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Zuletzt aktualisiert am 01. Februar 2022 | 15:14

Sexueller Missbrauch

Wusste Benedikt XVI. von sexuellem Missbrauch in der Kirche? Das sagt ein katholischer Pfarrer aus Bayreuth

von Jürgen Lenkeit

Papst Benedikt XVI. soll von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising gewusst haben. Erzählt hat er davon nie. Ein Pfarrer aus Bayreuth bezieht Stellung.

Benedikt XVI., emeritierter Papst, wird beschuldigt, von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising gewusst zu haben. Symbolbild: pixabay
Benedikt XVI., emeritierter Papst, wird beschuldigt, von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising gewusst zu haben. Symbolbild: pixabay

Papst Benedikt XVI. sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Er soll viele Jahre lang über sexuellen Missbrauch von Kindern gewusst haben. Konkret geht es um Missbrauchsfälle im Erzbistum München und Freising. Unter seinen Namen Joseph Kardinal Ratzinger stand der dem Erzbistum von 1977 bis 1982 als Erzbischof vor.

Christian Karl Steger ist Stadtpfarrer der Schlosskirche Bayreuth. Seit 2012 ist er dort Seelsorger. Ihn wühlen die schweren Vorwürfe gegen Benedikt auf. Auf seine eigene Biografie hatte der emeritierte Papst einen ganz wesentlichen Einfluss. Mit dem bt spricht Steger über die Vorwürfe.

Auch interessant: In Bayreuth sind Termine für Kirchenaustritte derzeit auf Wochen ausgebucht.

Benedikt XVI.: Papst soll von sexuellem Missbrauch in München und Freising gewusst haben

bt: „Herr Steger, wie beurteilen Sie die Vorwürfe gegen Benedikt XVI. als Außenstehender, der fest in der Kirche verankert ist?“

Christian Steger: „Es ist eine frustrierende Angelegenheit, ein Abgrund, vor dem man da als Mitarbeiter in der Kirche steht. Immer wieder die Frage: Wie konnte das geschehen? Wo konnte das geschehen? Ich bin mit und in der Kirche groß geworden, erst in einer katholischen Familie zuhause auf dem Land hier bei Auerbach, und dann bei den Domspatzen in Regensburg unter Georg Ratzinger. Die Brüder Georg und Joseph Ratzinger waren mir und einem anderen Klassenkameraden, der auch Priester wurde, Vorbild, auch diesen Weg als Priester einzuschlagen. Ich habe die Kirche weder als Kind noch bei den Domspatzen noch später so erlebt. Im Gegenteil, sonst wäre ich heute nicht Priester. Seit der im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Missbrauch in der Kirche bekannt gewordenen Fälle ist auch bei mir persönlich eine enorme Frustration eingetreten.“ 

„Die Brüder Georg und Joseph Ratzinger waren mir Vorbild, auch diesen Weg als Priester einzuschlagen.“

bt: „Eine Münchener Kanzlei wirft Benedikt XVI. Wissen und Vertuschung von sexuellen Missbrauch vor – mit einem fundierten Gutachten. Schenken Sie dem Glauben?“

Steger: „Ich habe wie viele weder das volle, 1900 Seiten umfassende, Gutachten noch die knapp 100 Seiten Erwiderung von Papst Benedikt XVI. vollständig gelesen. Ich kann nur sagen, dass ich eines von ihm auch aus persönlicher Erfahrung glaube, sicher sagen zu können, dass er kein Lügner und auch kein Feigling ist. Er ist den 1980er Jahren, in einer Zeit, in der nicht nur die Kirche noch keinerlei Erfahrung hatte im Umgang mit diesem Thema, als einer der ersten offen und durchaus mutig das Thema des Missbrauchs angegangen.

Er war ab 1977 Bischof in München, und dann ab 1982 lange Jahre in Rom als Präfekt der Glaubenskongregation. Dort hat er das Thema den Bischöfen in der Welt entzogen, das heißt, er hat die Bischöfe der Weltkirche sehr zu deren Ärger aufgefordert, solche Fälle nach Rom an seine Behörde zu melden, um eben Vertuschungen vor Ort zu vermeiden. Weiter war er es, der noch unter Papst Johannes Paul II. die kirchenrechtliche Möglichkeit erst schuf, Priester wegen eines solchen Vergehens schlicht rauszuwerfen. Als Papst hat er 2010 dann die Verjährungsfrist für die kirchenrechtliche Ahndung von Missbrauch verlängert. Er hat sich dem Thema also schon früh gestellt.

Ich kann nicht sehen, dass er bisher bei diesem Thema versuchte zu leugnen oder sich scheute, Verantwortung zu übernehmen. Ich kann dennoch verstehen, wenn heute Menschen sagen, das war alles nicht genug, denn es gab ja noch bis in die jüngste Zeit hinein eklatante Fälle, etwa die von Trier, von denen der Spiegel jüngst berichtete, in die die heutigen Bischöfe Reinhard Marx und Georg Bätzing involviert seien.“

bt: „Falls sich Vorwürfe bewahrheiten sollten: Welches Verhalten wünschen Sie sich von Benedikt XVI.?“

Steger: „Papst Benedikt ist heute weit über 90. Er war der erste Papst seit dem Mittelalter, der 2013 zurücktrat, weil er merkte, wie er damals wörtlich in Latein sagte, dass seine „Kräfte nicht mehr geeignet“ seien, das „Schiff Petri zu lenken“. Mit anderen Worten hieß das auch, dass das Amt der Verwaltung und der Führung, das für ihn, den Denker und Prediger in Zeiten wie diesen auch immer schwerer wurde, ihn vor fast zehn Jahren zu überfordern begann. Auch das war ein mutiger Schritt, ein außergewöhnlicher Schritt, der von Vernunft, aber auch von Demut zeugt, dass es ihm eben nicht um ihn selber ging, wenn er sagen konnte, „Ich kann nicht mehr“.

