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Was Bayreuth mit der Rock-Band Kiss zu tun hat

Was Bayreuth mit der Kult-Rockgruppe Kiss zu tun hat, weiß der Bayreuther Hobbyhistoriker Stephan Müller seit dem Jahr 2007. Damals nämlich macht er im Bayreuther Rathaus zusammen mit dem Historiker Bernd Mayer eine außergewöhnliche Bekanntschaft. Müller erzählt die Geschichte wie folgt:

„Herr Mayer, Herr Müller, wollen Sie einmal mitkommen? Ich glaube, das könnte eine interessante Geschichte für Sie sein.“ Diesen Vorschlag lässt man sich freilich nicht zweimal sagen und so folgten wir dem Mitarbeiter des städtischen Hauptamtes zu einer Sitzgruppe im zweiten Stock des Rathauses. Dort saßen zwei Amerikaner. Sie sprangen auf, als wir kamen.

Bernd Mayer und James Thayer 2007 im Bayreuther Rathaus. Foto: Stephan Müller

Ich bin James Thayer und das ist mein Sohn John. Wir kommen aus Beaverton in Oregon. Bevor ich zum Brigadegeneral bei den amerikanischen Streitkräften wurde, war ich Teil der Truppe, die im April 1945 Bayreuth besetzt hat und will Ihnen nun etwas zurückbringen.

(James Thayer)

Während er erzählt, dass er mit seinem Sohn die „Strecke“ zeigen will, die er als Soldat von der Normandie bis nach Bayreuth zurückgelegt hat, beobachteten wir, wie der 85-jährige ehemalige Offizier einen Gegenstand in einem Stoffbeutel sucht. Mit den Worten „das habe ich damals geklaut“ zieht James Thayer unter unseren erstaunten Blicken ein Bayreuther Eichala aus der Tasche.

Das Bayreuther Eichala. Foto: Stephan Müller

Die Gravierung auf dem Zinndeckel des „Bayreuther Hausordens“ verrät sofort, wem der Zinnkrug gehörte und aus welchem Anlass er einst überreicht wurde. Für seine „treue Mitgliedschaft im Handelsschutz- und Rabattsparverein e. V. – Bayreuth und Umgebung von 1906 bis 1931“ hat das „Gründungsmitglied“ Michael Mann das Eichala erhalten. „Der Manns Michel“, rief der Lokalhistoriker Bernd Mayer aus, „den habe ich noch persönlich gekannt. Der ist schon vor vielen Jahren gestorben. Er hatte sein Geschäft in der Nähe des Hauses Wahnfried, am Ende der Richard-Wagner-Straße, dort wo heute der Taubenschlag steht.“

Kolonialwaren Michael Mann. Foto: Archiv Bernd Mayer

James Thayer bestätigte, dass er den Krug in der Nähe des „Richard-Wagner-House“ vor über 62 Jahren als „Souvenir“ mitgenommen hatte. Dann folgte der zweite Kennerblick von Bernd Mayer auf den Boden des Gefäßes. „Sturm“ stand darauf zu lesen. Einer von damals vier Herstellern des „Original Bayreuther Eichalas“ und der einzige, der diese Tradition bis heute fortführt.

Ein Foto geht um die Welt

Nachdem Thayer den Krug an sich genommen hatte, hörte er aus dem zerstörten Haus Wahnfried Klaviermusik. Sein bester Freund Captain James Morrow saß im Saal des Hauses am Wagner-Flügel und spielte vor seinen Kameraden, die sich feuchtfröhlich eine Flasche Wein genehmigten. Das Foto des amerikanischen GI an eben diesem Flügel und mit einem Weinglas wurde weltberühmt.

Captain James Morrow im Saal des Hauses Wahnfried. Das Foto des amerikanischen GI an mit einem Weinglas am Wagner-Flügel wurde weltberühmt. Foto: Archiv Bernd Mayer.

Ich mache ein Foto. Ich schicke es per E-Mail, sage ich. Und John Thayer sagt:

Sie können das Foto auch schon jetzt meinem Bruder Tommy schicken“, schmunzelt mir John Thayer zu. „Vielleicht kennen Sie ihn. Er ist Lead-Gitarrist in der Rockgruppe KISS.

(John Thayer)

Meine Frage, ob es wirklich jene Rockgruppe sei, in der die Bandmitglieder so Furcht erregend geschminkt sind, beantwortete er breit grinsenden mit „Ja“.

Erinnerungen an die Schlacht bei Wendelhöfen

Der Amerikaner wusste auch von den letzten Kriegshandlungen in Bayreuth zu berichten, zum Beispiel von einem „Fire-Fight“ in „the North-West of Bayreuth“. Bernd Mayer ergänzte, dass dies am 14. April 1945 bei Wendelhöfen war. Während die 11. US-Panzerdivision dort lagerte, fuhren Freiwillige des 41. Kavallerieaufklärungsbataillon mit einem Jeep und einer weißen Fahne in das nach drei schweren Bombenangriffen zerstörte Bayreuth, um nach aufgabewilligen Nationalsozialisten zu suchen.

„Entweder Übergabe oder we make Bayreuth flat…“

Sie trafen Bürgermeister Dr. Fritz Kempfler, der seine wehrlose Stadt ohne weitere Verluste übergeben wollte. Kempfler sah sich damals mit dem berühmten Ausspruch „Entweder Übergabe oder we make Bayreuth flat…“ konfrontiert. Vorher musste er jedoch in St. Johannis den deutschen General Hagl, der die Stadt („Befehl ist Befehl“) immer noch verteidigen wollte, zur Kapitulation überreden.

James B. Thayer erhielt am Ende des Gesprächs ein Buch über Bayreuth und einem Bürgerfest-Bierkrug mit Zinndeckel. Er verließ Bayreuth mit einem reinen Gewissen und einem ehrlich erworbenen Bierkrug. Und: Das Eichala des „Manns Michel“ war nach über 60 Jahren an den Ort seiner Bestimmung zurückgekehrt.

James Thayer hat übrigens einen eigenen Wikipedia-Eintrag, der zeigt, dass der „Eichala“-Dieb beim amerikanischen Militär durchaus eine große Nummer war. dort ist auch ein Foto des Generals mit seinem bekannten Sohn, dem Kiss-Gitarristen, zu sehen.


Text: Stephan Müller