Beiträge

Wirtsgogl-G’schichtla: Weihnachtsspezial

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla” gibt er regelmäßig Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge hat Adrian Roßner eine spezielle Weihnachtsgeschichte aus dem November 2013 mitgebracht. Hier gibt’s eine festliche Geschichte aus der Feder des Wirtsgogl:

 


Wirtsgogls-Gschichtla #5 “Weihnachtsspezial”zum Anhören


Der gute Nikolaus

Es schneite nun schon seit einer ganzen Woche und August hatte beinahe jeden freien Tag draußen verbracht – immerhin musste man den Winter doch auch genießen dürfen, oder? Seine Eltern freilich waren dazu nicht in der Lage: Sobald die ersten Flocken fielen, verzogen sie sich in die kleine, von einem einzigen Ofen nurmehr spärlich beheizte Stube und begannen damit, Holzfigürchen zu schnitzen, die sie in Münchberg verkaufen wollten. Von dem Geld, das sie dafür bekommen würden, könnten sie sich schließlich selbst auch wieder ein schönes Weihnachtsfest  machen. Gerade das Glänzen in den Augen des kleinen August, der sich sehnlichst ein Paar Skier wünschte, ließ sie sich diesmal besonders anstrengen und so entstanden innerhalb kürzester Zeit wunderschöne Hirten mit ihren Schafherden, einige Heilige Drei Könige und natürlich auch Jesuskinderlein für die Krippen der besser verdienenden Leute in Münchberg. Morgen wollte Augusts Vater sich auf den Weg in die Stadt machen, um die Kunstwerke an den Mann zu bringen, doch grauste ihm schon vor den sicher einmal mehr äußerst zähen Verhandlungen, die er mit dem Müllersgerch würde führen müssen. Doch es half alles nichts: Nirgends sonst konnte er seine kleinen Figürchen verkaufen und auch wenn der alte Geizkragen ihm jedes Jahr einen Hungerlohn dafür bot, so war es dennoch besser, als gar nichts.

Als August an diesem Tag vom Spielen nach Hause kam, hörte er schon von der Tür aus das röchelnde Husten seines Vaters. „Was hast du denn?“ fragte er unschuldig, doch klärte seine Mutter ihn schnell auf: „No verkält hodder sich! Waller jo widder moll middn im Winder blus sei Summerhuusn ogezung hot, der Schnerbfl.“ „Des wird scho widder“ brachte sein Vater mühsam heraus, „morng muss ich jo suwiesu zerm Gerch und no ko ich haamwärts nuchamoll schnell vom Booder vorbeischaua.“ „Du gihst morng näercherdswu hi, host du mich verschdandn?!“ schnaubte Augusts Mutter, wobei ihrem Sohn mit einem Mal klar wurde, was das bedeutete: Wenn der Vater die Figürchen nicht verkaufen könnte, würde die Familie kein Geld für die Weihnachtsfeier haben und er könnte die Skier vergessen. Eifrig zupfte er am Gewand seiner Mutter: „Ich kann doch gehen!“ Mit diesen einfachen vier Worten hatte August einen Streit entfacht, in dem Argumente wie „Er muss ja sowieso einmal die Welt außerhalb von Zell kennen lernen“ solchen wie „Er ist doch noch viel zu klein, um so eine Reise auf sich zu nehmen“ entgegenstanden, doch war man sich letzten Endes darüber einig, dass man es wenigstens versuchen wolle. Außerdem würde August sowieso nicht klein beigeben, bis er seine Mutter dazu erweicht hatte, ihn gehen zu lassen. Und so folgte dem hitzigen Wortgefecht schließlich eine genaue Belehrung, was die Reise nach Münchberg angeht. Abends legte sich August voller Vorfreude in sein warmes Bett und lauschte einmal mehr der Geschichte des gütigen Nikolaus, der in den Wäldern am Waldstein wohnen soll und vor allem den Ärmeren stets zur Seite steht, wenn sie Not litten. Die Mutter hatte noch nicht von all seinen Wohltaten erzählt, als August bereits eingeschlafen war und von einem großen Mann mit weißem Bart und einem alten Ledermantel träumte.

Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf, packte die Schnitzereien seiner Eltern in einen großen Sack und zog sich an. Schließlich schlich er sich noch einmal in sein Zimmer und holte aus einem kleinen Versteck einen Ochsen heraus, den er vorgestern selbst als erste eigene Figur gestaltet hatte. Er sah ein wenig seltsam aus, aber August war sich sicher, dass er ihn gut würde verkaufen können. Danach gab er seiner besorgten Mutter, die daheim bleiben und den Vater pflegen würde, einen dicken Kuss zum Abschied und machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Schnaubend wartete die alte Lokomotive mit ihren grünen Wagen bereits am Bahnsteig und gab mit einem ungeduldigen Pfeifen zu verstehen, dass sich der Zug jeden Moment in Bewegung setzen würde. August ging zum alten Theo, der wie jeden Tag mit einer warmen Tasse Kaffee am Schalter saß, drückte ihm das von seiner Mutter abgezählte Geld in die Hand und bekam dafür eine Hin- und Rückfahrkarte, die er kurze Zeit später dem Schaffner Max übergab. Die Zugfahrt nach Münchberg dauerte eine ganze Weile und zweimal drohte die kleine Lokomotive in den Schneewehen stecken zu bleiben, doch schafften sie es letztlich trotzdem wohlbehalten in die Stadt und August ging zielstrebig in Richtung Bahnhofstraße, wo sich, wie er von seinem einzigen Besuch in Münchberg in Erinnerung hatte, der Laden des Müllersgerch befand. Vorsichtig sah er sich darin um: Er war vollgestopft mit wunderschönen Spielsachen aus Holz und sogar einigen aus Blech. Hinter dem Tresen ratterte zu Augusts größter Freude eine kleine Eisenbahn auf krummen Schienen im Kreis und erfüllte das Zimmer mit einem melodischen Surren. Aus der hinteren Kammer schlurfte schließlich Gerch herein, der den Neuankömmling sofort kritisch musterte. Augusts Vater hatte seinen Sohn schon vor dem Geiz des alten Händlers gewarnt, doch war August sich sicher, dass er es mit ihm würde aufnehmen können. „Hallo“ brachte er mühsam heraus, „ich bin der August vo Zell und soll hier die Schnitzereien meiner Eltern verkaufen“. Noch während dieser Worte hatte er einige der schönsten Stücke auf den Tresen gestellt, wobei er seinen Ochsen besonders nah an Gerch heran geschoben hatte. „Soso, das willst du mir also verkaufen. Naja, es sind ja eigentlich die gleichen Figuren wie im letzten Jahr auch schon – und von denen sind noch genügend im Lager. Hmm, hmm. Ich denke, zehn Mark kann ich dir für den ganzen Sack geben!“ Damit hatte August nicht gerechnet. Zehn Mark nur? Vater hatte ihm doch noch eingeschärft, dass sie mindestens 25 wert seien. „Nun, was ist? Zehn Mark geb‘ ich dir, aber wennst net willst…“ „Doch, doch…“ brachte August schließlich kleinlaut hervor, wobei ihm die Tränen schon in die Augen stiegen. „Na schau! So, hier ist dein Geld, aber das komische Ding nimmst wieder mit. Das kann ich sowieso net verkaufen.“ Mit diesen Worten drückte er August seinen Ochsen in die Hand, raffte die anderen Schnitzereien an sich und drehte sich zum Schaufenster, wo er sofort damit begann, sie schön zu drapieren. Mit einem letzten Schluchzer drehte August sich um und rannte so schnell er konnte zum Bahnhof zurück; die kalten Tränen, die ihn aus den Augen liefen brachten seine rosa Haut zum brennen, aber er wollte nur noch zügig nach Hause. 

Als er endlich wieder im Zug saß und der sich langsam in Bewegung gesetzt hatte, flog mit einem enormen Wums die Tür auf, die die beiden Waggons voneinander trennte. August, der versucht hatte, sich mit dem Betrachten des Reifes auf den Scheiben abzulenken und derweil darüber nachdachte, wie er seinen Eltern erzählen sollte, was passiert war, drehte sich erschrocken um. Im Türrahmen stand ein stämmiger, älterer Mann mit einem grauweißen Bart und einem alten, dreckigen Ledermantel, der sich über seinem Bauch verdächtig spannte. Grunzend schob er sich zu August und ließ sich ihm gegenüber nieder. Der hatte derweil ängstlich seine Tasche mit den zehn Mark an sich gedrückt, stellte nun jedoch erschrocken fest, dass dabei anscheinend sein Ochse rausgefallen war, der auf dem Boden ein paar Saltos vollführte, ehe er direkt vor den Füßen des Fremden zum Liegen kam. Mit spitzen Fingern hob dieser das kleine Tierchen hoch und musterte es aus seinen tiefblauen Augen. „Gehört der dir?“ wollte er wissen, doch August brachte kein Wort heraus – so nickte er nur kurz und vergrub sein Gesicht etwas tiefer im Schal. „Der ist wirklich schön! Woher hast du den denn?“ Mit einem Mal kam der Mut langsam wieder zurück: „Den hab ich selbst gemacht! Wollen Sie ihn kaufen?“ Was hatte er sich bloß dabei gedacht?! Einen wildfremden Mann einfach derart dreist anzusprechen gehörte sich nicht. Aber irgendetwas hatte der Alte an sich, das August sofort zuversichtlich stimmte. „Hmm, nun gut. Hier, ich gebe dir dafür diese Glassteine, die ich gerade in Münchberg gekauft habe. Die sind bestimmt fünfzig Pfennige wert.“ Naja, besser als nichts, dachte August, und immerhin würde er die Steine in der Schule vielleicht gegen ein Stückchen Schokolade eintauschen können. Das Geschäft war gerade abgeschlossen, als der Zug in Zell ankam. Schnell machte August sich auf den Weg nach Hause und beichtete seinen Eltern, dass er nur zehn Mark für die Figuren bekommen hatte, wobei er das Säckchen mit den Steinen achtlos mit auf den Tisch geworfen hatte. „Naja, da kann man nichts machen – mir wern wohl aweng sporn müssen“, sagte sein Vater und sah das Säckchen. „Und was ist das?“ „Das hat mir ein Mann für eine Figur gegeben, die ich selbst geschnitzt habe. Da sind aber nur ein paar Steine drin.“ Doch wie groß war die Überraschung, als aus dem Säckchen tatsächlich eine ganze Hand voll silbern glänzender Markstücke heraus fiel! „Das sind ja an die 30 Mark“  freute sich sein Vater, „wer war denn der Mann?“ Mit einem Mal ging August ein Licht auf: Ein weißer Bart und ein lederner Mantel. „Der Nikolaus!“



