Gefängnis

Ex-Insasse klagt: „Zustände in der Bayreuther JVA St. Georgen menschenunwürdig“ – Leitung widerspricht deutlich

„In der JVA St. Georgen in Bayreuth herrschen menschenunwürdige Zustände“, sagt ein Ex-Insasse gegenüber dem Bayreuther Tagblatt. In erster Linie geht es bei diesen Vorwürfen um den Umgang der JVA mit dem Coronavirus.

Ein ehemaliger Insasse der JVA St. Georgen in Bayreuth hat sich an das Bayreuther Tagblatt gewandt. Dabei übte der Ex-Häftling harsche Kritik am Umgang des Bayreuther Gefängnisses mit der Corona-Pandemie. Die Gefängnisleitung widerspricht. Im April hatten sich bereits Gefangene der JVA St. Georgen wegen des Coronavirus an das Bayreuther Tagblatt gewandt. Sie sagten die Insassen lebten wegen des Virus in Angst.

JVA St. Georgen in Bayreuth: Ex-Insasse klagt über „menschenunwürdige Zustände“

Horst Baumann (Name von der Redaktion geändert) war im Jahr 2020 für mehrere Monate in der JVA St. Georgen in Bayreuth in Bayreuth inhaftiert. Dort erlebte der Familienvater den Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland und den Lockdown. Für ihn waren die Zustände „menschenunwürdig“. Die Gefängnisleitung widerspricht seinen Schilderungen jedoch klar.

„Das Virus ist von Seiten der JVA lange nicht ernst genommen worden“, sagt Baumann im Gespräch mit dem Bayreuther Tagblatt. „Ich war im Februar mit mehreren Insassen zusammen auf einer Zelle: Wir waren alle krank und hatten trockenen, starken Reizhusten, erhöhte Temperatur und fühlten uns schwach. Einige meiner Zellengenossen legten sich mit ihren Matratzen vor die Heizung, weil es ihnen so schlecht ging“, sagt Baumann. Von der Gefängnisleitung sei die Krankheit einfach als harmlose Erkältung abgetan worden und die Situation sei nicht ernst genommen worden. “Wir haben einfach nur Ibuprofen bekommen, sonst nichts”, sagt Baumann.

Während sich im Fernsehen die Nachrichten und Schreckensmeldungen Ende Februar und Anfang März zum Coronavirus überschlagen hätten, sei in der JVA noch nichts passiert, fügt Baumann hinzu. Auch die Kranken seien da einfach so auf den Gängen herumspaziert und waren ständig in Kontakt mit anderen Insassen.

Bis heute kein positiv getesteter Gefangener in der JVA St. Georgen

Gefängnisdirektor Matthias Konopka kann die Vorwürfe nicht verstehen. „Wir haben das Virus bei uns in der JVA sehr ernst genommen. Als wir von den Vorkommnissen in Ischgl hörten, haben wir sofort Maßnahmen ergriffen“, sagt der Anstaltsleiter. 

Wie bei jedem medizinischen Vorfall, seien alle Insassen auch während der Corona-Pandemie natürlich vom Anstaltsarzt untersucht und behandelt worden. „Wir haben bis heute keinen einzigen positiv getesteten Gefangenen“, sagt Konopka. „Wir haben eher zu viel getestet als zu wenig. Sobald es Symptome gab, die auf Corona hindeuten könnten, haben wir auch sofort einen Test veranlasst.“

Die Kommunikation zwischen Gefängnisleitung und JVA-Insassen

Von Anfang habe die Gefängnisleitung sich auch darum bemüht, die Insassen über alle Entwicklungen rund um das Virus und die Hygienebestimmungen zu informieren, sagt Konopka. „Wir haben alle 14 Tage mit der Gefangenenvertretung über neue Entwicklungen gesprochen“, sagt der Anstaltsleiter. Daneben seien Insassen auch über einen Infokanal auf den Fernsehgeräten der Stationen und über Aushänge über Corona informiert worden. 

