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Walter Demel: Bayreuths Bester neben Richard Wagner

Passend zur nordischen Ski-WM in Seefeld hat der Bayreuther Hobbyhistoriker eine Geschichte über Walter Demel ausgegraben. Bayreuths wohl besten Langläufer aller Zeiten. Und der einzige Bayreuther, der es neben Richard Wagner in die Auswahl zur ZDF-Sendung „Unsere Besten“ geschafft hat.

Hier ist die Geschichte:

Walter Demel aber ist ein ganz Großer in der gesamten Geschichte des deutschen Skilanglaufs. In einer Epoche, in der diese Sportart fast ausschließlich von den Skandinaviern und den stets mehr oder weniger dopingverdächtigen Osteuropäern geprägt wurde, gewann er die Bronzemedaille über 30 Kilometer bei den Weltmeisterschaften 1966 am Holmenkollen in Oslo.

Als 40-Jähriger zu Olympia

Er siegte als erster Nicht-Skandinavier im schwedischen Kiruna über 15 und 30 Kilometer. Er war mit 40 Meistertiteln jahrzehntelang deutscher Rekordhalter im Skilanglauf, bis ihn der heutige Bundestrainer Jochen Behle mit 42 übertraf. Und: Er nahm an vier Olympischen Winterspielen teil. Nach Innsbruck (1964), Grenoble (1968) und als deutscher Fahnenträger in Sapporo (1972) ging er auch 1976 in Innsbruck als 40-Jähriger noch einmal an den Start.

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Sein stärkstes Jahr hatte Demel 1972, als er in Sapporo über die mörderische Strecke von 50 Kilometer als Fünfter nur 32 Sekunden an der Bronzemedaille vorbei schrammte. Auch über 30 Kilometer wurde er Fünfter und über 15 Kilometer zwischen den „Sprintern“ hervorragender Siebter.

Fünf Bayreuther bei Olympia

Das stärkste Jahr für den Bayreuther Sport insgesamt, war aber vier Jahre zuvor: das Olympiajahr 1968. Mit  Walter Demel, den Skispringern Henrik Ohlmeyer (Bischofsgrün) und dem Warmensteinacher Günter Göllner (1. FC Bayreuth), dem Fechter Walter Köstner und der Schwimmerin Heidemarie Reineck waren gleich fünf Athleten aus der Bayreuther Region bei den Spielen in Grenoble und Mexico City dabei.

40, 40, 40

Demel (Jahrgang 1935) landete selbst als 40-Jähriger über 50 Kilometer nur zwei Plätze hinter dem damals besten bundesdeutschen Langläufer, Georg Zipfel aus Kirchzarten. Im 30-Kilometer-Lauf schien sich der Senior schließlich mit einem Jubiläum der besonderen Art einen Spaß zu machen: Der 40-jährige 40-fache deutsche Meister belegte Platz 40.

Für die SPD in den Stadtrat

Demel stand aber nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch als Kommunalpolitiker im Rampenlicht. Insgesamt war er von 1966 bis 2008 unglaubliche 42 Jahre für die SPD im Bayreuther Stadtrat vertreten. Im Mai 1966 war der 30-jährige BGS-Beamte als jüngster Kandidat in den Bayreuther Stadtrat eingezogen. Bei seiner Vereidigung in der Stadthalle herrschte ein riesiger Medienrummel. Ein Fernsehteam aus Schweden und sogar Journalisten aus der DDR waren gekommen um aus Bayreuth zu berichten.

Sie kamen aber nicht wegen Walter Demel. Auch wenn der Skilangläufer als Olympia-Zehnter von 1964 und frisch gebackener WM-Bronzemedaillengewinner von Kandidaten-Platz 23 unter die „Top Ten“ der SPD-Liste gerückt ist, wurde er von den ausländischen Journalistenteams nicht weiter beachtet.

Als die NPD den Einzug schaffte

Im Mittelpunkt standen nämlich drei NPD-Stadträte, die mit einem unerwartet guten Ergebnis von 8,4 Prozent neben der SPD, der CSU und der Bayreuther Gemeinschaft in den Bayreuther Stadtrat eingezogen sind. Auch wegen der satten 14 Prozent, die die NPD bei der Landtagswahl im selben Jahr erreichen konnte, war die Befürchtung eines „braunen Bayreuth“ im Ausland ein großes Thema. Der Spuk sollte aber schnell vorbei sein. Nach den Erfolgen der sozialliberalen Koalition in Bonn und dem wirtschaftlichen Aufschwung ließen die Erfolge der NPD, die damals in zahlreichen Landtagen und Gemeinderäten vertreten waren, nach. Die NPD wurde auch in Bayreuth zur Splitterpartei und zog nie mehr in den Bayreuther Stadtrat ein.

Der Sport hat sich für den Kommerz entschieden.

(Walter Demel)

„Der Sport hat sich für den Kommerz entschieden“, resümiert der gelernte Dachdecker inzwischen nachdenklich und etwas wehmütig, wobei er keinesfalls Neid über die Verdienstmöglichkeiten der modernen Zeit empfindet. „Bei uns stand wahrscheinlich viel mehr die Freude am Langlauf im Vordergrund.“

Walter Demel kam erst mit 21 Jahren als Beamter des Bundesgrenzschutzes zu dieser Sportart: „Die BGS-Skimannschaft hat noch interessierte Langläufer gesucht und ich habe mich halt gemeldet. Auf Alpinski bin ich damals schon etwas herumgerutscht, aber mit den schmalen Langlauflatten hat es mich am Anfang oft auf den Hintern gesetzt.“

Ganz besonders gerne denke ich an den Holmenkollen zurück. Aber nicht nur, weil ich dort meinen größten sportliche Erfolg hatte. Einmal musste ich über 50 Kilometer aufgeben. Ich kam aber nicht früher, sondern wesentlich später ins Quartier zurück. Einige Norweger holten mich an ihr Lagerfeuer – und was die mir damals eingeflößt haben war mit Sicherheit kein Kamillentee.

(Walter Demel)


Text und Fotos: Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es künftig hier beim bt. Darunter Geschichten wie die von Bayreuths Langlauf-Legende Walter Demel, die bisher in keinem Buch veröffentlicht wurden. 

Wirtsgogl-G’schichtla: Schatzsucher im Fichtelgebirge

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er uns regelmäßig Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge widmet sich Adrian Roßner den Schatzsuchern im Fichtelgebirge. Lesen Sie hier die aktuellste Geschichte aus der Feder des Wirtsgogl:

 


Wirtsgogl-Gschichtla #7 „Von den Schatzsuchern des Fichtelgebirges“ 

In der Zeit des ausgehenden Mittelalters hatte sich die Kunde über die geologischen Kostbarkeiten des Fichtelgebirges derart weit verbreitet, dass selbst ausländische Glücksritter, die getrieben von der Gier nach unermesslichen Schätzen ganz Europa bereisten, hierher verschlagen wurden. Diese sogenannten „Venediger“ oder „Walen“ gelten in ihrer Eigenschaft als mystische Alchemisten, die mittels geheimer Handwerkskünste, unverständlicher Rituale und seltsamer Zeichen wertvolle Minerale fördern konnten, bis heute als Kern mancher Sage. 

Reichtümer in Deutschlands Gebirgen

Wie bei vielen der althergebrachten Geschichten, so liegt auch diesen Erzählungen eine reale Tatsache zugrunde: Schon in den ältesten Beschreibungen des Fichtelgebirges, etwa von Caspar Bruschius oder Johann Pachelbel wird die Jagd jener Männer erwähnt, die „sich zu rühmen [pflegen], die Schätze und Reichtümer, die in Deutschlands Gebirgen verborgen liegen, seien ihnen als Fremdlingen besser bekannt, als uns Deutschen selbst. So sind auch des öfteren (sic!) von unseren Leuten solche Fremde auf dem Fichtelberg und in seiner Umgebung angetroffen worden, die diesen Berg und das Land herum durchforscht und erkundet haben.“  Dabei quartierten sie sich meist nur über die Sommermonate bei den hiesigen Bauern ein, denen sie in manchen Fällen, so unter anderem in Wülfersreuth, gar aus prekären Situationen halfen: Ein Wirt, der ihn einst bei sich aufgenommen hatte, musste damals mit einer finanziellen Notlage zurechtkommen, reiste nach Italien und wurde dort von seinem ehemaligen Gast mit Reichtümern überhäuft.