Text: Adrian Roßner, 30.11.2013

Wirtsgogl-G’schichtla: Wie das Holzfraala das Weihnachtsfest rettete

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In seiner bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er regelmäßig Einblicke in seinen Fundus an kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil 14 der Serie erzählt Adrian Roßner vom kleinen Franz, der im dunklen Wald dem Holzfraala begegnet und so mit seiner Familie unerwartet ein wunderschönes Weihnachtsfest feiern kann.

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 

Wirtsgogl G’schichtla #14 als Podcast zum Anhören


Schlaflos

Es war eine kalte, stürmische Nacht im Dezember – nur mühsam bahnte sich das bleiche Mondlicht seinen Weg durch die dicht mit Schnee und Reif bedeckten Äste der Bäume, ehe es am kahlen Boden glitzernde Muster in die weiße Pracht malte. Der kleine Franz kuschelte sich noch ein wenig fester in seine schon seit einiger Zeit viel zu kurze Decke, als der Wind von neuem gegen die alten Scheiben drückte und ihnen ein gruseliges Knarzen entlockte.

Schon seit drei Nächten hatte Franz nur sehr schlecht schlafen können, was sicher auch an der Aufregung lag, die ihn bereits den ganzen Tag über wild herum hüpfen lassen hatte: Morgen nämlich würde er zusammen mit seinem Vater den Weihnachtsbaum im nahen Wald suchen, abschlagen und nach Hause bringen. Seiner Mutter würde er anschließend helfen, ihn schön mit Äpfeln und Papiersternen zu schmücken, wobei immer ihm die Ehre zuteilwurde, den größten und schönsten aller Sterne auf die Spitze zu stecken.

Sorgen vergessen

Gerade als er sich ausmalte, wie lange er und sein Vater wohl in diesem Jahr brauchen würden, um eine passende Tanne zu finden, übermannte Franz schließlich trotzdem der Schlaf. Er drehte sich ein letztes Mal um, schnaufte tief durch und glitt hinüber in die Welt der Träume, in der er alle Sorgen vergessen konnte, von denen ihm seine Eltern in den letzten Tagen erzählt hatten.

Franz‘ Familie war vor einigen Jahren obdachlos geworden, als ein Blitzschlag das ansehnliche Haus am Marktplatz, in dem sie einst gewohnt hatten, komplett hatte niederbrennen lassen. Gott sei Dank ist dabei niemandem etwas passiert, doch stand die kleine Familie von einen Tag auf den andern vor dem Nichts. Sie mussten einen Großteil ihrer Felder verkaufen und auch die Kühe im Stall gehörten ihnen längst nicht mehr. Von dem wenigen Geld, das sie für die Tiere bekommen hatten, konnten sie sich schließlich eine kleine Hütte oben am Waldrand kaufen, die früher einem Hirten gehört haben soll. Gerade die Winter waren hier oben immer besonders schlimm; denn dann würde der alte Hohlweg ins Dorf hinunter komplett zuschneien und Franz‘ Vater wäre den ganzen Tag damit beschäftigt, sich im Wald nach Feuerholz umzusehen – für Spielen bliebe keine Zeit.

Düsterer Wald. Symbolfoto: Pixabay

Aufbruch in der Dämmerung

In seinem Traum jedoch kannte Franz diesen Kummer nicht: Hier tollte er zusammen mit seinem Freund Lukas, dem alten Wachhund der Familie, über Wiesen und Äcker, warf mit Steinen nach den Krähen, die die Saat fressen wollten und kam abends ausgelaugt, aber glücklich in das große steinerne Haus am Marktplatz, wo seine Eltern schon mit dem Essen auf ihn warteten. Gerade, als er in einen der saftigen Klöße beißen wollte, spürte er etwas warmes, flüssiges im Gesicht und roch einen ekelhaften Gestank nach ranzigem Fleisch – Lukas hatte ihn geweckt und zeigte mit wedelndem Schwanz in Richtung der alten Brettertür, an der sein Vater bereits mit dem Anziehen der Winterklamotten beschäftigt war. Schnell schlüpfte Franz aus dem ohnehin nicht sonderlich warmen Bett, zog sich an und machte sich zusammen mit seinem Vater und Lukas auf in den noch immer im morgendlichen Dämmerlicht liegenden Wald.

Auf der Suche nach dem schönsten Baum

„Weißt du, als ich so alt war, wie du jetzt, bin ich schon mit meinem Vater hier oben gewesen und habe zusammen mit ihm nach Weihnachtsbäumen Ausschau gehalten. Damals wohnten wir noch am Marktplatz und…“ immer, wenn Franz‘ Vater von ihrem alten Leben erzählte, stiegen ihm die Tränen in die Augen und so nahm Franz den Alten auch diesmal bei der Hand, drückte sie fest und sagte aufmunternd: „Mach dir keine Gedanken! Wir zwei werden in diesem Jahr einen Baum finden, der schöner ist, als alle anderen im Dorf!“ Mit noch nassen Augen wandte sich sein Vater an Franz: „Du bist ein guter Junge – ich wünsche dir nur, dass du es einmal besser haben wirst. Verdient hättest du’s auf jeden Fall.“

So stapften die beiden zusammen mit einem träge daneben her trottenden Lukas weiter, hielten hier und da an, um vorsichtig den Schnee von den Ästen einiger Bäume zu schütteln, nur um sie letztlich dennoch stehen zu lassen, da sie ihnen nicht gefielen. Nach einer Stunde Suche machten sie kurz Rast und aßen schnell die beiden dicken Brote auf, die ihnen die Mutter belegt hatte, wobei Franz den letzten Rest wieder einpackte: Mutter meinte es immer zu gut mit ihm.

Spuren im Schnee. Symbolfoto: Pixabay

Immer tiefer in den Wald hinein

Schließlich machten sich die beiden wieder auf den Weg, nur um kurze Zeit später erneut stehen zu bleiben, als Franz Vater einen wunderschönen Tannenbaum etwas abseits des Pfades entdeckt zu haben glaubte. „Franz, ich weiß nicht, wie tief der Schnee da hinten ist. Deswegen möchte ich, dass du derweil hier bleibst – und rühr dich ja nicht von der Stelle – ich bin gleich wieder da! Lukas, du passt gut auf ihn auf, ja?“ Sprach’s und war hinter einer Reihe dürrer Fichten verschwunden. Lukas indes schien irgendetwas gewittert zu haben und streckte seine feuchte Schnauze in die kalte Winterluft, wobei sein Atem kleine Wölkchen zauberte. Mit einem Mal stellte er sich komplett steif hin, sträubte das Fell, bleckte die Lefzen und begann ganz leise zu knurren. „Lukas, was hast denn?“ wollte Franz noch wissen, doch da hatte sich der Hund schon in Bewegung gesetzt und rannte unheimlich schnell für sein Alter in den Wald. „Lukas! Bleib doch da!“ rief Franz ihm noch hinterher, doch sah er schließlich keine andere Möglichkeit, als ihm nachzulaufen – immer tiefer hinein in das dichte Unterholz.

Das Gesicht überwuchert von dichtem Moos

Nach kurzer Zeit fand er seinen alten Freund bedächtig an einem kleinen Dachsbau stehen und neugierig die Nase hineinstecken. Als er Franz sah, wuffte er kurz und setzte sich neben das seltsame Loch in den kalten Schnee. „Ach Lukas, du Blinzdiegel! Wegen diesem dämlichen Dachs habe ich jetzt Schnee in den Schuhen – und frieren tut’s mich auch.“ Mit einem Mal blickte er erschrocken auf: „Wo ist denn jetzt überhaupt der Weg?“ Ängstlich schaute Franz sich um, konnte jedoch nicht einmal mehr erkennen, aus welcher Richtung er selbst gekommen war. „Hallo?“ rief er leise in den Wald, „Hallo? Vater? Bist du da?“ Keine Antwort. „Hallo?!“ diesmal etwas lauter – mit einmal Mal kam es kleinlich zurück: „Hallo.“ Erschrocken blickte Franz sich um, konnte jedoch niemanden entdecken. Da kam’s wieder, diesmal ganz nahe: „Hallo! Hier unten!“ Vor dem Loch stand plötzlich eine kleine, hutzelige Gestalt, die Franz irgendwie an einen Baumstamm erinnerte: Ihre Haut war braun und voller Falten, die Haare grün und sogar ein wenig schleimig, und das Gesicht überwuchert von dichtem Moos.

