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Coronavirus

Gewalt gegen Kinder in Bayreuth: „Wir haben ein Problem in Sachen Kinderschutz“

„Corona wird uns noch lange beschäftigen“, heißt es von der Politik. Dazu gehört auch die Zunahme von Gewalt gegen Kinder. Das ist die Lage in Bayreuth.

Die Corona-Pandemie hat langwirkende Folgen in verschiedenen Bereichen. Eine schwerwiegende ist die Zunahme von Gewalt: in der Familie, gegen Frauen, gegen Männer, gegen Kinder. Das bt hat sich bei entsprechenden Hilfsorganisationen in Bayreuth umgehört. Ende 2020 hat in Bayreuth eine Aktion gegen Gewalt an Frauen stattgefunden. Schon damals hieß es, Corona verstärke die Gefahr.

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Gewalt gegen Kinder in Bayreuth: Das ist die aktuelle Situation

AVALON

Rebekka Dalmer von der Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt AVALON in Bayreuth berichtet von einer deutlichen Zunahme von Anfragen seitens des Jugendamtes sowie von Betroffenen. „Wir hatten in den ersten vier Monaten so viele Erstberatungsanfragen wie im gesamten letzten Jahr zusammen (ohne Differenzierung, ob sich Fachkräfte, Angehörige oder Betroffene selbst beraten lassen).“ Das waren 767.

Neben der Beratung arbeitet AVALON auch präventiv an Schulen. Zu diesen Themen:

  • „Mein Körper gehört mir!“
  • „Gute und schlechte Geheimnisse“
  • „Angenehme und unangenehme Berührungen“
  • „Neinsagen“
  • „Hilfe holen“

Die Präventionsarbeit an Schulen sei während der Pandemie deutlich gesunken: Es fand schließlich teilweise gar kein Präsenzunterricht statt. „Das Problem ist, dass man Opfer von sexueller Gewalt nicht so leicht erkennen kann“, sagt Dalmer. Im Homeschooling sei das noch schlechter möglich.

Das Angebot von AVALON wurde um „Mut tut gut – digital“, einem digitalen (Schul)-Projekt zur Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern im Grundschulalter erweitert. Es ist für 6- bis 10-Jährige geeignet. Finanziert wird es durch die Städte Bayreuth und Kulmbach.

„Ziel des Projektes ist es, Kinder altersangemessen über sexualisierte Gewalt aufzuklären und mit ihnen Möglichkeiten für Abwehr- und Vermeidungsverhalten zu erarbeiten und zu üben. Die Kinder und Jugendlichen werden in ihrem Selbstbewusstsein und ihrem Selbstbestimmungsrecht gestärkt. Eltern und Lehrer werden über das Thema aufgeklärt und Möglichkeiten einer präventiven Erziehungshaltung aufgezeigt.“

(Avalon Bayreuth)

Ein Politiker aus Bayreuth hat vor ein paar Monaten an den Verein AVALON gespendet.

Kinderschutzbund

„Ja, wir haben ein Problem in Sachen Kinderschutz – und das nicht nur wegen der Pandemie“, sagt Ulrike Thoma-Korn vom Kreisverband Bayreuth im Deutschen Kinderschutzbund auf Nachfrage des bt.  Jedes 7. Kind in Deutschland ist sexueller Gewalt ausgesetzt.“ Auch die emotionale Vernachlässigung mit verheerenden Folgen für die kindliche Entwicklung habe stark zugenommen und körperliche Gewalt gegenüber Kindern werde immer noch toleriert und ausgeübt.

„Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass viele Fälle von Gewalt gegenüber Kindern nicht aufgedeckt wurden, weil den Kindern und Jugendlichen über Monate hinweg vertraute Ansprechpartner wie Lehrkräfte, Erzieher, befreundete Familien etc. gefehlt haben. Darüber hinaus ist der Anteil an sexueller Gewalt im Internet beispielsweise durch Kinderpornografie um 50 Prozent gestiegen.“

(Ulrike Thoma-Korn, Kreisverband Bayreuth im Deutschen Kinderschutzbund)

Es sei damit zu rechnen, dass viele Fälle erst bekannt werden, wenn alle Angebote wieder regelmäßig und ohne Hürden zu erreichen sind.

Viele Kinder und Jugendliche würden Zwänge, Angststörungen und andere psychische Auffälligkeiten entwickelt haben, die behandlungsbedürftig seien. „Diese bedenkliche Situation wird sich jetzt noch einmal drastisch verstärken und (sich so schnell nicht beheben lassen).“ Kinder seien aufgrund ihres Alters und ihrer Entwicklung mehr als andere auf die Berücksichtigung ihrer Grundbedürfnisse angewiesen.

„Kinder und Jugendliche waren und sind außerordentlich diszipliniert und vernünftig und haben ihren Anteil an der Bewältigung der Pandemie geleistet. Das sollte dementsprechend gewürdigt werden“, erklärt Thoma-Korn im Hinblick auf den ungewissen weiteren Verlauf der Pandemie, insbesondere im Herbst dieses Jahres.

„Wir möchten die Öffentlichkeit ermutigen, genau hinzusehen und hinzuhören, was Kinder erzählen und welche Warnsignale und Hilferufe sie an uns senden. Kinder und Jugendliche müssen sich sicher sein, dass ihnen Vertrauen und Gehör geschenkt wird und sie sich auf Erwachsene verlassen können. Kein Kind darf schutzlos jeglicher Art von Gewalt durch Erwachsene ausgeliefert sein. Mit unserem neuen Projekt „Media pro Kids“ setzen wir uns verstärkt dafür ein, dass Kinder und Jugendliche gut geschützt – gegen sexualisierte Gewalt – im Internet unterwegs sein können.“

(Ulrike Thoma-Korn, Kreisverband Bayreuth im Deutschen Kinderschutzbund)

Bayreuther Tafel

„Es ist eine Gratwanderung“, sagt die Bayreuther Stadträtin Ingrid Heinritzi-Martin, 1. Vorsitzende der Tafel in der Stadt. „Es ist den Kindern zu wünschen, dass wir die Pandemie dauerhaft in den Griff kriegen“, sagt sie. Das könne aber nur mit der Maske und vollständigen Impfungen funktionieren. Wenn Familien zur Bayreuther Tafel kommen, seien sie angehalten, nur eine Person zu schicken.

Dagegen: „Kinder wollen raus, wollen spielen.“ Die Zeit im harten Lockdown sei nicht gut für sie und berge Gefahr: nicht die, dass mal eins hinfällt, sondern die Gefahr von Gewalt. „Es ist mir sehr wichtig, dass die Erzieher alle geimpft sind.“ Für Heinritzi-Martin ein essentieller Baustein auch für die Präventionsarbeit in Sachen Gewalt gegen Kinder.

Bayreuther Tagblatt - Raphael Weiß

 bt-Redakteur Online/Multimedia
Raphael Weiß