Nachrichten

Warum die Turner der BTS die Feuerwehr gründeten

Von Montag, den 23. September, bis Sonntag, den 29. September findet in Bayreuth eine Aktionswoche zum Brandschutz statt. Insgesamt gibt es die Freiwillige Feuerwehr in Bayreuth schon seit 158 Jahren. Ohne die Turner der BTS würde es die Bayreuther Feuerbekämpfer wohl aber noch gar nicht so lange geben, wie der Bayreuther Hobbyhistoriker Stephan Müller herausgefunden hat. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Hier ist die Geschichte:

Wir schreiben das Jahr 1861, das Gründungsjahr der Bayreuther Feuerwehr. In einem an den Turnverein gerichteten Schreiben vom 13. Mai 1861, regen die Räte des Stadtmagistrats an:

Wir wünschen aufrichtig, dass der edle Zweck des Turnens immer mehr anerkannt und wirklich erreicht und dass dies dem Verein bald gelingen werde, gleichwie es von Turnvereinen anderer Städte geschehen ist, die hiesige Feuerwehr durch eine Feuerwehr aus Turnern zu vermehren.

Bayreuth hat damals 18.000 Einwohner

Es scheint fast so, als ob der Magistrat, der vorher mit allen Versuchen eine schlagkräftige Feuerwehr oder einen Löschverein zu bilden, gescheitert war, sehnsüchtig auf einen Turnverein gewartet hatte. Wie in vielen Städten war auch in Bayreuth mit seinen damals 18.044 Einwohner (Stand 1861) die Brandbekämpfung mit einem großen undisziplinierten und meist nur widerwillig arbeitenden Haufen von „Löschdienstpflichtigen“ der Feuer-Rettungsgesellschaft von 1836 mehr als unprofessionell.

Lesen Sie auch:

Brandkatastrophen häufen sich

Dabei häuften sich durch die Industrialisierung die Brandkatastrophen. Nachdem 1860 auch die Aufstellung einer städtischen freiwilligen Feuerwehr und eines schlagkräftigen Rettungs-Corps kläglich scheiterte, schien sich mit den Turnern eine Lösung anzubieten. Die jungen Männer, die im Verein ihre Körperkräfte stärkten und sich turnerische Fähigkeiten erwarben, könnten doch ihre Geschicklichkeit auch praktisch unter Beweis stellen.

Foto: Stephan Müller

Die Turner finden Gefallen an der Sache

Das Vorhaben gelang: Die Turner sahen das Leiternbesteigen, „Hinaufkraxeln“ und Löschen von den benachbarten Hausdächern als Herausforderung und nahmen den Vorschlag des Magistrats an. Der diesem Wunsche des Stadtmagistrats entsprechende Antrag des Vorstandes zur Bildung einer freiwilligen Turnerfeuerwehr wurde freudigst begrüßt und einstimmig angenommen. Nicht weniger als 114 Turner traten am 20. Juni 1861 sofort als „Steiger“ in die freiwillige Turnerfeuerwehr. Dieser Freiwilligen Turnerfeuerwehr, die ein selbständiges Corps bildete, unterstanden nun auch alle bisher bestandenen Lösch- und Rettungsabteilungen. Der Verein führte nun den Namen „Turnverein und Freiwillige Turnerfeuerwehr von 1861“.

Foto: Stephan Müller

Für großes Aufsehen sorgte die erste Hauptübung der freiwilligen Turnerfeuerwehr im Herbst 1862.

Foto: Stephan Müller

Freude bei der Presse

Voller Begeisterung berichtete das Bayreuther Tagblatt:

Es ist eine wahre Freude, diese muntere Schar jugendlicher Turner mit keckem Muth und Selbstvertrauen das abschüssige Dach, den hohen Giebel und alle Fenster des für die Übungen ausersehenen Gebäudes mit seltener Geschwindigkeit ersteigen und ihre Lösch- und Rettungsapparate überallhin tragen und befestigen zu sehen. Jeder Einwohner unserer Stadt geht von heute an um vieles ruhiger zu Bette, da er wisse, dass auf den ersten Feuerruf alle rüstigen Turner bereit stehen, das gefährdete Leben und Eigentum der Einwohnerschaft opfermütig zu schützen und zu retten.

(Bayreuther Tagblatt, 1861)

Foto: Stephan Müller

Auch nachts im Einsatz

Neben den regelmäßigen Übungen übernahm die Turnerfeuerwehr ab 1862 in den Wintermonaten von 21 bis 5 Uhr eine freiwillige Drei-Mann-Nachtwache in den Räumen der Polizei im Rathaus, was am 14. Oktober 1862 vom Tagblatt wie folgt honoriert wurde:

Schließlich bitten wir die wackeren Turner noch um Verzeihung, wenn wir ihnen zumuten, bisweilen auch noch die Ruhe der Nacht dem allgemeinen Wohle der Einwohnerschaft zu opfern.

