Corona

Bayreuther Tätowiererin „Valle Kunterbunt“ verzweifelt über Corona-Zeit: „Ich bin in ein Loch gefallen“

Valeria Leben ist Tätowiererin in Bayreuth. Sie ist eine von vielen in ihrer Branche, die durch die Corona-Krise Existenzängste durchlebt. Mit dem bt hat sie über ihre derzeitige Lage gesprochen.

Tätowierer dürfen seit Monaten ihren Beruf nicht mehr ausüben. Die finanziellen Hilfen bleiben aus oder haben einen Haken. Ein Bayreuther Tätowierer hat sich sogar schon nackt ausgezogen, um auf die Lage in seiner Branche aufmerksam zu machen.

Bayreuther Tätowiererin im Lockdown

Valeria Leben (31) ist ebenso Tätowiererin in Bayreuth. Sie hat sich noch nicht nackt ausgezogen, will dies aber noch tun. „Morgen hab ich einen Termin mit einer Fotografin“, sagt sie. Im Gegensatz zu anderen, die einfach ein Selfie von sich gemacht haben, will sie professionelle Fotos von der Aktion haben. Das bedeutet aber keinesfalls, dass die Tätowiererin in Geld schwimmt. Seit dem ersten Lockdown haben sich Schulden angehäuft.

Schon der erste Lockdown war für Valeria hammerhart. „Man wusste ja gar nicht was los ist. Was ist das für ein Killer-Virus? Wie viele Leute sterben?“, sagt sie. Dazu kam, dass sie nicht mehr arbeiten durfte. „Ich habe die Zeit wie in einer Schockstarre verbracht.“ Valeria kann kaum in Worte fassen, wie schlimm sich die Ungewissheit angefühlt hat. In dieser Woche sei man von Seiten der Politik nur von Tag zu Tag und von Woche zu Woche vertröstet worden, ohne Aussicht auf Besserung.

Hohe Hygienestandards in der Branche

In der Branche der Tätowierer habe sich viel Frust aufgebaut. Denn während andere Läden schon öffnen durften oder noch auf hatten, mussten Tattoo-Studios geschlossen bleiben. Und das, obwohl gerade dort sehr hohe Hygienestandards herrschen und zwar schon vor Corona. „Wir machen alles, um eine Infektion zu verhindern. Handschuhe tragen, Mundschutz aufsetzen, alles desinfizieren – das war alles schon vor Corona Standard in vielen Tattoo-Studios“, sagt Valeria.

Tattoo-Studios sind jetzt nicht unbedingt als große Corona-Hotspots bekannt oder generell als Virenschleudern. Wie auch? Oftmals haben die Tätowierer nur einen Kunden am Tag, maximal sind es zwei. „Mehr schaffst du auch einfach nicht.“ Im Gegensatz hatten jedoch andere Läden geöffnet, mit viel mehr Menschen und weniger hohen Hygienestandards. Valeria ließ dieser Umstand verständnislos zurück.

Finanzielle Sorgen wegen Corona-Lockdown

Dazu kamen noch die finanziellen Sorgen. Die groß angekündigten Corona-Hilfen – wann würde sie diese erhalten? Bekommt sie diese überhaupt? Valeria Leben hatte das Gefühl, ihr Leben gehe zu Grunde. In dieser Zeit konnte sie sich daher nicht irgendeine tolle Idee überlegen, die sie aus ihrer Notlage rettet. Erst zum Ende des ersten Lockdowns habe sie sich langsam wieder aufgerappelt. „Das Leben muss weitergehen“, sagt sie.

Die staatlichen Hilfen habe sie erst spät erhalten. Zu diesem Zeitpunkt zeigte ihr Konto bereits ein Minus an. Doch das war nicht alles. Denn die Hilfen hatten einen Haken: „Es hieß plötzlich, dass man als Selbstständiger das Geld nicht dazu verwenden darf, um seine privaten Kosten zu decken“, erzählt Valeria. Das habe sie sehr sauer gemacht. „Das war katastrophal. Als Selbstständiger bezahle ich mir ja selbst meinen Lohn. Wenn ich kein Geld reinbekomme, dann war es das.“

Bayreutherin muss Corona-Hilfe zurückzahlen

Die Tätowiererin erhielt also 5.000 Euro vom Staat. Aber dass sie diese nicht dafür nutzen darf, um ihre privaten Kosten zu decken, erfuhr sie erst später. Denn die Bedingungen wurden quasi mittendrin geändert. Nur die geschäftlichen Fixkosten durften damit bezahlt werden. Kurz vor dem zweiten Lockdown erhielt sie dann deswegen die Hiobsbotschaft: Das Geld muss zurückgezahlt werden. „Das hat mir dann auch das Genick gebrochen.“