„Hab keine Angst! Ich werde dir nichts tun. Aber halt bitte dieses Ungeheuer weg!“ Lukas hatte die seltsame Gestalt zwischenzeitlich prüfend abgeschnuppert und sich ängstlich zu Franz verkrochen. „Keine Angst, der tut dir nichts. Aber sag: Wer bist du denn?“ „Ich bin das Holzfraala und wohne hier im Wald. Und du bist doch der kleine Franz, oder? Ich habe deinen Vater schon oft beim Holzsammeln gesehen. Er ist immer schön vorsichtig, wenn er meine Freunde, die Bäume, anfasst und nimmt nur die dürren Äste mit, niemals die noch grünen. Einmal hat er sogar drei Kreuze in denen Stumpf geschlagen, damit ich mich darunter vor dem Wilden Jäger verstecken kann! Aber was machst du denn heute hier?“ „Wir wollten eigentlich einen Christbaum suchen, aber ich habe mich verlaufen.“ Einzelne Tränen kullerten Franz über die Wangen.

Brotzeit für das Holzfraala

„Nanana, das ist doch halb so schlimm. Ich werde dich wieder zum Weg zurückbringen, aber sag mal: Hast du etwas zu essen? Ich hab‘ so schrecklichen Hunger!“ Schnell zog Franz die Reste seiner Brotzeit aus der Tasche und gab sie dem pummeligen Frauchen. „Danke dir! Hast was gut bei mir – so, und jetzt komm mit.“ Behände führte die kleine Gestalt Franz und Lukas durch den dichten Wald, hielt hier und da kurz an, schnupperte in die Luft und setzte seinen Weg fort. Mit einem Mal standen sie wieder auf dem kleinen Trampelpfad – Franz erkannte sogar noch seine eigenen Fußspuren und rief überglücklich nach seinem Vater. Das Holzfraala aber zog ihn noch einmal zu sich herunter, drehte seinen Kopf ein wenig auf die Seite und flüsterte: „Schau mal da hinten. Siehst du den Baum? Den schenk ich dir als Dankeschön für die Brotzeit! Nehmt ihn ruhig mit.“ Und mit einem Mal war es verschwunden. Gerade noch rechtzeitig, denn ansonsten hätte Franz Vater es womöglich noch gesehen, der gerade aus dem Wald herauskam und seinen Sohn überglücklich in die Arme schloss.

Eine alte Fichte als Geschenk

„Franz, Gott sei Dank! Ich dachte schon, du hättest dich verlaufen!“ Schnell stapften die beiden nach Hause, doch nachdem Franz seinem Vater die Geschichte erzählt hatte, die ihm widerfahren war, runzelte der nur kurz die Stirn und machte sich daran, den vom Holzfraala gezeigten Baum zu fällen. Es war eine klapprige, alte Fichte, aber die beiden waren so froh, dass sie sich wiedergefunden hatten, dass ihnen das vollkommen egal war.

Geschmückter Christbaum. Symbolfoto: Pixabay

Am Abend schmückte Franz zusammen mit seiner Mutter den Baum und sank erleichtert und glücklich in das kalte Bett. Wie groß jedoch war die Überraschung, als anstelle des alten Gestrüpps am nächsten Tag ein wunderschöner, voller Christbaum in der Mitte der Stube stand, dessen dicke Äste sich vor lauter Schmuck und Gaben aus dem Wald nur so bogen. Schnell weckte Franz seine Eltern, die das Wunder ebenso verblüfft bestaunten, wie ihr Sohn. Unter dem Baum zog Lukas letztlich ein einzelnes Paket hervor, auf dem in krakeliger Handschrift geschrieben stand: „Frohe Weihnachten wünscht das Holzfraala“. Und darin lag eine neue, flauschige Decke für Franz.


Text: Adrian Roßner


Mehr vom Wirtsgogl

Wirtsgogl-Spezial: Bierbrauen – Gestern, heute und morgen

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla” gibt er uns regelmäßig Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. Daneben doziert Roßner an der Universität Bayreuth. 

Vier seiner Studenten haben die neuste Folge im Rahmen des Seminars „Medien und Medienkompetenz im Unterricht“ angefertigt. 

 



Wirtsgogl-Spezial “Bierbrauen – Gestern, heute und morgen”zum Anhören


Außenansicht Maisel & Friends. Foto: Privat.

Im frühen Mittelalter waren es vor allem die Kirchen und Klöster, die das Handwerk des Bierbrauens praktizierten, da ihren Anlagen die nötigen Rohstoffe, Gerätschaften und Lagermöglichkeiten zur Verfügung standen. In den mittelalterlichen Städten wurde zunächst von privaten Haushalten nur zum Eigenbedarf gebraut. Später entwickelte sich das Bierbrauen nach und nach zu einem Gewerbe, was auch einzelne Hausbrauer motivierte für andere Bürger gegen Bezahlung zu brauen.

Mit dem Anstieg gewerblichen Brauens war es auch wichtig, einen gewissen Qualitätsstandard zu gewährleisten, was 1516 zum Reinheitsgebot führte. Jedoch benötigte man fürs Bierbrauen vielerlei Gerätschaften, die ständig instandgesetzt werden mussten, die Qualität des Bieres musste kontrolliert und die Steuer für den Bierausschank eingetrieben werden. Um all dies zu erleichtern, richteten die Kommunen Brauhäuser ein, in denen die Kommunbrauer gegen Bezahlung der Steuer und des sogenannten Kesselgelds abwechselnd ihr Bier brauen konnten.Im  18. und Anfang des 19. Jahrhunderts existierten in Bayreuth sechs kommunale Braustätten.  Vor allem Bäcker nutzten das Kommunbrauwesen und so kommt es, dass die Tradition der sogenannten Beckenbräuer noch von der Bayreuther Bäckerei Lang betrieben wird, die mehrmals im Jahr ihr Beckenbier ausschenkt. Im 19. Jahrhundert revolutionierten wissenschaftliche und technische Errungenschaften wie beispielsweise die Kühltechnik das Brauwesen. So wurde 1831 in Bayreuth die Bierbrauerei AG von Hugo Baierlein gegründet und 1887 gesellte sich dann die Brauerei Gebrüder Maisel hinzu.

Das Podcast Interview. Foto: Privat.


In einem Interview mit Inhaber Jeff Maisel erfahren wir mehr über die Geschichte des Familienunternehmens, Entwicklung der Biervielfalt und welch eine große Rolle Leidenschaft und Spürsinn für ihn spielen. Bei einer Bierverkostung erzählt uns der Sommelier Michael König von Maisels & Friends mehr über Craft Beer, die Sensorik von einzelnen Bierstilen und von dem innovativen Umgang mit neuen Rezepturen z.B. in Bezug auf Food-Pairing.



Erstellt von:
Maximilian Bär
Marco Hofmann

Lisa Kratzer
Theresa Rupprecht
Maximilian Vogel

Impressionen aus dem Maisel & Friends. Foto: Privat.

Wirtsgogl-G’schichtla: Schatzsucher im Fichtelgebirge

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla” gibt er uns regelmäßig Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge widmet sich Adrian Roßner den Schatzsuchern im Fichtelgebirge. Lesen Sie hier die aktuellste Geschichte aus der Feder des Wirtsgogl:

 


Wirtsgogl-Gschichtla #7 “Von den Schatzsuchern des Fichtelgebirges” 

In der Zeit des ausgehenden Mittelalters hatte sich die Kunde über die geologischen Kostbarkeiten des Fichtelgebirges derart weit verbreitet, dass selbst ausländische Glücksritter, die getrieben von der Gier nach unermesslichen Schätzen ganz Europa bereisten, hierher verschlagen wurden. Diese sogenannten „Venediger“ oder „Walen“ gelten in ihrer Eigenschaft als mystische Alchemisten, die mittels geheimer Handwerkskünste, unverständlicher Rituale und seltsamer Zeichen wertvolle Minerale fördern konnten, bis heute als Kern mancher Sage. 

Reichtümer in Deutschlands Gebirgen

Wie bei vielen der althergebrachten Geschichten, so liegt auch diesen Erzählungen eine reale Tatsache zugrunde: Schon in den ältesten Beschreibungen des Fichtelgebirges, etwa von Caspar Bruschius oder Johann Pachelbel wird die Jagd jener Männer erwähnt, die „sich zu rühmen [pflegen], die Schätze und Reichtümer, die in Deutschlands Gebirgen verborgen liegen, seien ihnen als Fremdlingen besser bekannt, als uns Deutschen selbst. So sind auch des öfteren (sic!) von unseren Leuten solche Fremde auf dem Fichtelberg und in seiner Umgebung angetroffen worden, die diesen Berg und das Land herum durchforscht und erkundet haben.“  Dabei quartierten sie sich meist nur über die Sommermonate bei den hiesigen Bauern ein, denen sie in manchen Fällen, so unter anderem in Wülfersreuth, gar aus prekären Situationen halfen: Ein Wirt, der ihn einst bei sich aufgenommen hatte, musste damals mit einer finanziellen Notlage zurechtkommen, reiste nach Italien und wurde dort von seinem ehemaligen Gast mit Reichtümern überhäuft.

