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Lost Places

Lost Places Bayreuth: Die vergessene Festung

Verfallene Orte, vergessene Ruinen – seit Jahren nimmt das Interesse an sogenannten „Lost Places“ stetig zu. Insbesondere in der jungen Millennial-Generation ist ihr melancholisch-morbider Charme populär. Nur die wenigsten wissen jedoch, dass auch in unserem beschaulichen Bayreuth eine Vielzahl solcher verlassenen Stätten zu finden sind.

Unsere erste Spurensuche führt uns in Bayreuths historische Innenstadt direkt vor das Markgräfliche Opernhaus, unser einmaliges Weltkulturerbe. Wir stehen vor seiner prachtvollen Rokokofassade, doch die wenigsten ahnen wohl, dass wir uns hier eigentlich außerhalb der einstigen Bayreuther Festung befinden, nämlich inmitten des Stadtgrabens. Drehen wir uns um, so erkennen wir – hinter dem noch relativ jungen Wittelsbacher Brunnen von 1910 – die alte Festungsmauer an ihren unregelmäßigen Sandsteinfelsen.

Stadtfestung Bayreuth

Die frühere Stadtfestung ist hier zwar nicht verfallen, aber schon irgendwie vergessen. Wir folgen dem weiteren Mauerverlauf und erklimmen hierfür an den Schlossterrassen die kleine Treppe aufs Schlossberglein. Nun stehen wir selbst oben auf der Feste und blicken aus der Stadt hinaus auf Graben und Opernhaus, ein aufschlussreicher Perspektivwechsel. Entlang der Gasse am Alten Schloss treffen wir schließlich auf die Maximilianstraße und hier beginnt das Mühsal – jede Festungsspur ist gänzlich verschwunden, getilgt aus dem Gedächtnis der Stadt.

Lost Places: Die vergessene Festung in Bayreuth. Foto: Florian André Unterburger

Umwege zur Erkenntnis

Seit der Marktsanierung klären zwar immerhin zwei Stelen über die Überreste des Oberen Stadttors auf, doch wenn man hier sogar die Fundamente „einer dreifach gestaffelten Toranlage, mit innerem Tor, Stadt- und Zwingermauer und äußerer Torburg“ gefunden hat, warum gibt es hierzu dann kein archäologisches Fenster oder zumindest ins Pflaster eingelassene Markierungen? Hier wurde eine Chance vertan, aber das ist erst der Anfang.

Gerne würde ich jetzt geradewegs durch das barocke Haus gegenüber flanieren und dem weiteren Verlauf der alten Festung folgen, doch nur ein Umweg von ein paar hundert Metern über die Kanzleistraße bringt mich weiter. Erst das vierte Portal der Kanzlei auf Höhe der Stadtkirche ermöglicht mir den Durchgang in die erstaunlich weiträumigen Innenhöfe. Doch auch leider nur bis maximal 17:30 Uhr, und auch nur unter der Woche – keine guten Aussichten für die berufstätige Öffentlichkeit.

Lost Places: Die vergessene Festung in Bayreuth. Foto: Florian André Unterburger

Eingetreten in die Höfe der Kanzlei, in welcher auch heute noch die Verwaltung des Regierungsbezirks sitzt, kommen allerdings noch immer keine erhabenen Gefühle auf: Uns begrüßt ein großer asphaltierter Parkplatz, während ein einsames Reststück der Festungsmauer, umsäumt von Müllcontainern, in den Hof ragt. Erst links im nächsten Innenhof nähern wir uns der erhofften Erkenntnis, hier ist die beeindruckende Mauer noch fast vollständig erhalten – mit viel Fantasie oder Satellitenbildern kann man den Zusammenhang zum Schlossberglein endlich herstellen.

Lost Places: Die vergessene Festung in Bayreuth. Foto: Florian André Unterburger

Der Verlassene Garten

Wenn wir nun den kleinen Durchlass durch die über zwei Meter dicke Festungsmauer durchschreiten und die alten mit Moos überwachsenen Treppen hinabsteigen, können wir so langsam doch einen Hauch von Lost Places atmen. Hier unten zwischen jahrhundertealten Eichen und Ahornbäumen, wo früher der Stadtbach Tappert durch den Graben floss, plätschert heute ein kleiner verzierter Springbrunnen. Ich blicke auf zur verwachsenen Mauer und frage mich, wie viel imposanter die aufragende Festung wohl auf die Angreifer gewirkt haben muss, als das Erdniveau noch deutlich tiefer lag?

Lost Places: Die vergessene Festung in Bayreuth. Foto: Florian André Unterburger

Wo früher Kanonen lagerten, wurden im freiheitlichen Geiste der Aufklärung schließlich Gärten und Promenaden angelegt, die Enge der mittelalterlichen Stadt wurde hinter sich gelassen – und hierbei tat sich unser Fürstentum Brandenburg-Bayreuth schon früh hervor. Die markgräfliche Entfestigung der Stadt entsprach nicht nur dem postbarocken Zeitgeist des 18. Jahrhunderts, der weltoffene Hof Wilhelmines war in vielerlei Hinsicht bereits ein früher Vorreiter des revolutionären Aufbruchs, auch in seinen baulichen Strukturen.

