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Kunst, Humor und Freundschaft – das sind die Niederländter

4. Dezember 2019/in 15_Serien_Kolumnen, Bayreuth Historisch/von Redaktion

Sie freuen sich auf ihren Festakt am 21. März 2020. Dann feiern die „Niederländter“ ihr 150-jähriges Bestehen. Der Männerbund wurde vor 150 Jahren, am 7. Februar 1870, gegründet. bt-Hobbyhistoriker Stephan Müller blickt auf die Geschichte der Niederländter zurück.


Einer der Höhepunkte der Feier zum 150. Geburtstag ist die Enthüllung eines Denkmals auf der Mainüberdachung, in direkter Nähe zur alten, im Krieg zerstörten, Kaserne: Ein großer Lindwurm, das Wappentier der Niederländter. Die Gesellschaft hat die Skulptur durch den Künstler Manfred Reinhart aus Rauhenebrach-Untersteinbach gestalten lassen und der Stadt Bayreuth geschenkt. Sie stellt das Symbol, den „Lindwurm“ dar, so wie ihn von Nagel als den Bewacher des Niederländter Schatzes, der Pflege von Kunst, Humor und Freundschaft, ersonnen hat. Der Hauptausschuss des Stadtrates hat die Schenkung der rund 2,50 Meter hohen und drei Tonnen schweren Plastik im November mit großer Mehrheit angenommen und damit die Aufstellung der Skulptur genehmigt.

Ludwig von Nagel bzw. Adrian van Os. Foto: Stephan Müller

 Gründung der „Schwaabengesellschaft“

Im Jahr 1868 gründete Ludwig von Nagel, Oberleutnant des 6. Chevaulegersregiment in Bayreuth mit einigen Freunden die „Schwaaben­gesellschaft“. Der Name kam von den Wirtsleuten Schwaab, in deren Gaststätte sich die Männer regelmäßig trafen.

Es dauerte aber nicht lange, bis von Nagel und einigen Freunden der Ton bei den „Schwaaben“ zu rau wurde. So trafen sich die Männer erneut, um „auf gepflegterer Ebene einen neuen Bund“ zu gründen. Am 7. Februar 1870 kamen im Gasthaus „Zur Sonne“ in der heutigen Richard-Wagner-Straße elf Männer zusammen, die unter dem Motto „Froh‘ Gemüt, geschickte Hand“ eine frohsinnige, keinesfalls elitären, aber geistvollen und vielleicht auch selbstironischen Bund ins Leben zu rufen. Neben dem Frohsinn sollten das Maltalent, das Musizieren, eigene Gedichte oder das Basteln im Mittelpunkt stehen. Beruf, Alltag und Politik blieben bei den Zusammenkünften ausgespart.

Foto: Stephan Müller

Nun fehlte nur noch ein Name für den Männerbund. Ludwig von Nagel, der auch ein begabter Kunstmaler war, erinnerte sich an ein Buch, das ihm zufällig in die Hände fiel. Ein Buch, das die Geschichte der altniederländischen Maler und Malergilden zum Thema hatte. Dabei kam ihm der Gedanke, dass doch seine musikalisch oder künstlerisch veranlagten Freunde sehr viel mit den niederländischen Gilden gemein haben.

„Froh‘ Gemüt, geschickte Hand, Rathsherr und Lump, Hoch Niederlandt!“

Und so gaben sich die Männer der neuen Gesellschaft den Namen: „Societät der Niederländter“und „Mahlkasten“. Am Schluss der Veranstaltung wurde Ludwig von Nagel im Kreise der elf „Ur-Mynherrn“ zum Vorsitzenden gewählt. Der Wahlspruch lautete nun: „Froh‘ Gemüt, geschickte Hand, Rathsherr und Lump, Hoch Niederlandt.“

Ludwig von Nagel erhielt den niederländtischen Namen Adrian van Os, seine Freunde hießen van Dow, van Potter oder van Honthorst. Als Erkennungsruf hallte fortan „VAN“ durch die Versammlungsstätten. VAN wie „vivat amicitia nostra“, „Es lebe unsere Freundschaft.“

Im Protokoll heißt es, dass sich „am 7. Februarius 1870, als dem Tag des Sankt Romuald bei gar kaltem Ostwind elf Stück der Niederländter versammelten. Sie aßen gesottenen Fisch neben welschem Salat. Es wurden viele Reden getan und Hochs ausgebracht, auch auf dem Spinett gar zierlich gespielet und man hat sich erlustieret bis gen Mitternacht.“

Foto: Stephan Müller

Die glückliche Zeit währte allerdings nicht lange. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 rief die Soldaten in das Feld, viele Offiziere wurden versetzt, so dass der die Treffen des „Mahlkasten“ ab 1874 nicht mehr stattfinden konnten. Im Jahr 1876 gründeten einige „Niederländter“, die früherdem Bayreuther „Mahlkasten“ angehörten, eine eigene Societät in Würzburg.

