Freizeit

Seifenkistenrennen: Bayreuths tollkühnste Männer

Es war das Ereignis des Jahres: 5.000 Zuschauer kamen an einem Sonntag im Juni 1950 an den Festspielhügel, um die wagemutigen Bayreuther in ihren tollkühnen Seifenkisten den Hang hinunter brausen zu sehen. Der schnellste Pilot war auch der jüngste. Und 51 Jahre später kamen gleich nochmal so viele. Der Bayreuther Hobbyhistoriker Stephan Müller erinnert sich.

Im Fahrerlager hinter dem Festspielhaus herrschte ein emsiges Treiben. Hier stand eine Mutter mit einer Ölflasche, während der Vater wahrscheinlich zum wiederholten Male die Radaufhängung schmierte. Dort beruhigte ein Opa seinen Enkel ob der vermeintlichen Favoritenstellung, und gegenüber erklärte ein älterer Bruder dem Jüngsten die Tücken der 300 Meter langen Rennstrecke. Der Zuschauer gewann den Eindruck, dass die Väter wesentlich nervöser waren als die Piloten selbst. Inzwischen sammelten sich bei sengender Hitze unterhalb des Festspielhauses weit über 5.000 Bayreuther, um das Spektakel mit zu verfolgen.

Foto: Archiv Bernd Mayer

Über die Lautsprecher der Landpolizei

Die ganze Stadt war an diesem Sonntag, dem 4. Juni 1950, zum Grünen Hügel gepilgert, um das Bayreuther Seifenkistenrennen zu erleben. Genauer gesagt waren es zwei Rennen: die örtliche Meisterschaft und das Bezirksausscheidungsrennen der Militärkreise Bayreuth, Hof, Kulmbach, Pegnitz und Wunsiedel. Dies wollte der als Moderator, ein Sportredakteur der Fränkischen Presse, der wartenden Menge längst über Lautsprecher mitteilen, allein die Anlage funktionierte nicht. Hilfe kam von der Landpolizei, die im Eiltempo mit ihrem „Lautsprecherwagen“ anrückte.

Wagenteile vom Sperrmüll

Das Rennen konnte beginnen. Nun lag es an den Söhnen, die fahrende Konstruktion, die in den letzten Wochen aus Kinderwagenrädern und anderen geeigneten Bauteilen aus Keller und Sperrmüllhaufen zusammen gebaut worden war, schnell ins Ziel zu bringen.

Foto: Archiv Bernd Mayer

Mit 50 in Richtung Holländer-Stuben

Die Kisten waren verdammt schnell. Jeweils drei Konkurrenten gingen gleichzeitig an den Start und brausten mit 35 bis 50 Stundenkilometern schnurgerade den Festspielhügel in Richtung Holländer-Stuben hinunter. Die Tagesbestzeit von 30,3 Sekunden gelang ausgerechnet dem jüngsten Teilnehmer: Peter Schindler.

Drei Meter Stoff für den Zweitplatzierten

Freudentränen gab es bei der anschließenden Siegerehrung an der Bürgerreuth. Gerd Adler erhielt als Bayreuther Sieger ein mit allen Schikanen ausgerüstetes Fahrrad und als Bezirkssieger einen Gutschein über 300 Mark für Bekleidung. Peter Schindler bekam einen Maßanzug sowie drei Meter Hemdenstoff für den zweiten Platz beim örtlichen Rennen und einen Gutschein über 160 Mark für Bekleidung. Wilhelm Kastl bekam als dritter Bayreuther Sieger eine Armbanduhr, Gerhard Will erhielt als Vierter eine Lederhose, ein Paar Schuhe und Hemdenstoff. Das waren für die damalige Zeit sensationelle Preise. Schließlich lag die Währungsreform noch nicht einmal zwei Jahre zurück.

Foto: Archiv Bernd Mayer

Opel liefert die Teile

Möglich wurde die Veranstaltung durch die Bemühungen der in Deutschland stationierten Truppen, die der Jugend eine sinnvolle Freizeitgestaltung bieten wollten. So kam es ab 1949 in Deutschland in allen größeren Städten zu einer Serie von Seifenkistenrennen. Bis zum Ende der 50er Jahre wurden in der jungen Bundesrepublik 214 offizielle Wettbewerbe registriert. Als Geldgeber und Organisator fand sich dann ab 1951 die Adam Opel AG in Rüsselsheim. Die Firmentochter des amerikanischen Autoherstellers General Motors lieferte die Bausätze, Räder und Lenkung für die Seifenkisten.

Eishockey-Legende Anton Doll geht 2001 mit einem Schwan ins Seifenkistenrennen am Festspielhügel. Foto: Stephan Müller

51 Jahre später geht’s noch einmal rund

Genau 51 Jahre später gab es eine Neuauflage. Im Mai 2001 waren alle Seifenkisten-Fans waren, flotte oder witzige Seifenkisten zu basteln und am ersten Rennen nach über fünf Jahrzehnten teilzunehmen. Wie 1950 waren erneut Peter Schindler und Theo Waldmann aus Neudrossenfeld mit dabei. Für großes Aufsehen sorgte damals das ehemalige Bayreuther Eishockey-Idol Anton Doll. Der Spaßvogel, der inzwischen in der Lohengrin Therme als Bademeister tätig ist, rauschte werbewirksam in einem Schwan nach unten. Erneut wollten rund 5.000 Zuschauer bei herrlichem Sonnenschein das Spektakel am Festspielhügel sehen.


Text: Stephan Müller