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Freizeit

Wirtsgogl G’schichtla: Auf den Spuren des Bilmesschneiders

Adrian Roßner - Der Wirtsgogl
Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er uns regelmäßig Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In dieser Folge begibt sich Adrian Roßner auf die Suche nach dem Bilmesschneider.

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 

 


Wirtsgogl-Gschichtla #8 zum Anhören

Auf den Spuren des Bilmesschneiders”

Endlich hat, nach einem langen und kalten Winter, der Frühling Einzug im Fichtelgebirge gehalten und bringt wieder Leben in die eisig-erstarrte Natur. Nicht umsonst war die Fastnacht im Brauchtum unserer Ahnen der eigentliche Neubeginn des Jahres – markierte sie doch den Übergang zu jener Zeit, in der die Arbeit des Alltags endlich die winterliche Eintönigkeit ablöste. Neue Verträge mit den Knechten und Mägden wurden abgeschlossen, die Gerätschaften für den baldigen Einsatz auf dem Feld vorbereitet und mancherorts ertönte bereits das wohlbekannte blecherne Geräusch, das beim Dengeln der stumpfgewordenen Sensen entstand. Die dunkle Jahreszeit schien hinter den Menschen zurückzubleiben und mit ihr auch die Angst, die allen voran während der „12 Nächte“, des Übergangs also vom alten zum neuen Jahr, um sich gegriffen hatte. Und dennoch war man auch nun, wo die Sonne schon recht früh ihre zaghaften Strahlen durch das austreibende Gehölz sandte, nicht vor dem Aberglauben gefeit. Ganz im Gegenteil: Gerade in jener Zeit, die durch die Aussaat des lebenswichtigen Getreides geprägt war, soll ein Dämon sein Unwesen in unserer Heimat getrieben haben, dessen bloße Nennung den Alten einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagte: Der Bilmes.

Bilmesschneider
Der Bilmesschneider. Foto: Adrian Roßner

Es gibt viele Namen für diese geisterhafte Erscheinung, die sich allen voran dadurch auszeichnete, dass sie ganze Ernten binnen nur einer Nacht vernichten konnte. Neben „Bilmesschneider“ ist es auch als „Bilwers“, „Bilwis“ oder „Bilmets“ bekannt und soll zudem in vielerlei Formen aufgetaucht sein. Manche Sage berichtet von einem Hasen, der an seinen Läufen kleine Sicheln aufwies, mit deren Hilfe er die Ähren der jungen Getreidehalme abschnitt. Andere wollen eine menschenähnliche Gestalt erkannt haben, deren bloßes Erscheinen großes Unglück ankündigte; und wieder andere meinten, allein ein schwarzer Schatten sei es gewesen, der wie ein Wirbelwind ihren gesamten Feldertrag zunichte gemacht hatte.

Historischer Hintergrund für die Erscheinung des Bilmes

Wie bei solchen Erzählungen üblich, ist die Suche nach dem wahren Kern oder aber einer historischen Tatsache, die die Vorlage geliefert haben könnte, beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Interessant jedenfalls ist die bloße Verbreitung des Bilmes: Ebenso wie die Schrezelein (auch Strietzela oder Schrazln genannt), der Hähmann oder aber die Drud taucht er in beinahe allen Regionen des Fichtelgebirges auf und ist nicht etwa ortsgebunden, was auf einen Ursprung verweist, der überregional bekannt gewesen sein muss. Hanicka beispielsweise sieht einen thüringischen Brauch als mögliche Ursache: So wären dortige Bauern in der Johannisnacht mit Sicheln an den Füßen über die Felder geschritten, um einen „Brotsegen“ zu erwirken. Erst im Nachhinein, so der Sagenforscher weiter, wäre aus diesem ursprünglichen Schutzritual ein Schadenszauber geworden. Tatsächlich gibt es verschiedene Hinweise, die auf eine menschliche Beteiligung bei Bilmes-Erscheinungen hindeuten. So hat sich im Münchberger Stadtarchiv ein einzigartiges Dokument erhalten, das recht detailliert über einen Prozess gegen einen angeblichen Bilmesschneider berichtet – die Krux freilich ist, dass der Akt nicht etwa aus dem 17. Jahrhundert stammt, sondern in das Jahr 1857 datiert und damit einen der letzten Hexerprozess in ganz Bayern protokolliert.

Der Fall um Johann Georg Meier

Der Fall dreht sich um Johann Georg Meier, der vom örtlichen Polizeisoldaten Förstel angezeigt worden war, nachdem dieser gesehen haben will, wie ersterer des Nachts seltsame Rituale auf seinem Feld praktiziert und dabei einen schwarzen Gegenstand geschwenkt hat. Nachdem der Fall – vermutlich von einem den weltlichen Dingen aufgeschlossenerem Richter – ohne Urteil ad acta gelegt worden war, bezichtigte nunmehr Meier (in bester Gerichtsshow-Manier) Förstel des Rufmordes und strengte eine Neu-Aufnahme des Prozesses an. Der überrumpelte Polizeisoldat zog daraufhin, schlicht, um seiner Ehre willen, mehrere Zeugen aus dem Hut, die schließlich gar zu Protokoll gaben, dass sie gesehen haben wollen, wie Meier mit dem Teufel höchstselbst paktiert und ihm die Buhlschaft angetragen hatte. Letzteres sei durch einen Funkenflug aus dem Schornstein nur allzu deutlich zu erkennen gewesen. Damit hatte man endgültig alle Merkmale einer aufgeklärten, neuzeitlichen Gesellschaft hinter sich gelassen und sich wieder dem spätmittelalterlichen Aberglauben zugewandt.