Dass jeder Mensch immer und immer wieder Fehler macht, trifft auch auf den Menschen zu, der Papst ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass er nicht zu feige ist, zu Fehlern zu stehen, auch, für diese um Vergebung zu bitten.“

bt: „Welche Konsequenzen müssten Ihres Erachtens seitens der Kirche aus den neuen Missbrauchsvorwürfen und dem Wissen über sie gezogen werden?“

Steger: „2010 traten die Jesuiten selber an die Öffentlichkeit mit der Aufarbeitung von Fällen von Missbrauch an ihrer Schule in Berlin. Nolens volens folgten viele katholische Einrichtungen daraufhin. Das ist gut, denn das ist zuallererst der einzige Weg, offen zu sagen: „Wir haben gefehlt!“ Mich hat vorletzte Woche ein Beitrag aus der größten Tageszeitung meiner alten Heimat Regensburg beeindruckt. Da schrieb im Leitartikel zu diesem Thema Dr. Christian Eckl, dass der Aufschrei sich nicht damit begnügen dürfe, Bischöfe, Papst und Kardinäle bei diesem Thema als „Blitzableiter“ der Gesellschaft in die Verantwortung zu nehmen, da der Abgrund an Missbrauch an Kindern gesamtgesellschaftlich viel größer sei. Dass das so ist, wissen wir alle, das belegen auch die Statistiken.

„Ich wünsche mir zu allererst Ehrlichkeit im Umgang mit diesem Thema, keine Umleitung und Instrumentalisierung oder dergleichen.“

Zum einen wünschte ich mir eine gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung, die ähnliche Institutionen wie die katholische Kirche einschließt. Zum anderen ist eine solche gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung keine Relativierung und erst recht keine Entschuldigung für die katholische Kirche, vor allem deswegen nicht, weil sich die oberen Kirchenleute vor allem früher ja ganz gern in der Rolle als Moralprediger gefielen, zu sagen, was man tut und was man nicht tut. Weiter, dass wir es bei den Kirchenleuten nicht immer nur mit Heiligen zu tun haben, die Kirche bezeichnen wir nicht deswegen als heilig, weil wir da drin sind, sondern wegen ihres Ursprungs in Christus, das wussten schon die frühen Christen. Ein Zitat, das dem Heiligen Johannes Chrysostomos (+407) zugeschrieben wird, ist da sehr deutlich: „Die Wege der Hölle sind mit den Schädeln von Bischöfen gepflastert.“

Ich wünsche mir zu allererst Ehrlichkeit im Umgang mit diesem Thema, keine Umleitung und Instrumentalisierung oder dergleichen. Ich wünsche mir das, was Jesus zuerst bei seinem Auftreten sagte (Mk 1,15): „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ – und, so wage ich hinzuzufügen, ein bisschen weniger an euch selber.“

bt: „Unabhängig vom aktuellen Gutachten: Halten Sie wiederkehrende Missbrauchsvorwürfe in der Kirche für einen Grund konstant hoher Austrittszahlen von Mitgliedern?“

Steger: „Sicherlich bietet das Öffentlichwerden dieser Fälle eine Grundlage für viele, auszutreten. Ja mehr, ich höre von Leuten, die sich in unseren Gemeinden vor Ort im Pfarrgemeinderat oder für ein kirchliches oder soziales Projekt einsetzen, dass sie sich etwa auf der Arbeit schon fragen lassen müssen, wie man nur noch bei dieser Organisation mitmachen könne.

Das geht mir nicht anders! Und glauben Sie mir, mich überkommt in diesen Tagen oft genug Frust! Aber vernünftigerweise ist mir klar, dass die hohen Austrittszahlen nicht primär damit zu tun haben. Tiefer liegt eine andere Krise, es liegt dem eine Glaubenskrise an sich zugrunde. Unsere individualistische Gesellschaft hierzulande liquidiert zurzeit bei uns den Anspruch, dass das Leben göttlichen Ursprungs ist und ein göttliches Ziel hat und verkündet allein die Unfehlbarkeit eines individualistischen Humanismus.

Wir glauben als Christen, dass mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes, jeder Mensch göttliche Züge trägt, die er unabhängig davon, ob er gesund oder krank, jung oder alt ist, nicht verliert. Hier ist längst schon ein Paradigmenwechsel im Laufen, wehe, du kannst oder lieferst nicht mehr. Gott ist für uns Christen Maßschnur für das Gute und das Böse, das eckt jetzt an, denn die Beurteilung dafür rutscht mehr und mehr in den Meinungshorizont des einzelnen Menschen, was er für gut und böse hält. Ich würde sagen, dass ist der Knackpunkt und Kern der Kirchenkrise.“

Die Fragen stellte Jürgen Lenkeit.

Der Pfarrer der Schlosskirche Bayreuth, Dr. Christian Karl Steger, erklärte die Bedeutung von 1 und 2 November. Archivbild: Schlosskirche Bayreuth/ Dörte Behrendt.
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