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Wagner und Jean Paul
Auf den ersten Blick gibt es kaum Gemeinsamkeiten zwischen den beiden großen Bayreuthern. Als Jean Paul vor 200 Jahren am 14. November 1825 im Alter von 62 starb, war Wagner gerade 12. Jean Paul war und blieb stets bierseliger Oberfranke von echtem Schrot und Korn, der „schnupfende Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter“ (Thomas Mann) Richard Wagner gelangte erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt und beinahe zufällig hier her.
Geradezu aus ‚zwei Himmeln‘ – wie Jean Paul wohl gesagt hätte – fielen beide also hier zusammen: der genügsame Dichter umfangreicher Romane, der nie Dramen oder Lyrik verfasste und dessen eigentliches Leben sich im Reich seiner Phantasie abspielte, der von den Weimarer Dioskuren Goethe und Schiller ausgelacht wurde und dessen äußeres Leben, in welchem er nie die Alpen, Italien oder das Meer gesehen hatte, in langweiliger, eintöniger Ereignislosigkeit zwischen Friedrichstraße und Rollwenzelei, zwischen reichlichem Bier und endlosem Schreiben dahinfloss, und der Musikdramatiker, dessen Leben einem turbulenten, stets zwischen Komödie und Tragödie schwankenden Kolportage-Drama glich und der „mit äußerster Willenskraft ins Monumentale getriebenem Dilettantismus“ (wie der vor 150 Jahren geborene Thomas Mann ebenfalls geschrieben hatte) sein gigantisches Werk mit dessen exklusivem Aufführungsort des Bayreuther Festspielhauses gekrönt hatte. – Weiter auseinander stehende Künstlertypen sind wohl kaum vorstellbar.
Beide sind aber auch Einzelerscheinungen, die durch alle Raster und Schubladen von Epochen und Gattungen fallen und es deshalb auch heute schwer haben, ihren Weg auf die Lehrpläne unserer Bildungsanstalten zu finden: Jean Paul, der aus dem Geist von Spätaufklärung und Empfindsamkeit stammte, dafür aber zu spät kam, mit den Tendenzen seiner Zeit, dem deutschen Idealismus von Weimarer Klassik und der Romantik aber nichts am Hut hatte, und Richard Wagner, der keine Opern mehr schreiben wollte und mit dem aus dem Geist der Symphonie geborenen „Wort-Ton-Drama“ in seiner Zeit vollständig alleine stand. Beide verbindet aber auch ein schier grenzenloser Schaffensdrang, der jeweils zu überragenden Lebenswerken führte.
Am Anfang steht die berühmte ‚Prophezeiung‘ Jean Pauls, der freilich von Wagners Idee des ‚Gesamtkunstwerks‘ nichts wissen konnte und die auf E.T.A. Hoffmann gemünzt war, welcher in der Silvesternacht von Wagners Geburtsjahr 1813 eine Abschrift seines Märchens Der goldene Topf vollendet hatte, das zum Abdruck in den Phantasiestücken nach Callots Manier bestimmt war, zu denen eben Jean Paul bereits am 24. November, zwei Tage nach dem Tod von Richards Vater, ausgerechnet in Bayreuth ein Vorwort geschrieben hatte, in welchem es heißt: „Bisher warf der Sonnengott die Dichtergabe mit der Rechten, die Tongabe mit der Linken zwei so weit auseinanderstehenden Menschen zu, daß wir noch bis auf diese Stunde des Mannes harren, der eine echte Oper zugleich dichtete und setzte.“ –
Richard Wagner, dessen von ihm hochgeschätzter, gelehrter Onkel Adolf (1774-1835) neben Fichte und Tieck auch mit Jean Paul korrespondiert hatte, kannte zumindest Jean Pauls Siebenkäs. In seiner Einschätzung schwankte er. Einiges fand er affektiert und manieriert, anderes phantasievoll, originell und witzig. So äußerte er am 30. November 1879 gegenüber Cosima, die Jean Paul in ihren Tagebüchern sieben Mal erwähnt, sein Vergnügen über die Stelle im Siebenkäs, wo dem Helden plötzlich der Gang seiner Braut aufgefallen sei und gleichzeitig missfallen habe.
Auch dass Wagner seinen Sekretär in Tribschen Hans Richter, der dort die Meistersinger-Partitur kopierte und 1876 die Gesamturaufführung des Ring des Nibelungen zur Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses leiten sollte, „Jean Paul“ nannte, spricht ebenso wenig für Geringschätzung wie 1849 die ironische Unterzeichnung seiner Aufsätze für eine Theaterreform mit den Initialen Jean Paul Friedrich Richters „J.P.-F.R. Schauspieler außer Engagement“. Und bereits 1841 findet sich in Wagners Aufsatz Pariser Fatalitäten für Deutsche der schöne Satz: „Deutscher sein ist herrlich, wenn man zu Haus ist, wo man Gemüth, Jean Paul und bayrisches Bier hat.“
Doch während Wagner schon zu Lebzeiten zu einem Zentralgestirn der europäischen Kultur wurde und dessen Nachleben und Wirkungen in Ambivalenz, Widersprüchlichkeit und Polarisierung alles bisher Dagewesene übertrafen, begann Jean Paul, der erste deutsche Berufsschriftsteller, dessen Ruhm zu seiner Zeit sogar den Goethes überstrahlte, schon kurz nach seinem Tod vor 200 Jahren aus der Zeit und damit der Vergessenheit anheim zu fallen. Daran änderte auch die große Denkrede Ludwig Börnes nichts, in der es heißt: „Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme.“ – Da scheint es mehr als ein Seitenhieb auf Wagner zu sein, wenn der große Kritiker Alfred Kerr 1911 ins Gästebuch der Rollwenzelei schreibt: „Vergessen dich die Deutschen heut – Du bist der Meister von Bayreuth!“ –
S. Friedrich
zum Autor
Dr. Sven Friedrich
ist Theater-, Literatur- und Kommunikationswissenschaftler. Seit 1993 leitet er in Bayreuth das Richard Wagner Museum mit Nationalarchiv und Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung, das Franz-Liszt- und das Jean-Paul-Museum.













Auf diesem Gelände soll das Gewerbegebiet entstehen. Foto: Bürgerinitiative
Ankündigung Seniorendisko ü60 ©Helmut Lautner