Zuletzt aktualisiert am
Bozen, die Stadt im Weinberg
Wer in Bozen aus dem Zug steigt, spürt sofort diese Doppelbelichtung: Stadt und Rebe, Verkehr und Pergeln, italienische Leichtigkeit und alpine Strenge. Kaum eine Region erzählt so klar von Kontrasten – und kaum eine Kellerei bündelt sie so konsequent wie die Kellerei Bozen. Ihre Weinberge liegen mitten im urbanen Gefüge und ziehen sich zugleich in kühle Höhenlagen. Bozen ist hier Kulisse und noch mehr Herkunft.
Zwei Genossenschaften, ein gemeinsamer Atem
1908 gründeten Bauern in Gries eine Genossenschaft, 1930 folgte St. Magdalena. 2001 wurde daraus eine gemeinsame Kellerei – ein Zusammenschluss, der weniger romantisch als folgerichtig war: Kräfte bündeln, Lagen präziser lesen, Qualität verlässlich machen. 2018 bezog man den neuen Sitz in Gries–Moritzing, technisch modern, in der Idee klar: schonend arbeiten, Herkunft nicht überformen.
TABER: Der Lagrein, der Gries ernst nimmt
Neben den neuen TAL-Cuvées steht mit Taber eine Art Fixstern im Portfolio: ein Lagrein, der die historische Kernzone Gries bestens ausdeutet und nicht nur erwähnt. Taber ist kein Wein für schnellen Effekt. Er ist Bozens dunkle Stimme: reife Frucht, würzige Tiefe, Gerbstoff mit Ernst – und doch diese typische Südtiroler Klarheit, die verhindert, dass Kraft in Schwere kippt. Im Kontext der Kellerei ist Taber wichtig, weil er zeigt, was hier schon lange möglich ist. Lagrein ist keine rustikale Spezialität, er ist ein strukturierter, lagerfähiger Rotwein mit Herkunftston.
TAL: Zwei Cuvées als flüssige Chronik
Mit TAL 1908 und TAL 1930 hat die Kellerei eine Superior-Linie geschaffen, die Geschichte sensorisch übersetzt und nicht als Folklore nutzt. Seit dem ersten Jahrgang 2020 wirken die TAL-Weine wie eine bewusste Verdichtung: Bozen einmal rot (über Lagrein), einmal weiß (über Chardonnay) – beide als Cuvée, beide limitiert, beide als präzise Stilentscheidung.
Jahrgang 2022: Hitze, Knappheit – und Konzentration
2022 war ein Jahr der Extreme: Wassermangel, außergewöhnlich kalte Wintermonate, dann ein sehr warmer Sommer. Kellermeister Stephan Filippi spricht von einem Jahrgang, der nur wenige Parallelen hat. Bemerkenswert: Die Weine tragen diese Spannung als Konzentration. Gerade Lagrein konnte unter Wärmebedingungen seine Paradedisziplin zeigen.
TAL 1908: Lagrein als Rückgrat, Beton als Beruhigung
Der TAL 1908 stammt aus den besten Lagen von Gries und Moritzing, auf Schwemmböden über Porphyr, teils von bis zu 50 Jahre alten Reben. In 2022 steht Lagrein mit 85 % im Zentrum, ergänzt von Cabernet Sauvignon und Merlot. Ausbau: 12 Monate Barrique, danach 15 Monate Beton.
In der Nase eine Symphonie reifer Beeren, Pfeffer und Nelke, dahinter Kakao, Graphit, Lakritze. Am Gaumen: komplex, harmonisch, mit weicher Finesse – ein Spiel aus mineralischer Frische und reifer Säure. Im Vergleich zum Taber wirkt TAL 1908 wie die bewusst komponierte „Orchesterfassung“ des Themas Lagrein.
TAL 1930: Chardonnay aus der Höhe, geprägt vom Wind
Der TAL 1930 kommt aus Porphyr-Hängen zwischen Bozen und Ritten auf 400 bis 700 Metern, geprägt von wechselnder Sonneneinstrahlung und Temperaturunterschieden, auch durch den Eisacktaler Wind. In 2022: 85 % Chardonnay, ergänzt von Sauvignon und Pinot Grigio. Nach 12 Monaten Barrique reift der Wein weitere 14 Monate im Stahl.
Aromatisch: exotische Frucht (Mango, Ananas, Melone) trifft Zitrus (Pampelmuse, Limette), dazu Apfel, Birne, florale Noten, ein Hauch Karamell. Entscheidend ist die Statik am Gaumen: Frische und mineralische Finesse halten die Opulenz in Form.
Drei Gesichter Bozens – ohne Pathos
Taber steht für die klassische Autorität des Lagrein aus Gries: dunkel, ernst, langlebig. TAL 1908 nimmt dieses Fundament auf und übersetzt es als moderne Cuvée-Interpretation mit zusätzlicher architektonischer Tiefe. TAL 1930 setzt den Kontrapunkt: Höhe, Wind, Chardonnay – Bozen als weißer Präzisionswein. Zusammen erzählen sie Bozen so, wie die Stadt ist: widersprüchlich, vielschichtig, lebendig – und dies macht sie so spannend. Mehr Infos unter: https://www.kellereibozen.com
Zum Autor
Christian Schwert ist Inhaber einer Beratungs- und Mediaagentur sowie Autor/Journalist für verschiedene Medien im Lifestyle- und Kulinarik-Segment.
Die Begegnungen und der Austausch/Vernetzungen mit Menschen steht für ihn immer im Vordergrund seiner Tätigkeiten. Seit über 25 Jahren ist er im Medienbereich tätig und gut vernetzt, was seinen Lesern:innen viele Insider/Geheim-Tipps ermöglicht.

















Auf der B303 bei Himmelkron hat ein Bierlaster seine komplette Ladung verloren ©PI-Stadtsteinach
©Pixabay