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Um ein Haar: Wo das Festspielhaus ursprünglich hin sollte

Am 5. März 1870 war in Bayreuth wahrscheinlich nichts Besonderes los. Bürgermeister Theodor Muncker und seine rund 17.000 Einwohner freuten sich auf den bevorstehenden Frühling. Doch braute sich an diesem Tag etwas zusammen, was die Geschichte der Stadt grundlegend verändern sollte. Stephan Müller, der Hobbyhistoriker im Auftrag des Bayreuther Tagblatt, berichtet.

Haus Tribschen bei Luzern. Foto: Stephan Müller

Richard Wagner suchte in seinem Haus Tribschen bei Luzern in der Schweiz eine große Bühne für seinen „Ring des Nibelungen“. Angeregt durch seinen Dirigenten Hans Richter und der Lektüre eines Artikels in einem Lexikon wurde er auf das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth aufmerksam. Das Lexikon wird wohl aus der Brockhaus-Reihe gewesen sein. Denn: Richard Wagner und die Buchhändler-Familie Brockhaus waren gleich mehrfach verwandtschaftlich „verbandelt“. Zwei Söhne des Verlagsgründers Friedrich Arnold Brockhaus und der Pariser Niederlassungsleiter heirateten Schwestern von Richard Wagner. Friedrich Brockhaus wurde 1828 der Ehemann der Schauspielerin Luise, der Orientalist und Sanskrit-Forscher Professor Dr. Hermann Brockhaus heiratete 1836 Ottilie.

Wagner nimmt das Opernhaus unter die Lupe

Wagner fasste den Entschluss, die von den Ausmaßen größte Bühne im deutschsprachigen Raum persönlich in Augenschein zu nehmen, um dort den „Ring“, der aus den vier Opern „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ besteht, möglicherweise aufführen zu können.

Im Markgräflichen Opernhaus. Foto: Carolin Richter.
Bürgermeister Theodor Ritter von Muncker (1823 – 1900) wird in der Bayreuther Stadtgeschichte immer mit den ersten Bayreuther Festspielen genannt. Vielleicht unter dem Eindruck einer „Tannhäuser“-Aufführung am 30. Juni 1860, die anlässlich der fünfzigjährigen Zugehörigkeit Oberfrankens zum bayerischen Königreich im Markgräflichen Opernhaus aufgeführt wurde und der Bürgermeister Muncker mit großer Wahrscheinlichkeit beiwohnte.In Munckers 37-jährige Amtszeit fällt der Bau des Zentralschulgebäudes (heute Graserschule), des damaligen Kasernenviertels, der Bayreuther Anschluss an das Eisenbahnnetz, der Ausbau der Trinkwasser- und Abwasserleitungen und die ersten Telefonanschlüsse.

Vorher erlebte er noch die von ihm nicht gewollte Uraufführung der „Walküre“ in München und heiratete am 25. August 1870 Cosima von Bülow, die Mutter seines Sohnes Siegfried, die nur fünf Wochen vorher, am 18. Juli, von ihrem Mann Hans von Bülow geschieden worden war.

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Richard und seine Frau Cosima trafen also am 16. April 1871 in Bayreuth ein und blieben drei Tage im Hotel „Zur Sonne“. Wagner befand die Bühne des Opernhauses jedoch für zu klein und das Haus für seine Zwecke ungeeignet. Die Stadt Bayreuth hingegen fand er für seine Zwecke ideal. Er fasste den Entschluss, in Bayreuth ein Festspielhaus zu errichten und Festspiele mit einer Aufführung des „Rings“ vorzubereiten. Cosima schrieb in ihr Tagebuch, dass die Bayreuther Bevölkerung in vollem Aufruhr über „sein Hiersein“ sei.

Die drei Vorteile Bayreuths

Am 1. November 1871 gab Wagner Bürgermeister Muncker und dem Gemeinderats-Vorsitzenden Friedrich Feustel seine Festspielabsichten bekannt. Seine Wahl sei deshalb auf Bayreuth gefallen, weil es ihm das Badepublikum fernhalte, kein stehendes Theater habe und in Bayern gelegen sei.

