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Coronavirus

„Die Ungeimpften heizen die Pandemie an – das ist Fakt“: Ein Professor der Universität Bayreuth über Corona

Die derzeitige Lage der Corona-Pandemie ist erdrückend. Täglich werden zahlreiche Neuinfektionen gemeldet. Das bt hat einen Professor der Universität Bayreuth zum aktuellen Infektionsgeschehen befragt.

Die Inzidenzen in Deutschland steigen ohne Wenn und Aber, auch in den Krankenhäusern liegen immer mehr geimpfte Corona-Patienten. Woran kann das liegen?

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Prof. Dr. Claus D. Kuhn, Professor für RNA Biochemie an der Universität Bayreuth, gibt dem bt im Interview seine Einschätzung zur aktuellen Lage der Corona-Pandemie.

Professor der Uni Bayreuth über die vielen Corona-Infektionen

Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet jeden Tag bundesweit Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich – mehr als im Vorjahr um diese Zeit, trotz vieler durchgeführter Impfungen. Der Grund hierfür ist laut Kuhns Aussage eindeutig: „Das liegt ganz einfach daran, dass wir es mit einem in seiner Delta-Variante stark veränderten Virus zu tun haben.“ Auch in Bayreuth stieg die Inzidenz in den letzten Tagen deutlich – die aktuellen Corona-Zahlen gibt es immer im bt-Coronaticker.

Entscheidend sei hierbei der sogenannte Reproduktionswert, kurz „R-Wert“ des Virus, der angibt, wieviele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Beim Wildtyp, also dem ursprünglichen Virus, lag der R-Wert zwischen 1,9 und 2,6, so Kuhn. „Mittlerweile haben wir es allerdings mit der Delta-Variante des Virus zu tun. Diese ist wesentlich aggressiver und hat einen R-Wert zwischen 5 und 6.“

Kuhn erklärt die erhöhte Ansteckungsgefahr am Beispiel einer Erkältung: „Wenn eine Person eine Erkältung hat, dann wird nicht zwangsläufig der zugehörige Haushalt angesteckt – ähnlich etwa zum ursprünglichen Coronavirus. Da die Delta-Variante aber viel infektiöser ist, ist die Wahrscheinlichkeit hierfür deutlich höher.“

Wie kommen so viele Impfdurchbrüche zustande?

Im Unterschied zum letzten Jahr sind mittlerweile eine Vielzahl von Menschen in Deutschland geimpft – dennoch infizieren auch diese sich mit Corona. Laut Kuhn seien es insbesondere die vulnerablen Personengruppen, die unter Impfdurchbrüchen leiden müssen: „Der Impfstoff wirkt bei älteren Menschen nach sechs Monaten schlichtweg nicht mehr ausreichend effizient. Das ist wie bei vielen anderen Impfungen – auch weil der Impfstoff ursprünglich gegen den Wildtyp konzipiert war. Und die Besuche von oder die Arbeit von Ungeimpften mit Älteren, zum Beispiel im Pflegeheim, tragen dann selbstverständlich zur Hospitalisierung bei.“

So lasse sich auch die in den letzten Wochen erhöhte Zahl der Geimpften auf den Intensivstationen erklären: „Es ist richtig, dass in den letzten Wochen vermehrt geimpfte Patienten auf den Intensivstationen liegen, aber über das ganze Jahr verteilt sind es nach wie vor 90 Prozent Ungeimpfte. Die Ungeimpften heizen die Pandemie damit aktuell an – das ist Fakt.“

Drittimpfungen – ja oder nein?

In diesem Zusammenhang hat Kuhn auch eine klare Meinung zu Auffrischimpfungen, auch genannt „Booster-Impfungen“. Nämlich, dass sie als Drittimpfung insbesondere für Ältere ein essentieller Bestandteil sind: „Man sollte die Drittimpfung nicht als eine Booster-Impfung, sondern eine ‚den Impfschutz komplettierende Impfung’ bezeichnen.“

Die Corona-Impfung verhalte sich hier wie viele andere Impfungen auch, z.B. die Zeckenschutzimpfung: „Ein Booster klingt nach einem nicht-effizienten Impfstoff – das ist hier aber nicht der Fall. Man sollte stattdessen die Drittimpfung als Teil eines normalen Impfschutzes sehen.“

Die Bayerische Regierung diskutiert schon eine Weile, wer zu welchem Zeitpunkt die Möglichkeit einer Auffrischimpfung bekommen sollte.

Ist 2G wirklich der Weg aus der Pandemie?

2G ist für Kuhn eindeutig die gesellschaftlich beste Variante: „Die Geimpften sollten nicht die gleiche Last tragen wie die Ungeimpften. Man muss der Gesellschaft einen Weg in Richtung eines Endes der Pandemie aufzeigen.“ Außerdem sei eine hohe Impfquote der effektivste Weg, um das Virus abzuschwächen. Denn Varianten und Mutationen entstünden bei Viren nur dann, wenn sie zirkulieren und viele Personen anstecken könnten.

In einer kollektiv geimpften Gesellschaft werde dem Virus wesentlich weniger Angriffsfläche geboten. Man würde in die „endemische Phase“ kommen, in der das Virus zwar nicht verschwinden, sich aber „bei uns allen aufhalten“ würde, wie Kuhn es beschreibt – aber eben mit weniger schweren Verläufen.

Wann ist eine Pandemie zu Ende?

Auf diese Frage hat Kuhn eine eindeutige Antwort: „Die Pandemie ist vorbei, wenn sie überall vorbei ist.“ Bei dem aktuellen Infektionsgeschehen könne es sein, dass „wir irgendwie durch den Winter kommen“, die Lage im nächsten Herbst sich jedoch wieder auf eine ähnliche Weise entwickeln werde, da das Virus erneut mutieren könne – und das auch in anderen Ländern der Welt.

Da der aktuelle Impfstoff in Teilen auch gegen die Delta-Variante wirksam ist, hätten wir laut Kuhn „Glück im Unglück“. Wäre es beim Wildtypvirus geblieben, wäre das Infektionsgeschehen bereits deutlich eingedämmt.

Ansonsten gebe es nur zwei Wege aus der Pandemie: „Entweder es lassen sich genügend Leute impfen und das Virus wird harmlos gemacht, oder wir haben zahlreiche Infizierte und Tote.“ Aus diesem Grund ist für Kuhn klar: „Impfen ist ein Dienst an uns alle.“

Virologe Christian Drosten erachtet härtere Maßnahmen im Winter für notwendig – auch um die tödlichere Alternative zu vermeiden.