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Taub, blind, torkelnd: Ein Anzug lässt uns 40 Jahre altern

Von einer Sekunde auf die andere habe ich gut zwölf Kilogramm mehr auf den Rippen. Meine Beine sind schwer, das Gehen fällt mir von Schritt zu Schritt mehr zur Last. Ich habe Mühe, die Treppe vor mir hinauf zu kommen. Ich sehe kaum etwas, kann Schilder vor mir nur dann lesen, wenn ich kurz davor stehe. Es ist als hätte ich grünen Star. Dabei bin ich doch gerade einmal 28 Jahre alt. Zugegeben, ich bin nicht sehr sportlich, Treppensteigen ist für mich aber in der Regel kein Problem und ich sehe ohne Brille hervorragend. Doch heute ist es anders. Ich bin beim AAL-Kongress (Active Assisted Living) der Handwerkskammer für Oberfranken, bei dem technische Assistenzsysteme für zuhause vorgestellt werden, und teste einen Alterssimulationsanzug.

Hier kommt „GERT“

Ein großer schwarzer Koffer steht in einem Raum im zweiten Stock der Handwerkskammer. Einer von der Größe wie man ihn packen würde, wenn man mindestens zwei Wochen in den Urlaub fliegt. Am Flughafen müsste man bei einigen Airlines sicher Übergepäck bezahlen, denn der Koffer wiegt gut 25 Kilogramm. Ich hebe ihn kurz auf, stelle ihn aber gleich wieder zurück auf den Boden. Auf den Tisch hievt das schwere Teil Heiko Betz, der Fachbereichsleiter Elektro bei der Handwerkskammer. Er öffnet den Koffer und holt „GERT“ Teil für Teil heraus. „GERT“ ist der GERonTologische Alterssimulationsanzug. Doch er ist kein gewöhnlicher Einteiler, in den ich einfach hineinschlüpfen kann. Er besteht aus vielen einzelnen Teilen.

Alterssimulationsanzug „GERT“ in seinen Einzelteilen. Foto: Red./dzi

Taub, blind, torkelnd

Betz hilft mir. Allein die Gewichtsweste wiegt etwa zehn Kilogramm. Sie erinnert mich an eine schusssichere Weste. Er legt sie mir um und macht sie fest. Als nächstes schnallt Betz Gewichte um mein Bein. Doch damit nicht genug: Spezielle Schuhe erschweren das Gehen zusätzlich. Sie sind leicht abgerundet, sodass meine Tritte wackliger sind als zuvor. Ich ziehe einen Handschuh an, der meine Finger zwar freilässt, es mir aber schwer macht, nach etwas zu greifen. Zu guter Letzt bekomme ich eine Halskrause und einen Hörschutz verpasst.

Mit „GERT“ bin ich so gut wie taub und blind. Foto: Handwerkskammer

Ich setze mir verschiedene Brillen auf, die Netzhauterkrankungen wie die Makula-Degeneration, grauen oder grünen Star, eine einseitige Netzhautablösung oder eine von Diabetes hervorgerufene Netzhauterkrankung simulieren.

Fast taub und blind und in meiner Bewegung stark eingeschränkt, versuche ich eine Nachricht auf meinem Smartphone zu lesen. Das geht gerade noch, ich muss das Smartphone aber direkt vor mein Gesicht halten. Denn: Die Brille, die ich gerade trage, simuliert eine Netzhauterkrankung, die durch die Zuckerkrankheit hervorgerufen wird. Die Gläser der Brille sind gelblich bis grünlich und ziemlich trüb. In der Mitte sind überall schwarze Flecken, die mich an ein Leoparden-Muster erinnern. Ich kann kaum sehen.

Erlebnis Alter

„GERT“ lässt mich im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich alt aussehen. Genauer gesagt 30 bis 40 Jahre älter. Das bedeutet, mit dem Anzug bin ich fast 70 Jahre alt. Es ist ein bisschen erschreckend und fühlt sich befremdlich an. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich einmal mit großer Wahrscheinlichkeit Kontraste kaum wahrnehmen kann, mir das Lesen schwerfällt und ich ohne meine geliebten Krimis und Thriller auskommen muss oder jede Treppe zur Herausforderung wird. Doch „GERT“ zeigt mir nicht nur meine eigene körperliche Verfassung in 40 Jahren, er lässt auch jetzt schon mein Verständnis für ältere Menschen wachsen. Für die Zukunft nehme ich mir fest vor, meine Oma zu unterstützen, statt genervt zu sein, wenn sie bei einem Ausflug hinterherhinkt und nur an eine Kaffeepause im nächsten Restaurant denkt.