Dämonische Marken am Wegesrand

Es scheint demnach mehr ein freundliches Miteinander gewesen zu sein, das zwischen den seltsamen Welschen und den Fichtelgebirglern vorherrschte, wenngleich, wie oftmals der Fall gewesen, die Verstohlenheit der Ersteren in Zusammenhang mit der Neugier und der Unwissenheit der Letzteren zu manch üblen Anschuldigungen führten: So sah man in den seltsamen Zeichen, die die kundigen Schatzsucher überall anbrachten, um später die besten Plätze wiederfinden zu können, dämonische Marken, mit denen sie den Belzebub persönlich angerufen haben sollen, der ihnen dabei half, die Kostbarkeiten zu heben – tatsächlich war das „Schatzheben“ später eine Eigenschaft, die bei manch einem Hexenprozess, darunter der gegen Katharina Ailfferin aus Wunsiedel, die Anklage stütze. 

So geschah es letzten Endes, dass aus den freundlichen Venedigern durchtriebene Gesellen gemacht wurden, die man angeblich in Wirbelwinden durch den Wald fahren sah, die Kinder raubten und all jene Orte, an denen sie verweilten, verfluchten. 

Foto: Adrian Roßner.

Ein ominösen Zeichen des Ochsenkopfs?

Selbst im Ochsenkopf-Symbol, das als Namensgeber des gleichnamigen Bergrückens gilt, kann man, wie es unter anderem auch Helfrecht und Hanicka tun, eines jener ominösen Zeichen erkennen. Zwar dürfte das heute deutlich sichtbare Bildnis erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts dort oben angebracht worden sein, doch ist tatsächlich schon im 15. Jahrhundert von einem „Ochsenkopf“ nahe des „Schneeloches“ die Rede, was die Vermutung nahelegt, dass einst auch hier wertvolle Minerale gefunden worden sind. Hanicka zum Beispiel führt dieses Emblem, das ursprünglich aus drei Linien bestanden haben soll, auf das Zeichen für Merkur und Quecksilber zurück. Wenngleich man heute nicht mehr nachprüfen kann, wie genau das ursprüngliche Symbol ausgesehen haben mag, so ist diese Deutung dennoch einleuchtender, als jene der Herren Scherber und Zapf, die darin (einmal mehr) den Beweis für pagane Opferrituale zu sehen glaubten. 

Was bleibt?

Auch wenn also heute viele Spuren der Venediger verwischt oder in ihrer Bedeutung vergessen sind, so bleiben jene Gestalten dennoch durch Sagen und Mythen tief mit unserem Brauchtum verbunden und dienten gar bis in das 18. Jahrhundert hinein als sicherer Garant für Gold- und Silberfunde. Auch Jacob Heinrich Richter, der 1769 damit begann, an der Saalequelle zu graben und damit das heutige Aussehen jenes Areals entscheidend prägte, suchte einst aufgrund einer kurzen Erwähnung der Venediger in Pachelbels Werk nach buchstäblich sagenhaften Schätzen, von denen das Fichtelgebirge im Laufe seiner Geschichte nur einige wenige preisgegeben hat.  



Text: Adrian Roßner

Wirtsgogl Gschichtla mit Winterhütte im Hintergrund

Wirtsgogl-G’schichtla: Ab auf die Piste!

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla” gibt er uns alle 14 Tage Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge widmet sich Adrian Roßner dem Wintersport im Fichtelgebirge. Hören Sie hier die aktuellste Geschichte aus der Feder des Wirtsgogl:

 


Wirtsgogl-Gschichtla #6 “Ab auf die Piste!” zum Anhören


Eine kurze Geschichte des Wintersports im Fichtelgebirge

Gemächlich kämpft sich das schwarze Ungetüm durch die meterhohen Klüfte, die, einer unsichtbaren Linie folgend, mitten durch die weiße Landschaft führen. Schnaubend und fauchend zum Stehen gekommen, entlässt der lange Wurm aus grünlich schimmernden „Donnerbüchsen“ unzählige befremdlich wirkende Menschen in die kalte Natur, die, mit Stöcken und abstrusen Holzkonstrukten bewaffnet, die Berge der Region erstürmen. Lange galt der Winter als dunkle, abweisende Jahreszeit, in der die Bewohner unserer Heimat sich meist in die mehr oder weniger gut beheizten Stuben zurückzogen, um der während des Sommers liegen gebliebenen Arbeit zu frönen. Nun jedoch, in der Belle Epoque, jener kurzen Ära des Friedens zwischen den beiden verheerenden Kriegen, hat sie einen ganz neuen Zauber entwickelt, der Besucher aus Nah und Fern in das Fichtelgebirge lockt.

Ausschlaggebend für diesen bis dato unbekannten touristischen Aufschwung waren in erster Linie die Stichbahnen, die, von den größeren Städten abgehend, auch entlegenere Dörfer und Marktgemeinden an der modernen Zeit teilhaben ließen. Sie waren es, die unsere Heimat in das 20. Jahrhundert führten, und das nicht allein, da sie die Ansiedlung erster Firmen und Fabriken ermöglichten, sondern auch, weil die vom Rauch und Dreck der wachsenden Metropolen fliehenden Urlauber mit ihnen schnell und zuverlässig die ländlichen Gebiete zur Erholung nutzen konnten.

Skifahren wird Ende des 19. Jahrhunderts populär

Waren es in der warmen Jahreshälfte allen voran die „Sommerfrischler“, die es in die heimischen Wälder zog, setzte sich bereits ab dem Ende des 19. Jahrhunderts das „Schifahren“ als Sportart während der kalten Wintermonate durch. Die betuchten Herrschaften strömten dabei zu den neu gebauten Bahnstrecken über den Furka- oder den Bernina-Pass, entlang derer die gründerzeitlichen Hotelpaläste beinahe wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Jene aber, die lediglich das pure sportliche Vergnügen anstrebten und auf den dekadenten Luxus alpiner Hotels verzichten wollten, besuchten das Fichtelgebirge. Allen voran die bis heute bekannte Region rund um den Ochsenkopf etablierte sich ab 1900 als beliebtes Ziel für Wintersportler, denen man schon bald ganze Züge zur Verfügung stellte, um die Reise möglichst angenehm und unkompliziert zu gestalten. In Warmensteinach schnauften 1907 die ersten dieser „Rodlerzüge“ in den Bahnhof ein und auch in anderen Ortschaften wurde die Eisenbahn für den Tourismus entdeckt. Zur besseren Organisation und der angemessenen Pflege der neuangelegten Pisten gründeten sich entlang der schneereichen Gipfel bereits kurze Zeit später erste „Skiclubs“, die auch die Ausbildung der Anfänger übernahmen.

Besonders verdient gemacht hat sich dabei der aus Bischofsgrün stammende Lehrer Ernst Höppl, der 1907 den Wintersportverein in seiner Heimatstadt aus der Taufe hob und auch bei der Planung weiterer Abfahrtsstrecken, darunter 1938 die Anlage in Sophienthal, beratend tätig gewesen ist. Für die Jugend etablierte man besondere Schischulen, was dazu führte, dass sich, angetrieben vom Adrenalin und dem Rausch der Geschwindigkeit, immer neue Sportarten entwickelten. Ab den 1930er Jahren kam daher vielerorts der Wunsch auf, neben den Abfahrten steile Rampen zu errichten, die es den Wagemutigen ermöglichen sollten, möglichst weit (auf Eleganz legte man zu jener eher weniger Wert, wie historische Filmaufnahmen zeigen) zu fliegen.

Einfach laufen lassen

In Bischofsgrün wurde 1933 eine erste Holzkonstruktion eingeweiht, die den seit den 1920er Jahren existenten „Sprunghügel“ ablöste, in Sophienthal konnte man die Schanze 1938 feierlich eröffnen und auch bei Weißenstadt entstand eine solche Anlage, von der sich leider nurmehr einige Photos erhalten haben. Der veränderte Zeitgeist machte währenddessen auch vor dem Wintersport nicht Halt: 1935 eröffnete man die „Adolf-Hitler-Skibahn“ am Waldstein, die in der überregionalen Presse als „Neubau“ bezeichnet wurde, der sich „mit jeder derartigen Bahn im Fichtelgebirge messen“ kann. Ein Problem war freilich die sehr geringe Breite, die keinerlei Ausweichen oder Schwingen während der Abfahrt ermöglichte. Somit blieb den Sportlern einzig übrig, es „laufen zu lassen“ und, wie manche Augenzeugen bis heute berichten, „zu brobiern, an Baam zer derwischn, wenn’s zer schnell gworn is.“ Mit dem steigenden Interesse der Wintersportler erlebten auch die Gipfelhäuser des Fichtelgebirgsvereins eine zweite Blüte: Waren die meisten davon ursprünglich als Ausflugsgaststätten für die Wanderer errichtet worden, die in den Sommermonaten die Wälder durchstreiften, öffneten nun immer mehr von ihnen auch während der kalten Jahreszeit ihre Türen und verbreiteten damit den Flair alpiner Gebirgslagen zu bezahlbaren Preisen. Teils wurde dabei gar eigens kreiertes „Skiwasser“ angeboten, wobei es sich faktisch um aufgeheiztes Leitungswasser mit einem Schuss Zitronensaft handelte, das jedoch bis heute Vielen wehmütige Erinnerungen zurückruft. 

Sessel- und Schlepplift-Betrieb am Ochsenkopf

Der Zweite Weltkrieg beendete schließlich die meisten dieser kleineren und vor allem lokal bedeutenden Unternehmungen, während sich die größeren Skigebiete aufgrund stetiger Investitionen und Verbesserungen bis heute behaupten können. Am Ochsenkopf befördern mittlerweile moderne Sessel- und Schlepplifte die Abfahrer auf den Gipfel, wo seit der Wintersaison 2007 Beschneiungsanlagen aushelfen, falls das natürliche Weiß nicht ausreichen sollte.

