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Vom Gymnasium geflogen: Graf Gravina, Lausbub und Bayreuther Original

„Grüß Gott, Herr Scholti.“ Wie von der Tarantel gestochen bleibt Festspielleiter Wolfgang Wagner auf der Bühne des Festspielhauses stehen, als sein Mitarbeiter einen Statisten mit diesem berühmten Dirigenten-Namen begrüßt. „Scholti? Sind Sie etwa mit dem Georg Solti verwandt?“, fragt Wagner. „Ja, mein Großvater kommt aus Ungarn. Es ist sein Cousin“. Wolfgang Wagner sieht Martin Scholti lange an: „Na ja, für seine Verwandtschaft kann man ja nichts“, und fügte nach einer kleinen – wohl gesetzten – Pause schmunzelnd hinzu: „Das weiß ich am besten.“

Wen mochte Wagner wohl gemeint haben? In Frage kommen zweifellos mehrere Familienmitglieder. Vielleicht sein Cousin, Gilbert Graf Gravina? Er war eine schillernde Persönlichkeit, stadtbekannt und hatte es als Kind faustdick hinter den Ohren. Hobby-Historiker Stephan Müller erzählt warum.


Gilbert Graf Gravina. Foto: Bernd-Mayer-Stiftung.

Wolfgang Wagners Tante Blandine, eine Tochter aus Cosima Wagners erster Ehe mit Hans von Bülow, hatte am 25. August 1882 den sizilianischen Conte Biagio Gravina geheiratet. Blandine und ihr ältester Sohn Manfredi, der als italienischer Marineoffizier, Diplomat und Hoher Kommissar des Völkerbundes Karriere machte, waren später Wolfgang Wagners Taufpaten. Während er seine Tante Blandine verehrte, würdigte Wolfgang Wagner Manfredis jüngeren Bruder Gilbert (1890 – 1972) in seiner Biografie „Lebensakte“ mit keiner einzigen Zeile.

Wer war Graf Gravina?

Gilbert Graf Gravina, geboren 1980 in Palermo, war also der Enkel von Cosima Wagner und damit auch Urenkel von Cosimas Vater Franz Liszt. Richard Wagner war als zweiter Ehemann von Cosima quasi sein „Stiefgroßvater“, Wolfgang und Wieland Wagner seine Cousins. Nach dem Selbstmord seines Vaters im Jahr 1897 wurde der siebenjährige Gilbert der Ziehsohn von Wolfgang Wagners Vater Siegfried und wuchs in Bayreuth auf. Siegfried Wagner komponierte für den begabten Flötenspieler sogar ein eigenes Konzert porträtierte ihn in einer seiner Opern als Lebemann, der er auch zweifellos war. Er starb im Jahr 1972 in Bayreuth und ist im Grab seiner Tante Daniela Thode am Bayreuther Stadtfriedhof beigesetzt.

Cosima Wagner mit ihren Kindern und Enkeln (von links nach rechts): Enkel Gilbert Graf Gravina, Isolde Wagner, Daniela Thode, Cosima Wagner, Siegfried Wagner, Eva Wagner und die Gräfin Blandine Gravina. Foto: Bernd-Mayer-Stiftung.

Der junge Graf flog von der Schule

Schon als Junge hatte es der Graf faustdick hinter den Ohren. Das zeigt eine Begebenheit aus dem Gymnasium Christian Ernestinum in der Friedrichstraße, die der Spinnerei-Besitzer Dr. Fritz Bayerlein immer wieder gern zum Besten gab: Etwa um die Jahrhundertwende, als Gilbert die siebte Klasse besuchte, kam täglich um Punkt 7.45 Uhr ein Fiaker vorgefahren. Dem türlosen Zweisitzer entstieg, seiner Würde bewusst, einer der Herren Professoren. Die Mappe an die Brust gedrückt, erklomm er die Stufen des Schulgebäudes und verschwand durch die Eingangstür.