Dämonische Marken am Wegesrand

Es scheint demnach mehr ein freundliches Miteinander gewesen zu sein, das zwischen den seltsamen Welschen und den Fichtelgebirglern vorherrschte, wenngleich, wie oftmals der Fall gewesen, die Verstohlenheit der Ersteren in Zusammenhang mit der Neugier und der Unwissenheit der Letzteren zu manch üblen Anschuldigungen führten: So sah man in den seltsamen Zeichen, die die kundigen Schatzsucher überall anbrachten, um später die besten Plätze wiederfinden zu können, dämonische Marken, mit denen sie den Belzebub persönlich angerufen haben sollen, der ihnen dabei half, die Kostbarkeiten zu heben – tatsächlich war das „Schatzheben“ später eine Eigenschaft, die bei manch einem Hexenprozess, darunter der gegen Katharina Ailfferin aus Wunsiedel, die Anklage stütze. 

So geschah es letzten Endes, dass aus den freundlichen Venedigern durchtriebene Gesellen gemacht wurden, die man angeblich in Wirbelwinden durch den Wald fahren sah, die Kinder raubten und all jene Orte, an denen sie verweilten, verfluchten. 

Foto: Adrian Roßner.

Ein ominösen Zeichen des Ochsenkopfs?

Selbst im Ochsenkopf-Symbol, das als Namensgeber des gleichnamigen Bergrückens gilt, kann man, wie es unter anderem auch Helfrecht und Hanicka tun, eines jener ominösen Zeichen erkennen. Zwar dürfte das heute deutlich sichtbare Bildnis erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts dort oben angebracht worden sein, doch ist tatsächlich schon im 15. Jahrhundert von einem „Ochsenkopf“ nahe des „Schneeloches“ die Rede, was die Vermutung nahelegt, dass einst auch hier wertvolle Minerale gefunden worden sind. Hanicka zum Beispiel führt dieses Emblem, das ursprünglich aus drei Linien bestanden haben soll, auf das Zeichen für Merkur und Quecksilber zurück. Wenngleich man heute nicht mehr nachprüfen kann, wie genau das ursprüngliche Symbol ausgesehen haben mag, so ist diese Deutung dennoch einleuchtender, als jene der Herren Scherber und Zapf, die darin (einmal mehr) den Beweis für pagane Opferrituale zu sehen glaubten. 

Was bleibt?

Auch wenn also heute viele Spuren der Venediger verwischt oder in ihrer Bedeutung vergessen sind, so bleiben jene Gestalten dennoch durch Sagen und Mythen tief mit unserem Brauchtum verbunden und dienten gar bis in das 18. Jahrhundert hinein als sicherer Garant für Gold- und Silberfunde. Auch Jacob Heinrich Richter, der 1769 damit begann, an der Saalequelle zu graben und damit das heutige Aussehen jenes Areals entscheidend prägte, suchte einst aufgrund einer kurzen Erwähnung der Venediger in Pachelbels Werk nach buchstäblich sagenhaften Schätzen, von denen das Fichtelgebirge im Laufe seiner Geschichte nur einige wenige preisgegeben hat.  



Text: Adrian Roßner

Das Theater, das sich nur 20 Tage hielt

Auf dem früheren Baywa-Gelände in St. Georgen steht ein Haus, das bald dem Erdboden gleich gemacht wird. Zeit, seine kuriose Geschichte zu erzählen.

Das Haus war einmal die Kantine der Firma Knorr, als in St. Georgen noch die legendäre Erbswurst hergestellt wurde, eines der ältesten industriell hergestellten Fertiggerichte der Welt.  Im Jahr 1980 aber versprach ein Drehbuchautor diverser Karl-May-Filme den Bayreuthern, darin ein Theater von Welt aufzubauen. Nach 20 Tagen und nach Sekt und Langusten floh der Mann aus der Stadt.

Der bekannte Bayreuther Hobbyhistoriker Stephan Müller ist der Sache auf den Grund gegangen und erklärt, welche Folgen diese Geschichte hatte. Unter anderem stießen danach zwei junge Theater, die Studiobühne und der Kulturstadl, auf große Skepsis in der Stadt.

Hier ist seine Geschichte:

„Dengers Inseltheater beginnt am 30.12.1980 sein 500jähriges Bestehen“. Mit dieser vollmundigen Anzeige vom 27. Dezember 1980 lockte der weltgereiste Literat Fred Denger die Bayreuther in sein kleines Unterhaltungstheater, die frühere Knorr-Kantine, in der Hugenottenstraße. Nun: 500 Jahre sind es nicht geworden. Nach nur 20 Tagen war das Inseltheater pleite und der Theaterchef über alle Berge.

Doch beginnen wir die Geschichte von vorne: Mitte Oktober 1980 war Fred Denger, Autor von vielen Edgar-Wallace-Drehbüchern und der Karl-May-Filme „Der Ölprinz“, „Old Surehand“ oder „Halbblut Apanatschi“, von Berlin nach München unterwegs. In der Landeshauptstadt wollte er ein Theater übernehmen. Bei Bayreuth verließ er die Autobahn um einen alten Freund zu besuchen. Der Marquis Salou, der Bayreuther Bürgerschreck schlechthin, betreibt zu dieser Zeit das Kult-Nachtlokal „Marquis Galerie“ in der Carl-Schüller-Straße 31.

Idee in bierseliger Runde

Dort trifft er auf den Marquis Salou und auf Stadtrat Bernd Mayer. Nach einer längeren bierseligen Diskussion haben die beiden Fred Denger umgestimmt. Der schmeißt seine Münchner Pläne über den Haufen und beschließt in Bayreuth ein Privat-Theater zu eröffnen. Schon wenige Tage später mietet der Berliner eine Zweitwohnung in Seulbitz und geht das Unternehmen an.

Hochzeit mit der Ex-Frau des Sohnes

Wer Fred Denger eigentlich ist, brauchte man auch in Bayreuth niemandem lange erklären. Aufgrund seines wilden Lebensstils und seiner zwölften Scheidung war er bundesweit bekannt. Gerade eben hatte er es wegen letzterem ins Guiness-Buch der Rekorde geschafft. Ebenfalls nicht gerade alltäglich war, dass Barbara, seine zwölfte Frau, die Ex-Frau seine Sohnes Atz-Maria war. Mit der Heirat wurde sein Enkelsohn gleichzeitig sein Stiefsohn.

Für die Bayreuther war ein bundesweites Aufsehen also garantiert. Über die Medien bereitete Denger sein Theaterunternehmen vor. Er kündigte an, dass ihm persönlich bekannte Schauspieler wie Gert Fröbe oder Heidi Kabel sicherlich nur für ihre Spesen in Bayreuth auftreten werden.

Der rührige Spinner wird zum Stadtgespräch

So wandte er sich mit mehreren Anzeigen an die „hochwohllöbliche Einwohnerschaft von Bayreuth“, um Spenden für den Start zu sammeln. Ohne eine Spielstätte zu haben, kündigte er schon einmal die erste Premiere für den 30. Dezember 1980 an. Die Geschichte von dem „rührigen Spinner“ und seinem „utopischen Vorhaben“ wurde zum Stadtgespräch.

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Nun suchte Denger „Patronatspersonen“, „Stuhlpaten“ und Leute die unter dem Motto „Tausche Kunstgenuss gegen Mitarbeit“ mit anpacken sollten: „Wer beim Aufbau oder Betrieb des Theaters hilft, bekommt Freikarten!“ Schnell boten Kulturschaffende wie der Notar Friedrich Schmidt, der spätere Kulturpreisträger Peter J. Osswald, Stadtrat Konrad Frick oder Franz Freiherr von Waldenfels ihre Hilfe an.

