Einmal um die Welt: Drei Bayreuther bei den Olympischen Spielen

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Bei den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne waren mit dem Schwimmer Horst Weber und die beiden Fußballer Hans “Jumbo” Zeitler und Fritz Semmelmann gleich drei Sportler aus Bayreuth dabei. Horst Weber war der Jüngste aus der bekannten Bayreuther Schwimmerfamilie Weber und zählte in seiner Jugend zusammen mit seiner Schwester Lisl zu den erfolgreichsten deutschen Schwimmern. bt-Historiker Stephan Müller blickt zurück.

„Eine wirklich fundierte Medaillenchance hat nur der bullenstarke, unkomplizierte Naturbursche Horst Weber“. „Dem jungen Bayreuther ging es wie dem Schneider, der zuviel Stoff in den Rock verarbeitet hatte, dass ihm die Hose zu kurz wurde. Für die letzten hundert Meter fehlten ihm plötzlich Kraft und Luft“. „Der blutjunge Horst Weber hat sein Selbstvertrauen wiedergefunden, das er vor den Olympischen Spielen verloren hatte“.

Drei Schlagzeilen, die im Jahr 1956 in deutschen Zeitungen und die kurz und eindeutig die Hoffnungen, die Enttäuschung und den Blick in die Zukunft ausdrückten. Bayreuth war damals eine Schwimmerhochburg: Die „Bayreuther Schwimmfabrik“ mit den gefürchteten „Ws“ Horst und Isolde Weber, Sieglinde Wolff und Christl Werther sammelte bei den deutschen Titelkämpfen die meisten Titel. Obwohl von diesem Quartett nur der Schmetterling-Spezialist Horst Weber für die Olympia nominiert wurde, gab es keine vergleichbare deutsche Kleinstadt, die gleich drei Olympiateilnehmer nach Australien schickte.

Jahre später: die drei Bayreuther Olympiateilnehmer Zeitler, Weber und Semmelmann. Foto: Stephan Müller.

Einmal um die Welt

Am 11. November 1956 stiegen Weber, Zeitler und Semmelmann er mit der damals noch gesamtdeutschen Mannschaft in Hamburg in das Flugzeug. Nach Zwischenlandungen in Nordschweden, Alaska (noch einmal Alaska, weil das Flugzeug wegen technischer Schwierigkeiten umkehren musste), Hawaii (nach Begrüßung mit Blumenkränzen und Küsschen von Hula-Girls wurde ein kurzes Training im Pazifik angesetzt) und den Fidschi-Inseln kam die deutsche Mannschaft nach 96 Stunden im 20.000 Kilometer entfernten Melbourne an.

Horst Weber hatte am 20. August 1956, seinem 17. Geburtstag, den ungarischen Europameister György Tumpek (noch dazu dessen Hausbahn „im Fegefeuer von Budapest“) mit dem neuen deutschen Rekord von 2:26,5 Minuten über 200 Meter Schmetterling besiegt und galt sofort als große Medaillenhoffnung für Australien. Aufgrund seiner in Regensburg aufgestellten Bestzeit von 2:25,9 Minuten, die zwei Sekunden schneller als der von Herbert Klein vier Jahre vorher aufgestellte Weltrekord war, schwamm er sich endgültig in den Favoritenkreis.

Sein Manko: Er hatte kaum internationale Erfahrung und musste in Australien ohne Trainer und Betreuer auskommen, weil DSV-Trainer Paul Andreas – wie auch DFB-Trainer Sepp Herberger – aus Kostengründen in Deutschland blieb. Für einen Betreuer oder Trainer blieb damals kein Geld.

Horst Weber. Foto: Schwimmverein Bayreuth.

Schon am Anfang ausgepowert

Übernervös traf Weber über die 200-Meter-Schmetterling-Strecke die falsche taktische Entscheidung, als er im Vorlauf alles riskierte und loslegte wie die Feuerwehr. Er schwamm die ersten 100 Meter in 1:06,2 Minuten! Drei Sekunden schneller als die Durchgangszeit bei seinem Deutschen Rekord! Nach 150 Metern verließen ihn die Kräfte: Mit einer für ihn schwachen Zeit von 2:32,4 Minuten wurde er zwar hinter Europameister Tumpek in diesem Vorlauf Zweiter – seine Zeit reichte jedoch nicht für den ersehnten Endlauf und musste sich mit dem (freilich trotzdem hervorragenden) elften Platz zufrieden geben.

Mit einem Trainer an seiner Seite wäre aber mit Sicherheit ein besseres Ergebnis möglich gewesen. Übrigens: In Peking 2008 wurden die 10.500 Athleten aus 205 Nationen von 5.500 Trainern und Betreuern begleitet.

Weber mit dem ehemaligen Bayreuther Oberbürgermeister Hans Walter Wild. Foto: Schwimmverein Bayreuth.

Die Spiele kamen zu früh

Wenige Wochen später verbesserte Weber in Deutschland in der Silbermedaillenzeit von Melbourne den deutschen Rekord erst auf 2:23,8 Minuten und schließlich im Länderkampf gegen Holland auf 2:22,7 Minuten. Den Olympia-Dritten Tumpek schlägt er in 2:25,7 Minuten bei einem Länderkampf in Reutlingen ein weiteres Mal. Offensichtlich kamen die Olympischen Spiele für Horst Weber etwas zu früh.

