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Volksfest: Kuriose Geschichten und schlimme Unfälle

Zum Volksfest-Start blickt Hobbyhistoriker Stephan Müller für das Bayreuther Tagblatt auf die kuriosesten Ereignisse und schlimmsten Unfälle in der Geschichte des Fests zurück.

Erfunden hat’s die Schützengilde

Erfinder des Bayreuther Volksfestes ist die Schützengilde „Unteres Tor“. Die rührigen Schützen veranstalteten im Jahr 1906 zu ihrem „Hauptschießen“ zum ersten Mal ein öffentlich kleines Volksfest, das heute als Vorläufer des Bayreuther Volksfestes gilt. Zwei Jahre später wurde der Bayreuther Fremdenverkehrsverein gegründet. Im Bayreuther Tagblatt erschien eine Zeitungsanzeige, die zur „Hebung des Fremdenverkehrs“ einlud. Das erste Volksfest unter der Leitung des Fremdenverkehrsvereins fand 1910 unter dem Titel „Erstes bayerisches Volksfest“ auf der Unteren Au, unweit von der Rotmainhalle, also dem Mainflecklein, statt.

Foto: Archiv Bernd Mayer

Ein Mädchen mit zwei Köpfen

Nach einem Bericht des Lokalhistorikers Bernd Mayer kostete die Volksfestmaß damals 25 Pfennige, die großen Attraktionen waren „Winklers anatomisches Museum“, wo unter anderem eine lebendige Dame „illusionistisch“ durchleuchtet wurde. Leider wusste auch Mayer nicht genau, was (in dieser eher prüden Zeit) bei besagter Dame tatsächlich zu sehen war. Dann gab es noch „Althoff’s Weltmuseum und Panoptikum“. Zu sehen war ein Mädchen zwei Köpfen. Dies wurde als „Sehenswürdigkeit“ ersten Ranges angekündigt.

Volksfest 1910. Foto: Archiv Bernd Mayer

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Achterbahn-Waggon entgleist

Seit dem ist viel passiert. Es gab auch ein tragisches Unglück: Im Mai 1972 ereignete sich auf dem Volksfest der Stadt das bisher folgenschwerste Unglück mit einer Achterbahn seit Ende des Zweiten Weltkriegs: Ein überbesetzter Wagen entgleiste, mehrere Personen wurden herausgeschleudert. Vier Menschen starben, fünf wurden zum Teil schwer verletzt.

Pferde trampeln Manta platt

Im Jahr 1984 gingen nach dem Festumzug dem Kutscher die sechs Pferde des Brauereiwagens durch. Einige der Tiere zertrampelten das Auto, in dem Hans-Peter Hoppe und sein Sohn saßen. Nur mit viel Glück wurde niemand verletzt.

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Miss-Bayreuth war erst 14

Und auch Skandale, Skandälchen und äußerst publikumswirksamen „Überraschungen“ blieben nicht aus. Vor allem bei der Wahl der „Miss Bayreuth“, die dann aus guten Gründen in „Miss Volksfest“ umtauft wurde. Die traditionelle Miss-Wahl auf dem Bayreuther Volksfest wurde 1971 von Bayreuths Fremdenverkehrsdirektor Jo Schumacher ins Leben gerufen. Im Jahr 1998 stellte sich nach der Wahl heraus, dass Elma, die „Miss Volksfest 1998“, eben keine 18-jährige Kosmetikerin ist, sondern erst zarte 14 Jahre jung war.

„Fotomodell“ zieht blank

Ein Jahr später wurde mit der Startnummer fünf die 23-jährige Michaela Podolinska mit einer eindrucksvollen Figur von Moderator Christian Höreth der jubelnden Menge vorgestellt wurde. Auf Englisch teilte sie mit, dass sie ein „Fotomodell“ aus Prag sei. Wie sie sich den rund 5.000 Zuschauern zur Schau stellte, war absolut „profihaft“, ihre Gesten eindeutig. Als sie Höreth das Mikrophon und sich selbst das Bikinioberteil vom Körper reißt, wird sie von der Jury disqualifiziert. Nach der Wahl stellte sich heraus, dass die Tschechin von den gut gelaunten Schaustellern „engagiert“ wurde.

Aus Michael wurde Michelle

Im Jahr 1991 wurde die Veranstaltung bundesweit bekannt, weil ein Mann gewählt wurde, der sich erst später einer Geschlechtsumwandlung unterzog. Einem Artikel zufolge wohnte Michelle bei der Miss-Wahl 1990 bei und fasste den Entschluss ein Jahr später selbst teilzunehmen. Im Mai 1991 meldete sie sich beim Fremdenverkehrsverein an und erzählte es stolz ihren Kollegen im Frisiersalon. „Das wird eine Gaudi!“

Im Festzelt stellte sie sich dann mit der Startnummer zehn als letzte Teilnehmerin der Jury und der johlenden Menge. Sie wippte mit den Hüften und beantwortete die Fragen espritgeladen und charmant. Als die Schlussrunde kam, war der Beifall für Michelle deutlich am größten. Die Menge schrie, pfiff und klatschte. Michelle gewann. In den vielen Interviews in Zeitungen und Talkshows sagt sie immer wieder: „Ich hab geheult vor Glück.“

„Michelle“ 1991 in der Bravo. Quelle: Bravo

„Michelle“ war damals in der kompletten deutschen Regenbogenpresse zu bewundern und auch Gast bei „Boulevard Bio“, der Talkshow von Alfred Biolek. Seit „Michelle“ müssen sich die Mädchen im Badeanzug oder Bikini vorstellen, seit Elma ihren Ausweis vorlegen.

Einzigartig in Bayreuth

Bisher haben alle Festwirte, die mit ihren Zelten ja in vielen Städten herumkommen, immer wieder bestätigt, dass diese Bayreuther Wahl einzigartig ist. Franz Widmann sagte einmal mit einem breiten Grinsen:

Wir haben versucht, diese Misswahl auch auf anderen Festplätzen zu etablieren. Die Wahl der „Miss Volksfest“ in Bayreuth ist und bleibt einmalig!

(Franz Widmann)


Text: Stephan Müller


Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


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