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Coronavirus

„Sicherer als jeder Discounter“: Wie der Einzelhandel in Stadt und Landkreis Bayreuth gegen die Corona-Krise kämpft

Einkaufen in der Corona Pandemie: Die Lage für den Einzelhandel in der Region Bayreuth ist kompliziert. Das bt hat nachgefragt.

Seit über 60 Jahren gibt es die Firma Seidel Moden mit ihrem Stammhaus in Weidenberg im Landkreis Bayreuth. „Kein Einheitsbrei wie an jeder Ecke“, schreibt sich die mittlerweile dritte Generation des Familienunternehmens stolz auf die Fahnen. Wer hierher kommt, schätzt kompetente und persönliche Beratung. Wer in diesen Tagen dorthin kommen will, hat ein Problem: die Corona-Auflagen. Das bt hat mit Anke Seidel-Noll über die aktuelle Situation gesprochen.

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Kürzlich haben sich Einzelhändler aus Bayreuth zu den Corona-Regeln geäußert. „Die Kunden sind extrem verunsichert“, hieß es dabei..

„Sicherer als jeder Discounter“: Wie der Einzelhandel im Landkreis Bayreuth gegen die Corona-Krise kämpft

„Wir werden den Kopf nicht in den Sand stecken“, sagt Anke Seidel-Noll (42) von Seidel Moden, Das Stammhaus steht in Weidenberg im Landkreis Bayreuth. Dazu gibt es drei Filialen, eine sogar in Baden-Württemberg. Seidel Moden beschäftigt 16 Mitarbeiter.

„Wir bieten eine ehrliche und individuelle Beratung, führen Top-Marken“, sagt die 42-Jährige. Erst kürzlich habe sie die Bestellung für die Wintersaison abgegeben: nicht einfach in der Corona-Pandemie, denn die Corona-Maßnahmen und nicht zuletzt das neue Notbremsen-Gesetz von Bundeskanzlerin Angela Merkel machen einer Unternehmerfamilie wie die der Seidels das Geschäft schwer.

Schaut man in große Warenhäuser, die hauptsächlich Lebensmittel anbieten, dann stelle man fest:

  • An Wochenenden seien diese meist überfüllt
  • Man kann dort häufig auch Klamotten kaufen

Das sei nicht nur ungerecht sondern in punkto Infektionsrisiko nicht mehr nachzuvollziehen, so Seidel.

Einzelhandel im Landkreis Bayreuth: „Wir sind keine Infektionstreiber!“

Die olle Jeans, das Hemd, die Bluse, das Sweatshirt – ausgefranst, verwaschen, vielleicht zu groß oder zu klein geworden: Es muss was Neues her, passend zur Saison und gerne noch in aktuellen Trendfarben. Man kann im Internet bestellen. Besser und kompetenter als jede Größentabelle wird man allerdings im Einzelhandel beraten. Blöd nur, dass gerade Corona ist.

Ab einer Inzidenz von 100 gibt es nur Click and Meet und man muss außerdem einen gültigen Corona-Test vorweisen, der nicht älter sein darf als 24 Stunden. Alternativ kann man ihn vor Ort im Beisein der Mitarbeiter des jeweiligen Personals selbst durchführen. „Ich muss mir also vorher genau überlegen, wann ich Shoppen gehe, brauche rechtzeitig einen Testtermin und muss im Geschäft meiner Wahl auch einen Termin vereinbaren“, rechnet Anke Seidel-Noll vor. Das schrecke die Kunden ab.

Dabei habe man sich bei Seidel Moden schon mit Click and Meet arrangiert. Es gebe ein Hygienekonzept und dieses werde konsequent umgesetzt. „Wir lüften regelmäßig und desinfizieren alle Kontaktflächen“. Oben drauf legt Anke Seidel-Noll noch in die Waagschale, dass ihre Kunden meist Stammkunden seien, die man nicht selten mit Vornamen kenne: Eine Kontakt-Rückverfolgung sei also lückenlos gewährleistet.

Einzelhandel im Landkreis Bayreuth: „Wir haben doch alles richtig gemacht!“

Anke Seidel-Noll berichtet im Gespräch mit dem bt, dass Seidel Moden vor Corona noch nie so viel Werbung gemacht habe. Sogar die Möglichkeit, online zu bestellen gibt es mittlerweile. Dennoch würde sie Umsätze von nur rund 10 Prozent im Vergleich zu vorher einfahren. Die Corona-Maßnahmen seien unausgegoren und blind gegenüber der Tatsache, dass sich Unternehmer mit ihren Mitarbeitern Gedanken machen und nach Kräften daran arbeiten, dass es gerade in ihren Geschäften nicht zu weiteren Infektionen komme.

Frustration auch im Einzelhandel in der Stadt Bayreuth

„Wie kann man uns nur solche Steine in den Weg legen?“, fragt Markus Bauer (50) von Becker & Exner in Bayreuth. Über 70 Jahre gibt es diesen Herrenausstatter schon. Zwei mal 80 Quadratmeter auf zwei Geschossen: Hier kann man sich einkleiden. „Aktuell dürfen wir zwei Kunden pro Stockwerk reinlassen“, sagt Bauer im Gespräch mit dem bt.

Es gehe ihm nicht um die Anzahl derer, die er reinlassen darf in der derzeitigen Corona-Krise. Viel mehr stelle er fest, dass Kunden wegen der Corona-Maßnahmen fern bleiben. Die Begründung, die er für dieses Verhalten sehe: deckungsgleich mit den Erfahrungen, die Anke Seidel-Noll gemacht hat

In einer modernen Arbeitswelt gibt es oft spontane Zeitfenster, die sich für so etwas wie den Klamottenkauf auftun. Dann einen Termin für einen Corona-Test spontan zu kriegen sei nur die eine Seite, denn die Geschäfte dürfen ihre Kunden nur mit einem vereinbarten Termin reinlassen. Als potentieller Kunde, der gerade eben Zeit hat, aber weder Corona-Test noch Termin mit dem Geschäft seiner Wahl, muss man also draußen bleiben.

Markus Bauer berichtet auf Nachfrage des bt von desaströsen Umsatzzahlen, genau wie Anke Seidel-Noll. Das telefonische Interview am Donnerstag (15.4.2021) musste er abbrechen: Ein Kunde kam ins Geschäft: mit Termin.

Bayreuther Tagblatt - Raphael Weiß

 bt-Redakteur Online/Multimedia
Raphael Weiß