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Wirtsgogl-G’schichtla: Der Siegeszug des weißen Goldes

Adrian Roßner - Der Wirtsgogl
Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In seiner bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er regelmäßig Einblicke in seinen Fundus an kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil 12 der Serie erzählt Adrian Roßner vom Siegeszug des weißen Goldes.

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 

 


Wirtsgogl G’schichtla #12 als Podcast zum Anhören


Hutschenreuther – Der Siegeszug des weißen Goldes

KPM, Meißen, Nymphenburg, Hutschenreuther und Rosenthal: Nicht erst durch die große Beliebtheit der sogenannten „Ratgebershows“ sind diese Namen beinahe jedem ein Begriff, der sich für Antiquitäten begeistert. Immerhin gelten sie teils gar als Inbegriff der keramischen Kunstfertigkeit, deren fragile Erzeugnisse bis heute faszinieren. Was dabei oft in Vergessenheit gerät: Wenngleich die eigentliche Erfindung des Porzellans bereits im 7. Jahrhundert in China stattgefunden haben dürfte – ein Fakt, dem man im englischsprachigen Raum durch die Bezeichnung „china“ für entsprechende Produkte Tribut zollt – ist das Fichtelgebirge als eines der Zentren der europäischen Produktion zu nennen, was in erster Linie mit dem wegweisenden Wirken Carolus Magnus Hutschenreuthers zusammenhängt.

Porzellan, der ganze Stolz des 18. Jahrhunderts

Dessen Lebensgeschichte beginnt im Thüringischen: Geboren am 9. April 1794 kam das Zweitjüngste von 16 Geschwistern schon früh mit der Herstellung des „Weißen Goldes“ in Kontakt und erlernte schließlich im väterlichen Betrieb in Wallendorf die Porzellanmalerei. Entsprechend der damaligen Handelswege fand der Vertrieb der Produkte meist in der näheren Umgebung statt, doch zog es Carolus auch vermehrt in die böhmischen Bäderregionen und nach Ostbayern. Ausschlaggebend für diese anwachsenden Handels-Strukturen war ein grundlegender Wandel in der Gesellschaft.

Symbolbild: pixabay

Hatte Porzellan im absolutistisch geprägten 18. Jahrhundert noch als Schatzkammer-Objekt der Regenten sein Dasein fristen müssen, galt es nun, in der Zeit der industriellen Blüte und des Aufstiegs eines neuen „Bürgertums“, als Prestige-Gegenstand, den man voller Stolz in den schmucken Biedermeier-Kommoden drapierte.

Der Liebe wegen nach Hohenberg

Hutschenreuther kam im Rahmen dieser Vertriebsreisen, die er seit dem 18. Lebensjahr eigenverantwortlich durchführte, auch nach Hohenberg, wo er auf Johanna Maria Barbara Reuß traf; eine Bekanntschaft, die seinen weiteren Lebensweg privat wie auch beruflich entscheidend beeinflusste. Mit ihr ließ er sich 1814 in Hohenberg nieder und begann damit, weiße Importware in einer kleinen Werkstatt kunstvoll zu veredeln. Nach der Hochzeit im Jahr 1816 begab er sich – so jedenfalls berichtete er es selbst – eines Tages zusammen mit seinem Schwiegervater, der als Förster recht gut mit der Umgebung vertraut war, auf eine Wanderschaft, die die beiden zu einem Vorkommen „weißen Laimens“ führte.

Symbolbild: pixabay

Schnell erkannte Hutschenreuther darin eben jenes Kaolin, das den Brand weißen Porzellans ermöglichte. Über dessen Bedeutung dürfte er während seiner Ausbildung bei seinem Vater aufgeklärt worden sein: Im elterlichen Betrieb in Wallendorf setzte man den Stoff nachweislich seit 1780 ein, um einen besonders reinen Scherben herstellen zu können, der sich vom einfacheren Böttger-Steinzeug (benannt nach dem Erfinder des europäischen Porzellans) unterschied. Postwendend entwickelte Hutschenreuther daraufhin den Plan, eine eigene Produktionsstätte einzurichten, doch wurde einem entsprechenden Gesuch von der Regierung eine Abfuhr erteilt: Insbesondere mit Blick auf die Manufaktur in Nymphenburg fürchtete man einen ungesunden Wettbewerb, der am Ende dazu führen könnte, das Monopol der kurfürstlichen Produktionsstätte zu brechen.

Vorreiter in der Porzellanindustrie

Hutschenreuther ließ sich von diesen Rückschlägen nicht verunsichern, suchte die Nähe zum kapitalstarken Gutsbesitzer Christian Paul Aecker und schaffte es schließlich 1819 mit dessen Unterstützung, das ehemalige Alaun-Werk „Freundschaft“ nahe Hohenberg zu erwerben. Nach mehreren behördlichen Spießrutenläufen und den Beschwerden der Anwohner, die eine Holzverknappung durch den Betrieb des Brennofens fürchteten, erhielt er im November 1822 die Concession zur Errichtung einer „Porcellain-Fabrique“, die sich zuerst auf die Herstellung von Puppenköpfen, Mokkaschalen und Kaffeegeschirr konzentrierte. Damit zeigte Hutschenreuther realwirtschaftliches Geschick: Immerhin waren „Coffeeschenken“ erst seit den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts zu größerer Bekanntheit gekommen und galten seither als Rückzugsort eben jenes Bürgertums, das er mit seinen Waren anzusprechen plante.

