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Ach-Godderla-naa: Wie „Wafner“ den Bayreuthern aufs Maul schaute

Am vielleicht treffendsten hat das Wesen und den Dialekt der Bayreuther der frühere Redaktionsleiter des Bayreuther Tagblatts, Erich Rappl, einst beschrieben. Rappl, den die Bayreuther nur „Wafner“ nannten und der zahlreiche satirische Bücher über das Wesen der Bayreuther schrieb, verfasste im Jahr 1970 die folgenden Zeilen, die er mit „Lektionen über die Bayreuther“ überschrieb. Für das bt ausgegraben hat sie der Bayreuther Hobby-Historiker Stephan Müller. Hier ist ein Auszug:

… Die Ehe der Wagnerschen Kunst mit der Stadt am Roten Main ist zwar ohne jeden Überschwang, aber vielleicht eben deshalb solide und kraft ihrer Gegensätze glücklich. Wagner war ein Phantast – die Bayreuther sind nüchtern. Wagner war ein Verschwender – die Bayreuther sind sparsam. Kein Geschäftsmann, kein Wirt wird hier freiwillig eingestehen, dass er auf einer Konjunkturwoge schwimme. Jeder Geschäftsbericht wird grundsätzlich eingeleitet durch einen Seufzer, ein „Ach-Godderla-naa“ – und was dann folgt, klingt nicht weniger hoffnungsvoll: „So wie früher is fei nimmer“, tönt es klagend. Und „es is halt a Kreiz, gell?“ Ziemlich nichtssagend dies alles, aber gleichwohl anheimelnd und gemütlich und den Frager einladend, im gleichen Tenor, mit viel Seufzen, mit zahlreich dazwischen gestreuten „gell?“, „halt“ und fei“ ein Gespräch auszuspinnen, bei dem gleichfalls nichts Positives herauskommt.

Der Bayreuther nennt das waafen. „Waafen“ kommt von „Weife“ – und das ist eine altertümliche Bezeichnung für eine Spindel. Waafen könnte sich ungenau mit „ratschen“ oder „schwätzen“ übersetzen lassen. Genau, das heißt bayreutherisch genommen, aber ist es die Kunst, mit möglichst vielen Worten möglichst wenig zu sagen. Ein „Waaferla“ tut nur gut, aber es sagt nichts aus. In engem Zusammenhang damit steht der eingeborene Trieb, alle Aussagen zu verkleinern und abzuschwächen, sei’s indem man jedem gewichtigen Hauptwort ein „la“ (=lein) anhängt, sei’s indem man (oft zusätzlich) alles Auszusagende durch „a weng“ oder noch besser „a wengla“ noch weiter reduziert…

Gruppenbild 1996 in der alten Gaststätte und Brauerei Götschel in St. Georgen (von links): Bäcker und Brauer Ewald Götschel, Journalist, Heimatforscher und Kommunalpolitiker Bernd Mayer, Tagblatt-Redaktionsleiter Erich Rappl und Ernst-Rüdiger Kettel, der heute noch für die Bayreuther Gemeinschaft im Stadtrat sitzt. Foto: Stephan Müller

… Ein Bayreuther der festen Willens ist, eine gewaltige Sauftour anzutreten, wird dies seiner Gattin grundsätzlich nicht anders als in der ortsüblichen Schonform mitteilen. Nämlich: „Ich wer‘ vielleicht nuch a weng a klaans Bierla trinken.“

Wer im Begriffe ist, sich einen Mercedes 600 zuzulegen, spricht lediglich und allenfalls von einem „Wächala“. Und selbst von einem, der womöglich bereits im Sarg liegt, wird in aller Schonung berichtet, dass ihn „a klaans Schlägla“ getroffen habe.

Denn im Gegensatz zu den Verniedlichungen im Schwäbischen ist der Bayreuther mit seinem „la“ und „a weng“ ernstlich bemüht, seine Gesprächspartner durch keine allzu brutalen Eröffnungen zu erschrecken. Eine ähnliche Vorsicht lässt er im Umgang mit Dienstwilligen walten. „Tun Sie das! – Machen Sie jenes!“ – das wäre alllzu direkt und preußisch (die Jahrhunderte lange Zugehörigkeit zu Preußen mag den Untertanen der hiesigen Markgrafschaft solchen Horror eingejagt haben). Viel besser ist es, Wünsche im Konjunktiv vorzutragen: „Die Fenster müssten aa amol a weng gebutzt wern…“ – das klingt wesentlich menschenfreundlicher.

Nach alledem wird es niemanden mehr verwundern, dass das Wort „Tatmensch“ im Bayreuther Dialekt ganz weich, nämlich „Dadmensch“ gesprochen wird. Das aber bedeutet, dass man heftige Engagements für gute oder schlimme Sachen, Volksaufstände, wilde Bürger-Initiativen und dergleichen nicht erwarten darf (seit dem letzten Ausbruch des bereits in vorgeschichtlicher Zeit erloschenen Rauhen Kulm hat sich temperamentsmäßig in hiesiger Gegend nicht mehr allzuviel ereignet). Die Bayreuther wissen dies und charakterisieren sich selbstironisch als „a weng daab“, was soviel heißt wie „müde“ oder „lustlos“.

Dabei sind sie freilich stets bereit, große (und kritische) Zuschauermassen zu allen Vergnügungen zu entsenden, die nichts kosten. Die Auffahrt zu den Festspielpremieren und die Pausen-Promenaden zählen dazu: „willig, von Schutzleuten in Reih‘ und Glied gehalten, stellen sie sich da hinter den Absperrseilen auf, begutachten die große Welt in Smoking und Abendkleid und versichern einander neidlos, dass sie froh sind ‚bei dera Hitz‘ nicht ins Theater gehen zu ‚müssen‘.“ …

Zur Person:

Erich Rappl, am 14. Juni 1925 als Sohn eines städtischen Baubeamten geboren, schloss sein Studium an der Münchner Musikhochschule ab und begann seine journalistische Karriere als Musikkritiker des Bayreuther Tagblatts.  Fast fünf Jahrzehnte blieb er den Festspielen als Musikkritiker verbunden, hielt in Bayreuth Einführungsvorträge und andernorts Gastvorträge über Wagner.
Von 1966 bis August 1990 arbeitete Rappl als leitender Lokalredakteur, zunächst beim Bayreuther Tagblatt und ab 1. Januar 1968 beim Nordbayerischen Kurier. Fast 50 Jahre lang schrieb er Kolumnen, erst unter dem Pseudonym „Aspiran Holzauge“, dann unter „Wafner“. Unter letzterem veröffentlichte er zahlreiche Bücher, die den Bayreuthern aus der Seele sprachen. 

1980 erhielt Rappl den Kulturpreis der Stadt Bayreuth, 1991 wurde ihm der begehrte „Frankenwürfel“ zuteil. Rappl war zudem Träger des Bundesverdienstkreuzes. Besonders wohl fühlte er sich im Kreis seiner „Schlaraffen“, einem Männerbund, der ihm auch den Titel „Wafner“ verlieh.

Bei der Stadtratswahl 1996, im Alter von 71 Jahren, wählten ihn seine Mitbürger auf der Liste der Bayreuther Gemeinschaft in den Stadtrat, dem er drei Jahre angehörte. Am 16. Juni 2008 starb Rappl nach schwerer Krankheit.


 

 

Die ganze Geschichte ist nachzulesen in dem Buch „Bayreuth Brevier – Wissenswertes über die Richard-Wagner-Festspiele, Bayreuth und Umgebung“, Niehrenheim Verlag Bayreuth, 1970.