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Die Bayreuther Stadtteile: Das “Kasernenviertel”

Woher kommen eigentlich die siedlungsgeschichtlichen Namen der Bayreuther Ortsteile? In Teil 34 der Bayreuther Stadtteil-Serie widmet sich bt-Hobbyhistoriker Stephan Müller dem “Kasernenviertel”.

Das Bayreuther Kasernenviertel

Durch den Pariser Vertrag vom 28. Februar 1810 kam das ehemalige Fürstentum Bayreuth an das Königreich Bayern. Im Vertrag von Tilsit vom 9. Juli 1807 hatte Napoleon den unterlegenen Preußen die ehemalige Markgrafschaft abgenommen und bot es dem bayerischen König Max I. Joseph Bayreuth zum Kauf an.

So wurde Bayreuth 1810 zu einer bayrischen Garnisonstadt, der “13 Linien-Infanterie-Regiment” und eine Abteilung der leichten Reiter (Chevaulegers) zugeteilt wurden. Nach dem Krieg von 1866 wurde das 7. Infanterie-Regiment, bei dem nun Einheimischen ihren Militärdienst ableisten konnten, und das 6. Chevaulegers-Regiment nach Bayreuth verlegt. Die Infanteristen waren in der Mainkaserne (heute oberhalb der Kolpingstraße), die leichten Reiter in der Kavalleriekaserne am Geißmarkt stationiert.

Ein Plan der Kaserne aus dem Jahr 1907. Foto: Archiv Bernd Mayer.

In der Euphorie des gewonnenen deutsch-französischen Krieges von 1870/71 wurde die Garnison in Bayreuth weiter ausgebaut – und zwar gewaltig. Südlich der Erlanger-Straße entstand eine riesige Kaserne für das königliche Militär, das in ihren Umrissen noch heute sehr gut zu erkennen ist.

Die drei riesigen Kasernengebäude der “Siebener” standen auf dem Behördenparkplatz an der Rathenaustraße (Autohaus Popp), auf der Wiese hinter der Studiobühne und an der Leibnitzstraße (ehemaliger “Lidl”-Parkplatz). Foto: Archiv Bernd Mayer.

Die heutige Ludwig-Thoma-Straße (damals Hartmannstraße) teilte das Bayreuther Hausregiment, “Die Siebener” (Infanterie) und die Chevaulegers (Kavallerie). Die Kaserne hatte von der Rathenaustraße (Kasernstraße) bis zur Justus-Liebig-Straße (Orleons-Straße) und von der Hegelstraße (Lazarettstraße) bis zur Robert-Koch-Straße (von-der-Tann-Straße) riesige Ausmaße.

Das Stabsgebäude der Fresnoy-Kaserne. Dahinter befinden sich Familiengebäude der Chevaulegers. Foto: Stephan Müller.

Die zivile Nutzung der Militärgebäude

Viele ehemalige Militärgebäude sind auch heute noch zu sehen. Im Viertel der “Siebener” werden die Bauten durch das Polizeipräsidium, die Polizeiinspektion Bayreuth-Land oder auch die Studiobühne genutzt. Auf der “Seite der Kavallerie” befinden sich das Sozial- und Arbeitsgericht, die Autobahndirektion oder Flüchtlingsunterkünfte in der Wilhelm-Busch-Straße in den roten Backsteingebäuden.

Die Studiobühne ist in einem ehemaligen Kasernengebäude der “Siebener” ein neues Zuhause. Foto: Stephan Müller.

Im südlichen Bereich waren Wirtschaftsgebäude, eine Bäckerei und zahlreiche Lagergebäude. So war das schöne Klinkergebäude, in dem die Easy-Apotheke Medikamente verkauft, einer von mehreren Heu- und Haferspeichern der Kavallerie.

Wo heute Medikamente verkauft werden, war zu Militärzeiten Heu und Hafer gelagert. Foto: Stephan Müller.

Offiziere und Gaststätten

Das Offizierskasino der Infanterie an der Ecke Wilhelminenstraße / Wittelsbacherring wurde jahrzehntelang von der Bundeswehr genutzt und ist heute ein weiteres Gerichtsgebäude. Die Offiziere der Kavallerie trafen sich in einem markgräflichen Gebäude in der Friedrichstraße (Verwaltungsgericht).

Im ehemaligen Militär-Lazarett befindet sich heute das “Zentrum Bayern Familie und Soziales, Region Oberfranken”, das die Bayreuther weiterhin “Versorgungsamt” nennen werden. Foto: Stephan Müller.