Nur noch in Mönchskutte zu sehen

Er selbst setzte sich auffällig und wirkungsvoll in Szene, in dem er fortan in Bayreuth nur noch in Mönchskutte zu sehen war. Damit erinnerte er an den eigenwilligen Markgraf Georg Wilhelm, der selbst als „Einsiedler“ in der Eremitage die Kutte trug. Der „Duft der großen weiten Welt“ wehte nach Bayreuth.

In den ersten Dezember-Tagen fand er tatsächlich einen Raum für sein Theater. In der ehemaligen Werkskantine der Firma Knorr auf dem Gelände der Spedition Siebert in der Hugenottenstraße im Stadtteil „Insel“ wird sofort fleißig gewerkelt.

Viel Geld wird investiert

Er gründete den Verein „Inseltheater Bayreuth e.V.“, schloss für 2.885 Mark im Monat einen Pachtvertrag, ließ sich für 32.000 Mark 100 hochmoderne Clubsessel und Tische anliefern und stattete den Theaterraum mit einer kompletten technischen Einrichtung einschließlich Montagekosten im Wert von 5.500 Mark aus. Für 9.000 Mark engagiert er die Schauspielerin Anne Lange, die ab dem 30. Dezember zwei Wochen lang täglich den größten Wurf seiner Karriere, das Ein-Personen-Stück „Langusten“, spielen soll. Dem Ensemble des Münchner Piccolo-Theaters, die mit zwei Einakter von Dürrenmatt und Puppentheatervorstellungen nach Bayreuth kamen, verspricht er für 16 Spieltage eine Gage von 32.000 Mark.

Fred Denger war Jahrzehnte als Schriftsteller erfolgreich. Gerade feierte er mit seinen modernen Bibel-Übersetzungen der beiden Testamente („Der große Boss“ und „Der Junior-Chef“) einen weiteren Erfolg als Buchautor. Ein Theater leiten konnte er aber nicht.

Prominenz verschmäht Langusten

Verträge und Mietverhandlungen, die Buchhaltung, die Abrechnungen mit Künstlern und Finanzamt waren seine Sache nicht. Tägliche Vorstellungen mit Eintrittspreisen von 25 Mark waren für Bayreuth zu viel. Selbst die Langusten, die er zur Premiere in Massen bereithielt, fanden für 20 Mark das Stück keine Abnehmer bei der Prominenz.

Schauspieler warten auf ihre Gage

Am Sonntag, den 18. Januar 1981, zwanzig Tage nach der ersten Premiere, kam schon das Finale. Die Schauspieler des Piccolo-Theaters wollten ihre Gage und mussten von Denger erfahren, dass er kein Geld hat. Trotz zwei ausgebuchter Puppentheatervorstellungen reisten die Münchner mit einem geschnalzten Fluch auf Nimmerwiedersehen ab. Regnier bekam für seine Wedekind-Rezitation beim literarischen Frühschoppen gerade einmal 65 Mark, Anna Lange erhielt 650 Mark – vereinbart waren 9.000.

Am nächsten Tag ist Denger weg

Zu der Provinzposse gehört auch, dass noch am selben Tag, als in der Lokalpresse Dengers „Finale“ verkündet wurde, ein Nachfolger bereit stand. Der Künstler Wolfgang Stöckmann übernahm das Inseltheater und führte es ab Mitte März als „Harlekin“ weiter. Ende Mai 1982 hatte auch Stöckmann Schulden in Höhe von 100.000 Mark angehäuft und auch das „Harlekin“ musste schließen.

Aber Denger kommt zurück

Im Juli 1982 erschien Fred Denger wieder in Bayreuth. Die Pleite seines Inseltheaters hatte einen gerichtlichen Epilog vor dem Kadi. Die Berliner Firma, die die Lichtanlage in das Inseltheater einbaute, hatte Strafanzeige gestellt. Denger konnte glaubhaft versichern, dass er den Auftrag zum Einbau der technischen Anlagen nur deshalb veranlasste, weil er zahlreiche Zusagen von Förderern auf finanzielle Unterstützung hatte. Diese Hilfe sei wider Erwarten ausgeblieben. Das Bayreuther Amtsgericht sprach ihn frei. Etwas über ein Jahr später starb Fred Denger am 30. Oktober 1983 in Hohegeiß im Harz.

Studiobühne und Kulturstadl haben’s schwer

Zwei neu gegründete Amateurtheater hatten indes riesige Schwierigkeiten. Der Studiobühne in der Röntgenstraße (1980) und dem Brandenburger Kulturstadl in der Brandenburger Straße (1982) schlug von Oberbürgermeister Hans Walter Wild oder der Sparkasse, die nun Eigentümer von Tischen und Stühlen im Wert von 32.000 Mark war, große Skepsis entgegen. „Doch hier sind“, so schrieb Eberhard Wagner damals in einem Leserbrief, nur ein „paar bescheidene Leutchen aus Bayreuth“ zugange: „Im Buch der Rekorde stehen die nicht!“

Die beiden Theater haben sich mit Idealismus durchgesetzt. Sie sind nach über drei Jahrzehnten nicht mehr aus der Kulturszene wegzudenken. „Der provinzielle Snobismus mit Langusten und Sekt“ hielt nur 20 Tage.

Übrigens: Das Gebäude muss weichen. So wie zuvor schon die benachbarten Baywa-Silos, die ebenfalls einst ein Teil der Knorr-Werke in St. Georgen waren. Die Stadt plant dort ein völlig neues Quartier mit Wohnungen und Handwerk.


Text und Fotos: Stephan Müller

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Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es künftig hier beim bt. Darunter Geschichten wie diese die bisher in keinem Buch veröffentlicht wurden.

 

Wirtsgogl Gschichtla mit Winterhütte im Hintergrund

Wirtsgogl-G’schichtla: Ab auf die Piste!

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er uns alle 14 Tage Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge widmet sich Adrian Roßner dem Wintersport im Fichtelgebirge. Hören Sie hier die aktuellste Geschichte aus der Feder des Wirtsgogl:

 


Wirtsgogl-Gschichtla #6 „Ab auf die Piste!“ zum Anhören

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Eine kurze Geschichte des Wintersports im Fichtelgebirge

Gemächlich kämpft sich das schwarze Ungetüm durch die meterhohen Klüfte, die, einer unsichtbaren Linie folgend, mitten durch die weiße Landschaft führen. Schnaubend und fauchend zum Stehen gekommen, entlässt der lange Wurm aus grünlich schimmernden „Donnerbüchsen“ unzählige befremdlich wirkende Menschen in die kalte Natur, die, mit Stöcken und abstrusen Holzkonstrukten bewaffnet, die Berge der Region erstürmen. Lange galt der Winter als dunkle, abweisende Jahreszeit, in der die Bewohner unserer Heimat sich meist in die mehr oder weniger gut beheizten Stuben zurückzogen, um der während des Sommers liegen gebliebenen Arbeit zu frönen. Nun jedoch, in der Belle Epoque, jener kurzen Ära des Friedens zwischen den beiden verheerenden Kriegen, hat sie einen ganz neuen Zauber entwickelt, der Besucher aus Nah und Fern in das Fichtelgebirge lockt.

Ausschlaggebend für diesen bis dato unbekannten touristischen Aufschwung waren in erster Linie die Stichbahnen, die, von den größeren Städten abgehend, auch entlegenere Dörfer und Marktgemeinden an der modernen Zeit teilhaben ließen. Sie waren es, die unsere Heimat in das 20. Jahrhundert führten, und das nicht allein, da sie die Ansiedlung erster Firmen und Fabriken ermöglichten, sondern auch, weil die vom Rauch und Dreck der wachsenden Metropolen fliehenden Urlauber mit ihnen schnell und zuverlässig die ländlichen Gebiete zur Erholung nutzen konnten.