Ähnlich des Teufelspaktes der angeblichen Hexen, die im 17. Jahrhundert auf manchem Scheiterhaufen brannten, wurde Meier der höchsten Sünde bezichtigt, was klar über die Zuständigkeit des einfachen Münchberger Landgerichtes hinausgegangen wäre. Nur logisch also, dass ein Urteilsspruch fehlt – und doch weist der Fall darauf hin, dass die Gestalt des Bilmes die Menschen nach wie vor in Atem hielt. Seltene Photographien des Walpenreuther Lehrers Paul Zahlaus aus den 1920er Jahren zeigen schließlich gar einen der namensgebenden „Bilmes-Schnitte“ auf einem Feld nahe Zell und beweisen damit den tief verwurzelten Glauben an allerlei Geister-Erscheinungen.

Bilmesschneider-02
Foto: Adrian Roßner

Es überrascht nicht, dass sich bis in die moderne Zeit auch einige Rituale erhalten haben, mit denen man sich vor der Macht des Dämons zu schützen versuchte. So beispielsweise heißt es im „Schreibbuch“ des aus Plößberg stammenden Johann Christoph Ächtner:

„die faßnacht vor der Sonnen aufgang gehe Hin zu Einer hasel staudten und Brich dier 3 ruthen aB und sbrich sie an wie volgett worde lauten [:] rudten ich Sbrich dich an ich brich dich ab mit gottes Krafdt mit Christi blutt du Sey mir vier alle Hexerey und bilmitz shneider gudt das sey dier zu buß gezeld.“

Ein Bannkreis zum Schutz

Weit verbreitet ist auch der Brauch, am „Pfingstheiligabend“ Stäbe mit Zaubersprüchen oder aber Palm-Ästchen in die Feldraine zu stecken, um damit eine Art von Bannkreis zu schaffen – und natürlich kommt auch die Arnika als Heilblume zum Tragen. So liest man in der Naturwissenschaftlichen Wochenschrift von 1910: „Ende Juni hielt ich mich in Bischofsgrün im Fichtelgebirge auf; am 25. fand ich sämtliche Felder von Getreide und Kartoffeln […] mit blühenden Zweigen oder vielmehr Stengeln von Arnica montana besteckt. Eine Frau, die ich deshalb fragte, sagte, das sei Johanniskraut oder Hexenkraut und werde am Johannisabend eingesteckt, um die Feldfrüchte vor dem bösen Einfluß der Hexen zu schützen.“

Es fand demnach auch eine Gleichstellung der Dämonen-Erscheinung mit den weitverbreiteten Hexen statt, die man durch „Kannes“- oder „Johanniskraut“ zu vertreiben suchte. Unter diesem Ausdruck kann – grob zusammengefasst – alles verstanden werden, das an St. Johanni blüht bzw. austreibt und zu einer bestimmten Tageszeit gepflückt worden ist; es stellt eines der mächtigsten Heilmittel des regionalen Brauchtums dar. Was jedoch nach all jenen Erzählungen und Überlieferungen bleibt, ist die Frage nach der Herkunft eben jener Gestalt des sichelbewehrten Hasens, des neidhaften Zauberers oder aber auch der durchtriebenen Hexe.

Natürlich könnte man einmal mehr angeblich pagane Überlieferungen heranziehen, um die Gleichstellung der heidnischen Gottheiten mit höllischen Wesen zu erläutern, doch wird in Anbetracht der vornehmlich christlichen Besiedlung weiter Teile unserer Heimat der Kern ein anderer sein. Wie der Aberglauben generell, deutet auch der Bilmes auf die Eigenart der Menschen hin, an sich undeutbare Phänomene durch die Gegenwart übernatürlicher Wesen erklären zu wollen. Sobald demnach ein Bauer ein durch Hagel oder Wind verwüstetes Feld vorfand, war der Versuch, dieses Unglück der Existenz einer dunklen Macht zuzuschreiben, einfach zu verlockend.

Alles nur Aberglaube?

Freilich können wir heute nur über diese plumpen Versuche lachen – immerhin wissen wir, die wir die Angst vor dem uns umgebenden Wald beinahe komplett verloren und uns durch Wissenschaft zu den mächtigsten Wesen dieser Welt aufgeschwungen haben, mittlerweile vollkommen sicher, wer dafür verantwortlich zeichnet, wenn wieder einmal ominöse Kreise in manchen Kornfeldern auftauchen. Kein Bilmes, keine Hexe und kein fauler Zauber sind dafür verantwortlich, sondern Aliens, die unserer Welt einen Besuch abgestattet haben und anschließend wieder verschwunden sind. Es bleibt abschließend einmal mehr, Goethe zu zitieren, der schon vor 200 Jahren feststellte: „Der Aberglauben gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal mal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.“ Der Bilmes mag verschwunden sein – die Neugier des Menschen und seine Jagd nach der Entschlüsselung unbekannter Phänomene jedoch bleiben.


Text: Adrian Roßner