Das Sommerhaus der Familie Wagner: Rückzugsort in schweren Zeiten

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Oberwarmensteinach war für viele Jahre der Rückzugsort der Familie Wagner. Schuld war der Zweite Weltkrieg. Nach vielen Bombenangriffen, in denen die Villa Wahnfried zerstört wurde und dann später als Offizierskasino der Amerikaner zweckentfremdet wurde. bt-Hobbyhistoriker Stephan Müller hat in den Geschichtsbüchern gestöbert und einiges über das Sommerhaus in Oberwarmensteinach herausgefunden.


Vor gut siebzig Jahren, am Samstag, 26. März 1949 fuhren Wieland und Wolfgang Wagner zu ihrer Mutter nach Oberwarmensteinach. Winifred Wagner wohnte bereits seit Kriegsende in ihrem Sommerhaus im Fichtelgebirge, während die Amerikaner das Siegfried-Wagner-Haus neben der zerbombten Villa Wahnfried als Offizierskasino nutzten. Wieland und Wolfgang hatten ein Schreiben in vierfacher Ausfertigung dabei, das sie ihrer Mutter zur Unterschrift vorlegten: “Ich, Frau Winifred Wagner, bevollmächtige hiermit meine Söhne Wieland und Wolfgang Wagner, jede zur Durchführung der Bayreuther Festspiele erforderliche Rechtshandlung vorzunehmen und in Ausübung dieser Vollmacht nach außen im eigenen Namen zu handeln.” Mit dieser Unterschrift verzichtete Winifred Wagner offiziell auf die Leitung der Bayreuther Festspiele.

Winifred Wagner beim Wäscheaufhängen in Oberwarmensteinach. Foto: Bernd Mayer Stiftung

 

Von Winifred und Siegfrieds Kindern sind nur noch die beiden Söhne in Bayreuth. Die Schwester Friedelind war wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber den Nationalsozialisten und ständigen Streitigkeiten mit ihrer Mutter schon vor Jahren in die USA ausgewandert, die jüngere Schwester Verena lebte mit ihrem Mann Dr. Bodo Lafferentz in Nußdorf bei Überlingen. Bayreuth war nach drei verheerenden Bombenangriff im April 1944 zur „Ruinenstadt“ geworden. Das Haus Wahnfried wurde beim ersten Fliegerangriff am 5. April zerstört. Eine Sprengbombe flog schräg in die Gartenfront der Villa. Der „Saal“ wurde komplett zerstört, der „Kindersaal“ im ersten Stock stürzte ein. Der Großteil der historischen Möbel und der Schreibtisch Richard Wagners wurden vernichtet. Erhalten haben sich die Bibliothek, viele Gemälde und vor allem die Partituren, die vorher in Sicherheit gebracht wurden.

Winifred und Friedlind Wagner. Foto: Bernd Mayer Stiftung

Ihr Sommerhaus diente Winifred Wagner viele Jahre als Asyl. Die Gattin von Siegfried und damit Schwiegertochter von Richard Wagner verlegte ihren Wohnsitz nach der Zerstörung des Hauses Wahnfried am 5. April 1945 in das Fichtelgebirge. Das noch heute holzvertäfelte Haus in Oberwarmensteinach ist leicht hinter der Kirche St. Laurentius nur wenige Meter von der Hauptstraße entfernt im Mausbachtal zu finden. Auf dem Weg nach Wagenthal findet sich das auffällige Haus am Südwesthang des Hempelsbergs. Erst 1957 kehrte sie nach Wahnfried zurück. Dort hatten die Amerikaner ihre Wohnung, im Siegfried-Wagner-Haus neben dem Haus Wahnfried, als “Offizierskasino” benutzt.

So wurde Oberwarmensteinach auch der Geburtsort der ehemalige Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier. Die Urenkelin von Richard Wagner kam wenige Tage nach der Zerstörung der Festspielstadt als Tochter von Wolfgang und Ellen Wagner am 14. April 1945 zur Welt. Der damals 25-jährige Wolfgang Wagner hatte seine hochschwangere Frau Ellen rechtzeitig vor den Bombenangriffen in das Sommerhaus der Familie Wagner gebracht. Dort war seine Familie erst einmal sicher. Dort bewährte sich ihre Großmutter Winifred als Hebamme: Bei Kerzenlicht kam die kleine Eva zur Welt. Feindliche Tiefflieger zwangen zu dieser Vorsichtsmaßnahme.

Wolfgang Wagner mit Tochter Eva Wagner-Pasquier. Foto: Stephan Müller

Wolfgang und Ellen Wagner kehrten schon früher nach Bayreuth zurück. Wolfgang Wagner schreibt dazu in seiner Autobiografie “Lebensakte”:

Im Frühjahr 1946 bezog ich mit Frau und Tochter vier kleine Zimmer, mit einer Fläche von insgesamt 42 Quadratmetern, im Obergeschoss des Gärtnerhauses von Wahnfried , die früher den Dienstmädchen als Wohnung gedient hatten. Ein Sohn kam mit der Geburt Gottfrieds am 13. April 1947 auch noch mit in unsere Behausung. Meine offizielle polizeiliche Anmeldung jedoch erledigte ich erst am 3. September 1948, da mir die Nichtanmeldung einen Status gewisser Unkontrollierbarkeit, damit mehr Bewegungsspielraum verlieh. Gegebenenfalls entschlüpfen zu können, gleichgültig welchem Zugriff, hielt ich in jener Zeit und unter den durchaus besonderen Existenzbedingungen für sehr nützlich.

(Auszug Autobiografie “Lebensakte” von Wolfgang Wagner)

Das Gärtnerhaus war jahrelang der Wohnsitz der Familie Wagner. Foto: Stephan Müller

Wolfgang Wagners vierköpfige Familie “wohnte” von 1946 bis 1955 insgesamt neun Jahre im Gärtnerhaus. Nachdem das Gebäude heute als Café genutzt wird, kann sich jeder Gast ein Bild davon machen, wie beengt die Familie damals im ersten Stock gewohnt hat. Eva Wagner-Pasquier erzählte später, dass sie sich noch genau erinnern kann, wie ihre Eltern Wolfgang und Ellen und ihr Bruder im Gärtnerhaus untergebracht und die Wohnung eingerichtet war: “Ich habe Zither gelernt, weil kein Platz für ein Klavier war. Erst nach dem Umzug in das Wohnhaus am Grünen Hügel in unmittelbarer Nähe zum Festspielhaus gab es dann Blockflötenunterricht und Klavierstunden, wie sich das gehört!”, so Eva Wagner-Pasquier.


Text: Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


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