In den schönen Backsteingebäuden in der Kasernstraße (Rathenaustraße bis zur Metzgerei Gareiß) waren das Bezirkskommando und Offizierswohnungen zu finden. Die Gaststätten in diesem Bereich hießen “Fürst Bismarck”, “Deutscher Kaiser” und natürlich “Prinz Leopold”. Nach dem bayerischen Prinzen, der schließlich der Regimentsinhaber der “Siebener” war, ist bis heute die Leopoldstraße benannt.

Die ehemaligen Kasernengebäude in der Wilhelm-Busch-Straße. Foto: Stephan Müller.

Natürlich benötigten die vielen Soldaten auch einen großen Exerzierplatz. Im Jahr 1898 stellte die Stadt Bayreuth der Standortverwaltung zwischen der Birken und Karolinenreuth ein Areal von über 150.000 Quadratmeter zur Verfügung. Die Kleingartenanlage “Exerzierplatz” erinnert noch an das Gelände, auf dem die militärischen Übungen durchgeführt wurden.

Das notwendige Etablissement

Und natürlich gab es auch ein Bordell. Im April 1892 sprach eine gewisse Anna Kratz aus Böhmen in der Stadtverwaltung vor, um in der Kasernstraße 23½ eine „Weinhandlung“ anzumelden. Es fiel lange Zeit gar nicht auf, um welches Etablissement es sich handelte. Mit der Zeit natürlich schon: Allein deshalb, weil Anna Kratz gerne mit einer offenen Pferdekutsche durch die Stadt fuhr, um – so nebenbei – die Neuerscheinungen ihres Hauses zu präsentieren. Für junge Männer soll es sogar, wie Zeitzeugen berichten, eine Art Sozialtarif gegeben haben. So mancher verklemmte Bayreuther Jüngling habe deshalb hier seinen ersten Probelauf absolviert.

Nach dem 1. Weltkrieg

Nach dem 1. Weltkrieg war die Zeit der Chevaulegers vorbei. Zur Erinnerung wurde der Brunnen mit dem “leichten Reiter” auf dem Sternplatz aufgestellt. Die Garnison wurde neu strukturiert. Das Viertel zwischen der Kasernstraße und der Xylanderstraße (heute Leibnizstraße) wurde zur “Landespolizeikaserne”. Auf dem Gelände steht heute unter anderem das Autohaus Popp und die neue Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums. Die anderen Teile wurden schlicht zur “Reichswehrkaserne”.

Das Polizeipräsidium in der Ludwig-Thoma-Straße. Foto: Stephan Müller.

Nach dem 2. Weltkrieg

Auf dem Areal der einstigen Baracken des 6. Chevaulegers-Regiments entstanden im Jahr 1938 neue Kasernengebäude, die heute das Sozial- und Arbeitsgericht beherberge. Auf diesem Kasernenareal zogen in der Nachkriegszeit amerikanische Soldaten ein. Ein Treppenwitz in der Bayreuther Stadtgeschichte ist es, dass diese amerikanische Kaserne vier Jahrzehnte lang “Hans-Schemm-Kaserne” hieß. Erst im Jahr 1986 (!) wurde sie in “Röhrenseekaserne” umbenannt.

Erst die Kavallerie, dann die Wehrmacht, dann die Amerikaner – heute das Sozial- und Arbeitsgericht. Das Gelände der ehemaligen Röhrenseekaserne. Foto: Stephan Müller.

Die Relikte der Kaserne

Das Ehrenmal der „Siebener“ wurde 1958 an den Schützenplatz (heute Graf-Münster-Gymnasium) verlegt. An der ehemaligen Stelle steht heute ein mehrgeschossiger Wohnblock (gegenüber des ehemaligen “Lidl”-Parkplatzes an der Leibnizstraße.

Noch heute erinnern Bayreuther Straßen an gewonnene Schlachten. Die Weißenburger Straße und die Wörthstraße in der Nähe des Altstädter Bahnhofes erinnern “erfolgreiche” Kriegshandlungen im Jahr 1870. Die Tannenbergstraße erinnert an eine siegreiche Schlacht im 1. Weltkrieg über die russische Armee.

Auf dem Kasernengelände waren auch Ehrentafeln für Bayreuther Soldaten, die 1904 im Hererokrieg in der deutschen Kolonie Deutsch-Süd-West-Afrika gefallen sind. Diese Tafeln fanden im Stadtfriedhof einen neuen Platz.

Auf dem Kasernengelände fand 1921 das Bezirksfest der Turner statt. Foto: Archiv Stephan Müller / Bayreuther Turnerschaft.

