Gessn werd dahaam

Über 25 verschiedene Brotsorten: Zu Besuch bei einer Familienbäckerei im Raum Bayreuth

Diesmal zieht es Christoph Scholz über die Grenzen von Oberfranken hinweg nach Leipzig zu einem wissenschaftlichen Corona-Experiment. Doch kulinarisch geht es schnell wieder zurück nach Bayreuth. 

Am 22. August haben meine Frau Melanie und ich in Leipzig an einem spannenden wissenschaftlichen Experiment namens „RESTART-19“ teilgenommen, was für „Risk prEdiction of indoor SporTs And cultuRe events for the Transmission of COVID-19“ steht und sich mit „Risikovorhersage für die Übertragung von COVID-19 bei Sport- und Kulturveranstaltungen in geschlossenen Räumen“ übersetzen lässt.

“Restart-19”-Event in Leipzig

Nachdem wir am Vortag unseren Corona-Test absolviert hatten, begaben wir uns am Samstagmorgen zur Quarterback Immobilien Arena. Das ist die Leipziger Oberfrankenhalle, nur dreimal so groß (irgendwie musste ich einen Einstieg mit Bayreuth-Bezug finden). Unsere Temperatur wurde gemessen, wir erhielten eine Profi-Maske, ein spezielles Handdesinfektionsmittel, dessen Spuren unter UV-Licht sichtbar sind, Essensgutscheine und, als Herzstück des Experiments, einen sogenannten „Tracer“, eine Art Sender, der die Bewegungen und Interaktionen von uns und den rund 1.500 anderen Teilnehmern aufzeichnete.

Die so gewonnen Daten werden nun einige Wochen lang von Computern zu Modellen gerechnet, um das Ausbruchsgeschehen des Coronavirus bei Großveranstaltungen zu veranschaulichen und daraus Handlungsempfehlungen für Veranstaltungs- und Sportbetrieb, Wissenschaft und Politik abzuleiten.

Wir sehen junge Leute von Sportklubs in ihrer Vereinskleidung, Pärchen in Rammstein-T-Shirts oder solchen, auf denen „Working Crüe“ steht und der markante Bullenschädel des Wacken-Festivals zu sehen ist. Kamerateams von Tagesschau und CNN sind da, ein Reporter der New York Times macht sich Notizen.

Wissenschaftliches Corona-Experiment in Leipzig

Mir läuft Karsten Günther über den Weg, der Geschäftsführer des traditionsreichen Leipziger Handballvereins SC DHfK. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Halle (Saale), der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Betreibergesellschaft der Arena und den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt sind er und sein Verein Initiatoren und Organisatoren dieser Studie. Er erklärt mir, was in der Studie herausgefunden werden soll: „Drei Dinge werden gemessen: Wer begegnet wem wann, wie lange und wie oft. Damit sollen Kontaktpunkte lokalisiert und künftig entzerrt werden. Es wird die CO2-Entwicklung gemessen, anhand der die Aerosol-Entwicklung modelliert werden kann. Und wir werten aus, was alles angefasst wird, damit wir die Reinigungsprozesse anpassen können.“

Die Ergebnisse der RESTART-19-Studie werden im Oktober erwartet. Was wir in etwa zehn Stunden zwischen sächsischen Bratwürsten (lecker, aber natürlich nicht so gut wie in Bayreuth!) und mehreren kurzen Konzerten von Popstar Tim Bendzko (wir sind jetzt Fans!) erlebt haben, erfahren Sie in einem Videobericht der „Red Curtain Show“, in dem Sie mich in meinem ersten Interview mit Maske sehen können.

Essen dahaam – Schnelle Küche für Zuhause

Hungrig kommen wir am Samstagabend aus Leipzig haam. Nachdem ich in den ersten Coronamonaten täglich üppig kochte, was soweit führte, dass ich bei uns dahaam „chinesische“ und „amerikanische“ Wochen veranstaltete, bin ich der Kocherei und langer Zutatenlisten überdrüssig.

Oft greife ich nun zu „Greenfeast“, Nigel Slaters vegetarischem Sommerkochbuch, dessen Rezepte durch wenige Zutaten, schnelle, idiotensichere Zubereitung und wenig Abwasch überzeugen. Nachdem wir am Vorabend des Experiments im coolen Leipziger Restaurant „Pilot“ Klassiker der DDR-Küche wie Würzfleisch und Soljanka getestet hatten, haben wir heute Abend Appetit auf ein bisschen New York. Ein Bagel soll es sein. Auch hier hat Slater ein Rezept, das Sie am Ende dieses Artikels finden, parat.