Ex-Insasse Baumann war das zu wenig, denn für ihn sei zu keiner Zeit klar gewesen, welche Insassen als Teil der Gefangenenvertretung als Ansprechpartner zur Verfügung stehen würden. Auch die Aushänge seien nicht ausreichend gewesen, da diese viel zu spät gekommen und dazu sehr vage und nur auf deutsch verfasst gewesen seien. Viele Insassen hätten diese Regeln daher gar nicht lesen können. 

„In der JVA St. Georgen sitzen Gefangene aus 43 Ländern ein. Ein Aushang in so vielen verschiedenen Sprachen ist für uns personell nicht möglich. Wir haben uns aber auch schon – vor Corona – darum bemüht, ausländischen Insassen in Deutschkursen die Sprache beizubringen und tun das auch weiterhin.“

(Matthias Konopka, Leiter der JVA St. Georgen)

“Beim Sicherheitsabstand gilt auch Eigenverantwortung”

Von Anfang an hätte die Gefängnisleitung alles dafür getan, die Pandemie so gut es geht zu überstehen. Es liege aber auch an jedem Einzelnen selbst, ob er die Regeln befolge oder nicht, sagt Konopka. Die Beamten könnten nicht rund um die Uhr jeden einzelnen Gefangenen kontrollieren und prüfen, ob diese zum Beispiel den Mindestabstand einhalten oder nicht. Wie auch außerhalb des Gefängnisses, liege das auch in der eigenen Verantwortung. Im März hatte die JVA ihre Corona-Maßnahmen vorgestellt.

“Ein besserer Umgang mit der Pandemie wäre einfach gewesen”

Ex-Häftling Baumann sieht das anders. „Man hätte mehr tun können. Man hätte sogar mehr tun müssen“, sagt er. Damit meint er beispielsweise eine bessere Isolierung von kranken Insassen oder neue Regeln beim Duschen oder der Essensausgabe. 

„Im Speisesaal ging es zu wie bei Aldi an der Kasse vor Weihnachten“

(Horst Baumann, Ex-Gefangener in der JVA St. Georgen)

Ein besserer Umgang mit der Pandemie wäre einfach gewesen, sagt Baumann. „Man hätte die Zellen in Schichten öffnen können, sodass sich auf den Gängen weniger Personen begegnen. Die Mahlzeiten hätte man auf die Zellen bringen können, dann hätte man die langen Schlangen bei der Essensausgabe vermieden“, erklärt Baumann. 

Nicht mal auf den Zellen sei es möglich gewesen, den Mindestabstand einzuhalten, sagt der Ex-Gefangene, denn die Betten stünden zu nah aneinander. Außerdem habe es kein Desinfektionsmittel gegeben – nicht mal auf den Toiletten. Für Baumann seien die Haftumstände in der JVA St. Georgen „menschenunwürdig“ gewesen. 

Mehr Corona-Vorfälle in anderen Gefängnissen

Anstaltsleiter Matthias Konopka sagt, dass die JVA sich an den Maßnahmen außerhalb der Gefängnismauern orientiert habe. Als die Fitnessstudios zu gemacht haben, seien natürlich auch die Sporträume der JVA St. Georgen geschlossen worden. Insgesamt würden die Zahlen dem Vorgehen im Bayreuther Gefängnis Recht geben, sagt Konopka. „Wir sind froh, dass unsere JVA gut durch diese schwierige Zeit gekommen ist. In anderen Gefängnissen hat es viel mehr Kontaktfälle, Testungen und Fälle gegeben als bei uns.“

Inzwischen gehe es auch wieder aufwärts, sagt der Anstaltsleiter. Seit kurzem sei es den Insassen wieder erlaubt draußen miteinander Fußball zu spielen. Das Leben in der JVA sei wieder entspannter. „Das freut auch die Gefangenen.“ Das Bayreuther Tagblatt hat vor der Corona-Pandemie hinter die Mauern der JVA St. Georgen geblickt.

Bayreuther Tagblatt - Frederik Eichstädt

 bt-Redakteur Online/Multimedia
Frederik Eichstädt