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Trauer

AGUS: Ein Verein hilft Angehörigen in Bayreuth um Suizid

Ein Suizid in der Familie sei wie eine Bombe unter dem Küchentisch, erklärt Elfriede Loser. Der Verein AGUS will Menschen helfen, mit der Trauer umzugehen.

Der Verein AGUS – Angehörige um Suizid e.V. hilft in Bayreuth seit 1989 Angehörigen von Menschen, die sich selbst getötet haben.

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AGUS in Bayreuth – Hilfe für Angehörige nach Suiziden seit 1989

„Jedes Schicksal macht betroffen“

(AGUS-Geschäftsführer Jörg Schmidt)

Manche Schilderungen von Betroffenen lassen einen nicht los, wenn man nach Hause geht, sagt Jörg Schmidt, Geschäftsführer des Vereins AGUS. Um Menschen zu helfen, nach einer Selbsttötung mit dem Verlust umzugehen, organisiert AGUS in Bayreuth, wie in vielen anderen deutschen Städten Selbsthilfegruppen. Gruppenleiterin in der Wagnerstadt ist die hauptamtliche AGUS-Mitarbeiterin Elfriede Loser. Für viele Betroffene ist sie eine besonders wichtige Stütze, denn sie weiß, wovon sie spricht.

Ein Suizid im Engsten Kreis: „Man ist erstmal selbst mit dem Überleben beschäftigt“

Sie selbst musste einen Suizid in ihrem engsten Kreis verkraften: Ihr damaliger Lebenspartner hat sich das Leben genommen. „Die erste Zeit danach ist man erstmal mit dem Überleben beschäftigt“, erklärt Loser. Dafür hat sie sich Unterstützung gesucht und wurde Teil der AGUS-Selbsthilfegruppe. Diese wurde in Bayreuth 1989 von Emmy Meixner-Wülker gegründet.

Für die Arbeit rund um das Thema Suizid brauche man eine gesunde Psyche, sagt Loser. Denn man nehme immer etwas von den Problemen mit nach Hause. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Distanz halten zu können.

„Wir sind alle nur Menschen. Wir können nicht nach Feierabend alles hinter uns lassen.“
(Elfriede Loser, AGUS Bayreuth)

„Wie eine Bombe unter dem Küchentisch“

Ein Suizid in der Familie sei wie eine Bombe unter dem Küchentisch, erklärt Elfriede Loser. Die Situation betreffe jeden in der Familie. Der Trauerprozess sei oft schwieriger und langwieriger als bei einem natürlichen Tod. Besonders schwer sei es für Eltern, wenn ein Kind Suizid begeht, auch wenn der Sohn oder die Tochter schon erwachsen sind. In solchen Situationen machen sich Eltern selbst Vorwürfe und empfinden große Schuldgefühle am Tod des Kindes.

„Trösten ist die Kunst des Herzens.“
(Elfriede Loser, AGUS Bayreuth)

An den Verein AGUS können sich alle Menschen wenden, die von einem Suizid betroffen sind. Die Trauernden melden sich per Telefon oder E-Mail. Wichtig sei es dabei, dass den Hinterbliebenen signalisiert wird, dass die Mitarbeiter immer für sie Zeit haben. „Wir sind Helfer auf Zeit in einer emotional schwierigen Zeit“, so Loser. Für Geschäftsführer Jörg Schmidt ist es wichtig, dass er selbst etwas Sinnvolles für Menschen tun könne.

Gesprächsgruppe in Bayreuth: Einstieg jederzeit möglich

Die Gesprächsgruppen finden in der Regel einmal pro Monat für zwei Stunden statt. In der Bayreuther Gruppe sind dabei immer zwischen zehn und zwölf Personen vor Ort. Die Teilnahme an der Gruppe ist kostenlos, ein Einstieg ist jederzeit möglich. Die Gruppe hat keinen therapeutischen Anspruch. Darüber hinaus gibt es Telefonate und persönliche Termine in der AGUS-Geschäftsstelle.

Corona hat die Arbeit des Vereins in den letzten Monaten erschwert, sagt Schmidt. Im Frühjahr im harten Lockdown seien überhaupt keine Treffen für die Selbsthilfegruppen möglich gewesen. Im Sommer haben dann viele der Gruppen wieder begonnen, Gruppensitzungen durchzuführen, doch der zweite Lockdown hat das nun erneut erschwert. „Einige Selbsthilfegruppen machen jetzt Videokonferenzen, aber das ist nicht ganz dasselbe. Der persönliche Kontakt von Mensch zu Mensch fehlt“, erklärt der Geschäftsführer.

So können Sie AGUS unterstützen

Bundesweit gibt es knapp über 80 AGUS-Gruppen. Der Verein erhält keine staatliche Förderung und baut daher auf Spenden, Mitgliedsbeiträge und Zuschüsse der Krankenkassen. Daher ist der Verein für jede Spende dankbar. Mehr Informationen gibt es auf der Website von AGUS – Angehörige um Suizid e.V.

In der Gesellschaft ist Suizid leider immer noch ein Tabuthema. Hier müsse mehr Offenheit und Klarheit über psychische Erkrankungen bestehen, die die Hauptursache für eine Selbsttötung sind. „Suizid ist keine leichtfertige Entscheidung“ betont Loser. Suizidalität ist ein zutiefst menschliches Geschehen und Erleben, das in seiner Komplexität nie vollständig verstehbar sein wird.

Bayreuther Tagblatt - Frederik Eichstädt

 bt-Redakteur Online/Multimedia
Frederik Eichstädt