Bürgermeister Muncker. Foto: Bernd-Mayer-Stiftung

Der Standort sagt Wagner zu

Daraufhin teilte ihm Muncker mit, dass er vom Stadtmagistrat am Stuckberg bei Sankt Georgen ein Grundstück erhalte, um dort ein Festspielhaus zu bauen. Man werde das Grundstück von der Bayreuther Familie Rose erwerben und ihm als Baugelände für das Festspielhaus zur Verfügung stellen. Wagner besichtigte das Grundstück am 15. Dezember 1871. Der Standort sagte ihm zu. Aus dem Plan sollte jedoch nichts werden. Ein Miteigentümer der Familie Rose verweigerte der Stadt den Grundstücksverkauf.

Die Industriellenfamilie Rose, nach der eine Straße im Stadtteil St. Georgen benannt ist, betrieb eine Zuckerfabrik. Otto Rose (1839–1894) gründete 1889 zusammen mit Carl Schüller die Neue Baumwoll-Spinnerei, die sich sehr schnell zu einem der größten Bayreuther Arbeitgeber entwickelte. Feustel hatte bereits 1853 die Mechanische Baumwollspinnerei gegründet. Rose und Feustel waren also Konkurrenten. Möglicherweise hat Rose deshalb das Grundstück am Stuckberg nicht zur Verfügung gestellt.

Die wichtigste Dienstreise in der Geschichte der Stadt

Nach dieser Mitteilung war Wagner so verärgert, dass er erwog, den Bayreuth-Plan wieder fallen zu lassen. Bis Bürgermeister Muncker und der der Bayreuther Bankier Feustel das Heft selbst in die Hand nahmen.

Friedrich Feustel. Foto: Archiv Bernd Mayer

Sie reisten am 8. Januar 1872 zu Wagner in das Haus Tribschen an den Vierwaldstätter See, um dem Meister einen neuen Standort unterhalb der „Bürgerreuth“ schmackhaft zu machen.

Friedrich Feustel war Landtagsabgeordneter, Reichstagsabgeordneter und Mäzen der Bayreuther Festspiele. 1853 gründete er die Mechanischen Baumwollspinnerei. 1862 gründete er in Bayreuth das Bankhaus Feustel und beteiligte sich 1869 an der Gründung der Bayerischen Vereinsbank. 1872 übernahm er die Bayreuther Bierbrauerei und wandelte sie in eine Aktiengesellschaft um. Sein Schwiegersohn Adolf von Groß war nach Richard Wagners Tod Vormund seiner Kinder.

Wagner lehnte ab. Bereits auf dem Rückweg zum Luzerner Bahnhof, kehrten die beiden hartnäckigen Männer noch einmal um. Erneut am Haus Tribschen angekommen konnten die beiden Bayreuther den berühmten Komponisten doch noch dazu überreden, sein Festspielhaus in Bayreuth zu bauen. Dies wäre nach Feustels Worten ohne das „ebenso liebenswürdige wie kluge Zureden von Frau Cosima Wagner“ nicht möglich gewesen. Die wohl wichtigste Dienstreise in der Geschichte der Stadt Bayreuth fand also ein glückliches Ende.

Festspielhaus. Foto: red

Vier Jahre lang wird gebaut

Am 27. April 1872 traf die Familie Wagner im Hotel Fantaisie in Donndorf ein. Die ersten Festspiele fanden über vier Jahre später, im August 1876, statt. Statt des Festspielhauses wurde 1927 mit der damaligen Adresse „Am Stuckberg 14“, also fast fünf Jahrzehnte später, eine Jugendherberge mit 130 Betten in vier Schlafräumen, drei Tagesräumen, Kochküche und „Brausebäder“ gebaut. Das Gebäude an der Ecke Mozartstraße/Carl-Maria-von-Weber-Straße gibt es immer noch. Es ist heurte das Vereinsheim der Reservistenkameradschaft Bayreuth.

Am Stuckberg 14. Foto: Archiv Bernd Mayer

Text: Stephan Müller


Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


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