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Zuletzt aktualisiert am 14. Mai 2020 | 11:35

Nachrichten aus Bayreuth/Universität Bayreuth

Experte der Universität Bayreuth: „Öffnet die Kitas jetzt!“

In diesen Tagen wird kontrovers darüber debattiert, wann die Kitas in Deutschland wieder geöffnet werden sollten.

Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel, Inhaber des Lehrstuhls für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften und Direktor des gleichnamigen Instituts an der Universität Bayreuth, kommt aufgrund aktueller Studien zu dem Ergebnis: „Für die Schließung von Kitas bis über die Sommerferien hinaus gibt es derzeit keine medizinisch-wissenschaftliche Begründung.“ Im Konsens mit zahlreichen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen plädiert er für eine möglichst rasche Öffnung.

Vergleichsweise wenig infizierte Kinder

Als Ende Februar diesen Jahres erstmals Coronavirus-Erkrankungen in Deutschland auftraten, bei denen die Infektionswege nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden konnten, war es eine der ersten sorgenvollen Fragen, welcher Personenkreis durch das neue Virus SARS-CoV-2 besonders gefährdet sei. Dabei richtete sich der Blick insbesondere auf Menschen im hohen Lebensalter sowie auf Jugendliche und Kinder. Das Immunsystem von Kindern ist noch nicht hinreichend differenziert, um in jedem Fall auf ein bedrohliches Virus effektiv reagieren zu können. Daher lag am Beginn der Pandemie die Annahme nahe, Kinder seien besonders bedrohlichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Sie hat in Deutschland wesentlich zu der Entscheidung beigetragen, Schulen und Kitas bis auf Weiteres zu schließen. Wissenschaftlich bestätigt hat sich diese Annahme allerdings bislang nicht. Weltweit sind derzeit rund 2,5 Millionen Menschen mit einer Virusinfektion diagnostiziert, aber Kinder haben daran nur einen geringen Anteil.

Folgende Punkte sprechen gegen hohe Gefährdung von Kindern

Gegen eine besonders hohe Gefährdung von Kindern durch SARS-CoV-2 sprechen beim heutigen Stand unter anderem folgende Erkenntnisse und Überlegungen:

  • Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC berichtet, dass es sich nur bei rund einem Prozent der nachgewiesenen und registrierten Infektionen um Kinder unter zehn Jahren handelt, vier Prozent sind zwischen zehn und 19 Jahren alt.
  • Eine neue Bevölkerungsstudie in den Niederlanden, die vom National Institute for Public Health and the Environment veröffentlicht wurde, zeigt: Kinder spielen nur eine geringe Rolle bei der Verbreitung von SARS-CoV-2. Es konnten so gut wie keine Kinder unter zwölf Jahren identifiziert werden, die entweder aufgrund einer Infektion mit SARS-CoV-2 erkrankt waren oder zu einer Erkrankung in der Familie beigetragen haben.
  • Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie aus Island: 13.000 Personen, zufällig aus der Bevölkerung ausgewählt, wurden auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 hin untersucht. Kein einziges Kind unter zehn Jahren erwies sich als infiziert. Dieses Ergebnis lässt aufhorchen, weil in Island seit Mitte März für die Bevölkerung ähnliche Bewegungseinschränkungen wie in Deutschland gelten, die Schulen und Kitas jedoch weitestgehend geöffnet blieben. Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass der Betrieb von Schulen und Kitas nicht grundlegend zu einer zusätzlichen Verbreitung des Virus beiträgt.
  • Bekanntlich ist das Immunsystem von Kindern nach einer Organtransplantation geschwächt. Gleichwohl melden die großen internationalen Register und Netzwerke bisher keinen Fall, in dem sich ein Kind dieser Patientengruppe mit Covid-19 infiziert hätte. Auch aus dem Zentrum Ederhof in Tirol, das sich speziell der Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen nach einer Transplantation widmet und dabei mit dem Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften (IMG) der Universität Bayreuth zusammenarbeitet, ist bisher kein solcher Fall bekannt.
  • Weltweit sind bisher nur sehr wenige Fälle bekannt geworden, in denen Kinder nach einer diagnostisch abgesicherten Infektion an SARS-CoV-2 verstorben sind.

Umgekehrter Infektionsweg

Besonders wird – nicht zuletzt durch die o.g. Studie aus den Niederlanden – eine weitere Annahme infrage gestellt, die an der Entscheidung zur Schließung der Kitas wesentlich beteiligt war: nämlich die Vermutung, Kinder spielten eine große Rolle bei der Verbreitung des Virus. Bislang gibt es keine valide Untersuchung, die bestätigt, dass infizierte Kinder das Virus auf Erwachsene übertragen hätten. Nur für den umgekehrten Infektionsweg gibt es zahlreiche Indizien aus Europa sowie aus den USA und Asien: So lebte die Mehrheit der Kinder, bei denen das Virus SARS-CoV-2 diagnostiziert wurde, mit einer erwachsenen Person zusammen, die bereits zuvor Symptome gezeigt hatte.

Lebensbedingungen haben sich verschlechtert

Die seit Beginn der Pandemie gewonnenen Erkenntnisse machen es notwendig, die Schließung von Kitas zu überdenken und sie schrittweise, unter Beachtung aller nötigen Hygieneregeln, aufzuheben. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin weist darauf hin, dass sich die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie mit dem neuen Corona-Virus deutlich verschlechtert haben. Vor diesem Hintergrund sollte jetzt, wo immer es möglich ist, mit einer Öffnung der Kitas begonnen werden. Für die in einigen Bundesländern angekündigte Schließung von Kitas bis über die Sommerferien hinaus gibt es derzeit keine medizinisch-wissenschaftliche Begründung. Dabei bleibt selbstverständlich festzuhalten, dass Maßnahmen wie die Öffnung der Kitas mit strukturierten wissenschaftlichen Untersuchungen begleitet werden müssen.

Schutz und Ermöglichung

Wie die Bundesregierung betont, geht es in allen diesen Fragen stets um die Abwägung zwischen Ermöglichung und Schutz: Schutz für Menschen mit einem hohen Gesundheitsrisiko und Ermöglichung der Förderung der Betroffenen, hier der Kinder. Mit Recht weist die Bundesfamilienministerin darauf hin, welche zentrale Bedeutung Kitas für die frühkindliche Entwicklung, für die Vorbereitung auf die Grundschule, für das gemeinsame Lernen und das Leben in einer Gemeinschaft haben – und welche wichtigen Zukunftsperspektiven sich daraus ableiten.

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Text: Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel (Universität Bayreuth)

Prof. Dr. Eckhard Nagel. Foto: UBT

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