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Coronavirus

Impfen beim Hausarzt im Landkreis Bayreuth: „Die Corona-Bürokratie ist ein Irrsinn“

Seit April dürfen Hausärzte in Deutschland gegen Corona impfen. Wie geht es in den Arztpraxen in Bayreuth Stadt und Land zu? Das bt hat nachgefragt.

Nach den Impfzentren impfen nun auch die Hausärzte. Wie sieht aktuell ein Tag in einer Praxis aus? Das bt hat sich bei drei Ärzten aus der Region erkundigt. Hier geht es zu den aktuellen Impfzahlen in Stadt und Landkreis Bayreuth.

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Ärztin im Landkreis Bayreuth über Bürokratie beim Impfen: „Irrsinn“

Impfen gehört zum Kerngeschäft einer hausärztlichen Praxis. Dieser Überzeugung ist Dr. Petra Reis-Berkowicz. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt sie eine Praxis in Gefrees. Zudem ist sie Präsidentin der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns sowie stellvertretende Landesvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes Bayern.

Die Corona-Bürokratie verurteilt sie scharf. „Irrsinn“ nennt sie den schwerfälligen Apparat. Hausärzte hätten schon viel mehr impfen können. Sie verweist auf die Grippeimpfungen im letzten Herbst: „Innerhalb von sechs Wochen wurden 25 Millionen Dosen verabreicht. In der Pandemie sind wir aktuell nach rund zwölf Wochen bei knapp über sechs Millionen. Das kann’s nicht sein.“

Impfzentrum oder Hausarzt? Hausärztin hat eine klare Meinung

„Der Staat hat die Kontrolle über das Impfgeschehen nur zögerlich an die Hausärzte übertragen. Das war falsch. Besorgte 80-Jährige gehören nicht ins Impfzentrum, wo Kontakte bei aller Vorsicht nicht ausgeschlossen werden können“, sagt Reis-Berkowicz. Ihre Praxis nahm an einem Pilotprojekt teil. Bereits im März impfte die Ärztin in Gefrees. Seit 1. April dann im Rahmen der Regelversorgung. „Viele Hundert Patienten haben wir bereits geimpft. Auch wenn unser Praxisteam extrem viel zu tun hat: Das Impfen ist endlich dort, wo es hingehört: in den Händen der Hausärzte.“

Beim Impfen nach Priorisierung ist Reis-Berkowicz bereits recht weit gekommen, da sie seit März impft. Die Anzahl der gelieferten Dosen Impfstoff variieren in ihrer Praxis. „Mal sind es 50 pro Woche, mit Glück 70. Es waren aber auch schon deutlich weniger.“

Ärztin aus Bayreuth zur Aufhebung der Impfpriorisierung: „unglaublich viel Arbeit“

Dr. Beate Kuhn und Dr. Alexandra Finkenzeller führen in ihrer Praxis in der Jakobstraße eine Liste mit Impfwilligen. Dort stehen derzeit rund 650 Namen drauf. „Das ist maximal anstrengend“, sagt Kuhn, die für die SPD im Bayreuther Stadtrat sitzt, am Telefon. „Aber das ist es definitiv wert.“ 

Kuhn vergibt regelmäßig am Sonntagvormittag Impftermine, also in ihrer Freizeit. Auf telefonische Nachfrage erfährt Kuhn dann, dass die Impfwilligen bereits beim Impfzentrum waren. Auf das Ende der Impfpriorisierung angesprochen, gibt Kuhn sich kämpferisch: „Das ist unglaublich viel Arbeit. Aber wir werden weitermachen.“

Zeitmanagement beim Impfen: Anfragen per E-Mail dringend erwünscht

Kuhn ist ständig dabei, ihr Zeitmanagement zu optimieren. Und immer findet sie eine neue Stellschraube, die ihr mehr Zeit für das Impfen selbst und weniger die Bearbeitung lässt. Sie appelliert an ihre Patienten: „Bitte kontaktieren Sie uns per Mail. Das geht schneller als per Telefon.“ Sie hofft, dass vor allem die jüngeren Menschen sie und ihr Praxisteam so entlasten können.

Impfen beim Hausarzt in Bayreuth Stadt und Land: „Resteverwerter“

Bereits vor zwei Wochen hat das bt mit Dr. Michael Müller aus Weidenberg gesprochen, der für die AfD im Bayreuther Kreistag sitzt. Damals sagte er: „Wir Hausärzte sind Resteverwerter.“ Was er damit meinte: Er als Hausarzt könne nur das verimpfen, was in den Impfzentren übrig bleibe. „Resteverwerter eben.“

Nun, Ende April, hat das bt wieder bei Müller nachgefragt. Die Zahl der Geimpften steige zwar an, dennoch hat sich die Gesamtsituation für Müller verschlechtert. „Die Regierung hat den Menschen falsche Versprechungen beim zügigen Impfen gemacht.“ Und die Lockerungen für Geimpfte sieht er kritisch im juristischen Sinne: „Kann man Lockerungen als Freiheit gewähren, wenn man sie qua Grundgesetz ohnehin als Grundrecht hat?“, fragt er rhetorisch.

Hausarzt im Landkreis Bayreuth: „Impfstoff AstraZeneca wurde öffentlich zerredet“

Die Priorisierung sei erst verwässert, dann aufgehoben worden, so Müller. „Mittlerweile fühlt sich ja jeder (zu Recht) an der Reihe, endlich geimpft zu werden. Man hoffe doch auf den lang ersehnten Besuch im Biergarten, vielleicht sogar auf Urlaub im Ausland.

Und dass ein Impfstoff in der Öffentlichkeit schlecht gemacht wurde, dass bei vielen Leuten nun Unsicherheit herrscht, habe auch nicht wirklich geholfen. „Der Impfstoff AstraZeneca wurde öffentlich zerredet“, ärgert sich Müller.

500 Patienten auf der Warteliste

In seiner Weidenberger Praxis stünden aktuell 500 Patienten auf der Impf-Warteliste, so Müller. „Wir arbeiten das ab, so gut es geht. Mehr Impfstoff wäre toll. Aber so haben wir andererseits die Chance, unserem Kerngeschäft nachzukommen: der ambulanten Krankenversorgung. Andere Krankheiten machen wegen Corona keine Pause.“

Jürgen Lenkeit

 bt-Redakteur Online/Multimedia
Jürgen Lenkeit