Skifahren wird Ende des 19. Jahrhunderts populär

Waren es in der warmen Jahreshälfte allen voran die „Sommerfrischler“, die es in die heimischen Wälder zog, setzte sich bereits ab dem Ende des 19. Jahrhunderts das „Schifahren“ als Sportart während der kalten Wintermonate durch. Die betuchten Herrschaften strömten dabei zu den neu gebauten Bahnstrecken über den Furka- oder den Bernina-Pass, entlang derer die gründerzeitlichen Hotelpaläste beinahe wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Jene aber, die lediglich das pure sportliche Vergnügen anstrebten und auf den dekadenten Luxus alpiner Hotels verzichten wollten, besuchten das Fichtelgebirge. Allen voran die bis heute bekannte Region rund um den Ochsenkopf etablierte sich ab 1900 als beliebtes Ziel für Wintersportler, denen man schon bald ganze Züge zur Verfügung stellte, um die Reise möglichst angenehm und unkompliziert zu gestalten. In Warmensteinach schnauften 1907 die ersten dieser „Rodlerzüge“ in den Bahnhof ein und auch in anderen Ortschaften wurde die Eisenbahn für den Tourismus entdeckt. Zur besseren Organisation und der angemessenen Pflege der neuangelegten Pisten gründeten sich entlang der schneereichen Gipfel bereits kurze Zeit später erste „Skiclubs“, die auch die Ausbildung der Anfänger übernahmen.

Besonders verdient gemacht hat sich dabei der aus Bischofsgrün stammende Lehrer Ernst Höppl, der 1907 den Wintersportverein in seiner Heimatstadt aus der Taufe hob und auch bei der Planung weiterer Abfahrtsstrecken, darunter 1938 die Anlage in Sophienthal, beratend tätig gewesen ist. Für die Jugend etablierte man besondere Schischulen, was dazu führte, dass sich, angetrieben vom Adrenalin und dem Rausch der Geschwindigkeit, immer neue Sportarten entwickelten. Ab den 1930er Jahren kam daher vielerorts der Wunsch auf, neben den Abfahrten steile Rampen zu errichten, die es den Wagemutigen ermöglichen sollten, möglichst weit (auf Eleganz legte man zu jener eher weniger Wert, wie historische Filmaufnahmen zeigen) zu fliegen.

Einfach laufen lassen

In Bischofsgrün wurde 1933 eine erste Holzkonstruktion eingeweiht, die den seit den 1920er Jahren existenten „Sprunghügel“ ablöste, in Sophienthal konnte man die Schanze 1938 feierlich eröffnen und auch bei Weißenstadt entstand eine solche Anlage, von der sich leider nurmehr einige Photos erhalten haben. Der veränderte Zeitgeist machte währenddessen auch vor dem Wintersport nicht Halt: 1935 eröffnete man die „Adolf-Hitler-Skibahn“ am Waldstein, die in der überregionalen Presse als „Neubau“ bezeichnet wurde, der sich „mit jeder derartigen Bahn im Fichtelgebirge messen“ kann. Ein Problem war freilich die sehr geringe Breite, die keinerlei Ausweichen oder Schwingen während der Abfahrt ermöglichte. Somit blieb den Sportlern einzig übrig, es „laufen zu lassen“ und, wie manche Augenzeugen bis heute berichten, „zu brobiern, an Baam zer derwischn, wenn’s zer schnell gworn is.“ Mit dem steigenden Interesse der Wintersportler erlebten auch die Gipfelhäuser des Fichtelgebirgsvereins eine zweite Blüte: Waren die meisten davon ursprünglich als Ausflugsgaststätten für die Wanderer errichtet worden, die in den Sommermonaten die Wälder durchstreiften, öffneten nun immer mehr von ihnen auch während der kalten Jahreszeit ihre Türen und verbreiteten damit den Flair alpiner Gebirgslagen zu bezahlbaren Preisen. Teils wurde dabei gar eigens kreiertes „Skiwasser“ angeboten, wobei es sich faktisch um aufgeheiztes Leitungswasser mit einem Schuss Zitronensaft handelte, das jedoch bis heute Vielen wehmütige Erinnerungen zurückruft. 

Sessel- und Schlepplift-Betrieb am Ochsenkopf

Der Zweite Weltkrieg beendete schließlich die meisten dieser kleineren und vor allem lokal bedeutenden Unternehmungen, während sich die größeren Skigebiete aufgrund stetiger Investitionen und Verbesserungen bis heute behaupten können. Am Ochsenkopf befördern mittlerweile moderne Sessel- und Schlepplifte die Abfahrer auf den Gipfel, wo seit der Wintersaison 2007 Beschneiungsanlagen aushelfen, falls das natürliche Weiß nicht ausreichen sollte.

Der Wintersport hat damit tatsächlich eine lang zurückreichende Tradition im Fichtelgebirge und wenngleich die heutige Hightech-Ausrüstung für „Carving“, „Skijumping“ und „Freeriding“ nicht mehr viel mit jenen Holzbrettern zu tun hat, auf denen die Pioniere einst über die Pisten fegten, so tut es dennoch not, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um ihre Anfänge zu verdeutlichen.



Text: Adrian Roßner

Wirtsgogl-G’schichtla: Mysteriöse Steinkreuze am Wegesrand

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er uns alle 14 Tage Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge erklärt Adrian Roßner, was die bemoosten Steinkreuze bedeuten können, die an unseren Wegesrändern zu finden sind. Eines sei vorweg verraten: Die Geschichten sind mörderisch schaurig. Passend eben, zum fränkischen Winter.  Hören Sie hier die aktuellste Geschichte vom Wirtsgogl:

 

„Steinkreuze“


Wirtsgogls-Gschichtla #4 zum Anhören

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Stumme Zeitzeugen am Wegesrand

Einsam, teils gar vergessen und überwuchert von den Ranken der Vergangenheit stehen sie mahnend an manchem Wegesrand: Steinkreuze. Wenngleich uns heute zu Vielen nähere Informationen fehlen, laden sie dennoch ihre Finder dazu ein, sich mit ihrer Hilfe längst vergangener Zeiten zu entsinnen und damit einen Blick in die Geschichte unserer Heimat zu werfen. Mystisch und geheimnisvoll sind dabei manche Erzählungen, die seit Generationen weitergegeben werden und von den Umständen, die einstmals zur Aufstellung der Kreuze geführt haben sollen, berichten.

Bei aller Romantik, die den Betrachter demnach überfällt, wenn er über die von Jahr und Zeit glattgeschliffenen Oberflächen der Kleinode fühlt, muss er sich immer ihrem einstigen Nutzen gewahr sein. Nicht etwa der bloßen Schönheit wegen stellten unsere Vorfahren sie auf, sondern um auf Verbrechen und Gewalttaten hinzuweisen, die derart schrecklich auf ihren Seelen lasteten, dass man über Jahrhunderte hinweg daran zu erinnern trachtete. Allen voran im Mittelalter, einer Zeit, in der die Rechtsprechung eng mit dem Kirchenheil in Verbindung stand, forderte man im Rahmen einer Art von Blutrache von Mördern und Totschlägern das Aufstellen eines steinernen Mahnmals in Kreuzesform, um damit Buße zu tun vor dem höchsten Gericht. Mit der, im Zuge der Landfriedensordnungen der frühen Neuzeit einhergehenden, weltlichen Rechtsprechung, verschwand dieser Kult zusehends und machte fortan juristisch geführten Verhandlungen Platz, an deren Ende vermehrt ganz profane Zuchthausstrafen standen.

