Stadtrat am Stammtisch: Wie Politik in Bayreuth funktioniert

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Kinder und Erwachsene sitzen da, mit und ohne Migrationshintergrund. Donnerstags wird im Professorium, dem offenen Treffpunkt in der Bernecker Straße, zusammen gekocht und gegessen. Sozusagen zum Dessert stößt diesmal ein weiterer Gast dazu. Der Verein Wundersam anders, der im vergangenen Jahr mit der Aktion “Macht Spiele” in der Bayreuther Innenstadt von sich reden machte, hat den Stadtrat Klaus Wührl-Struller eingeladen. Der Verein will verstehen, wie Kommunalpolitik funktioniert. Wie er sich Gehör verschaffen kann.

Einst Kabeltrommel, jetzt grüner Stammtisch.

Das trifft sich gut. Denn der Stadtrat der Grünen ist auf der Suche nach Stammtischen. Er will dorthin, wo wie an keinem anderen Ort über Politik gesprochen wird. Wührl-Struller will wissen, wo der Schuh wirklich drückt. Ob die Themen des Stadtrats wirklich die Themen der Leute sind. Und Wührl-Struller will erklären, warum entschieden wurde, was entschieden wurde. Auf Facebook hatte er sich als Stadtrat zur Miete angeboten und Marco Marino, der Vorsitzende von Wundersam anders, hat als erster zugeschlagen.

Mehr Legosteine als im Professorium gibt es derzeit nur auf dem Winterspielplatz der evangelischen Freikirche EFG.

Und nun sitzt er da, der Stadtrat, hat eineinhalb Stunden Zeit mitgebracht, fragt nach Bier und gibt Einblicke in Funktion und Zustand des Bayreuther Stadtrats.

Zum Beispiel, indem er sagt, dass alle Anträge so zur Abstimmung gebracht würden, dass man immer nur dagegen stimmen könne, nie aber dafür. Und dass das manch einen Stadtrat so sehr verwirre, dass schon mal anders abgestimmt werde, als man das eigentlich wolle. Und dass viele, um auf Nummer sicher zu gehen, einfach nur im selben Moment wie der Fraktionsvorsitzende die Hand heben.

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Wührl-Struller spricht davon, dass jeder Bürger selbst einen Antrag an die Oberbürgermeisterin adressieren könne, alle drei Monate neu. Dass der Bürger dann aber zuvor besser bei den Fraktionen Klinken putze gehe. Weil er, der Grüne, alleine keine große Hilfe sei. Weil ihm, dem Grünen, der Ruf voraus eile, Radfahrer, Bartträger und Spinner zu sein. “Es gibt im Stadtrat halt diese Mehrheit”, sagt Wührl-Struller im Hinblick auf die Fraktionen von SPD, CSU, FDP und Junges Bayreuth, die sich jüngst selbst als  “Gestaltungsmehrheit” bezeichnet hatten, aber auch davor schon die Abstimmungen im Stadtrat nach Belieben diktierten.

Marco Marinos Fazit:

Dem Verein ist es ernst. Die Mitglieder wollen künftig selbst Anträge einreichen und um Geld kämpfen, damit nicht jeden Monat Existenzangst herrscht. Sie wollen dafür werben, dass die Stadträte begreifen, welche Rolle ihr kleiner Verein im großen Ganzen spielt – für Integration, Chancengleichheit und den sozialen Frieden in der Stadt. Wollen für einen ganzheitlichen Ansatz bei der Förderung sozialer Projekte werben und nun einen Stadtrat nach dem anderen ins Professorium einladen. Klaus Wührl-Strullers Auftritt soll nur der Anfang gewesen sein.

Matthias “Ossi” Sauers Fazit:

Auch Wührl-Struller will weiter reden. Er hoffe, dass sich mehr Stammtische melden. Er spüre, dass die Menschen dort viele Themen anders gewichteten, als es die gewählten Vertreter täten.

Das war eine Vermutung, die sich bestätigt hat.

(Klaus Wührl-Struller)

Denn die Mitglieder von Wundersam anders wünschen sich Dinge, von denen Wührl-Struller sagt, dass er sich nicht erinnern könne, dass sie im Stadtrat schon einmal darüber besprochen worden seien. Dass es in der Stadt wieder ein Jugendparlament und Stadtteil-Konferenzen geben sollte, zum Beispiel. Dass öffentliche Stadtratssitzungen auf dem Marktplatz stattfinden und die Protokolle öffentlicher Sitzungen der Öffentlichkeit auch ungefragt zugänglich gemacht werden sollten.

Klaus Wührl-Strullers Fazit:


Wer sich zum Stammtisch trifft und Klaus Wührl-Struller dazu einladen möchte, der schreibt an kws@dr-eulenspiegel.de oder an Klaus Wührl-Struller, Schmatzenhöhe 16b, 95447 Bayreuth.