Klassische Bagel-Brötchen mit Sesam sind hierzulande allerdings gar nicht so einfach zu bekommen. Daher bestelle ich Bagels immer auf Vorrat zum Einfrieren in der Geseeser Landbäckerei bei Familie Schatz. Die Geschichte dieser sympathischen Familienbäckerei begann 1912 in Bayreuth. 1975 expandierte man in den jetzigen großen Betrieb im Sophienbergweg in Gesees.

Geseeser Landbäckerei – Tradition seit vier Generationen

Wenn Chefin Sylvia Schatz-Seidel, die vierte Generation im Betrieb, zu nachtschlafender Zeit um vier Uhr ihren Arbeitstag beginnt, haben ihre Bäckerinnen und Bäcker schon etliche Stunden hinter sich. Die Brotbäcker haben um 20 Uhr begonnen und „bis zu fünfundzwanzig Brotsorten“ gebacken, wie mir Sylvia Schatz-Seidel verrät.

Fünfzehn Brötchensorten, Gebäck, Kuchen und Torten folgen über Nacht. Dienstags und donnerstags werden die berühmten Schatznküchle frisch von vier „Küchlafrauen“ nach altem Rezept gebacken. Bayreuther Spritzkuchen und Bamberger Hörnchen zählen zu den Klassikern, ebenso wie das begehrte Weiglathaler-Biergartenbrot.

59 Frauen und Männer, sechs Filialen und ein gut funktionierendes Netzwerk in der Region: „Der ‚Löwe‘ hier in Gesees holt sich das Brot von uns, wir verkaufen deren Marmeladen und Soßen.“

Mein aktueller Frühstücks-Favorit sind die „Schatzis“, Semmeln mit Grieß, mit dem köstlichen Honig von Dr. Wolfgang Au (den Sie aus Folge 12 kennen), der uns mit seinem Hund Pepper beim „Einsturzgefahr“-Event auf der Stöckelkeller-Baustelle in Unternschreez besuchte.

Geseeser Landbäckerei – Enorme Umsatzeinbußen durch Corona

Als ich vor ein paar Wochen wieder einen Bagel-Vorrat abholte, hatte Chefin Sylvia Schatz-Seidel einige Sorgenfalten auf der Stirn: Bis zu vierzig Prozent Umsatz fehlten in den letzten Monaten in der Kasse, einige Kollegen sind immer noch in Kurzarbeit: „Was uns fehlt ist das Veranstaltungs- und Liefergeschäft, von Häppchen für Empfänge in der Uni Bayreuth bis zum Bayreuther Bürgerfest“, sagt Sylvia Schatz-Seidel.

Über den Sinn oder Unsinn von Veranstaltungen, Sport und Kultur in diesen Coronazeiten wird viel diskutiert. Vielleicht denken Sie sich: Ist ja alles nicht so schlimm. Die Champions League gab’s schon wieder, auf der „LGS“ (ein Geheimcode unter jungen Bayreuthern, scheint mir) fanden kleine Konzerte statt. Und bekannte Stars haben vielleicht genug verdient, um auch mal eine Zeit lang ohne Tourneeeinkünfte zurechtzukommen.

Auch die Eventbranche leidet unter Corona

Was weniger gesehen wird, sind die Menschen und Unternehmen im Hintergrund: Messe- und Bühnenbauer, Veranstaltungstechniker, Eventagenturen- und Locations, Cateringfirmen, Eventlocations, Messegesellschaften, Kongresscenter, Tagungshotels, Taxifahrer, Sicherheitsdienste. Konzertagenturen sind hochspezialisierte Wirtschaftsbetriebe, die von kleinen Jazzabenden mit stark reduzierter Zuschauerzahl nicht leben können. Auch der Leipziger Handballclub ist ein kleiner mittelständischer Betrieb, der keine großen Fernseh-Deals hat und auf die Ticketeinnahmen seiner Spiele angewiesen ist, denn diese machen einen Großteil des Umsatzes aus.