Erinnerungen an grausame Verbrechen

Wenngleich demnach die Sühne allzu oft zur Aufstellung der Kreuze führte, kann sie nicht allein als Grund für die Existenz der Artefakte gesehen werden, da sie manches Mal auch zur bloßen Erinnerung an ein Verbrechen installiert worden sind. Das sogenannte „Mordkreuz“ bei Mödlenreuth in der Nähe von Gefrees kann in diesem Zusammenhang als Beispiel dienen. Chroniken berichten von einem heimtückischen Überfall, dem Johann Friedrich Heinlein aus Mittweida am 4. Mai 1687 zum Opfer gefallen war. Sein Kumpan soll ihn im Streit erschossen und seine Leiche anschließend gefleddert haben, ehe er sich von dannen machte und spurlos verschwand. An jener Stelle, wo ein Bauer wenig später den toten Körper des Opfers entdeckte, errichtete man zur Mahnung das Steinkreuz, das noch heute auf die Untat verweist. Ähnlich stellt sich auch der Fall des „Schinderhannes“ im kleinen Örtchen Reinersreuth dar, wenngleich er mit einer Datierung in das Jahr 1883 verhältnismäßig kurz zurückzuliegen scheint. Am 29. April des Jahres wurde der Ökonom Johann Konrad Dietel, der sich gerade auf dem Rückweg von der Weißenstädter Kirchweih befunden hatte, am Waldsteinpass von Johann Grüner mit einem Hammer erschlagen und ausgeraubt. Obwohl die Beute (Akten zufolge eine silberne Taschenuhr und 15 Mark in bar) relativ gering ausfiel, zeichnete sich der Mord durch eine große Brutalität aus, die dazu führte, dass eine wahre Jagd nach dem Täter begann. Nachdem man Grüner aufgrund fehlender Beweise ein erstes Mal ungestraft davonkommen lassen musste, ermöglichte schließlich die Aussage seines Bruders die erneute Inhaftierung, die mit der Todesstrafe endete. Allein durch die Gnade des Prinzregenten wurde sie schließlich in einen lebenslangen Gefängnisaufenthalt abgemildert. An der Stelle der Tat jedoch zeugt bis heute ein Gedenkstein vom grausamen Mord.

Auch „Schwedenkreuze“ gehören zur Kategorie der Gedenksteine. Wie beim Exemplar in der Häuselloh nahe Selb ranken sich um diese Objekte düstere Erzählungen von martialischen Schlachten beispielsweise während des Dreißigjährigen Krieges, deren Opfer man meist direkt am Ort ihres Todes bestattete. Ähnlich verhält es sich zudem mit „Preußengräbern“ (eines der berühmtesten findet sich bei Oberlaitsch), die aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges stammen.

Mysterien in Stein gehauen

Natürlich darf nun nicht davon ausgegangen werden, dass hinter jedem Steinkreuz eine blutige Geschichte steht. Teils dienten sie (oder auch in Stein gehauene Kreuzzeichen) schlicht der Markierung bedeutender Altstraßen oder aber der Bitte um den Beistand der Heiligen beim Schutz der Ernte vor Unwettern und anderen Katastrophen. Wenngleich demnach jedes der bis heute erhaltenen Kleindenkmäler (allein im Landkreis Hof gibt es derer 28) seine ganz eigene Entstehungsgeschichte hat, dienen sie alle dazu, die Phantasie der Menschen zu beflügeln und lassen ihren Betrachtern noch immer den ein oder anderen Schauer über den Rücken rinnen. Immerhin vermag keiner zu sagen, welcher Wahrheitsgehalt beispielsweise den Erzählungen von „Seelenlöchern“ (also Aussparungen, durch die der unsterbliche Geist des Menschen auszufahren pflegte) innewohnt. Auch die Tatsache, dass manche Kreuze Schabspuren aufweisen, die unter anderem darauf zurückgeführt werden, dass die anfallenden Splitter heilende Kräfte haben sollen, beweist eine große Bedeutung der Artefakte allen voran im Volksglauben.

Bis heute eine Faszination

Manche namhafte Forscher ließen sich davon schließlich derart begeistern, dass sie sich auf die Jagd magischer Linien machten, die, so jedenfalls glaubten sie beweisen zu können, durch die Kreuze gekennzeichnet werden sollen. Obschon meist das bloße Nachmessen der angeblich wie durch Zauberei stetig gleichen Abstände zwischen den einzelnen Objekten meist ausreicht, um die Theorien ins Wanken zu bringen, wird jeder, der auf seiner Wanderung durch unsere Wälder auf ein solches Denkmal stößt, anerkennen müssen, dass sie noch immer ein mystischer Zauber umweht.

Trotz mancher Geheimnisse, die sie bis heute nicht preisgegeben haben, sind und bleiben sie beredte Zeugen unserer eigenen Geschichte.


Literatur:
Bucka, Hans; Heland, Oskar: „Grenzsteine, Flur- und Kleindenkmale im Landkreis Hof“, Hof 1991.
Dies.: „Steinkreuze, Kreuzsteine im Landkreis Hof und in der Stadt Hof“, Hof 1986.
Döberlein, Christian: „Steindenkmäler im Landkreis Rehau“, Rehau 1965.

Wirtsgogl-G’schichtla: Auf den Spuren der schwarzen Kunst

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er uns alle 14 Tage Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge erklärt Adrian Roßner, wo eigentlich unser Aberglaube herkommt! Warum denken wir bei heulende Wind an Geister? Woher kommt die Idee, dass bestimmt Rituale uns beschützen können? Und was hat das alles mit unseren Vorfahren zu tun? Hören Sie hier die aktuellste Geschichte vom Wirtsgogl:

 

„Auf den Spuren der schwarzen Kunst“


Wirtsgogls-Gschichtla #3 zum Anhören

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Aberglaube aus der dunklen Jahreszeit

Wenn der Herbst Einzug hält in Fichtelgebirge und Frankenwald, die Bäume ihre Blätter erst in bunten Farben erstrahlen lassen, ehe sie leblos zu Boden sinken und das Nebelgespinst sich, einem Fluss aus reinster Seide gleich, aus den Wäldern wagt, beginnt die Zeit des Jahres, in der der Aberglauben besonders stark um sich greift. Auf die kirchlichen Hochfeste Allerheiligen und Allerseelen folgen mit der Andreasnacht und den berühmt-berüchtigten Rauhnächten die für Sagen und Brauchtum wichtigsten Abschnitte des Zeitenlaufs, dem das alte Jahr zum Opfer fällt, ehe ein neues beginnen kann. Kein Wunder, dass sich viele der überlieferten Riten mit dem Sterben und der Vorhersehung zukünftiger Ereignisse auseinandersetzen. Doch wie entstanden diese, für den modernen Beobachter derart fremd klingenden Sitten, bei deren Erläuterung noch immer der ein oder andere Schauer den Rücken hinabrinnt?

Die menschliche Ur-Angst

Die Antwort auf diese Frage findet sich im Wesen des Aberglaubens, der, anders, als weithin bekannt, nicht etwa Blasphemie und Abgötterei umschreibt, sondern in seinem Innern auf einen der ureigensten Instinkte des Menschen zurückführt: Die Angst. In der zugegebenermaßen recht kurzen Geschichte unseres Geschlechts ist sie eines der wichtigsten Gefühle überhaupt, da sie einst dazu diente, unsere Vorfahren bereit zu machen für die zwei grundlegenden Reflexe, denen man bei einer drohenden Gefahr nachgeben kann: Flucht oder Kampf. Sobald sich eine trügerische Stille einstellte und die umgebende Natur sich scheinbar innerhalb eines kurzen Moments komplett in eine lauernde Anspannung zurückzog, war es die Angst, die dafür verantwortlich zeichnete, sich auf die drohende Gefahr von Raubtieren und anderen lebensbedrohlichen Situationen einzustellen. Jene uns allen eigene „Ur-Angst“ bildet den eigentlichen Kern des Aberglaubens, dessen Deutung als „Irrlehre“ und „Ausdruck des Heidentums“ vor allem durch Martin Luther geprägt worden ist. In ihm nämlich finden sich noch heute Elemente, die ganz klar auf den Instinkt unserer Ahnen zurückführen. Wem haben sich nicht schon einmal die Haare aufgestellt, als er bei einem anfangs gemütlichen Spaziergang plötzlich ein leises Ächzen im nahen Unterholz hörte? Der Schritt von dieser Schutzfunktion des Körpers bis hin zum Aberglauben mit der angegliederten Welt der Dämonen und Geister ist nicht sonderlich weit, was in zwei Dingen begründet liegt.