Durch die Kriegswirren, die zahlreichen Versetzungen und wohl auch dadurch, dass Richard Wagner die Bayreuther von seinem Erscheinen im Jahr 1871 bis zu seinem Tod 1883 in seinen Bann zog und die „Richard-Wagner-Verbände“ starke Mitgliederzuwächse hatten, erlebten die Niederländter in Bayreuth dagegen eine längere Durststrecke.

Bayreuth ist Niebelungenreuth

So kam es am eigentlichen Gründungsort erst nach Wagners Tod im Februar 1885 wieder zu einer Neugründung. Die neue Bayreuther Societät wurde selbst „Urstätt“ getauft, der Sitz wurde als Hommage an Richard Wagner „Niebelungenreuth“ genannt, das Wappentier der Lindwurm.

Die Societät traf sich zunächst in der „Sonne“, später in der Restauration „Angermann“, also der früheren Lieblingswirtschaft von Richard Wagner, die 1891 dem Neubau des Postgebäudes (heute Kanzleistraße) weichen musste. So zog es die Niederländter unter anderem in die Mainstraße in das Lokal „Preßlein“, das später als der „Frühhaber“ oder das „Podium“ zum Begriff wurde. Dann trafen sie sich über 60 Jahre in der Alexanderstraße, ehe nun vor ein paar Jahren das Prinzessinnenhaus in St. Georgen das neue Domizil wurde.

Foto: Stephan Müller

Zwei Bürgermeister waren Niederländter

Berühmte Bayreuther Niederländter früherer Jahre waren die Bürgermeister Leopold Casselmann als „Lukas van de Capelle“ (1886) und Albert Preu (1898) als „Allart van Putterhoek“.

Ausgehend von Bayreuth und Würzburg erfuhr Niederlandt in Bayern und den damals zu Bayern gehörenden Gebieten eine weite Verbreitung. Heute gibt es über 400 „Niederländter“ in 20 Städten in Bayern, der Pfalz und in Bonn. Der Gründungsort, die Urstätte bleibt aber Bayreuth, in der Sprache der Niederländter „Die Urstätt in dembe Niebelungenreuth“. Der Sinn und Zweck der Zusammenkünfte blieb über die fast 150 Jahre gleich. Auch heute treffen sich die Niederländter meist zweimal im Monat in ihrem urigen ,,Lokälyn“, um zu dichten, zu malen, zu musizieren und um die Geselligkeit zu pflegen. Unter anderem in Hallstadt (Geuszkanne in deme Babinbergh), Regensburg (Bruck´n ze Regansbourigh), München (Krug in der Mönchstätt), Nürnberg (Treekschuyten ze Norimberghe) oder in Landau/Pfalz (Hoogschans zu Landawen) Soziätäten.

Jährliche Treffen in Pappenheim

Höhepunkte im Jahreslauf der Niederländter Societäten sind in den letzten Maitagen das Treffen aller Niederländter zur „Großen Weltumsegelung“ im festlich geschmückten Städtchen Pappenheim an der Altmühl und das traditionelle familiäre Weinfest Anfang September in Landau in der Pfalz.

Zahlreiche Herrengesellschaften

In Bayreuth gibt es neben den „Niederländtern“ mit den „Wilden Indianern“, den vom damaligen Oberbürgermeister Hans Walter Wild gegründeten „Braunbierrittern“, dem „Orden des Waldvogels“ oder der „Schlaraffia“ immer noch mehrere Herrenbünde, die sich allesamt kreativ – und oft unbemerkt von der Bayreuther Bevölkerung – selbst auf die Schippe nehmen: Jenseits von hektischem Alltagsgewühl und strapaziösen Freizeitzwängen schaffen sie sich ein „Gegenreich“ unbeschwerter Lebensfreude.

Foto: Stephan Müller

Älteste Herrengesellschaft in Bayreuth

Die 1870 gegründete „Societät der Niederländter“ ist heute jedoch die älteste Herrengesellschaft in Bayreuth. Auch wenn zu den Treffen in „Niederlandt“ Damen nicht zugelassen sind: Die Herren freuen sich, dass dies von den „Mynfrauen“ toleriert wird. Dafür bedanken sich die Niederländter mit der „Mynfrauenwacht“, die dann in besonders festlichem Rahmen begangen wird.


Text: Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

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