Buch und Kaffeetasse

Fünf Schmöker für den Herbst

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In Zeiten von Netflix und Co. ist Lesen ein seltenes Gut geworden. Man kennt es von sich selbst. Abends kommt man nach Hause, es ist bereits dunkel und eigentlich würde man sich jetzt am liebsten auf die Couch hauen und die neuste Folge “Haus des Geldes” schauen. Nicht mehr denken. Einfach nur Entspannen. Ganz selten kommt einem dann doch: Mensch, was hat man früher gelesen und nimmt sich vor, es sich wieder mehr zur Gewohnheit zu machen. Denn es gibt kein Gemütlicheres zur Ruhe kommen, als sich ins Bett zu kuscheln und ein paar Seiten zu lesen. Langsam werden die Augen immer schwerer und schon ist man im Land der Träume.

Was sich liest wie die Anleitung zur neuesten Einschlafhilfe, kann ganz einfach Realität werden. Eigens für die immer dunkler werdenden Tage und kühleren Nächte, haben wir uns auf Entdeckungsreise in die Welt der Bücher begeben. Das sind unsere fünf Favoriten.


“Ein ganzes Leben” – Robert Seethaler

“Ein ganzes Leben” ist kein aufregendes Buch. Es ist kein Buch, dass einem den Atem verschlägt vor Spannung, unerwartete Wendungen aufweist oder einen völlig fassungslos zurück lässt. Es ist ein Buch über das Leben eines einfachen Mannes, seinen Alltag, seine kleinen Freuden und seine Trauer. Es handelt nicht mal von einen besonders aufregenden Menschen. Und doch ist es wunderschön. Eben weil es nicht darum geht, sondern es den Lebensgang eines Mannes nachzeichnet, der von Kind an bis zu seinem Tod ein bescheidenes Dasein in den Bergen lebt. Die Sprache ist unaufgeregt, fast nüchtern, aber es passt zu diesem Roman. Es zeigt vielmehr, wie schnell die Jahre vergehen, wie nahe Glück und Unglück doch beieinander liegen und vor allem erzählt es uns von einem Menschen, der mit Demut auf sein Leben blickt. Ein stiller Roman. Absolut empfehlenswert.

“Die hellen Tage” – Zsuzsa Bánk

“Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück” ist mein Lieblingszitat aus diesem wunderbaren Roman. Die hellen und die dunklen Tage teilen die Zeit auch ein in schöne, helle Sommertage und dunkle, kalte Herbst- und Wintertage. Die Handlung findet zum großem Teil in und um ein kleines Häuschen in einem Dorf bei Heidelberg statt. Man mag es fast nicht ein Häuschen nennen, vielmehr ist es eine immer mehr schlecht als recht zusammengebaute Hütte in der Nähe der Felder. Ein Ort, der von der Welt vergessen scheint. Und doch verbringen die drei Kinder Aja, Seri und Karl hier die schönsten Tage ihrer Kindheit und Jugend, liebevoll behütet von Adas Mutter Évi, eine aus Ungarn geflohene, ehemalige Artistin. Diese drei gehören zusammen – ein ineinander übergehendes Dreieck. Doch eines Tages enden diese hellen Tage der Kindheit, Aja, Seri und Karl werden erwachsen, verlassen das kleine Häuschen und sind schlussendlich in Rom. Sie leben sich auseinander und wieder zusammen. Ihre drei Mütter, die sich früher fremd waren, finden sich, zusammengehalten von der wunderbaren, besonderen Évi, die irgendwann mit ihrem eigenen Schicksal zu kämpfen hat. Seri, die Ich-Erzählerin, erzählt die Geschichte dieser sechs Menschen, die, für immer miteinander verbunden, durchs Leben gehen. Einer dieser Bücher, die man selten findet, weil sie einen verzaubern und man immer wieder zu ihnen zurück kehrt.

“Der Schatten des Windes” – Carlos Ruiz Zafón

Ungezählte Male habe ich dieses Buch aufgeschlagen und gelesen. Die Geschichte oder vielmehr die Geschichten ziehen einen immer und immer wieder in seinen Bann. Der Roman selber ist eine verschachtelte Komposition, verschiedene Handlungsstränge gehen ineinander über. Ihren Anfang nimmt es damit, dass Daniel als Junge von seinem Vater, einem Buchhändler in der Franco-Ära, in den “Friedhof der vergessen Bücher” geführt wird, wo er sich ein Buch aussuchen darf, dass er fortan zu beschützen hat. Ihm fällt der gleichnamige Roman “Der Schatten des Windes” eines unbekannten Autors in die Hände. Dieses Buch und der vergessene Autor verändern fortan sein Leben. Und er macht sich auf die Suche nach ihm. Eine Spurensuche in den wunderschönen Straßen und Ecken von Barcelona und eine gekonnte Verstrickung der Handlungen und Zeitebenen.

“Vom Ende der Einsamkeit” – Benedict Wells

Benedict Wells wurde schon viele Male als Wunderkind der Neuesten Deutschen Literatur gefeiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das inzwischen nicht mehr hören kann. Vermutlich sollte man dann einfach nicht so große Romane schreiben, wie er es tut. “Vom Ende der Einsamkeit” ist der vierte Roman des Autors und erzählt die Geschichte dreier Geschwister, die als Kinder durch einen Unfall ihre Eltern verloren haben. Da ist Liz, die Älteste, die Schöne, die Kühle, die verzweifelt Lebende. Marty, der Bruder, erfolgreich, abweisend und doch der Verantwortungsvolle. Und Jules, der Ich-Erzähler, der sich vom wilden, kleinen Draufgänger nach dem Tod der Eltern zu einem melancholischen, in sich gekehrten Jugendlichen und Erwachsenen entwickelt. Die Einzige, die zu im durchdringt ist die besondere Ava, seine Jugendfreundin, zu der er später den Kontakt verlieren wird. Die Geschwister entfernen sich voneinander, sind einsam und doch füreinander da. Als Erwachsener schmerzt Jules der Verlust von Ava. Bis sie sich schlussendlich doch wieder finden. Ein Buch voller Verlust und Trauer, Hoffnung und Glück, Schicksal und Zufall.

“Eine Reise zu den Sternen” – Nicholas Christopher

Mit zehn Jahren besucht Loren zusammen mit seiner Tante Alma ein Planetarium. Doch am Ende der Vorstellung, in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit seitens Alma, verschwindet Loren. Fortan lebt er als Enzo in Reichtum in Las Vegas. Alma verkraftet den Verlust kaum, macht sich auf die Suche nach dem Jungen und als sie ihn nicht findet, reist sie einfach weiter. Der Roman verfolgt die Spuren des Protagonisten und der Protagonistin, die sich 15 Jahre nicht mehr sehen sollen, aber trotzdem miteinander verbunden sind. “Eine Reise zu den Sternen” scheint nicht von dieser Welt zu sein, er versprüht etwas Magisches, etwas Unwirkliches. Es ist ein Weltroman, von New York, Las Vegas, über Honolulu und Südostasien. Immer unter dem Baldachin der Himmelskörper und Gestirne.