Symbolbild: pixabay

Die Produkte waren demnach exakt dem Zeitgeschmack nachempfunden, was ihm schnell einen Vorteil gegenüber den alteingesessenen Herstellern verschaffte. Trotz dieser grundsätzlich richtigen Entscheidung blieb der Erfolg anfangs aus: Der Absatz ins Ausland stockte und die insgesamt nur zehn Mitarbeiter fertigten lediglich 80 Zentner Ware pro Jahr. Anders als seine Konkurrenten, die postwendend das baldige Ende prophezeiten, ließ sich Hutschenreuther von diesen Zahlen jedoch nicht beirren und wenngleich ein Gesuch bei der Regierung um finanzielle Unterstützung abgelehnt wurde, investierte er kräftig in den Ausbau der Anlagen: An der Eger installierte er eine wassergetriebene Masse-Mühle und schaffte zusätzlich einen zweiten Brennofen an – immense Ausgaben, um seinen unrentablen Betrieb doch noch zu retten. Was niemand für möglich hielt: Es klappte. Bis einschließlich 1838 wurde die Firma saniert, die Mitarbeiterzahlen stiegen auf 80 bis 90 Personen, die Produktion näherte sich der Marke von 450 Zentnern Ware pro Jahr.

Bei all jenen Erfolgen vergaß Hutschenreuther, dem selbst erst spät die entsprechende Würdigung seiner Verdienste zukam (noch 1843 wurde seiner Aufnahme in die Bürgerschaft Hohenbergs widersprochen), jedoch nie die Probleme seiner Angestellten, für die er schon 1837 eine Betriebskrankenkasse eingerichtet hatte.

Tradition setzt sich fort

Am 10. November 1845 starb der Umtriebige an einer „Brustentzündung“. Das Werk hinterließ er seiner Witwe, die es 1860 an ihren zweitgeborenen Sohn Christian Wilhelm Leonhard Hutschenreuther übergab. Gleichzeitig nahm die Bekanntheit des Sortiments, das mittlerweile beinahe alle möglichen Produkte aus Porzellan umfasste, stetig zu. Die Arbeiterschaft wuchs auf schließlich 400 Personen, der Siegeszug des weißen Goldes hatte endgültig begonnen.

Symbolbild: pixabay

Bis in die 1920er Jahre hinein galt es unzweifelhaft als Statussymbol ersten Ranges und wurde in unzähligen Formen wie Variationen auf den Markt gebracht, doch begann dieser „Boom“ ab der Mitte des 20. Jahrhunderts langsam abzuflauen, nachdem sich die Formensprache in der Kunst gewandelt hatte: Gropius’ Bauhaus und andere wegweisende Denker hatten sie der Nutzbarkeit unterworfen – nicht mehr blendender Pomp und goldkaschierte Dekadenz sollten im Fokus stehen, sondern die schlichte Eleganz, an die sich auch das Porzellan anzupassen hatte.

Von übermäßiger Dekadenz zu schlichter Eleganz

Einer, der diesen Wandel par excellence für sein eigenes Unternehmen zu nutzen verstand, war Philip Rosenthal. 1950 trat er als Leiter der Designabteilung in die Fabrik seines Vaters ein und arbeitete sich innerhalb von knapp acht Jahren zum Vorsitzenden des Vorstands empor. Mit ihm begann die dritte Blüte des weißen Goldes, das nun jedoch nicht mehr als eine Art von Herrschaftssymbol der absolutistischen Monarchen oder als Aushängeschild eines aufstrebenden Bürgertums galt, sondern schlicht als Ausdruck der künstlerischen Moderne. Durch die Einführung der Studio-Line gelang ihm das, was viele Firmen bis heute ihren Kunden ans Herz legen: Eine Fokussierung nicht allein auf das Produkt, sondern auf ein damit einhergehendes Lebensgefühl, das durch die Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern wie Wagenfeld, Loewy und Wiinblad als Ausdruck seiner ganz eigenen Zeitstellung dienen kann.

Symbolbild: pixabay

Bis heute existieren die Firmen Hutschenreuther und Rosenthal und legen damit Zeugnis über die Bedeutung unserer Region in der Geschichte des europäischen Porzellans ab: Durch den Vordenker C.M. Hutschenreuther, der sich auch durch vermehrte Rückschläge nicht von seinem Weg abbringen ließ, und durch Philip Rosenthal, der durch sein Denken in neuen Bahnen die Renaissance des weißen Goldes einleitete und damit wie kein zweiter an dessen Anziehungskraft durch Eleganz und Kunsthandwerk mitwirkte, wird seine Entwicklung bis heute beeinflusst.


Text: Adrian Roßner


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