Seinen Leistungshöhepunkt erreichte er erst in den Jahren danach. In seiner Spezialdisziplin Schmetterling wurde er von 1956 bis 1959 siebenfacher deutscher Meister, wurde 1960 Militär-Weltmeister und stellte insgesamt 22 neue deutsche Rekorde auf. Horst Weber, der über 40 Jahre Schwimmmeister im SVB-Hallenbad war, starb 2002 im Alter von nur 62 Jahren.

Die Fußballer

Ähnlich rasant war das Unternehmen Olympia für „Jumbo“ Zeitler, Fritz Semmelmann und ihre Fußball-Kollegen nach nur einem Spiel vorbei: Nur wenige Länder verfügten 1956 über die finanziellen Mittel, um eine “Expedition” von über zwanzig Mitgliedern zu einem Amateur-Fußballwettbewerb rund um die Erde reisen zu lassen. Noch dazu in einer Disziplin, in der die Goldmedaille schon vor Beginn praktisch vergeben war. Allen Beteiligten war vor der ersten Begegnung klar, dass die “Staatsamateure” aus Russland, Bulgarien und Jugoslawien nicht mit dem westeuropäischen Begriff des Amateurs verglichen werden konnte. So traf die deutsche Olympiaauswahl gleich im ersten Spiel auf die selbe russische Mannschaft, die kurz vorher in Hannover die deutsche (Vertragsspieler-) Nationalmannschaft – immerhin amtierender Weltmeister von 1954) mit 2:1 besiegt hatte.

Gleiches Recht für alle galt damals nicht. Die Bulgaren wahrten auf eine andere Weise das Amateurgesicht: Sie traten zwar mit der stärksten Mannschaft auf, ließen aber ihrer Vertragsspieler unter anderem Namen antreten! So trat der berühmte Boskov unter dem Namen S. B. Stefanow an.

Wie Deutschlands Beste

Die deutsche Truppe verlor gegen die Staatsamateure der Sowjetunion (mit der Torhüterlegende Lew Jaschin) mit 1:2 Toren. In einem Olympiabuch von 1956 heißt es wörtlich: “Habig erhielt eine Prachtvorlage von Zeitler und schoss (zum Anschluss) ein, 2:1. Nun stürmten die Deutschen mit allen Kräften. Ein schöner Schuss Zeitlers ging unter dem sich lang hinwerfenden Jaschin an den Pfosten. 2:1 blieb es. Wenn man hier von Triumpfh sprechen kann, war es, trotz, ja wegen der Überlegenheit der Russen, ein Triumph der deutschen Elf, die auf neutralem Boden das gleiche Ergebnis abtrotzte, das Deutschlands Beste gegen ihn in Hannover zu erzielen vermocht hatte.” Es war ein schwacher Trost, dass die UdSSR später mit einem 1:0-Finalseig über Jugoslawien die Goldmedaille holte.

Freude bei Jumbo Zeitler und Fritz Semmelmann. Foto: Bernd Mayer Stiftung.

Bayreuther halten zusammen

Nachdem das Geld für die Unterkunft knapp war beschloss das deutsche Nationale Olympische Komitee zwei Fußballer in eine Maschine zu setzen, die noch zwei Plätze frei hatte. Es wurde um die beiden Nieten gelost. Fritz Semmelmann musste zurück, Jumbo Zeitler hätte bis zum Ende der Olympiade bleiben dürfen. „Was soll ich hier ohne Fritz? Ich reise auch ab“ schimpfte Jumbo und gab seinen Platz an den Düsseldorfer Mauritz, der die zweite „Niete“ gezogen hatte, ab. Dieses Vorgehen hatten die beiden Bayreuther im Fall der Fälle vorher ausgemacht.

Der DFB, der das finanzschwache NOK einen Zuschuss über die Hälfte der Olympiakosten unterstützte, bekam Wind von der Sache und setzte durch, das die Fußballer bleiben durften. Alle! „Im Endeffekt war ich ‚Schuld daran“ grinst Hans Zeitler. „So konnten wir alle Entscheidungen sehen. Wir hatten ja Zeit…“.


Fritz Semmelmann

Fritz Semmelmann bestritt 28 Spiele für die bayerische Amateurauswahl, mit der er dreimal den Länderpokal gewann. In der deutschen Amateur-Länderauswahl kam er 14 mal zum Einsatz. Von 1954 bis 1958 gehörte er zum Kader von Bundestrainer Sepp Herbergers, absolvierte aber – unter anderem mit Helmut Rahn oder dem blutjungen Uwe Seeler “nur” B-Länderspiele. Mit der SpVgg Bayreuth wurde er vor dem 1. FC Bayreuth und dem VfB Bayreuth (!) Meister der Bayernliga Nord. In  den bayerischen Endspielen setzten sich die Altstädter gegen den BC Augsburg und stiegen in die zweite Liga auf.

Hans Zeitler

Der Mittelstürmer Hans Zeitler spielte von 1949 bis 1958 für den VfB Bayreuth, ehe zur SpVgg Bayreuth wechselte. Ab 1950 absolvierte er 35 Spiele für die Bayernauswahl und wurde in 13 Länderspielen der deutschen Amateur-Nationalmannschaft (sieben Tore) und acht mal in der B-Nationalmannschaft eingesetzt. Am 20. April 1952 stand er im Aufgebot von Sepp Herberger für das A-Länderspiel gegen Luxemburg, wobei er sich beim 3:1-Sieg sogar als Torschütze auszeichnete.

 Text: Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

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