre Jungfernfahrt vor. Vor den jungen Männern liegt eine unbekannte Mission in der immer erbarmungsloser geführten Atlantikschacht des Zweiten Weltkriegs. Als neuer Kaleun hat der wenig erfahrene Klaus Hoffmann (Rick Okon) das Kommando – zum Ärger des älteren 1. Wachoffiziers Karl Tennstedt (August Wittgenstein). Im Laufe der Mission werden Können, Loyalität und Kameradschaft der gesamten Mannschaft auf eine harte Probe gestellt.” (Quelle: www.sky.de/serien)


Hintergrund zum Grimme-Preis

1973 entstand das Grimme-Institut, das seit 1978 hauptamtlich für die Organisation und Entwicklung des Grimme-Preises verantwortlich ist. Namensgeber ist Adolf Grimme, der u.a. als Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks tätig war. Jury oder Nominierungskommissionen setzen sich aus Fernsehkritikern, Publizisten oder Medienwissenschaftlern zusammen. Ausgewählt werden sie direkt durch das Institut.

Die Wahl der Preisträger erfolgt in drei Stufen:

  • Jeder Zuschauer, alle Fernsehanstalten oder Produzenten können einen oder mehrere Sendungen für den Grimmepreis vorschlagen. Pro Jahr gehen etwa 600 Vorschläge ein, die das Institut im Anschluss prüft.
  • In drei mehrtägigen Sitzungen beraten die Nominierungskommissionen, welche Filme daraus für die Kategorien “Fiktion”, ” Unterhaltung, “Information & Kultur” sowie “Kinder & Jugend” nominiert werden. Etwa 60 Filme werden ausgewählt.
  • In einer mehrtägigen Sitzung im Februar beraten drei Jurys darüber, welche der nominierten Sendungen einen Preis bekommen.

(Quelle: www. grimme-preis.de)