Warum wir Geister und Dämonen sehen

Zum einen ist es eine bekannte Eigenschaft von Instinkten, dass sie ohne kognitive Abläufe funktionieren, was heißt, dass der Mensch, der Angst empfindet, nicht lange nachdenkt, sondern direkt zu handeln versucht, um der Gefahr zu entgehen. Spitz formuliert, klinkt sich das logisch denkende Gehirn aus der Situation aus und überlässt den rudimentären Reflexen des Körpers, die sich beispielsweise in Freuds „Es“ wiederfinden, das Feld. Sobald jedoch eine abwiegende Deutung der Situation nicht mehr möglich ist, brechen sofort alle möglichen Szenarien über den ängstlichen Menschen herein, denen er nicht Herr zu werden vermag: Aus dem einfachen Knacken eines Astes im dämmrigen Licht des abendlichen Waldes wird somit innerhalb kürzester Zeit eine nicht zu unterschätzende Bedrohung, der man, aufgrund fehlender logischer Erklärungen, sofort alle möglichen Kräfte und Mächte zuspricht. Kein Wunder also, dass sich die Sagen unserer Heimat meist nicht mit Tieren oder anderen realen Objekten befassen, sondern mit Geistern und Dämonen, die hinter jeder Ecke lauern könnten.

Ohne logische Erklärung setzt die Angst ein

Der zweite wichtige Aspekt leitet sich mehr oder weniger direkt aus den eben erwähnten Überlegungen ab. Der Mensch ist, wie manche Psychologen es auszudrücken pflegen, ein „wissenschaftlicher Laie“, der bei allen Vorgängen und Szenarien stets nach den jeweiligen Gründen sucht. In unserer Welt existiert nichts „einfach nur so“, sondern alles muss eine Daseinsberechtigung vorweisen können. Diese Suche nach Ursachen, die man auch „Kausalattribution“ nennt, spiegelt sich stark im Aberglauben wider: Es ist eine Tatsache, dass wir uns am meisten vor eben jenen Feinden fürchten, die wir nicht kennen, über deren Stärken und Schwächen wir nichts wissen und die uns damit als überlegen erscheinen. In einer logischen Folge darauf entwickelten die Menschen bald Erklärungsversuche für die in ihren Augen übernatürlichen Phänomene, wobei allzu oft „höhere Mächte“ eine große Rolle spielen: So wurde beispielsweise aus dem Waldwind, der noch heute mancherorts unheimlich klagend um die Ecken der Häuser pfeift, der Vorbote des bald über die Bewohner hereinbrechenden „Wilden Heeres“. Andere erkannten darin die „Wehklage“, eine Art Geistererscheinung, die den nahenden Tod eines der Hausbewohner ankündigte. Trat daraufhin tatsächlich ein wie auch immer geartetes Unglück ein, wurde dies sofort den vorher erlebten Vorgängen zugesprochen, die daraufhin an Macht gewannen und deren Geschichten man sich als Warnung an zukünftige Generationen weitererzählte.

Die Jagd nach dem Wissen

Diese Jagd des Menschen nach Wissen ist seit alters her ein fester Bestandteil unseres Wesens: Als Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen, taten sie dies, da ihnen die Schlange versprochen hatte, dass sie dadurch gottgleich würden und Einsicht bekämen in alle Vorgänge des Mysteriums „Welt“. Ähnlich wie die beiden ersten biblischen Menschen, jagte auch Dr. Faust der Erkenntnis hinterher, da er wissen wollte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ und da die guten Geister ihn als unwürdig erachteten, wandte er sich schließlich der dunklen Macht, Mephistopheles, zu, um begreifen zu können.

Wissen ist Macht, nach deren Erlangung jeder strebt – ob es nun die großen Gelehrten waren, oder die einfache Landbevölkerung Oberfrankens.

Bräuche suggerieren Sicherheit

In den Bereich des Aberglaubens sind schließlich auch die Bräuche einzuordnen, die sich bis heute in mannigfaltiger Ausführung erhalten haben. Es ist, wie bereits beschrieben worden ist, eine Tatsache, dass man sich immer dann besonders fürchtet, wenn die Gefahr besteht, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Bräuche stellen entsprechend nichts weiter dar, als Regeln, die den Menschen Sicherheit suggerieren sollen, wo es eigentlich keine geben kann, indem sie ihnen ein Stück weit Halt zu geben versuchen. So ist für diejenigen, die alle wichtigen Sitten während der anfangs erwähnten Rauhnächte einhalten, vollkommen klar, dass ihnen nun nichts Schlimmes mehr widerfahren kann, da sie ja alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um drohendes Unheil abzuwenden. Ein Ritus, der sich bis heute erhalten hat, ist das Bleigießen zu Sylvester, das die Angst vor der ungewissen Zukunft durch fadenscheinige Formdeutungen nehmen soll.

Es bleibt schließlich allein übrig, sich den Worten Johann Wolfgang von Goethes anzuschließen, der einst sagte: „Der Aberglauben gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn man sich einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.“ 

Wirtsgogl G'Schichtla

Wirtsgogl-G’schichtla: Die Bahrschilder in St. Michael

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er uns alle 14 Tage Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In Teil 2 der Serie geht es um die „Bahrschilder“ in der Weidenberger Kirche St. Michael. Man brachte diese bei Beerdigungen am Sarg des verstorbenen Meisters oder an einem „Bahrtuch“ an, das ihn bedeckte. Mit Aufkommen der weiterverarbeitenden Berufe spezialisierte man sich auf einzelne Produkte: Neben den Hufschmieden, etablierten sich auch die Nagel-, Ringel- und Sägschmiede, die sich in einer entsprechenden Zunft zusammenschlossen.

„Die Bahrschilder in der Weidenberger Kirche St. Michael“


Wirtsgogls-Gschichtla #2 zum Anhören

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Die Weidenberger Kirche St. Michael gilt vollends zurecht als Prunkstück des markgräflichen Barockstils. Besuchern jedoch, die das monumentale Bauwerk besichtigen und sich vom himmlischen Prunk auf der (zur Erbauungszeit recht kärglichen) Erde ablenken lassen, entgehen zwei kleine ovale Scheiben, die sich links und rechts der inneren Eingangstür befinden und auf ein vergangenes Kapitel der Lokalgeschichte verweisen.

Von Märkten, Handwerkern und Zünften

Schon im Mittelalter hatte eine wahre „Verstädterung“ auch unserer Region eingesetzt, die zur Folge hatte, dass sich die bis dato meist landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft tiefgreifend veränderte. Aus den Bauern, die meist auf verlehnten Höfen arbeiteten und viele Produkte des täglichen Lebens selbst herstellten, hatten sich Handwerker entwickelt, die immer öfter in die größeren Siedlungen zogen, um dort den in der Entwicklung befindlichen „Markt“ zu bedienen.

Daraus entstand – vollends logisch für dieses frühkapitalistische System – eine gewisse Konkurrenz zwischen den einzelnen Anbietern, die bspw. versuchten, einander durch günstiger hergestellte Waren auszubooten. Die damit einhergehende Qualitätsminderung nötigte schon bald dazu, die Hersteller in einer Organisation zu vereinen, die sich zum einen um die Wahrung ihrer Rechte kümmerte, zum anderen jedoch dafür sorgte, dass eine gewisse Fairness im Vertrieb der Waren sichergestellt werden konnte: Die „Zünfte“ waren geboren. Neben den bekannten Vereinigungen, die in großen wie auch in kleinen Städten die Bäcker, die Müller oder landwirtschaftlich-orientierte Handwerksberufe wie Wagner zusammenfassten, organisierten sich – je nach Anzahl – mancherorts auch die Schmiede in einer entsprechenden Einung.

Ein Ruhrgebiet des Mittelalters

In Weidenberg lässt sich eine solche Institution bereits seit 1688 nachweisen, was darauf schließen lässt, dass ihre Traditionen weit zurückreichen müssen. Tatsächlich gilt die These, derzufolge die namensgebenden Herren von Weidenberg als Lokatoren und auch als Überwacher einer seit dem Hochmittelalter betriebenen Suche nach Erzen fungierten, als gesichert. Urkundlich fassbar wird der Bergbau zwar erst 1466, entwickelte sich dann jedoch innerhalb kürzester Zeit zur gewinnbringenden Wirtschaftsmacht: Schon 1450 war eine Berggesellschaft gegründet worden, um die Fördermengen zu steigern. Rund um den Ort hatten sich davon ausgehend nicht allein Zechen und Bergwerke entwickelt, sondern es war eine Art „kleines Ruhrgebiet“ entstanden, in dem auf relativ engem Raum die Verarbeitung der abgebauten Rohstoffe direkt vor Ort geschehen konnte.