Unterstützen Sie die regionale Wirtschaft

Darf ich Ihnen etwas vorschlagen? Wenn Sie demnächst ein Fest haben, buchen Sie ein Catering, vielleicht in der Geseeser Landbäckerei. Buchen Sie Live-Musik, zum Beispiel Tomac, einen wunderbaren Gitarristen und Sänger, den wir in Unternschreez bei „Einsturzgefahr“ zu Gast hatten. Gehen Sie jetzt ins Kino, zum Beispiel hier bei uns in Bayreuth ins Cineplex. Nach Monaten ohne große neue Filme wagen sich das Warner-Brothers-Filmstudio und Starregisseur Christopher Nolan („Interstellar“) mit „Tenet“ raus.

Ich denke auch an unsere Schulen und an die Unis. Wir müssen uns wieder zu bewegen und zu verhalten lernen, wo viele Menschen sind. Mit besonderem Schutz für gefährdete Personenkreise, mit Abstand, Masken, Händewaschen und gesundem Menschenverstand ist längst mehr möglich. Es braucht jetzt klare Planungshorizonte für Kultur und Sport. Passiert das nicht, sind die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen auf Dauer unabsehbar. „Kultur ist eine wirtschaftliche Aktivität“, hat der französische Premierminister kürzlich gesagt.

Mein Rezept-Tipp: Senf-Guacamole, Mozzarella, Bagel

1 rote Zwiebel schälen und in dicke Ringe schneiden. In einem kleinen Topf mit ein wenig Wasser und 100 ml Weißweinessig zum Kochen bringen, vom Herd nehmen und 10 Minuten ziehen lassen.

Das Fleisch von 2 Avocados (bitte sehr gute ganz frisch zubereiten) in einer Schüssel zerdrücken, 2 Teelöffel körnigen Senf, 1 kleine Handvoll gehackter Korianderblätter, den Saft ½ Zitrone und 1 Esslöffel Olivenöl unterziehen. Arbeiten Sie vorsichtig und schnell, eine grob strukturierte Guacamole soll entstehen. 4 Bagels quer halbieren, die unteren Hälften mit der Avocadocreme bestreichen. 1 Kugel Mozzarella in unregelmäßigen Stücken darauf verteilen, die abgetropften Zwiebelringe und etwas Kresse dazugeben. Bagels zuklappen und genießen.
Aus „Greenfeast“, Frühling/Sommer, von Nigel Slater. Erschienen im Dumont-Verlag. Es gibt auch eine Herbst/Winter-Ausgabe, die das Christkind (vertreten durch meine Schwiegermutter) mir sicher unter den Weihnachtsbaum legen wird.

Tipps für einen Besuch in Leipzig:

  • Schlafen: Wenn wir in Leipzig sind, übernachten wir im Motel One Post. Ein aufwendig sanierter Bau der sozialistischen Moderne aus den früher sechziger Jahren. Atemberaubende Blicke von der Rooftop-Bar über Leipzig und auf das gewaltige Völkerschlachtdenkmal.
  • Essen: Pilot –  Stimmig ausgesuchte, erschwingliche Weine. Köstliche Limonaden. Ein Hauch von Ostalgie trifft moderne Großstadtküche.

Christoph Scholz

Christoph Scholz

Christoph Scholz ist 45 Jahre alt und Familienvater. Sein Geld verdient er als Projektleiter bei Semmel Concerts. Privat beschäftigt er sich gerne mit den Themen Essen, Trinken, Kochen, Gastronomie und Hotellerie.

Verkaufsraum der Geseeser Landbäckerei. Foto: Geseeser LandbäckereiVerkaufsraum der Geseeser Landbäckerei. Foto: Geseeser Landbäckerei
Rapsody of Spices in Kulmbach wird von den Azubis der Firma Raps geführt. Hier im Bild: Natalie Hofmann (links) und Maria Limmer (rechts). Foto: Christoph ScholzRapsody of Spices in Kulmbach wird von den Azubis der Firma Raps geführt. Hier im Bild: Natalie Hofmann (links) und Maria Limmer (rechts). Foto: Christoph Scholz
Christoph Scholz vor dem Meinel Bräu mit den Schwestern Gisi Meinel-Hansen (Mitte) und Moni Meinel-Hansen (Rechts). Foto: PrivatChristoph Scholz vor dem Meinel Bräu mit den Schwestern Gisi Meinel-Hansen (Mitte) und Moni Meinel-Hansen (Rechts). Foto: Privat
Swagman im Industriegebiet. Foto: Christoph Scholz
Möbel
Foto: Christoph Scholz
Foto: Melanie ScholzFoto: Melanie Scholz
Foto: Christoph ScholzFoto: Christoph Scholz
Foto: Redaktion
Foto: Redaktion