Der Wintersport hat damit tatsächlich eine lang zurückreichende Tradition im Fichtelgebirge und wenngleich die heutige Hightech-Ausrüstung für „Carving“, „Skijumping“ und „Freeriding“ nicht mehr viel mit jenen Holzbrettern zu tun hat, auf denen die Pioniere einst über die Pisten fegten, so tut es dennoch not, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um ihre Anfänge zu verdeutlichen.



Text: Adrian Roßner

Wirtsgogl-G’schichtla: Mysteriöse Steinkreuze am Wegesrand

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla” gibt er uns alle 14 Tage Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge erklärt Adrian Roßner, was die bemoosten Steinkreuze bedeuten können, die an unseren Wegesrändern zu finden sind. Eines sei vorweg verraten: Die Geschichten sind mörderisch schaurig. Passend eben, zum fränkischen Winter.  Hören Sie hier die aktuellste Geschichte vom Wirtsgogl:

 

“Steinkreuze”


Wirtsgogls-Gschichtla #4 zum Anhören


Stumme Zeitzeugen am Wegesrand

Einsam, teils gar vergessen und überwuchert von den Ranken der Vergangenheit stehen sie mahnend an manchem Wegesrand: Steinkreuze. Wenngleich uns heute zu Vielen nähere Informationen fehlen, laden sie dennoch ihre Finder dazu ein, sich mit ihrer Hilfe längst vergangener Zeiten zu entsinnen und damit einen Blick in die Geschichte unserer Heimat zu werfen. Mystisch und geheimnisvoll sind dabei manche Erzählungen, die seit Generationen weitergegeben werden und von den Umständen, die einstmals zur Aufstellung der Kreuze geführt haben sollen, berichten.

Bei aller Romantik, die den Betrachter demnach überfällt, wenn er über die von Jahr und Zeit glattgeschliffenen Oberflächen der Kleinode fühlt, muss er sich immer ihrem einstigen Nutzen gewahr sein. Nicht etwa der bloßen Schönheit wegen stellten unsere Vorfahren sie auf, sondern um auf Verbrechen und Gewalttaten hinzuweisen, die derart schrecklich auf ihren Seelen lasteten, dass man über Jahrhunderte hinweg daran zu erinnern trachtete. Allen voran im Mittelalter, einer Zeit, in der die Rechtsprechung eng mit dem Kirchenheil in Verbindung stand, forderte man im Rahmen einer Art von Blutrache von Mördern und Totschlägern das Aufstellen eines steinernen Mahnmals in Kreuzesform, um damit Buße zu tun vor dem höchsten Gericht. Mit der, im Zuge der Landfriedensordnungen der frühen Neuzeit einhergehenden, weltlichen Rechtsprechung, verschwand dieser Kult zusehends und machte fortan juristisch geführten Verhandlungen Platz, an deren Ende vermehrt ganz profane Zuchthausstrafen standen.

Erinnerungen an grausame Verbrechen

Wenngleich demnach die Sühne allzu oft zur Aufstellung der Kreuze führte, kann sie nicht allein als Grund für die Existenz der Artefakte gesehen werden, da sie manches Mal auch zur bloßen Erinnerung an ein Verbrechen installiert worden sind. Das sogenannte „Mordkreuz“ bei Mödlenreuth in der Nähe von Gefrees kann in diesem Zusammenhang als Beispiel dienen. Chroniken berichten von einem heimtückischen Überfall, dem Johann Friedrich Heinlein aus Mittweida am 4. Mai 1687 zum Opfer gefallen war. Sein Kumpan soll ihn im Streit erschossen und seine Leiche anschließend gefleddert haben, ehe er sich von dannen machte und spurlos verschwand. An jener Stelle, wo ein Bauer wenig später den toten Körper des Opfers entdeckte, errichtete man zur Mahnung das Steinkreuz, das noch heute auf die Untat verweist. Ähnlich stellt sich auch der Fall des „Schinderhannes“ im kleinen Örtchen Reinersreuth dar, wenngleich er mit einer Datierung in das Jahr 1883 verhältnismäßig kurz zurückzuliegen scheint. Am 29. April des Jahres wurde der Ökonom Johann Konrad Dietel, der sich gerade auf dem Rückweg von der Weißenstädter Kirchweih befunden hatte, am Waldsteinpass von Johann Grüner mit einem Hammer erschlagen und ausgeraubt. Obwohl die Beute (Akten zufolge eine silberne Taschenuhr und 15 Mark in bar) relativ gering ausfiel, zeichnete sich der Mord durch eine große Brutalität aus, die dazu führte, dass eine wahre Jagd nach dem Täter begann. Nachdem man Grüner aufgrund fehlender Beweise ein erstes Mal ungestraft davonkommen lassen musste, ermöglichte schließlich die Aussage seines Bruders die erneute Inhaftierung, die mit der Todesstrafe endete. Allein durch die Gnade des Prinzregenten wurde sie schließlich in einen lebenslangen Gefängnisaufenthalt abgemildert. An der Stelle der Tat jedoch zeugt bis heute ein Gedenkstein vom grausamen Mord.

Auch „Schwedenkreuze“ gehören zur Kategorie der Gedenksteine. Wie beim Exemplar in der Häuselloh nahe Selb ranken sich um diese Objekte düstere Erzählungen von martialischen Schlachten beispielsweise während des Dreißigjährigen Krieges, deren Opfer man meist direkt am Ort ihres Todes bestattete. Ähnlich verhält es sich zudem mit „Preußengräbern“ (eines der berühmtesten findet sich bei Oberlaitsch), die aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges stammen.

Mysterien in Stein gehauen

Natürlich darf nun nicht davon ausgegangen werden, dass hinter jedem Steinkreuz eine blutige Geschichte steht. Teils dienten sie (oder auch in Stein gehauene Kreuzzeichen) schlicht der Markierung bedeutender Altstraßen oder aber der Bitte um den Beistand der Heiligen beim Schutz der Ernte vor Unwettern und anderen Katastrophen. Wenngleich demnach jedes der bis heute erhaltenen Kleindenkmäler (allein im Landkreis Hof gibt es derer 28) seine ganz eigene Entstehungsgeschichte hat, dienen sie alle dazu, die Phantasie der Menschen zu beflügeln und lassen ihren Betrachtern noch immer den ein oder anderen Schauer über den Rücken rinnen. Immerhin vermag keiner zu sagen, welcher Wahrheitsgehalt beispielsweise den Erzählungen von „Seelenlöchern“ (also Aussparungen, durch die der unsterbliche Geist des Menschen auszufahren pflegte) innewohnt. Auch die Tatsache, dass manche Kreuze Schabspuren aufweisen, die unter anderem darauf zurückgeführt werden, dass die anfallenden Splitter heilende Kräfte haben sollen, beweist eine große Bedeutung der Artefakte allen voran im Volksglauben.

Bis heute eine Faszination

Manche namhafte Forscher ließen sich davon schließlich derart begeistern, dass sie sich auf die Jagd magischer Linien machten, die, so jedenfalls glaubten sie beweisen zu können, durch die Kreuze gekennzeichnet werden sollen. Obschon meist das bloße Nachmessen der angeblich wie durch Zauberei stetig gleichen Abstände zwischen den einzelnen Objekten meist ausreicht, um die Theorien ins Wanken zu bringen, wird jeder, der auf seiner Wanderung durch unsere Wälder auf ein solches Denkmal stößt, anerkennen müssen, dass sie noch immer ein mystischer Zauber umweht.

Trotz mancher Geheimnisse, die sie bis heute nicht preisgegeben haben, sind und bleiben sie beredte Zeugen unserer eigenen Geschichte.


Literatur:
Bucka, Hans; Heland, Oskar: „Grenzsteine, Flur- und Kleindenkmale im Landkreis Hof“, Hof 1991.
Dies.: „Steinkreuze, Kreuzsteine im Landkreis Hof und in der Stadt Hof“, Hof 1986.
Döberlein, Christian: „Steindenkmäler im Landkreis Rehau“, Rehau 1965.

Wirtsgogl-G’schichtla: Auf den Spuren der schwarzen Kunst

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla” gibt er uns alle 14 Tage Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge erklärt Adrian Roßner, wo eigentlich unser Aberglaube herkommt! Warum denken wir bei heulende Wind an Geister? Woher kommt die Idee, dass bestimmt Rituale uns beschützen können? Und was hat das alles mit unseren Vorfahren zu tun? Hören Sie hier die aktuellste Geschichte vom Wirtsgogl:

 

“Auf den Spuren der schwarzen Kunst”


Wirtsgogls-Gschichtla #3 zum Anhören


Aberglaube aus der dunklen Jahreszeit

Wenn der Herbst Einzug hält in Fichtelgebirge und Frankenwald, die Bäume ihre Blätter erst in bunten Farben erstrahlen lassen, ehe sie leblos zu Boden sinken und das Nebelgespinst sich, einem Fluss aus reinster Seide gleich, aus den Wäldern wagt, beginnt die Zeit des Jahres, in der der Aberglauben besonders stark um sich greift. Auf die kirchlichen Hochfeste Allerheiligen und Allerseelen folgen mit der Andreasnacht und den berühmt-berüchtigten Rauhnächten die für Sagen und Brauchtum wichtigsten Abschnitte des Zeitenlaufs, dem das alte Jahr zum Opfer fällt, ehe ein neues beginnen kann. Kein Wunder, dass sich viele der überlieferten Riten mit dem Sterben und der Vorhersehung zukünftiger Ereignisse auseinandersetzen. Doch wie entstanden diese, für den modernen Beobachter derart fremd klingenden Sitten, bei deren Erläuterung noch immer der ein oder andere Schauer den Rücken hinabrinnt?