Wie gerne würde ich nun weiter lustwandeln auf den Spuren dieses Umbruchs und dem naturbeseelten Freiheitsgefühl nachspüren – doch nachdem wir die in Sandstein eingefassten Kanzleigärten durchquert haben, endet auch schon wieder der frei zugängliche Pfad. Eine Reihe von Garagen steht der Verbindung zum angrenzenden Garten Jean Pauls im Weg und das kleine Gartentor, auf welches der einsame Mauerstumpf zeigt, ist verschlossen

Lost Places: Die vergessene Festung in Bayreuth. Foto: Florian André Unterburger

Also wieder raus auf die Kanzleistraße und links entlang zur prächtigen Friedrichstraße, doch auch hier wurden leider alle Festungsspuren verwischt. Wer ahnt schon, dass wir zwischen Steingraeber-Palais und Jean-Paul-Haus die alte Torbrücke über den Stadtgraben überschreiten? Erst rechts neben dem Wohn- und Sterbehaus des Dichters, wo sich sein – zurzeit noch nicht öffentlich zugänglicher – historischer Garten auftut, erkennt man die Tiefe des versteckten Grabens. Wir durchschreiten nun ein altes Barockportal, das durch einen Metallträger gestützt werden muss, passieren auch hier Garagen und Gestrüpp bis wir vollends dem Zauber dieses verlassenen Ortes anheimfallen:

Lost Places: Die vergessene Festung in Bayreuth. Foto: Florian André Unterburger

Während Blätterranken die Zwingermauer erobern, schlummert vor ihr ein überwucherter Trümmerhaufen; die hoch aufragende Festungsmauer selbst ist teils von Planen bedeckt, hinter welchen die Stadtkirchturmspitze hervor blickt; eine fast gänzlich von Efeu verschlungene Treppe führt hinauf auf eine erhöhte Terrasse – umso tiefer ich mich in diesen verlassenen Garten begebe, desto mehr geraten ich in den Bann seiner Geheimnisse.

Oben auf dem Zwinger verschlingen Gräser und Sträucher verfallene Steinbänke, die barocke Brüstung, ja die ganze Festung selbst. Und am Rand des Gartens finde ich ein dunkles Loch inmitten von Laub und Wiese – ein alter Pumpbrunnen, den Jean Paul bereits vor zwei Jahrhunderten nutzte. Was für ein romantischer Zauber, was für ein magischer Ort.

Lost Places: Die vergessene Festung in Bayreuth. Foto: Florian André Unterburger

Boulevard der Freiheit

Als ich wieder aus dem Garten herauskomme, kehre ich wie aus einer anderen Welt zurück auf die akkurat gepflasterte Ordnung der Friedrichstraße. Hier auf dem einzigen Boulevard (frz. “Bollwerk”) der Stadt – ein Begriff aus Zeiten der Entfestigung, als geschleifte Bollwerke zu öffentlichen Flaniermeilen wurden – endet also unsere mühsame Spurensuche. Überall Umwege, Barrieren, Gartenzäune – jeglicher Zusammenhang der ehemaligen Festung ist verloren, der alte Stadtgraben zerstückelt, die freiheitlichen Gärten vergessen und verlassen. Doch so darf es nicht bleiben!

Gerade heute in ähnlichen Zeiten des Umbruchs ist auch unser postmoderner Zeitgeist von naturbeseelter Freiheit geprägt. Es drängt uns hinaus aus der versiegelten Enge der Asphaltwüsten, die Gesellschaft bricht aus der strengen Betonmoderne aus und strebt nach Renaturierung, Entsiegelung und Wiederherstellung ökologischer Zusammenhänge. Hier an der vergessenen Festung kreuzen sich also Vergangenheit und Zukunft, dieser verlassene Ort ist eine einmalige Chance zur Vereinigung von magischer Naturromantik und verborgener Kulturgeschichte.

Vom Opernhaus durch die Gärten von Kanzlei und Jean Paul bis hierher zur Friedrichstraße könnte ein wirklicher Boulevard der Freiheit entstehen: Mauern und Grenzen überwinden, Natur und Kultur versöhnen, den Geist von Friedrich und Wilhelmine zu neuem Leben erwecken. Erst das Erleben der alten Festung lässt die Zeit der Expansion und Entfestigung, des Um- und Aufbruchs spürbar werden. Eine Epoche, die uns bekannt vorkommen sollte.

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger ist Autor und Historiker, im Rahmen seines Buchprojekts „Der Zerfall der Alten Ordnung“ hat er seine Leidenschaft für Lost Places entdeckt. Regelmäßig forscht er neuen Spuren des Umbruchs nach. Für das Bayreuther Tagblatt hat er die aufregendsten Spurensuchen zum Nachspazieren niedergeschrieben..