Bahrschild 02

Foto: Adrian Roßner

Von den Gruben mit recht bildhaften Namen wie „reiche Zeche“ oder „Bescherte Glück“ kamen die Erze in die produzierenden Betriebe, „darunter drey Waffenhämmer, von denen zwey zur Oberpfalz gehören [und deren][…] Arbeiten auf Märkte und Messen geschickt und von In- und Ausländern aus fernen Gegenden abgeholt werden“ wie Johann Michael Füssel in seinem Tagebuch schreibt. Diese sogenannten „Schrötelhämmer“ (Hammerwerke zum Zerkleinern des Erzes vor dem eigentlichen Schmelz-Vorgang) stecken noch heute in vielen Ortsnamen wie „Rosenhammer“ und dienten daneben als Vorlage für unzählige Sagen, in denen sich die „Schröteler“ den ein oder anderen Scherz mit den neuen Bewohnern ihrer alten Mühlen erlaubten.

Die Bahrschilder

Mit Aufkommen der weiterverarbeitenden Berufe und der relativ schnell eintretenden „Sättigung“ des Marktes wurde schon bald eine Spezialisierung auf einzelne Produkte notwendig: So etablierten sich neben den Hufschmieden, auch die Nagel-, Ringel- und Sägschmiede, die sich in Weidenberg (wo sich noch Ende des 18. Jahrhunderts 15 solcher Handwerker nachweisen lassen) in einer entsprechenden Zunft zusammenschlossen. Ausschlaggebend für diese Form der Organisation waren neben der bereits erwähnten Sicherstellung des fairen Wettbewerbs untereinander auch die Festschreibung der Gesellen-Ausbildung, die Dauer der Lehrzeit und – meist vergessen – starke Auswirkungen auf das Privatleben der Mitglieder.

Wer Teil einer Zunft werden wollte, musste nicht allein über das notwendige Kapital verfügen, mit dem die Einung ihre Geschäfte betrieb und das notfalls unschuldig verarmten Kameraden zur Verfügung gestellt wurde, sondern sich auch den Gepflogenheiten und Regeln unterwerfen. So war mit einer Anzeige aus den eigenen Reihen zu rechnen, sofern ein Mitglied Gott lästerte oder sich despektierlich über einen seiner Brüder äußerte, ohne Beweise für seine Beschuldigungen vorweisen zu können. Als Ehre jedoch galt es den Meistern, wenn ihnen bei der Beerdigung von den übrigen Mitgliedern der Zunft das Geleit gegeben wurde, wodurch auch die ominösen Tafeln in der Weidenberger Michaels-Kirche ihren wahren Sinn enthüllen. Es handelt sich dabei um „Bahrschilder“, die man bei Beerdigungen entweder direkt am Sarg des verstorbenen Meisters, oder aber an einem „Bahrtuch“, das ihn bedeckte, befestigte.

 

Bahrschild 01

Foto: Adrian Roßner

Interessant sind in diesem Zusammenhang in erster Linie die beiden unterschiedlichen Ausführungen: Während das eine Schild die in der Zunft vereinten Schmiedeberufe aufführt, zeigt das andere, dominiert von den beiden herrschaftlichen Löwen, die jeweiligen Symbole wie Wagenrad, Säge und Gürtelschnalle. Es darf davon ausgegangen werden, dass einst mehrere dieser Schilder existierten (auch für andere Zünfte, wie die Bäcker), wovon sich jedoch vermutlich keine mehr erhalten haben. Insofern bieten diese beiden, wenngleich unscheinbaren Objekte einen beeindruckenden Blick in die Vergangenheit nicht allein Weidenbergs, sondern der gesamten Region und weisen zudem auch auf die Gesellschaftsformen unserer Vorfahren hin.

Der Wirtsgogl erzählt von Postkutschen

Wirtsgogl-G’schichtla: Postkutschen im Fichtelgebirge

Adrian Roßner, Foto: Privat

„Heimatforschung geht auch unterhaltsam“: Das beweist Adrian Roßner in unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“. Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt – glücklicherweise – „von hier“. Alle 14 Tage kramt er für uns in seinem Fundus von kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil 1 der Serie geht es um die Postkutschen im Fichtelgebirge. Während heute Distanzen von hunderten von Kilometern im Auto oder Flugzeug in kürzester Zeit zu bewältigen sind, war das früher anders. Wie diese Entwicklung in unserer Region von Statten ging, können Sie in der ersten Ausgabe der „Wirtsgogl-Gschichtla“ nachlesen.

Mit der „geschwinde fahrenden Postkalesche“ durch das Fichtelgebirge


Wirtsgogls-Gschichtla #1 zum Anhören

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Der Status Quo

Mit Blick auf die bewegte Vergangenheit neigen wir immer wieder dazu, ganze Epochen unter einen Oberbegriff zu stellen, der sich meist an den größten Errungenschaften der jeweiligen Zeit orientiert. Angefangen in der Frühgeschichte, als man erstmals Eisen und Bronze zur Herstellung von Werkzeugen nutzte, bis hin zum „Industriezeitalter“, das im 19. Jahrhundert die ersten Maschinen auch in unsere Region brachte, hat jede Ära ihre ganz eigenen Spezifikationen. Es stellt sich nun jedoch die – natürlich recht spekulative – Frage, was die Menschen in ferner Zukunft einst über unsere momentane Gegenwart sagen werden. Sofern sie sich an der früheren Namensfindung orientieren, bleibt eigentlich nur eine Möglichkeit: „Kommunikationszeitalter“.

Nichts nämlich hat die Geschichte während der letzten einhundert Jahre derart verändert, wie die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten. Beginnend mit den ersten Telefonen, die – über die Posthaltereien und die berühmten Fräulein vom Amt – Menschen über mehrere Kilometer hinweg miteinander verbanden, bis hin zum Internet und den E-Mails rückte die Welt Stück für Stück näher zusammen. Doch bei allem Fortschritt schwindet einmal mehr die Wertschätzung der eigenen Möglichkeiten: Beinahe nebenbei tippen wir heute auf den Computertastaturen herum und senden – wenn man die Sache ehrlich selbstkritisch betrachtet – meist ziemlich Belangloses durch den Äther.

Kommunikation über weite Strecken: Wie alles begann

Noch vor wenigen Jahrhunderten stellte sich die Sache indes anders dar. Man lebte im eigenen Dorf, neben den seit jeher bekannten Nachbarn und jede Reise, die über die mittelalterlichen Hohlwege in eine der nächsten Städte führte, war ein kleines Abenteuer. Die gleichen Trassen nutzte man schließlich auch, als sich Ende des 17. Jahrhunderts eine erste Revolution ankündigte, die dazu beitragen sollte, dass sich der Horizont der Bewohner unserer Region rapide verändern und die Heimat in Kontakt mit der großen Weite der Welt treten würde.

Die zugrundeliegende Idee freilich war denkbar einfach: Um Schriftstücke zuverlässiger und schneller von A nach B zu bringen, wollte man feste Strecken definieren, die in regelmäßigen Abständen von einem reitenden Boten bedient werden sollten. Die Aufsicht über dieses erste Kommunikationsnetzwerk hatte sich bereits recht früh ein lombardisches Geschlecht gesichert, dessen Namen „Tasso“ man mit dem Ausbau des Einflusses auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in „Taxis“ änderte.

Einfluss auf die Wirtschaft

Noch heute steht die Familie Thurn und Taxis synonym für die Postgeschichte bis in das 19. Jahrhundert hinein und war damit natürlich auch zu einer gewissen Instanz geworden. Immerhin lag es in ihrer Macht, die Politik wie auch die Wirtschaft entscheidend zu beeinflussen – schlichtweg dadurch, dass sie die Wege der Informationsvermittlung im Monopol kontrollierte.

