Freizeit

Wirtsgogl-G’schichtla: Weihnachtsspezial

Adrian Roßner - Der Wirtsgogl
Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er uns alle 14 Tage Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge hat Adrian Roßner eine spezielle Weihnachtsgeschichte aus dem November 2013 mitgebracht. Hören Sie hier die aktuellste Geschichte aus der Feder des Wirtsgogl:

 


Wirtsgogls-Gschichtla #5 „Weihnachtsspezial“zum Anhören


Der gute Nikolaus

Es schneite nun schon seit einer ganzen Woche und August hatte beinahe jeden freien Tag draußen verbracht – immerhin musste man den Winter doch auch genießen dürfen, oder? Seine Eltern freilich waren dazu nicht in der Lage: Sobald die ersten Flocken fielen, verzogen sie sich in die kleine, von einem einzigen Ofen nurmehr spärlich beheizte Stube und begannen damit, Holzfigürchen zu schnitzen, die sie in Münchberg verkaufen wollten. Von dem Geld, das sie dafür bekommen würden, könnten sie sich schließlich selbst auch wieder ein schönes Weihnachtsfest  machen. Gerade das Glänzen in den Augen des kleinen August, der sich sehnlichst ein Paar Skier wünschte, ließ sie sich diesmal besonders anstrengen und so entstanden innerhalb kürzester Zeit wunderschöne Hirten mit ihren Schafherden, einige Heilige Drei Könige und natürlich auch Jesuskinderlein für die Krippen der besser verdienenden Leute in Münchberg. Morgen wollte Augusts Vater sich auf den Weg in die Stadt machen, um die Kunstwerke an den Mann zu bringen, doch grauste ihm schon vor den sicher einmal mehr äußerst zähen Verhandlungen, die er mit dem Müllersgerch würde führen müssen. Doch es half alles nichts: Nirgends sonst konnte er seine kleinen Figürchen verkaufen und auch wenn der alte Geizkragen ihm jedes Jahr einen Hungerlohn dafür bot, so war es dennoch besser, als gar nichts.

Als August an diesem Tag vom Spielen nach Hause kam, hörte er schon von der Tür aus das röchelnde Husten seines Vaters. „Was hast du denn?“ fragte er unschuldig, doch klärte seine Mutter ihn schnell auf: „No verkält hodder sich! Waller jo widder moll middn im Winder blus sei Summerhuusn ogezung hot, der Schnerbfl.“ „Des wird scho widder“ brachte sein Vater mühsam heraus, „morng muss ich jo suwiesu zerm Gerch und no ko ich haamwärts nuchamoll schnell vom Booder vorbeischaua.“ „Du gihst morng näercherdswu hi, host du mich verschdandn?!“ schnaubte Augusts Mutter, wobei ihrem Sohn mit einem Mal klar wurde, was das bedeutete: Wenn der Vater die Figürchen nicht verkaufen könnte, würde die Familie kein Geld für die Weihnachtsfeier haben und er könnte die Skier vergessen. Eifrig zupfte er am Gewand seiner Mutter: „Ich kann doch gehen!“ Mit diesen einfachen vier Worten hatte August einen Streit entfacht, in dem Argumente wie „Er muss ja sowieso einmal die Welt außerhalb von Zell kennen lernen“ solchen wie „Er ist doch noch viel zu klein, um so eine Reise auf sich zu nehmen“ entgegenstanden, doch war man sich letzten Endes darüber einig, dass man es wenigstens versuchen wolle. Außerdem würde August sowieso nicht klein beigeben, bis er seine Mutter dazu erweicht hatte, ihn gehen zu lassen. Und so folgte dem hitzigen Wortgefecht schließlich eine genaue Belehrung, was die Reise nach Münchberg angeht. Abends legte sich August voller Vorfreude in sein warmes Bett und lauschte einmal mehr der Geschichte des gütigen Nikolaus, der in den Wäldern am Waldstein wohnen soll und vor allem den Ärmeren stets zur Seite steht, wenn sie Not litten. Die Mutter hatte noch nicht von all seinen Wohltaten erzählt, als August bereits eingeschlafen war und von einem großen Mann mit weißem Bart und einem alten Ledermantel träumte.

Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf, packte die Schnitzereien seiner Eltern in einen großen Sack und zog sich an. Schließlich schlich er sich noch einmal in sein Zimmer und holte aus einem kleinen Versteck einen Ochsen heraus, den er vorgestern selbst als erste eigene Figur gestaltet hatte. Er sah ein wenig seltsam aus, aber August war sich sicher, dass er ihn gut würde verkaufen können. Danach gab er seiner besorgten Mutter, die daheim bleiben und den Vater pflegen würde, einen dicken Kuss zum Abschied und machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Schnaubend wartete die alte Lokomotive mit ihren grünen Wagen bereits am Bahnsteig und gab mit einem ungeduldigen Pfeifen zu verstehen, dass sich der Zug jeden Moment in Bewegung setzen würde. August ging zum alten Theo, der wie jeden Tag mit einer warmen Tasse Kaffee am Schalter saß, drückte ihm das von seiner Mutter abgezählte Geld in die Hand und bekam dafür eine Hin- und Rückfahrkarte, die er kurze Zeit später dem Schaffner Max übergab. Die Zugfahrt nach Münchberg dauerte eine ganze Weile und zweimal drohte die kleine Lokomotive in den Schneewehen stecken zu bleiben, doch schafften sie es letztlich trotzdem wohlbehalten in die Stadt und August ging zielstrebig in Richtung Bahnhofstraße, wo sich, wie er von seinem einzigen Besuch in Münchberg in Erinnerung hatte, der Laden des Müllersgerch befand. Vorsichtig sah er sich darin um: Er war vollgestopft mit wunderschönen Spielsachen aus Holz und sogar einigen aus Blech. Hinter dem Tresen ratterte zu Augusts größter Freude eine kleine Eisenbahn auf krummen Schienen im Kreis und erfüllte das Zimmer mit einem melodischen Surren. Aus der hinteren Kammer schlurfte schließlich Gerch herein, der den Neuankömmling sofort kritisch musterte. Augusts Vater hatte seinen Sohn schon vor dem Geiz des alten Händlers gewarnt, doch war August sich sicher, dass er es mit ihm würde aufnehmen können. „Hallo“ brachte er mühsam heraus, „ich bin der August vo Zell und soll hier die Schnitzereien meiner Eltern verkaufen“. Noch während dieser Worte hatte er einige der schönsten Stücke auf den Tresen gestellt, wobei er seinen Ochsen besonders nah an Gerch heran geschoben hatte. „Soso, das willst du mir also verkaufen. Naja, es sind ja eigentlich die gleichen Figuren wie im letzten Jahr auch schon – und von denen sind noch genügend im Lager. Hmm, hmm. Ich denke, zehn Mark kann ich dir für den ganzen Sack geben!“ Damit hatte August nicht gerechnet. Zehn Mark nur? Vater hatte ihm doch noch eingeschärft, dass sie mindestens 25 wert seien. „Nun, was ist? Zehn Mark geb‘ ich dir, aber wennst net willst…“ „Doch, doch…“ brachte August schließlich kleinlaut hervor, wobei ihm die Tränen schon in die Augen stiegen. „Na schau! So, hier ist dein Geld, aber das komische Ding nimmst wieder mit. Das kann ich sowieso net verkaufen.“ Mit diesen Worten drückte er August seinen Ochsen in die Hand, raffte die anderen Schnitzereien an sich und drehte sich zum Schaufenster, wo er sofort damit begann, sie schön zu drapieren. Mit einem letzten Schluchzer drehte August sich um und rannte so schnell er konnte zum Bahnhof zurück; die kalten Tränen, die ihn aus den Augen liefen brachten seine rosa Haut zum brennen, aber er wollte nur noch zügig nach Hause. 

Als er endlich wieder im Zug saß und der sich langsam in Bewegung gesetzt hatte, flog mit einem enormen Wums die Tür auf, die die beiden Waggons voneinander trennte. August, der versucht hatte, sich mit dem Betrachten des Reifes auf den Scheiben abzulenken und derweil darüber nachdachte, wie er seinen Eltern erzählen sollte, was passiert war, drehte sich erschrocken um. Im Türrahmen stand ein stämmiger, älterer Mann mit einem grauweißen Bart und einem alten, dreckigen Ledermantel, der sich über seinem Bauch verdächtig spannte. Grunzend schob er sich zu August und ließ sich ihm gegenüber nieder. Der hatte derweil ängstlich seine Tasche mit den zehn Mark an sich gedrückt, stellte nun jedoch erschrocken fest, dass dabei anscheinend sein Ochse rausgefallen war, der auf dem Boden ein paar Saltos vollführte, ehe er direkt vor den Füßen des Fremden zum Liegen kam. Mit spitzen Fingern hob dieser das kleine Tierchen hoch und musterte es aus seinen tiefblauen Augen. „Gehört der dir?“ wollte er wissen, doch August brachte kein Wort heraus – so nickte er nur kurz und vergrub sein Gesicht etwas tiefer im Schal. „Der ist wirklich schön! Woher hast du den denn?“ Mit einem Mal kam der Mut langsam wieder zurück: „Den hab ich selbst gemacht! Wollen Sie ihn kaufen?“ Was hatte er sich bloß dabei gedacht?! Einen wildfremden Mann einfach derart dreist anzusprechen gehörte sich nicht. Aber irgendetwas hatte der Alte an sich, das August sofort zuversichtlich stimmte. „Hmm, nun gut. Hier, ich gebe dir dafür diese Glassteine, die ich gerade in Münchberg gekauft habe. Die sind bestimmt fünfzig Pfennige wert.“ Naja, besser als nichts, dachte August, und immerhin würde er die Steine in der Schule vielleicht gegen ein Stückchen Schokolade eintauschen können. Das Geschäft war gerade abgeschlossen, als der Zug in Zell ankam. Schnell machte August sich auf den Weg nach Hause und beichtete seinen Eltern, dass er nur zehn Mark für die Figuren bekommen hatte, wobei er das Säckchen mit den Steinen achtlos mit auf den Tisch geworfen hatte. „Naja, da kann man nichts machen – mir wern wohl aweng sporn müssen“, sagte sein Vater und sah das Säckchen. „Und was ist das?“ „Das hat mir ein Mann für eine Figur gegeben, die ich selbst geschnitzt habe. Da sind aber nur ein paar Steine drin.“ Doch wie groß war die Überraschung, als aus dem Säckchen tatsächlich eine ganze Hand voll silbern glänzender Markstücke heraus fiel! „Das sind ja an die 30 Mark“  freute sich sein Vater, „wer war denn der Mann?“ Mit einem Mal ging August ein Licht auf: Ein weißer Bart und ein lederner Mantel. „Der Nikolaus!“



Text: Adrian Roßner, 30.11.2013