Via Hochrad: Als zwei Festspiel-Mitarbeiter Kamerun entdeckten

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Das Verkehrsschild nach “Kamerun”, das kurz hinter Wolfsbach an der Bundesstraße nach Creußen und Pegnitz zu sehen ist, hat sicherlich schon manchen Autofahrer zum Schmunzeln gebracht. Das beliebte Forsthaus ist nämlich tatsächlich nach der alten deutschen Kolonie in Afrika benannt.

Ausflug im Sommer

An einem Sommertage des Jahres 1884 benutzten zwei junge Männer auf Hochrädern die Strasse nach Neuenreuth. Einer davon war Fritz Brandt, der technischer Leiter im Festspielhaus und als Verlobter von Cosima Wagners ältester Tochter Daniela von Bülow zumindest vorübergehend ein Mitglied der Wagner-Familie war.

Zusammen mit seinem Mitarbeiter Friedrich Kranich nutzte Brandt also diesen schönen Sommertag zu einem Ausflug, um sich von der Bühneneinrichtung für die (ein Jahr nach Richard Wagners Tod) bevorstehenden “Parsifal”-Aufführungen” zu erholen. Um sich von der Hitze zu erholen, bogen die beiden jungen Männer kurz hinter Wolfsbach auf einen ihnen unbekannten Waldweg ein, um den Schatten der alten Kiefern zu nutzen.

Rast im idyllischen Forsthaus

Wenige Meter später war die Überraschung groß, als sie das idyllische Forsthaus von Ottmannsreuth entdeckten. Die Frau des Waldaufsehers Philbert begrüßte die beiden Männer und bot ihnen eine Erfrischung an. Zufrieden legten sie eine längere Pause ein.

Foto: Forsthaus Kamerun

Brandt rief aus: “Eine richtige Entdeckung haben wir da gemacht” , worauf Kranich ergänzte: “Ja, wie der Nachtigall in Afrika!” Mit diesen Worten schilderten sie auch abends nach der Rückkehr ihr Erlebnis.

Einsames Forsthaus als Anziehungspunkt

Weil im Juli 1884 alle Zeitungen von der Hissung der deutschen Flagge durch den Afrikaforscher und späteren kaiserliche Generalkonsul Dr. Gustav Nachtigall in Kamerun berichteten, nannten die beiden Entdecker das einsame Forsthaus “Neu-Kamerun”. Durch den Besuch von Brandt und Kranich wurde das 1848 erbaute Forsthaus ein immer größerer Anziehungspunkt für die Mitwirkenden der Festspiele. Grund genug für den Waldaufseher Philbert, eine Wirtschaftskonzession unter dem Namen “Kamerun” zu beantragen.

Die Ausflugsgaststätte Neu-Bukoba

Neubukoba. Foto: Bernd-Mayer-Stiftung.

Gut zehn Jahre später eröffnete nur einen Kilometer Luftlinie entfernt eine weitere Ausflugsgaststätte, die in Zeiten des Kolonialismus einen afrikanischen Namen erhielt: “Neubukoba”. Wer heute aus Richtung Nürnberg kommend, auf der Autobahn A9 in Richtung Berlin kurz vor Bayreuth auf dem Rastplatz Sophienberg anhält, der befindet sich ganz in der Nähe des damaligen Stadtortes. Gäbe es die 1894 eröffnete Wirtschaft heute noch, dann läge sie wie eingeklemmt zwischen der lärmenden sechsspurigen Autobahn und der Bahnlinie Nürnberg-Bayreuth – ein Biergartenidyll sehe wohl anders aus.

Wo Kamerun und Neubukoba liegen. Foto: Bernd Meyer Stiftung.

Das Gebäude wurde 1821 erbaut und 1894 von Johann Carl Christian Querfeld als “Neu-Bukoba – Bierwirtschaft mit Spirituosen” angemeldet und wurde schnell ein beliebtes Ausflugsziel für die Bayreuther.

Bukoba in West-Afrika

Bukoba ist eine Stadt an der Westküste des Viktoriasees, gelegen im ehemaligen Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania. Darüber, warum Querfeld gerade diesen Ort als Namensgeber wählte, kann nur spekuliert werden. Vielleicht wegen des damals schon sehr bekannten Bukoba-Kaffees, der dort sicherlich auf der Getränkekarte stand, oder wegen der Weiher auf denen rund um die Ausflugsgaststätte auch Ruderboote unterwegs waren.

Kaffee und Kuchen im Garten

Im Jahr 1907 übernahmen Karl und Mathilde Kolb für gut 20 Jahre das Anwesen und verkauften in Spitzenzeiten 49 Hektoliter in der Saison. In dieser Zeit beschreibt der Bayreuther Friedrich Bauer, wie er dort einkehrte: “Wir wanderten entlang dem Röhrensee, dann an dem Einzelgehöft Plantage vorbei in Richtung Thiergarten. Kurz davor bogen wir links in den Schindelteichwald ein und erreichten über Oberthiergarten Neubukoba. Unsere Eltern setzten sich in den schattigen Garten und unterhielten sich bei Kuchen und Kaffee und sonstigen Getränken.”

Neubukoba. Foto: Bernd Mayer Stiftung.

Viele Bayreuther nutzten aber auch die Eisenbahn in Richtung Creußen, um nach Neubukoba zu kommen. Vom Bahnhof Neuenreuth war es nur noch ein kurzer Spaziergang zu der Ausflugsgaststätte.

Diese Idylle endete rund vier Jahrzehnte nach der Eröffnung. Im Jahr 1936 wurde die Autobahn fertig gestellt, zwei Jahre später wurde das einst so beliebte Lokal abgerissen.


Text: Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


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