(Bayreuther Tagblatt, 1862)

Auch die Stadtvertretung betonte, dass sie auf ihre Feuerwehr stolz ist und alle Ursache dazu hat. „Sie ist dankbar und wird es in Zukunft auch bleiben.“

Ein weiterer Höhepunkt war die Einweihung eines Steigerturms, der am 29. Oktober 1865 an die Dammallee-Turnhalle angebaut wurde. Dort, wo heute das Richard-Wagner-Gymnasium seien Sportanlagen unterhält.

Foto: Stephan Müller

Auch im Krieg im Einsatz

Ein Jahr später wurden die Turner sogar als Sanitäter aktiv. Im bayerisch-preußischen Krieg von 1866 transportierten sie „aus dem Schlachtfeld bei Seybothenreuth die unglücklich schwer Verwundeten ab“ und während des Krieges 1870/71 bildeten 140 Mitglieder ein freiwilliges Turnerhilfskorps, das den „Transport der Verwundeten vom Bahnhof in die drei Bayreuther Spitäler“ übernahm.

Zu Beginn des Jahres 1889 rief der praktische Arzt Dr. Hess auch offiziell eine „Sanitätsabteilung“ ins Leben:

Sie hielt ihre erste Instruktionsstunde am 7. Februar ab. Hierauf spielte unsere Vereinskapelle.

Der Verein führte nun 75 Jahre lang den Namen „Turnverein und Freiwillige Turnerfeuerwehr von 1861“. Erst im Zuge der Neuordnung des Feuerwehrwesens im Jahr 1935 wurde die Turnerfeuerwehr in die Freiwillige Feuerwehr übergeführt. Am 26. Juni 1935 wurden die Feuerwehren mit dem Inkrafttreten des Luftschutzgesetzes amtlich in den Gesamtaufbau des zivilen Luftschutzes eingegliedert und wurden später eine „Hilfspolizeitruppe“ unter staatlicher Aufsicht.

Foto: Stephan Müller

Eine Anekdote noch zur Feuerwehr:

Im März 1835 wurde durch den Magistrat eine „Instruktion für Feuer-Rettungs-Gesellschaft“ beschlossen. In diese Rettungs-Compagnie wurden unter anderen sämtliche Schreinermeister mit ihren Gesellen, sämtliche Auf- und Ablader, sämtliche Müller mit ihren bespannten Mühlwagen, alle Glaser- und Schlossermeister verpflichtet.

Wenn diese sich im Brandfall durch schnelle Hilfe, Anstrengung oder Geistesgegenwart auszeichnen, würden sie belohnt und öffentlich gelobt, während die „Vorsteher“ um Sophian Kolb und F. C. Dilchert „weder Lohn noch Lob zu erwarten“ hätten:

Ihnen genüge das Bewußtseyn treuerfüllter Bürgerpflicht und die Ehre, einem Verein anzugehören, der Achtung und Zutrauen verdient!

Vorsicht vor Streichhölzern!

Dabei war die Feuergefahr immer gegenwärtig: Am 11. Mai 1854 wies der Stadtmagistrat darauf hin, dass „der Gebrauch der in neuerer Zeit aufgekommenen Zündhölzchen, welche durch bloßes Aufstreichen oder Überfahren einer rauhen Fläche oder Reibung zwischen Sand-Papieren sich entzünden, mit besonderer Feuers-Gefährlichkeit verbunden ist.“

In weiteren vier Paragraphen wird mit einer „entsprechenden Arreststrafe“ oder Geldstrafe gedroht, wenn derartige Reibfeuerzeuge an Kinder unter 14 Jahre verkauft oder nicht vorschriftsmäßig in verschlossenen Behältern aus Stein, Metall oder Thon aufbewahrt werden. Die Notwendigkeit einer neuen Feuerwehr wurde endgültig am 23. Februar 1858 deutlich, als man „beim jüngsten Brande im militärischen Krankenhause zu St. Georgen eine „unliebsame Wahrnehmung“ gemacht hat:

Obwohl dieser Brand durch Zusammenläuten der Glocken auf den Thürmen zu St. Georgen zur Kenntniß der dortigen Einwohner gebracht worden war, doch nur Einzelne, äußerst wenige Personen sich angeschickt haben, zur Löschung des Brandes beizutragen und daß viele Personen zur Beischaffung von Feuerlöschrequisiten aufgefordert, dies zu thun sich geweigert und unter ungeeigneten Äußerungen sich in ihre Wohnungen zurückbegeben haben.


Text und Fotos: Stephan Müller


Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es hier beim bt. Die Geschichte der Bayreuther Feuerwehr hat Müller ursprünglich für die Jubiläumsschrift 150 Jahre Bayreuther Turnerschaft im Jahr 2011 verfasst. 


Lesen Sie auch: