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Reste eines Giganten: Die Reliefs des Wagner-Denkmals an der Stadtmauer

Heute nehmen die Passanten von den beiden Tafeln mit den Motiven aus den beiden Wagner-Opern „Der fliegenden Holländer“ und der „Götterdämmerung“ an der Bayreuther Stadtmauer in der Nähe der Zentralen Bushaltestelle kaum Notiz. Dabei sorgten die beiden Kalksteinreliefs beim Ankauf im Jahr 1976 zum 100-jährigen Jubiläum der Bayreuther Festspiele für kontroverse und hitzige Diskussionen. Die beiden Tafeln, die Teil eines gigantischen Richard-Wagner-Denkmals in Leipzig hätten werden sollen, haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Hobby-Historiker Stephan Müller kennt die Fakten.

Unbekannter Bildhauer sticht Konkurrenz aus

Richard Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren. Zu Wagners Lebzeiten war er in der sächsischen Metropole nicht besonders geschätzt. Zur „Wiedergutmachung“ begann der Künstler Schumacher angeregt durch die Stadt Leipzig bereits im Jahr 1898 mehrere „architektonische Idealentwürfe“ für ein Richard-Wagner-Denkmal zu entwerfen. Es entstanden mehrere großformatigen Kreide- und Kohlezeichnungen. Errichtet wurde das Denkmal aber nicht.

Die Idee lebte erst drei Jahrzehnte später wieder auf. Im Oktober 1932 hat der parteilose Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler einen Wettbewerb für ein Richard-Wagner-Denkmal ausgeschrieben. Bis zum 31. März 1933 gingen mehr als 650 Entwürfe ein. Die Jury, der auch Wagners Schwiegertochter Winifred Wagner angehörte, entschied sich für den Entwurf des damals noch unbekannten Bildhauers Emil Hipp aus Stuttgart. Interessant ist, dass es der Entwurf von Arno Breker, dessen Wagner-Büste bis heute im Bayreuther Festspielpark steht, nicht unter die besten zehn Vorschläge geschafft hat.

So sah die Skizze von Emil Hipp für das gigantische Richard-Wagner-Denkmal in Leipzig aus. Es handelte sich um eine 150 mal 80 Meter große Anlage. Auf einem riesigen Kubus sollte ein Wagner-Denkmal entstehen. Rund herum eine 430 Meter lange Mauer an der die zahlreiche Reliefs mit Szenen aus Wagners Opern eingelassen werden sollten. Zwei dieser Platten sind erhalten und wurden an der 1976 Bayreuther Stadtmauer angebracht. Foto: Richard-Wagner-Verband Leipzig.

Ein gigantisches Monument

Hipp entwarf ein gigantisches Monument im neoklassizistischem Stil für ein Richard-Wagner-Denkmal: Es handelte sich um eine 150 mal 80 Meter große streng geometrische und terrassenförmige Anlage am östlichen Ufer des Elsterbeckens. Entstehen sollte eine Profilbüste Wagners auf einem Kubus mit jeweils zehn Meter breiten und vier Meter hohen Marmor-Reliefplatten. Um diesen gewaltigen Marmorblock wurde eine 430 Meter lange Mauer mit Nischen gezogen, in der zahlreiche Reliefs mit Szenen aus Wagners Opern eingelassen werden sollten. Zwei dieser Platten sind erhalten und wurden 1976 an der Bayreuther Stadtmauer angebracht.

Die „Spinnstube“ aus dem „Fliegenden Holländer“. Eines der beiden Überreste des geplanten Wagner-Denkmals für Leipzig an der Stadtmauer Bayreuth. Foto: Stephan Müller

Um die Finanzierung für das gigantische Vorhaben zu sichern, bemühte sich Oberbürgermeister Goerdeler sofort, Hitler in die Planungen einzubinden. Das gelang sehr gut, weil Hitler das Vorhaben zum „Nationaldenkmal des deutschen Volkes“ erklärte. Er legte am 6. März 1934 vor mehreren tausend Zuschauern den Grundstein. In Anwesenheit von Wagners Schwiegertochter Winifred Wagner und ihrem damals 17-jähriger Sohn Wieland Wagner skandierte Hitler:

Mit dem wahrhaftigen Gelöbnis, dem Wunsch und Willen des großen Meisters zu entsprechen, lege ich den Grundstein zum deutschen Nationaldenkmal Richard Wagners.

Kosten explodierten

Das geplante Denkmal wurde jedoch nie fertig: Das Geld für das teure Monument fehlte. Am 9. November 1936, dem Jahrestag des Hitlerputsches (Marsch auf die Feldherrenhalle in München), wurde das Bronze-Denkmal des jüdischen Musikers Mendelssohn-Bartholdy von Nationalsozialisten entfernt und eingeschmolzen, weil der Denkmalsblock des geplanten Wagner-Monuments „ohne Bronze nicht auskommt“. Daraufhin trat Carl Friedrich Goerdeler, der an diesem Tag gerade im Ausland war, aus Protest von seinem Amt als Oberbürgermeister zurück. Die ursprünglich auf rund 680.000 Mark veranschlagten Kosten explodierten. Bis die Bauarbeiten kriegsbedingt am 21. Mai 1940 eingestellt wurden, betrugen die Kosten mehr als vier Millionen.

Verzicht der Stadt Leipzig

Nach 1945 verzichtete die Stadt Leipzig, das Denkmal zu übernehmen. Den zentralen Denkmalblock mit den Marmorreliefs ersteigerte ein Arzt aus Bayern. Die Firma Marmor-Industrie Kiefer A.G., die 250 Tonnen des begehrten und dauerhaften Untersberger Marmors zur Verfügung stellte, bekam im Jahr 1946 mitgeteilt, dass ihre ehemaligen Vertragspartner seit dem siegreichen Einmarsch der Truppen der vereinten Nationen restlos verschwunden seien: „Sie können Ihre Forderungen nur noch bei den Kriegsverbrechern in Nürnberg anmelden.“

„Siegfrieds Tod“ aus der „Götterdämmerung“. Foto: Stephan Müller

Reliefs verkauft oder zerstört

Auch die fertig bearbeiteten Reliefs, die auf dem Gelände des Marmor-Lieferanten in Kiefersfelden lagerten, wollte niemand mehr haben. Natürlich hatte ein von Hitler persönlich protegiertes Nationaldenkmal keine Chance auf Realisierung mehr, und natürlich ließ es die Stadt Leipzig als Eigentümer nur zu gerne zu, dass der Marmor-Lieferant die bei ihm gelagerten Steinarbeiten 1954 pfändete. Einige Platten wurden an Privatleute verkauft, die meisten wurden zerlegt, um wenigstens das Rohmaterial weiterverarbeiten zu können. Fassungslos sah der Bildhauer Emil Hipp, der immerhin zwölf Jahre an dem Figurenschmuck gearbeitet hatte, dieser Zerstörung zu.

Nachdem auch er sich durch seine Aufträge für Hitler diskreditiert hatte und damit auch seine Stelle als Professor an der Weimarer Kunstakademie verlor, hatte er nicht die Mittel, um „sein Werk“ selbst zurück zu kaufen.

Die Reliefs an der Stadtmauer: Spärlicher Rest des Giganten

Die wenigen noch heute erhaltenen Relikte des Denkmals sind über ganz Deutschland verstreut. Im Jahr 1976 bekam Bayreuths Oberbürgermeister Hans Walter Wild zwei Motiv-Platten angeboten: Die „Spinnstube“, ein Motiv aus dem zweiten Akt des „Fliegenden Holländer“ und „Siegfrieds Tod“ aus der „Götterdämmerung“. Als Wild im Stadtrat bekannt gab, dass er die Tafeln ankaufen will, entstand eine kontroverse Diskussion.

Der damalige Stadtrat und Lokalhistoriker Bernd Mayer hielt den Ankauf der zwei Tafeln nicht zuletzt wegen der Grundsteinlegung durch Hitler und dessen Aussage gegenüber Goerdeler, dass ihm „diese herrlichen Riesenreliefs besonders gefallen“ für „nicht günstig“. Auch weil man für die Bronzearbeiten das Leipziger Denkmal des jüdischen Musikers Mendelssohn-Bartholdy eingeschmolzen hat, sollte nach Mayers Meinung von dem Ankauf Abstand genommen werden.

Als Gegenargument wurde angeführt, dass das Denkmal nicht von Hitler, sondern von Leipzigs Oberbürgermeister Goerdeler in Auftrag gegeben wurde. Goerdeler wurde, wie auch der Bayreuther Wilhelm Leuschner, Anfang 1945 als Widerstandskämpfer wegen der Beteiligung am Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Man vertrat die Auffassung, dass es sich bei einem „neoklassizistisches“ Denkmal nicht gleichzeitig um ein „nazistisches“ Denkmal handeln muss.

Eine Tafel weist auf die wenig beachteten Marmor-Reliefs an der Stadtmauer hin. Foto: Stephan Müller

Das Stadtratsplenum teilte damals Mayers Bedenken mehrheitlich nicht. „Eine Nation bestehe nicht bloß aus Märtyrern.“ Auch unter Hitlers Diktatur hätte es Künstler gegeben, die Aufträge annehmen mussten, wenn sie nicht zugrunde gehen wollten. Die Reliefs wurden unter Wilds Hinweis, dass man „im politischen Bereich etwas ruhiger werden“ sollte, von der Stadt Bayreuth gekauft.


Text: Stephan Müller


Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

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