Verständlich also auch das baldige Streben nach immer weitreichenderen Verbindungsstrecken, die ab dem 17. Jahrhundert – wenige Jahrzehnte nach dem Ende des 30jährigen Krieges – die aufblühenden Metropolen des Reiches besser vernetzen sollten. In Nürnberg war es der damalige Postmeister Gottfried Egger, der von der Einrichtung einer reitenden Post nach Leipzig träumte und dafür sorgte, dass sich am 15. April 1683 auch tatsächlich ein erster Bote auf den beschwerlichen Weg machte.

Eine Postkutsche in Weidenberg

Eine Postkutsche in Weidenberg, Foto: Archiv Weidenberg

Praktische Innovationen

Über Stock und Stein trieb er sein strammes Ross auf der 255 Kilometer langen Strecke, doch wäre es weder Reiter noch Tier zuzumuten gewesen, die gesamte Route allein zu bewältigen, weshalb man in regelmäßigen Abständen „Postställe“ errichtete, an denen die wertvolle Fracht den Boten wechselte, während sich der ausgelaugte Kollege – samt reitbarem Untersatz – die wohlverdiente Ruhe gönnte. Der Erfolg des gut organisierten Systems sprach schnell für sich und führte dazu, dass es ab 1686 nicht allein für immer mehr postalische, sondern auch für menschliche Fracht Anwendung fand. Seit dem 28. September des Jahres machten sich in regelmäßigen Abständen die „geschwinde fahrenden Caleschen“ von Nürnberg aus über Erlangen, Bayreuth und Münchberg auf den Weg nach Hof, wo eine Kutsche der königlich-sächsischen Post übernahm; allen Neuerungen zum Trotz, wollten die kleinlich definierten Staatsgrenzen gewahrt bleiben.

Wenngleich die Region demnach schon relativ früh Anschluss an das im Ausbau befindliche Netz erhielt, so dürfen die Annehmlichkeiten während der Fahrt in den kaum gefederten Konstruktionen nicht überschätzt werden: Immerhin benötigte man für die Strecke von Nürnberg nach Leipzig noch immer (gut durchgerüttelte) 67 Stunden, was niemand ausgehalten hätte. Logisch, dass man die Ställe recht bald zu Poststationen ausbaute, die auch Unterkünfte für die betuchten Reisenden bereitstellten. Noch heute haben sich solche prachtvollen Ensembles in der Region erhalten. Im Weißenstädter Gasthof „Zur Post“ lagen in der breiten Tordurchfahrt erhöhte Türen, über die die Fahrgäste direkt von der Kutsche aus die wohlig warme Gaststube treten konnten.

Unterwegs in der Region

In Münchberg indes zeigt das gut erhaltene Hotel „Schwarzer Adler“ nebst eigens für die Kutschen Anfang des 18. Jahrhunderts gebauter Schmiede, wie umfassend die Versorgung einst aussah. Nach dem Pferdewechsel, der nicht länger als maximal eine Stunde dauern durfte, konnte man sich von diesen „Relais-Stationen“ aus ausgeruht auf die nächste Etappe der Reise machen, wobei manch einer vermutlich ein „Schmiergeld“ springen ließ, um mittels gefetteter Achsen ein wenig ruhiger dahingleiten zu können. In Weidenberg diente das Gasthaus „Schwarzes Roß“ als Pferdewechselstation, die bis zur Einweihung der Eisenbahnstrecke Bayreuth-Warmensteinach Ende des 19. Jahrhunderts in Betrieb geblieben ist. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die überlieferten Fahrtzeiten aus dem Jahr 1868:

Bei einer Abfahrt in Fichtelgebirge um 4.30 Uhr erreichte die Kutsche Weidenberg um 7.30 Uhr und kam schließlich um 9.40 in Bayreuth an, ehe man sich um 14.30 Uhr wieder auf den Rückweg macht.

Wie auch bei der Eisenbahn in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Fall, begann entlang der Kutschenstrecken ein wirtschaftlicher Aufschwung, von dem die Anrainer zu profitieren verstanden. Schnell folgten daher auf die Hauptwege kleinere Nebenverbindungen, die die betuchten Reisenden in das Fichtelgebirge brachten. Allen voran der letzte Markgraf des Bayreuther Fürstentums, Carl Alexander, hatte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts um den Ausbau der Verkehrswege verdient gemacht, wovon noch heute Postsäulen wie das Exemplar bei Wunsiedel aus dem Jahre 1792 zeugen. 1831 schließlich war der Zenit des Netzes erreicht: Von Bayreuth aus führte eine Eilwagenverbindung über Berneck und Münchberg nach Hof, von der bei Gefrees Stichstrecken über Weißenstadt nach Wunsiedel, Marktredwitz und Thiersheim abzweigten. Bayreuth, Hof und Wunsiedel waren zudem zu den wichtigsten Knotenpunkten aufgestiegen und profitierten demnach am meisten vom rasanten Fortschritt.

Fahrplan der Postkutsche 1831

Fahrplan der Postkutsche 1831, Foto: Adrian Roßner

Bahn statt Kutsche

Natürlich machte der Fortschritt jedoch auch vor den Postkaleschen nicht Halt: Als sich 1835 schnaubend der berühmte Adler auf der Ludwigsbahn von Nürnberg nach Fürth in Bewegung gesetzt hatte, werden manche schon gemutmaßt haben, dass die Dampfkraft die Pferdestärke früher oder später überholen würde. Am Ende kam es gar schneller, als anfangs gedacht. Bereits 1848 wurde mit der Ludwig-Süd-Nord-Bahn das Königreich Bayern mit dem benachbarten Sachsen verbunden und machte damit auch die Kutschverbindungen bald überflüssig. Nicht allein bequemer war das Reisen auf eisernen Schienen, sondern auch schneller – hin und wieder gar zu schnell; in Anbetracht von Geschwindigkeiten zwischen 25 und 40 km/h fürchtete manch einer, sein Verstand könnte noch in Nürnberg weilen, während sein Körper bereits im Hofer Bahnhof einfuhr.

Im Zuge dieser letzten Entwicklung kam es auch zu einer kurzen Renaissance der alten Verkehrsmittel. Um die entfernteren Gebiete ohne Bahnanschluss nicht außen vor zu lassen, richtete man Karriolfahrten ein, die von pferdebespannten „Postomnibussen“ durchgeführt wurden. Heute freilich zeugen nurmehr wenige Relikte von der Zeit, in der Reisen stets auch einem Abenteuer glich: Neben den bereits erwähnten Stationen finden sich hier und da noch vereinzelte Kilometersteine, die durch das eingeritzte Posthorn deutlich dem alten Verkehrsnetz zugeordnet werden können.

Mit dem Abriss des alten Poststalls in Hof verschwand 2012 ein letztes Zeugnis jener Institution für immer von der Bildfläche. Und wenngleich man sich in Zeiten von PS-starken Automobilen, Eisenbahnlinien und einem weltweiten Kommunikationsnetzwerk sicher nicht in die Vergangenheit zurücksehnt, so würde es uns dennoch gut tun, uns ein wenig an der Lebensweise der Vorfahren zu orientieren, die nicht jeden flüchtigen Gedanken direkt mit der ganzen Gesellschaft teilen mussten, sondern das geschriebene Wort noch wertzuschätzen wussten.


Literatur:

Jäger, Elisabeth: „Wunsiedel 1810 – 1932. Band III einer Geschichte der Stadt Wunsiedel“, Wunsiedel 1983

Nittel, Artur: „Aus der Postgeschichte des Landkreises Münchberg“ (Manuskript im Stadtarchiv Münchberg)

Roßner, Adrian: „Die geschwinde fahrende Postkalesche. Eine kurze Geschichte des Postkutschenverkehrs in Münchberg“, in: 650 Jahre Stadtrecht in Münchberg, hg. von Martina Michel und Adrian Roßner, Münchberg 2014, S. 61-63

Roßner, Adrian: „Eine kurze Geschichte der Eisenbahnstrecke Münchberg-Zell“, in: Sparnecker Historische Hefte Bd. 2, Sparneck 2012, S. 3-9