Die menschliche Ur-Angst

Die Antwort auf diese Frage findet sich im Wesen des Aberglaubens, der, anders, als weithin bekannt, nicht etwa Blasphemie und Abgötterei umschreibt, sondern in seinem Innern auf einen der ureigensten Instinkte des Menschen zurückführt: Die Angst. In der zugegebenermaßen recht kurzen Geschichte unseres Geschlechts ist sie eines der wichtigsten Gefühle überhaupt, da sie einst dazu diente, unsere Vorfahren bereit zu machen für die zwei grundlegenden Reflexe, denen man bei einer drohenden Gefahr nachgeben kann: Flucht oder Kampf. Sobald sich eine trügerische Stille einstellte und die umgebende Natur sich scheinbar innerhalb eines kurzen Moments komplett in eine lauernde Anspannung zurückzog, war es die Angst, die dafür verantwortlich zeichnete, sich auf die drohende Gefahr von Raubtieren und anderen lebensbedrohlichen Situationen einzustellen. Jene uns allen eigene „Ur-Angst“ bildet den eigentlichen Kern des Aberglaubens, dessen Deutung als „Irrlehre“ und „Ausdruck des Heidentums“ vor allem durch Martin Luther geprägt worden ist. In ihm nämlich finden sich noch heute Elemente, die ganz klar auf den Instinkt unserer Ahnen zurückführen. Wem haben sich nicht schon einmal die Haare aufgestellt, als er bei einem anfangs gemütlichen Spaziergang plötzlich ein leises Ächzen im nahen Unterholz hörte? Der Schritt von dieser Schutzfunktion des Körpers bis hin zum Aberglauben mit der angegliederten Welt der Dämonen und Geister ist nicht sonderlich weit, was in zwei Dingen begründet liegt.

Warum wir Geister und Dämonen sehen

Zum einen ist es eine bekannte Eigenschaft von Instinkten, dass sie ohne kognitive Abläufe funktionieren, was heißt, dass der Mensch, der Angst empfindet, nicht lange nachdenkt, sondern direkt zu handeln versucht, um der Gefahr zu entgehen. Spitz formuliert, klinkt sich das logisch denkende Gehirn aus der Situation aus und überlässt den rudimentären Reflexen des Körpers, die sich beispielsweise in Freuds „Es“ wiederfinden, das Feld. Sobald jedoch eine abwiegende Deutung der Situation nicht mehr möglich ist, brechen sofort alle möglichen Szenarien über den ängstlichen Menschen herein, denen er nicht Herr zu werden vermag: Aus dem einfachen Knacken eines Astes im dämmrigen Licht des abendlichen Waldes wird somit innerhalb kürzester Zeit eine nicht zu unterschätzende Bedrohung, der man, aufgrund fehlender logischer Erklärungen, sofort alle möglichen Kräfte und Mächte zuspricht. Kein Wunder also, dass sich die Sagen unserer Heimat meist nicht mit Tieren oder anderen realen Objekten befassen, sondern mit Geistern und Dämonen, die hinter jeder Ecke lauern könnten.

Ohne logische Erklärung setzt die Angst ein

Der zweite wichtige Aspekt leitet sich mehr oder weniger direkt aus den eben erwähnten Überlegungen ab. Der Mensch ist, wie manche Psychologen es auszudrücken pflegen, ein „wissenschaftlicher Laie“, der bei allen Vorgängen und Szenarien stets nach den jeweiligen Gründen sucht. In unserer Welt existiert nichts „einfach nur so“, sondern alles muss eine Daseinsberechtigung vorweisen können. Diese Suche nach Ursachen, die man auch „Kausalattribution“ nennt, spiegelt sich stark im Aberglauben wider: Es ist eine Tatsache, dass wir uns am meisten vor eben jenen Feinden fürchten, die wir nicht kennen, über deren Stärken und Schwächen wir nichts wissen und die uns damit als überlegen erscheinen. In einer logischen Folge darauf entwickelten die Menschen bald Erklärungsversuche für die in ihren Augen übernatürlichen Phänomene, wobei allzu oft „höhere Mächte“ eine große Rolle spielen: So wurde beispielsweise aus dem Waldwind, der noch heute mancherorts unheimlich klagend um die Ecken der Häuser pfeift, der Vorbote des bald über die Bewohner hereinbrechenden „Wilden Heeres“. Andere erkannten darin die „Wehklage“, eine Art Geistererscheinung, die den nahenden Tod eines der Hausbewohner ankündigte. Trat daraufhin tatsächlich ein wie auch immer geartetes Unglück ein, wurde dies sofort den vorher erlebten Vorgängen zugesprochen, die daraufhin an Macht gewannen und deren Geschichten man sich als Warnung an zukünftige Generationen weitererzählte.

Die Jagd nach dem Wissen

Diese Jagd des Menschen nach Wissen ist seit alters her ein fester Bestandteil unseres Wesens: Als Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen, taten sie dies, da ihnen die Schlange versprochen hatte, dass sie dadurch gottgleich würden und Einsicht bekämen in alle Vorgänge des Mysteriums „Welt“. Ähnlich wie die beiden ersten biblischen Menschen, jagte auch Dr. Faust der Erkenntnis hinterher, da er wissen wollte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ und da die guten Geister ihn als unwürdig erachteten, wandte er sich schließlich der dunklen Macht, Mephistopheles, zu, um begreifen zu können.

Wissen ist Macht, nach deren Erlangung jeder strebt – ob es nun die großen Gelehrten waren, oder die einfache Landbevölkerung Oberfrankens.

Bräuche suggerieren Sicherheit

In den Bereich des Aberglaubens sind schließlich auch die Bräuche einzuordnen, die sich bis heute in mannigfaltiger Ausführung erhalten haben. Es ist, wie bereits beschrieben worden ist, eine Tatsache, dass man sich immer dann besonders fürchtet, wenn die Gefahr besteht, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Bräuche stellen entsprechend nichts weiter dar, als Regeln, die den Menschen Sicherheit suggerieren sollen, wo es eigentlich keine geben kann, indem sie ihnen ein Stück weit Halt zu geben versuchen. So ist für diejenigen, die alle wichtigen Sitten während der anfangs erwähnten Rauhnächte einhalten, vollkommen klar, dass ihnen nun nichts Schlimmes mehr widerfahren kann, da sie ja alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um drohendes Unheil abzuwenden. Ein Ritus, der sich bis heute erhalten hat, ist das Bleigießen zu Sylvester, das die Angst vor der ungewissen Zukunft durch fadenscheinige Formdeutungen nehmen soll.

Es bleibt schließlich allein übrig, sich den Worten Johann Wolfgang von Goethes anzuschließen, der einst sagte: „Der Aberglauben gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn man sich einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.“ 

Wirtsgogl G'Schichtla

Wirtsgogl-G’schichtla: Die Bahrschilder in St. Michael

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla” gibt er uns alle 14 Tage Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In Teil 2 der Serie geht es um die “Bahrschilder” in der Weidenberger Kirche St. Michael. Man brachte diese bei Beerdigungen am Sarg des verstorbenen Meisters oder an einem „Bahrtuch“ an, das ihn bedeckte. Mit Aufkommen der weiterverarbeitenden Berufe spezialisierte man sich auf einzelne Produkte: Neben den Hufschmieden, etablierten sich auch die Nagel-, Ringel- und Sägschmiede, die sich in einer entsprechenden Zunft zusammenschlossen.

“Die Bahrschilder in der Weidenberger Kirche St. Michael”


Wirtsgogls-Gschichtla #2 zum Anhören


Die Weidenberger Kirche St. Michael gilt vollends zurecht als Prunkstück des markgräflichen Barockstils. Besuchern jedoch, die das monumentale Bauwerk besichtigen und sich vom himmlischen Prunk auf der (zur Erbauungszeit recht kärglichen) Erde ablenken lassen, entgehen zwei kleine ovale Scheiben, die sich links und rechts der inneren Eingangstür befinden und auf ein vergangenes Kapitel der Lokalgeschichte verweisen.

Von Märkten, Handwerkern und Zünften

Schon im Mittelalter hatte eine wahre „Verstädterung“ auch unserer Region eingesetzt, die zur Folge hatte, dass sich die bis dato meist landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft tiefgreifend veränderte. Aus den Bauern, die meist auf verlehnten Höfen arbeiteten und viele Produkte des täglichen Lebens selbst herstellten, hatten sich Handwerker entwickelt, die immer öfter in die größeren Siedlungen zogen, um dort den in der Entwicklung befindlichen „Markt“ zu bedienen.

Daraus entstand – vollends logisch für dieses frühkapitalistische System – eine gewisse Konkurrenz zwischen den einzelnen Anbietern, die bspw. versuchten, einander durch günstiger hergestellte Waren auszubooten. Die damit einhergehende Qualitätsminderung nötigte schon bald dazu, die Hersteller in einer Organisation zu vereinen, die sich zum einen um die Wahrung ihrer Rechte kümmerte, zum anderen jedoch dafür sorgte, dass eine gewisse Fairness im Vertrieb der Waren sichergestellt werden konnte: Die „Zünfte“ waren geboren. Neben den bekannten Vereinigungen, die in großen wie auch in kleinen Städten die Bäcker, die Müller oder landwirtschaftlich-orientierte Handwerksberufe wie Wagner zusammenfassten, organisierten sich – je nach Anzahl – mancherorts auch die Schmiede in einer entsprechenden Einung.

