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Eine Komödie?! – „Die Meistersinger von Nürnberg“
Erfreulich! Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“, die in diesem Jahr bei den Bayreuther Festspielen neu inszeniert werden, sind das einzige Festspielwerk Wagners, in dem es keine Toten gibt.
Wagner bezeichnete das Werk anfangs sogar als „komische Oper“ – später jedoch nicht mehr. Kein Wunder, denn für die Komik hatte Wagner in etwa so viel Begabung wie für’s Geld. Aber gleichwohl: hier raunt einmal nicht der Mythos, hier klingen nicht Erlösungssehnsucht und überirdische Transzendenz, sondern schon das blechglänzende Vorspiel mit seinem einfach ehrlichen C-Dur in würdevoll-feierlichem Allegro maestoso, von Wagner als „sehr mäßig bewegt“ bezeichnet, stellt den musikalischen Ausdruck und damit die Atmosphäre des gesamten Werks mit beiden Beinen fest auf den Boden der Wirklichkeit – auch wenn es die historisch verklärte von Nürnberg Mitte des 16. Jahrhunderts ist.
Ein Lustspiel beginnt so nicht, eine Komödie vielleicht aber doch. Aber hier soll sich der Zuschauer keineswegs brüllend vor Lachen auf die Schenkel schlagen. Wenn sich der Vorhang öffnet, ist Gottesdienst in der Nürnberger Katharinenkirche, und die Gemeinde singt den Choral „Da zu dir der Heiland kam.“ – Nein, die „Meistersinger“ sind – ihrer gelegentlich putzigen Äußerlichkeiten zum Trotz – wie auch die anderen Werke Richard Wagners durchherrscht von pathetischem Riesenernst.
Und doch… . Keine platte Komik zwar, keine Gags, aber Humor mit hintergründigem Witz. Komödie eben, ein Stück über das Menschliche und Allzumenschliche, bei dem es vom Erhabenen zum Lächerlichen oft nur ein kleiner Schritt ist. Wie im Falle Beckmessers, der nur als aufrichtig ernsthafter Charakter, nicht aber als Karikatur, die nötige Fallhöhe zur Peinlichkeit besitzt. Nicht im lauten höhnischen Auflachen, sondern im nachsichtigen und manchmal wohl auch seufzenden Lächeln Hans Sachs‘ wird der innere Schmerz des Lebens und Leidens bewältigt, dem es – trotz allem – entspringt und abgerungen ist. Die „Meistersinger“-Komödie ist mithin Inbegriff eines Ausgleichs zwischen den widerstreitenden Kräften des Lebens und Menschseins, die Herstellung einer emotionalen und moralischen Balance als Wesenszug des Humanen an und für sich.
Nicht jedoch etwa in weltanschaulichen Überzeugungen, Politik oder staatlicher Ordnung findet dieser humane Ausgleich als eine Art Pneumatik der menschlichen Vernunft hier seinen Ausdruck, sondern in der Kunst – namentlich in der Musik des Meistersangs. Nicht das Gesetz, sondern die Tabulatur ist hier das Regelwerk für den gesellschaftlichen Konsens. Staatliche Obrigkeit und Ordnungsmacht dagegen gibt es nicht, sondern die „Meistersinger“ formulieren nichts weniger als ein Modell bürgerlicher Selbstorganisation und Selbstregierung, deren Keimzellen die Zünfte sind. Damit ist das Werk auch ein Hymnus auf die Demokratie!
Doch wie die etwas beängstigende nächtliche Massenprügelei am Ende des 2. Aufzugs zeigt, gibt es auch anarchische Ausbrüche aus dem starren Korsett, die eingehegt werden müssen. Licht und Schatten bedingen sich eben gegenseitig. So wird ausgerechnet der junge Anarchist und Feuerkopf Walther von Stolzing, als Ritter eigentlich Vertreter eines obsolet gewordenen Standes und wie auch Sachs und selbst Beckmesser Abbild Wagners, zum notwendigen Korrektiv. Den Ausgleich des zur Erstarrung tendierenden Systems zu heiterer Humanität liefert das Preislied, in und mit dem das ohnehin füreinander bestimmte Paar seine Liebe gewinnt und offenbart.
Entsprungen ist dieses Meisterlied, das seine Regeln aus sich selber schafft und so auf der Festwiese zu seiner herrlich überwältigenden Wirkung gelangt, indessen der „seligen Morgentraumdeutweise“ Stolzings – just nach der nächtlichen Prügelei, die Ausdruck dessen ist, was Wagner und Sachs den weltbezwingenden „Wahn“ nennen. Und träumend verarbeiten und bewältigen wir diese Sickergruben unseres Bewusstseins in einer Art psychischem Recycling, indem dessen fragmentarische Reste im Unterbewusstsein durch Verschiebung und Komprimierung zumal komischen und grotesken, mal beängstigenden und schrecklichen Bildern amalgamiert werden. So wusste es schon Freud und diagnostizierte diese Mechanismen bemerkenswerterweise ebenfalls für – den Witz und damit das Seelenelement der Komödie.
Und wie Hans Sachs so treffend darlegt: „das grad‘ ist Dichters Werk, / daß er sein Träumen deut‘ und merk’“, denn „des Menschen wahrster Wahn / wird ihm im Traume aufgethan“ und „all‘ Dichtkunst und Poeterei / ist nichts als Wahrtraum-Deuterei.“ – Das Meisterlied entsteht also durch die Verbindung von regelhafter Ordnung und spontaner Intuition zum Ausgleich zwischen Innen und Außen. Und selbst wenn es heißt „Zerging in Dunst / das heil’ge röm’sche Reich“, wenn also die politische Ordnung zerfiele, dann „bliebe gleich / die heil’ge deutsche Kunst“ in Ehre und Wirken ihrer Meister. Damit sind die „Meistersinger“ Richard Wagners alles andere als das Missverständnis einer chauvinistischen Nationaloper, sondern tatsächlich eine echte innere Komödie über die Humanität.
zum Autor
Dr. Sven Friedrich
ist Theater-, Literatur- und Kommunikationswissenschaftler. Seit 1993 leitet er in Bayreuth das Richard Wagner Museum mit Nationalarchiv und Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung, das Franz-Liszt- und das Jean-Paul-Museum.













Die Lohengrin Therme in Bayreuth. Foto: Lohengrin Therme
Mitarbeiterin Jutta Speierl, die Eheleute Sabrina und Charly Breitzmann sowie Oberbürgermeister Thomas Ebersberger mit dem Trinkhorn Richard Wagners. @Katharina Müller-Sanke