Als dann der zweite Lockdown verkündet wurde, reagierte Valeria gefasster. Es riss sie nicht mehr in ein solches Loch, wie das erste Mal. „Ich habe versucht im Hier und Jetzt zu bleiben und nicht irgendwelche Ängste zu haben. Das blockiert einen nur.“ Auch dieses Mal bekam sie die Überbrückungshilfen, sowohl die für November, als auch die für Dezember. Jedes mal 75 Prozent des Umsatzes vom Vorjahresmonat. Doch der Haken an der Sache ist geblieben.

Die Qual der Wahl: Grundsicherung oder Corona-Hilfe?

Das Geld darf nicht für Privatvergnügungen wie Lebensmittel oder Miete ausgegeben werden. Deswegen überlegte Valeria sogar ins Arbeitsamt zu gehen. Sie war mittlerweile schon soweit, dass sie die monatliche Grundsicherung, also Arbeitslosengeld, beantragen wollte. Doch Pustekuchen.

Hätte sie die Grundsicherung beantragt und bekommen, wären die Corona-Hilfen unerreichbar gewesen. Denn man kann nur eine Hilfe bekommen, wie ihr ein Kollege berichtete. Also hatte sie die Wahl: Entweder Corona-Hilfe um die Geschäftskosten zu decken, nicht aber die privaten Kosten, oder Grundsicherung um die privaten Kosten zu decken, nicht aber die Geschäftskosten.

Zwei Geschäfte zur selben Zeit in Bayreuth

Also entschied sie sich für die Überbrückungshilfen. Denn die Tätowiererin muss momentan zwei Geschäfte bezahlen. „Ich bin zum Jahreswechsel mit meinem Mann in eine andere Wohnung gezogen“, erzählt sie. In dieser befinde sich auch ihr neues Studio. Der Grund dafür ist einfach: Das neue Geschäft kostet weniger Geld.

Allerdings kommt sie aus dem Mietvertrag ihres alten Ladens nicht vor Vertragsende heraus. „Ich finde momentan auch keinen Nachmieter. Klar, wer will denn in der jetzigen Zeit auch ein Geschäft aufmachen? Das geht halt nicht“, sagt sie. Somit ist die finanzielle Belastung auf geschäftlicher Seite höher, als die Private.

Selbstständige Bayreutherin braucht Altersvorsorge wegen Corona auf

Das hat Valeria zu einem verzweifelten Schritt bewegt: „Ich lebe momentan von meiner Altersvorsorge. Die brauche ich gerade auf.“ Der Tätowiererin geht es gar nicht darum, den Lockdown schnellst möglich zu beenden. „Gebt uns halt die Chance, unsere Rechnungen zu bezahlen“, appelliert sie an die Politik. Denn selbst wenn sie einen Nebenjob annehmen würde, könnte sie die anfallenden Kosten für den Laden und im privaten Bereich nicht decken. „Und das ärgert mich einfach so.“

Werden Tätowierer von der Politik vergessen?

Friseure in ganz Deutschland haben nach und nach öffentlichkeitswirksame Aktionen gestartet, um auf ihre Notsituation aufmerksam zu machen. So auch ein Bayreuther Friseur. Ab 1. März dürfen Friseure nun wieder öffnen, Tattoo-Studios und viele andere Branchen aber nicht.

„Ich gönne es den Friseuren wirklich von Herzen“, sagt Valeria. Sie wundert sich nur über die Verhältnismäßigkeit. Denn die Hygienestandards in Tattoo-Studios seien wesentlich höher als bei Friseuren. „Das ist so frustrierend. Man denkt irgendwie, man wird vergessen.“

Neue Hobbys aus Arbeitsmangel

Dennoch versucht sie positiv zu bleiben und hat sich daher ein paar neue Hobbys zugelegt. „Auch Geldmangel und Handwerkermangel habe ich mir selber handwerkliche Sachen beigebracht“, erzählt sie. So sei sie jetzt in der Lage einen kaputten Rollo selbst zu reparieren oder Regale zu bauen. Zum Geburtstag habe ihr Mann ihr dann ein Keyboard geschenkt. „Jetzt lerne ich halt Keyboard.“ Diese Sachen mache sie vor allem, um sich davon abzulenken, „wie beschissen die Situation ist“ und wie viele Schulden sie hat.

Bayreuther Tagblatt - Katharina Adler

 bt-Redakteurin Online/Multimedia
Katharina Adler