Die Postkarte aus dem Jahr 1900 zeigt den Jean-Paul-Platz mit dem Bayreuther Gymnasium. Foto: Archiv Dr. Syliva Habermann.

Eines Tages wurden die vor der Tür noch harrenden Schüler durch Flüsterpropaganda aufgefordert, sich am nächsten Tag schon vor 7.45 Uhr vor dem Penal einzufinden. Es würde etwas Besonderes geboten, das auch Jean Paul, der auf seinem Sockel dem Schulgebäude gegenüberstand sicher Spaß gemacht hätte. Keine Frage, dass sich am nächsten Tag eine große Schülerzahl einfand. Da trabte, pünktlich auf die Minute, auch schon der Einspänner an. Doch die Aufmerksamkeit richtete sich auf die andere Straßenseite. Denn von dort ertönten ebenfalls Pferdehufe.

Eine elegante Chaise, von zwei Pferden gezogen, fuhr direkt auf das Gymnasium zu. Auf dem Bock saß ein Kutscher mit Zylinder und langer Peitsche, neben ihm ein livrierter Diener.

Fast im gleichen Augenblick hielten nun beide Kutschen einander gegenüber vor dem Schuleingang. Dem Fiaker entstieg, wie immer wortlos, der Herr Professor, der diesmal aber verdutzt stehen blieb. Er musste mit ansehen, wie der Lakai vom Bock sprang und seinem Fahrgast die Türe aufriss. Der Kutsche entstieg der Schüler Gilbert Graf Gravina, der dem Professor gemächlichen Schrittes ins Schulgebäude folgte.

Dr. Fritz Bayerlein erzählt: „An diesem Tag verzögerte sich Unterrichtsbeginn erheblich, weil sofort eine Lehrerkonferenz einberufen worden war.“ In den Klassenzimmern herrschte ein reges Treiben, bis gegen 10.30 Uhr der Schüler Gravina vom Pedell ins Lehrerzimmer gerufen wurde. Er sollte nicht mehr in sein Klassenzimmer zurückkehren, denn Gilbert Graf Gravina war mit sofortiger Wirkung der Schule verwiesen worden!

Ein Bayreuther Original

Gilbert Graf Gravina war bei den Einheimischen ein beliebtes Original. Als Dirigent leitete er 1965 die musikalische Untermalung bei der Eröffnung der Stadthalle. Sie steht an der Stelle, an der sich einst besagtes Gymnasium befunden hatte. Ob er beim Betreten des neuen Konzerthauses wohl an sein Bubenstück gedacht hat?

Noch im hohen Alter oblag dem Grafen eine wichtige Aufgabe im Festspielhaus. Der Urenkel von Franz Liszt und Enkel von Cosima Wagner sorgte viele Jahre lang für das exakte Öffnen und Schließen des Hauptvorhangs.

Im Sommer 1965: Graf Gravina mit Festspielleiter Wieland Wagner, der Begum Aga Khan, dem Sänger Theo Adam und Dirigent Otmar Suitner bei einem Empfang im Festspielhaus. Foto: Bernd-Mayer-Stiftung.

Der Graf und sein Humor

Der „Gil“, wie er von den Bayreuthern genannt wurde, beteiligte sich rege am Leben im Städtchen. Gern erinnern sich die Bayreuther an die „sportlichen Leistungen“ des Grafen.

So war er in seiner Altersklasse mehrfacher Stadtmeister im Skilanglauf. Allerdings hatte er in der Kategorie der „über Siebzigjährigen“ als einziger Starter keine allzu große Konkurrenz. Bei einem kurzen Plausch während eines Rennes bekam er auf die Frage, ob er „nicht weiter“ müsse die Antwort, dass er keine Eile hätte: „In meiner Altersklasse gewinne ich ja sowieso!“

Für Aufsehen sorgte er auch, als man den Grafen während einer Stadtmeisterschaft auf dem Buchstein suchen musste. Er hatte sich verlaufen.


Text: Stephan Müller

Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

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