Ein Ruhrgebiet des Mittelalters

In Weidenberg lässt sich eine solche Institution bereits seit 1688 nachweisen, was darauf schließen lässt, dass ihre Traditionen weit zurückreichen müssen. Tatsächlich gilt die These, derzufolge die namensgebenden Herren von Weidenberg als Lokatoren und auch als Überwacher einer seit dem Hochmittelalter betriebenen Suche nach Erzen fungierten, als gesichert. Urkundlich fassbar wird der Bergbau zwar erst 1466, entwickelte sich dann jedoch innerhalb kürzester Zeit zur gewinnbringenden Wirtschaftsmacht: Schon 1450 war eine Berggesellschaft gegründet worden, um die Fördermengen zu steigern. Rund um den Ort hatten sich davon ausgehend nicht allein Zechen und Bergwerke entwickelt, sondern es war eine Art „kleines Ruhrgebiet“ entstanden, in dem auf relativ engem Raum die Verarbeitung der abgebauten Rohstoffe direkt vor Ort geschehen konnte.

Bahrschild 02

Foto: Adrian Roßner

Von den Gruben mit recht bildhaften Namen wie „reiche Zeche“ oder „Bescherte Glück“ kamen die Erze in die produzierenden Betriebe, „darunter drey Waffenhämmer, von denen zwey zur Oberpfalz gehören [und deren][…] Arbeiten auf Märkte und Messen geschickt und von In- und Ausländern aus fernen Gegenden abgeholt werden“ wie Johann Michael Füssel in seinem Tagebuch schreibt. Diese sogenannten „Schrötelhämmer“ (Hammerwerke zum Zerkleinern des Erzes vor dem eigentlichen Schmelz-Vorgang) stecken noch heute in vielen Ortsnamen wie „Rosenhammer“ und dienten daneben als Vorlage für unzählige Sagen, in denen sich die „Schröteler“ den ein oder anderen Scherz mit den neuen Bewohnern ihrer alten Mühlen erlaubten.

Die Bahrschilder

Mit Aufkommen der weiterverarbeitenden Berufe und der relativ schnell eintretenden „Sättigung“ des Marktes wurde schon bald eine Spezialisierung auf einzelne Produkte notwendig: So etablierten sich neben den Hufschmieden, auch die Nagel-, Ringel- und Sägschmiede, die sich in Weidenberg (wo sich noch Ende des 18. Jahrhunderts 15 solcher Handwerker nachweisen lassen) in einer entsprechenden Zunft zusammenschlossen. Ausschlaggebend für diese Form der Organisation waren neben der bereits erwähnten Sicherstellung des fairen Wettbewerbs untereinander auch die Festschreibung der Gesellen-Ausbildung, die Dauer der Lehrzeit und – meist vergessen – starke Auswirkungen auf das Privatleben der Mitglieder.

Wer Teil einer Zunft werden wollte, musste nicht allein über das notwendige Kapital verfügen, mit dem die Einung ihre Geschäfte betrieb und das notfalls unschuldig verarmten Kameraden zur Verfügung gestellt wurde, sondern sich auch den Gepflogenheiten und Regeln unterwerfen. So war mit einer Anzeige aus den eigenen Reihen zu rechnen, sofern ein Mitglied Gott lästerte oder sich despektierlich über einen seiner Brüder äußerte, ohne Beweise für seine Beschuldigungen vorweisen zu können. Als Ehre jedoch galt es den Meistern, wenn ihnen bei der Beerdigung von den übrigen Mitgliedern der Zunft das Geleit gegeben wurde, wodurch auch die ominösen Tafeln in der Weidenberger Michaels-Kirche ihren wahren Sinn enthüllen. Es handelt sich dabei um „Bahrschilder“, die man bei Beerdigungen entweder direkt am Sarg des verstorbenen Meisters, oder aber an einem „Bahrtuch“, das ihn bedeckte, befestigte.

 

Bahrschild 01

Foto: Adrian Roßner

Interessant sind in diesem Zusammenhang in erster Linie die beiden unterschiedlichen Ausführungen: Während das eine Schild die in der Zunft vereinten Schmiedeberufe aufführt, zeigt das andere, dominiert von den beiden herrschaftlichen Löwen, die jeweiligen Symbole wie Wagenrad, Säge und Gürtelschnalle. Es darf davon ausgegangen werden, dass einst mehrere dieser Schilder existierten (auch für andere Zünfte, wie die Bäcker), wovon sich jedoch vermutlich keine mehr erhalten haben. Insofern bieten diese beiden, wenngleich unscheinbaren Objekte einen beeindruckenden Blick in die Vergangenheit nicht allein Weidenbergs, sondern der gesamten Region und weisen zudem auch auf die Gesellschaftsformen unserer Vorfahren hin.

Der Wirtsgogl erzählt von Postkutschen

Wirtsgogl-G’schichtla: Postkutschen im Fichtelgebirge

Adrian Roßner, Foto: Privat

“Heimatforschung geht auch unterhaltsam”: Das beweist Adrian Roßner in unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla”. Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt – glücklicherweise – “von hier”. Alle 14 Tage kramt er für uns in seinem Fundus von kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil 1 der Serie geht es um die Postkutschen im Fichtelgebirge. Während heute Distanzen von hunderten von Kilometern im Auto oder Flugzeug in kürzester Zeit zu bewältigen sind, war das früher anders. Wie diese Entwicklung in unserer Region von Statten ging, können Sie in der ersten Ausgabe der “Wirtsgogl-Gschichtla” nachlesen.

Mit der „geschwinde fahrenden Postkalesche“ durch das Fichtelgebirge


Wirtsgogls-Gschichtla #1 zum Anhören

 


Der Status Quo

Mit Blick auf die bewegte Vergangenheit neigen wir immer wieder dazu, ganze Epochen unter einen Oberbegriff zu stellen, der sich meist an den größten Errungenschaften der jeweiligen Zeit orientiert. Angefangen in der Frühgeschichte, als man erstmals Eisen und Bronze zur Herstellung von Werkzeugen nutzte, bis hin zum „Industriezeitalter“, das im 19. Jahrhundert die ersten Maschinen auch in unsere Region brachte, hat jede Ära ihre ganz eigenen Spezifikationen. Es stellt sich nun jedoch die – natürlich recht spekulative – Frage, was die Menschen in ferner Zukunft einst über unsere momentane Gegenwart sagen werden. Sofern sie sich an der früheren Namensfindung orientieren, bleibt eigentlich nur eine Möglichkeit: „Kommunikationszeitalter“.

Nichts nämlich hat die Geschichte während der letzten einhundert Jahre derart verändert, wie die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten. Beginnend mit den ersten Telefonen, die – über die Posthaltereien und die berühmten Fräulein vom Amt – Menschen über mehrere Kilometer hinweg miteinander verbanden, bis hin zum Internet und den E-Mails rückte die Welt Stück für Stück näher zusammen. Doch bei allem Fortschritt schwindet einmal mehr die Wertschätzung der eigenen Möglichkeiten: Beinahe nebenbei tippen wir heute auf den Computertastaturen herum und senden – wenn man die Sache ehrlich selbstkritisch betrachtet – meist ziemlich Belangloses durch den Äther.

Kommunikation über weite Strecken: Wie alles begann

Noch vor wenigen Jahrhunderten stellte sich die Sache indes anders dar. Man lebte im eigenen Dorf, neben den seit jeher bekannten Nachbarn und jede Reise, die über die mittelalterlichen Hohlwege in eine der nächsten Städte führte, war ein kleines Abenteuer. Die gleichen Trassen nutzte man schließlich auch, als sich Ende des 17. Jahrhunderts eine erste Revolution ankündigte, die dazu beitragen sollte, dass sich der Horizont der Bewohner unserer Region rapide verändern und die Heimat in Kontakt mit der großen Weite der Welt treten würde.

Die zugrundeliegende Idee freilich war denkbar einfach: Um Schriftstücke zuverlässiger und schneller von A nach B zu bringen, wollte man feste Strecken definieren, die in regelmäßigen Abständen von einem reitenden Boten bedient werden sollten. Die Aufsicht über dieses erste Kommunikationsnetzwerk hatte sich bereits recht früh ein lombardisches Geschlecht gesichert, dessen Namen „Tasso“ man mit dem Ausbau des Einflusses auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in „Taxis“ änderte.

Einfluss auf die Wirtschaft

Noch heute steht die Familie Thurn und Taxis synonym für die Postgeschichte bis in das 19. Jahrhundert hinein und war damit natürlich auch zu einer gewissen Instanz geworden. Immerhin lag es in ihrer Macht, die Politik wie auch die Wirtschaft entscheidend zu beeinflussen – schlichtweg dadurch, dass sie die Wege der Informationsvermittlung im Monopol kontrollierte.

Verständlich also auch das baldige Streben nach immer weitreichenderen Verbindungsstrecken, die ab dem 17. Jahrhundert – wenige Jahrzehnte nach dem Ende des 30jährigen Krieges – die aufblühenden Metropolen des Reiches besser vernetzen sollten. In Nürnberg war es der damalige Postmeister Gottfried Egger, der von der Einrichtung einer reitenden Post nach Leipzig träumte und dafür sorgte, dass sich am 15. April 1683 auch tatsächlich ein erster Bote auf den beschwerlichen Weg machte.

