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Lost Places

Lost Places: Bayreuths Dritter Siegesturm

Verfallene Orte, vergessene Ruinen – seit Jahren nimmt das Interesse an sogenannten „Lost Places“ stetig zu. Insbesondere in der jungen Millennial-Generation ist ihr melancholisch-morbider Charme populär. Nur die wenigsten wissen jedoch, dass auch in unserem beschaulichen Bayreuth eine Vielzahl solcher verlassenen Stätten zu finden ist.

Der dritte Siegesturm in Bayreuth- Foto: Florian Unterburger

Unsere siebte Spurensuche führt uns in Bayreuths Westen, auf die Meyernberg genannte Seite des Roten Hügels. Hier oben thront das Schloss Meyernberg – heute eher unscheinbar als Stadtgartenamt – über das ehemalige Rittergut. Knapp unterhalb, dem Herrnholzweg bis ans Ende folgend, stoßen wir auf das 1840 erbaute Herrenhaus, dessen “Garten” in Wahrheit die Überreste des namensgebenden herrschaftlichen Waldes verbirgt.

Auf der Rückseite des Herrenhauses erklimmen wir die alten Terrassen und folgen einem schmalen Trampelpfad durch die herrschaftliche Wildnis. Gleich anfangs zur Rechten passieren wir ein märchenhaft verfallenes Eingangsportal, mutmaßlich die letzten Reste eines alten Verbindungstunnels zum Schloss Meyernberg. Es ist nicht ganz klar, wann der Tunnel seiner Funktion beraubt wurde – doch unterstreicht er abermals den engen Zusammenhang zwischen Herrenhaus und Schloss.

Folgen wir dem verschlungenen Pfad weiterhin, so eröffnet sich uns hundert Meter später eine kleine Lichtung. Hier am nördlichen Grundstücksrand haben wir unser Ziel erreicht – die Fundamente des Belvedere, Bayreuths dritten Siegesturms.

Siegesrausch und Gründerjahre

Nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg 1871 gegen den sogenannten “Erbfeind” und der Gründung des zweiten Reichs, war der nationale Taumel im provinziellen Bayreuth besonders groß. 1874 wurde daher “zum Ruhme der deutschen Siege” der allseits bekannte runde Siegesturm auf der Hohen Warte erbaut. Zur gleichen Zeit errichtete Herzog Alexander von Württemberg, Gutsbesitzer von Schloss Meyernberg sowie Schloss Fantaisie, im Eckersdorfer Fantaisiewald den zweiten, diesmal quadratischen Siegesturm – auch dieser ist heute noch begehbar.

Der dritte Turm – oder treffender Turmanlage – schließlich thronte, wie auf der historischen Postkarte zu erkennen ist, noch markanter als das Schloss über ganz Meyernberg. Aufschlussreich ist insbesondere die ebenfalls aus 1873 stammende Bauskizze, wiederum unterzeichnet von Herzog Alexander von Württemberg (“Alexanderstraße” ab 1883) sowie vom Architekten Carl Wölfel (“Wölfelstraße” ab 1896).

Und hier schließt sich der Bayreuther Kreis zu Richard Wagner, denn Wölfel baute auch dessen berühmte Villa Wahnfried, und in Württembergs Hotel Fantaisie lebte Wagner nach seiner Ankunft 1872 für ein halbes Jahr. Hier in den Ruinen des Belvedere, auf dem Roten, nicht dem Grünen Hügel, verdichtet sich ganz unerwartet die Geschichte der Bayreuther Gründerzeit.

Dunkle Romantik

Dieses Anwesen war also, wie die beiden umliegenden Schlösser, fester Bestandteil des Bayreuther Establishments und seines verhängnisvollen Nationalismus. Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Württemberg, Wölfel und Wagner, zwischen Adel und Großbürgertum, vereint im Siegestaumel, Hort der Nationalromantik, manifestierten sich auf eindrückliche Weise in den repräsentativen Turm- und Theaterbauten Bayreuths – auch das Festspielhaus wurde in diesen Gründerjahren 1871-74 errichtet.

Und während die allermeisten Monumente dieser Epoche die von ihnen entzündeten Weltbrände überstanden haben, stehen wir hier vor vergessenen Fundamenten, aus deren Fugen Sträucher und Bäume wachsen. Noch ein Denkmal des Wahns, jedoch gänzlich getilgt aus dem städtischen Gedächtnis, am Ende des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten gesprengt.

Auf dem Rückweg aus der Lichtung über die alte Treppenanlage des Belvedere kommen wir noch an der verwucherten Mauer und Brüstung des Aussichtspunktes vorbei. Verwachsen, verwildert, versteckt. Eine dunkle Faszination des Verfalls packt mich, hier spüre ich ihn genau, den Zauber der Lost Places.

Denkmal für Europa?

Bei diesem schaurig-schönen Zeitgefühl könnten wir es bewenden lassen, doch ein Gedanke geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Könnte aus diesen nationalistischen Ruinen nicht auch ein Denkmal der europäischen Zukunft entstehen?

Europa, unser aller Friedensprojekt, wird heute bedroht wie nie – von den gleichen Nationalismen, die den Kontinent schon einmal zu Grunde gerichtet haben. Ein Mahnmal, das niemand kennt, aber mahnt zu nichts. Ruinen faszinieren für den Moment, aber wieviel Zukunft hat ein Trümmerhaufen? Sollte man diesen unsichtbaren Turm dann nicht aus seinen melancholischen Trümmern erheben?

Mehr als 150 Jahre nach der Geburt des nationalen Wahns, des zweiten und Dritten Reichs, herrscht wieder Krieg in Europas Osten. Gerade in diesen Tagen der Zeitenwende ist das helle Bayreuth gefordert noch einen Schritt weiter aus seiner dunklen Romantik hervortreten. Zumindest einer der drei Siegestürme könnte so doch noch zu einem Symbol eines neuen Europas werden. Der Belvedere auf Meyernberg, vom Wahn zum Frieden.

*Herrenhaus und Garten befinden sich in Privatbesitz und sind momentan nicht öffentlich zugänglich

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger ist Autor und Historiker, im Rahmen seines Buchprojekts „Der Zerfall der Alten Ordnung“ hat er seine Leidenschaft für Lost Places entdeckt. Regelmäßig forscht er neuen Spuren des Umbruchs nach. Für das Bayreuther Tagblatt hat er die aufregendsten Spurensuchen zum Nachspazieren niedergeschrieben..

Das DammwäldchenDas Dammwäldchen
Lost Places: Altenstadt an der Mistel Foto: Florian André UnterburgerLost Places: Altenstadt an der Mistel Foto: Florian André Unterburger
Lost Places: Der letzte Turm© Unterburger
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