Stephan Müller

Stephan Müller

Stephan Müller (54) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

Ein Festzug zieht an einem "Siebener"-Kasernengebäude in der Hartmannstraße (heute Ludwig-Thoma-Straße) vorbei. Im Hintergrund ist der Justizpalast zu erkennen. Foto: Archiv Bernd Mayer.Ein Festzug zieht an einem "Siebener"-Kasernengebäude in der Hartmannstraße (heute Ludwig-Thoma-Straße) vorbei. Im Hintergrund ist der Justizpalast zu erkennen. Foto: Archiv Bernd Mayer.
Das Versorgungskrankenhaus heißt heute "Krankenhaus Hohe Warte". Foto: Archiv Elfriede MüllerDas Versorgungskrankenhaus heißt heute "Krankenhaus Hohe Warte". Foto: Archiv Elfriede Müller
Wenige Tage, nachdem in der deutschen Kolonie Kamerun die deutsche Fahne gehisst wurde, benannten Festspielmitwirkende das Forsthaus um: "Dort ka ma ruhn". Foto: Archiv Bernd Mayer.Wenige Tage, nachdem in der deutschen Kolonie Kamerun die deutsche Fahne gehisst wurde, benannten Festspielmitwirkende das Forsthaus um: "Dort ka ma ruhn". Foto: Archiv Bernd Mayer.
Die Stadtansicht zeigt Bayreuth um 1680. Der Hof-Musikus Georg Carl war 1675 am Hofe des Markgrafen Christian Ernst im Stadtschloss (links) in Anstellung. Foto: Archiv Bernd MayerDie Stadtansicht zeigt Bayreuth um 1680. Der Hof-Musikus Georg Carl war 1675 am Hofe des Markgrafen Christian Ernst im Stadtschloss (links) in Anstellung. Foto: Archiv Bernd Mayer
Ein beliebte Ausflugsgaststätte war das "Restaurant am Stuckberg". Foto: Archiv Ernst-Rüdiger Kettel.Ein beliebte Ausflugsgaststätte war das "Restaurant am Stuckberg". Foto: Archiv Ernst-Rüdiger Kettel.
Wagnerianer und Kenner des "Rheingold" wissen was gemeint ist: "Zur Burg führt die Brücke" heißt es im letzten Akt von Wagners "Rheingold". Auch hinter dem Hauptbahnhof führt eine Brücke zur Burg. Foto: Stephan Müller.Wagnerianer und Kenner des "Rheingold" wissen was gemeint ist: "Zur Burg führt die Brücke" heißt es im letzten Akt von Wagners "Rheingold". Auch hinter dem Hauptbahnhof führt eine Brücke zur Burg. Foto: Stephan Müller.
Das Gelände zwischen den Ortsteilen Meyernberg und Oberpreuschwitz hat den Flurnamen "Österreich", das "ein Gebiet nach Osten begrenzt". Der ungewöhnliche Blickwinkel auf die Reha-Klinik und das Neubaugebiet von Oberpreuschwitz wurde durch einen Hub-Kran auf dem Gelände des Stadtgartenamtes bei einem "Tag der offenen Tür" möglich. Foto: Stephan Müller.Das Gelände zwischen den Ortsteilen Meyernberg und Oberpreuschwitz hat den Flurnamen "Österreich", das "ein Gebiet nach Osten begrenzt". Der ungewöhnliche Blickwinkel auf die Reha-Klinik und das Neubaugebiet von Oberpreuschwitz wurde durch einen Hub-Kran auf dem Gelände des Stadtgartenamtes bei einem "Tag der offenen Tür" möglich. Foto: Stephan Müller.
Die Brauerei J. Friedel. Foto: Archiv Bernd Mayer Stiftung.Die Brauerei J. Friedel. Foto: Archiv Bernd Mayer Stiftung.
Bayreuths Stadtteil Moritzhöfen mit dem Wilhelm-Leuschner-Geburtshaus. Foto: Susanne MonzBayreuths Stadtteil Moritzhöfen mit dem Wilhelm-Leuschner-Geburtshaus. Foto: Susanne Monz
Blick auf das Festspielhaus im Jahr 1880. Im Vordergrund ist das alte Bahnhofsgebäude und das Bahnhofshotel zu sehen. Foto: Archiv Bernd Mayer.Blick auf das Festspielhaus im Jahr 1880. Im Vordergrund ist das alte Bahnhofsgebäude und das Bahnhofshotel zu sehen. Foto: Archiv Bernd Mayer.