Eine Postkutsche in Weidenberg

Eine Postkutsche in Weidenberg, Foto: Archiv Weidenberg

Praktische Innovationen

Über Stock und Stein trieb er sein strammes Ross auf der 255 Kilometer langen Strecke, doch wäre es weder Reiter noch Tier zuzumuten gewesen, die gesamte Route allein zu bewältigen, weshalb man in regelmäßigen Abständen „Postställe“ errichtete, an denen die wertvolle Fracht den Boten wechselte, während sich der ausgelaugte Kollege – samt reitbarem Untersatz – die wohlverdiente Ruhe gönnte. Der Erfolg des gut organisierten Systems sprach schnell für sich und führte dazu, dass es ab 1686 nicht allein für immer mehr postalische, sondern auch für menschliche Fracht Anwendung fand. Seit dem 28. September des Jahres machten sich in regelmäßigen Abständen die „geschwinde fahrenden Caleschen“ von Nürnberg aus über Erlangen, Bayreuth und Münchberg auf den Weg nach Hof, wo eine Kutsche der königlich-sächsischen Post übernahm; allen Neuerungen zum Trotz, wollten die kleinlich definierten Staatsgrenzen gewahrt bleiben.

Wenngleich die Region demnach schon relativ früh Anschluss an das im Ausbau befindliche Netz erhielt, so dürfen die Annehmlichkeiten während der Fahrt in den kaum gefederten Konstruktionen nicht überschätzt werden: Immerhin benötigte man für die Strecke von Nürnberg nach Leipzig noch immer (gut durchgerüttelte) 67 Stunden, was niemand ausgehalten hätte. Logisch, dass man die Ställe recht bald zu Poststationen ausbaute, die auch Unterkünfte für die betuchten Reisenden bereitstellten. Noch heute haben sich solche prachtvollen Ensembles in der Region erhalten. Im Weißenstädter Gasthof „Zur Post“ lagen in der breiten Tordurchfahrt erhöhte Türen, über die die Fahrgäste direkt von der Kutsche aus die wohlig warme Gaststube treten konnten.

Unterwegs in der Region

In Münchberg indes zeigt das gut erhaltene Hotel „Schwarzer Adler“ nebst eigens für die Kutschen Anfang des 18. Jahrhunderts gebauter Schmiede, wie umfassend die Versorgung einst aussah. Nach dem Pferdewechsel, der nicht länger als maximal eine Stunde dauern durfte, konnte man sich von diesen „Relais-Stationen“ aus ausgeruht auf die nächste Etappe der Reise machen, wobei manch einer vermutlich ein „Schmiergeld“ springen ließ, um mittels gefetteter Achsen ein wenig ruhiger dahingleiten zu können. In Weidenberg diente das Gasthaus „Schwarzes Roß“ als Pferdewechselstation, die bis zur Einweihung der Eisenbahnstrecke Bayreuth-Warmensteinach Ende des 19. Jahrhunderts in Betrieb geblieben ist. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die überlieferten Fahrtzeiten aus dem Jahr 1868:

Bei einer Abfahrt in Fichtelgebirge um 4.30 Uhr erreichte die Kutsche Weidenberg um 7.30 Uhr und kam schließlich um 9.40 in Bayreuth an, ehe man sich um 14.30 Uhr wieder auf den Rückweg macht.

Wie auch bei der Eisenbahn in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Fall, begann entlang der Kutschenstrecken ein wirtschaftlicher Aufschwung, von dem die Anrainer zu profitieren verstanden. Schnell folgten daher auf die Hauptwege kleinere Nebenverbindungen, die die betuchten Reisenden in das Fichtelgebirge brachten. Allen voran der letzte Markgraf des Bayreuther Fürstentums, Carl Alexander, hatte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts um den Ausbau der Verkehrswege verdient gemacht, wovon noch heute Postsäulen wie das Exemplar bei Wunsiedel aus dem Jahre 1792 zeugen. 1831 schließlich war der Zenit des Netzes erreicht: Von Bayreuth aus führte eine Eilwagenverbindung über Berneck und Münchberg nach Hof, von der bei Gefrees Stichstrecken über Weißenstadt nach Wunsiedel, Marktredwitz und Thiersheim abzweigten. Bayreuth, Hof und Wunsiedel waren zudem zu den wichtigsten Knotenpunkten aufgestiegen und profitierten demnach am meisten vom rasanten Fortschritt.

Fahrplan der Postkutsche 1831

Fahrplan der Postkutsche 1831, Foto: Adrian Roßner

Bahn statt Kutsche

Natürlich machte der Fortschritt jedoch auch vor den Postkaleschen nicht Halt: Als sich 1835 schnaubend der berühmte Adler auf der Ludwigsbahn von Nürnberg nach Fürth in Bewegung gesetzt hatte, werden manche schon gemutmaßt haben, dass die Dampfkraft die Pferdestärke früher oder später überholen würde. Am Ende kam es gar schneller, als anfangs gedacht. Bereits 1848 wurde mit der Ludwig-Süd-Nord-Bahn das Königreich Bayern mit dem benachbarten Sachsen verbunden und machte damit auch die Kutschverbindungen bald überflüssig. Nicht allein bequemer war das Reisen auf eisernen Schienen, sondern auch schneller – hin und wieder gar zu schnell; in Anbetracht von Geschwindigkeiten zwischen 25 und 40 km/h fürchtete manch einer, sein Verstand könnte noch in Nürnberg weilen, während sein Körper bereits im Hofer Bahnhof einfuhr.

Im Zuge dieser letzten Entwicklung kam es auch zu einer kurzen Renaissance der alten Verkehrsmittel. Um die entfernteren Gebiete ohne Bahnanschluss nicht außen vor zu lassen, richtete man Karriolfahrten ein, die von pferdebespannten „Postomnibussen“ durchgeführt wurden. Heute freilich zeugen nurmehr wenige Relikte von der Zeit, in der Reisen stets auch einem Abenteuer glich: Neben den bereits erwähnten Stationen finden sich hier und da noch vereinzelte Kilometersteine, die durch das eingeritzte Posthorn deutlich dem alten Verkehrsnetz zugeordnet werden können.

Mit dem Abriss des alten Poststalls in Hof verschwand 2012 ein letztes Zeugnis jener Institution für immer von der Bildfläche. Und wenngleich man sich in Zeiten von PS-starken Automobilen, Eisenbahnlinien und einem weltweiten Kommunikationsnetzwerk sicher nicht in die Vergangenheit zurücksehnt, so würde es uns dennoch gut tun, uns ein wenig an der Lebensweise der Vorfahren zu orientieren, die nicht jeden flüchtigen Gedanken direkt mit der ganzen Gesellschaft teilen mussten, sondern das geschriebene Wort noch wertzuschätzen wussten.


Literatur:

Jäger, Elisabeth: „Wunsiedel 1810 – 1932. Band III einer Geschichte der Stadt Wunsiedel“, Wunsiedel 1983

Nittel, Artur: „Aus der Postgeschichte des Landkreises Münchberg“ (Manuskript im Stadtarchiv Münchberg)

Roßner, Adrian: „Die geschwinde fahrende Postkalesche. Eine kurze Geschichte des Postkutschenverkehrs in Münchberg“, in: 650 Jahre Stadtrecht in Münchberg, hg. von Martina Michel und Adrian Roßner, Münchberg 2014, S. 61-63

Roßner, Adrian: „Eine kurze Geschichte der Eisenbahnstrecke Münchberg-Zell“, in: Sparnecker Historische Hefte Bd. 2, Sparneck 2012, S. 3-9

Wirtsgogl-G'schichtla

Wirtsgogl-G’schichtla: Heimatforschung geht auch interessant!

Kennen Sie Ihre Heimat? Viele Menschen aus Bayreuth und Umkreis würden diese Frage mit “Ja” beantworten. Natürlich kennt man nicht alles und jeden, aber über das Wichtigste hat man schon einen recht guten Überblick. Sei es nun der eigene Sportverein, die Stammkneipe oder Freunde und Familie. In seinem engsten Kreis kennt sich doch ein jeder ganz gut aus. Da fühlt man sich ja auch am wohlsten.

Das war auch schon vor hundert Jahren so. Oder vor zweihundert. Während die Menschen heute regelmäßig Ausflüge unternehmen, über Fernsehen und Internet über Weltpolitik auf dem Laufenden gehalten werden und sich in den Tiefen des World Wide Web verlieren, war der Heimatort damals alles was die Leute hatten. Vieles lief damals anders. Menschen standen näher beieinander, der eigene Wirkungskreis war kleiner. Das Leben war ein anderes. Viele dieser Dinge sind in Vergessenheit geraten. Doch das muss nicht so bleiben. Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands. Für uns kramt er alle 14 Tage in seinem reichhaltigen Fundus an Geschichten und Kuriositäten, um den Leuten ihre Heimat näher zu bringen. Auf unterhaltsame Art und Weise. Morgen beginnt die Serie “Wirtsgogl-G’schichtla” mit einem netten Schwank zu Postkutschen im Fichtelgebirge. Doch einen Tag zuvor möchte sich unser Gast-Autor und Heimat-Profi vorstellen. In charmantem Fränkisch, versteht sich.

Der “Wirtsgogl” Adrian Roßner stellt sich vor


Mehr zu Adrian Roßner.