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Lost Places

Lost Places Bayreuth: Hundert Jahre Schlaf

Verfallene Orte, vergessene Ruinen – seit Jahren nimmt das Interesse an sogenannten „Lost Places“ stetig zu. Insbesondere in der jungen Millennial-Generation ist ihr melancholisch-morbider Charme populär. Nur die wenigsten wissen jedoch, dass auch in unserem beschaulichen Bayreuth eine Vielzahl solcher verlassenen Stätten zu finden sind.

Im Ehrenhof in der Bayreuther Innenstadt könnte schon bald ein Augustiner-Bräuhaus entstehen. Foto: Florian André Unterburger
Im Ehrenhof in der Bayreuther Innenstadt könnte schon bald ein Augustiner-Bräuhaus entstehen. Foto: Florian André Unterburger

Unsere dritte Spurensuche führt uns diesmal an verschiedene mehr oder minder vergessene Orte, die gemeinsam eine Verfallsgeschichte unserer Stadt erzählen. Nach Bayreuths barocker Blütezeit im 17. und 18. Jahrhundert, mit dem absoluten Höhepunkt 1748 – der feierlichen Einweihung des Markgräflichen Opernhauses zur Hochzeit der einzigen Tochter von Wilhelmine und Friedrich – begann bereits in den 1750er Jahren der schleichende Niedergang der Residenzstadt am Roten Main, ihr langsames Hinwegschlummern in einen nahezu hundertjährigen Schlaf.

Voraus ging diesem Schlummer jedoch eine bis heute sichtbare hochbarocke Prachtperiode, die 1603 mit der Verlegung der fürstlichen Residenz von der Kulmbacher Plassenburg ins Alte Schloss eingeleitet wurde. Just dieses Alte Schloss brannte dann 1753 lichterloh – und sein Wiederaufbau wurde, was die wenigsten wissen, erst über einhundert Jahre später in den 1860er Jahren abgeschlossen. Hundert Jahre zuvor noch autonomes fränkisches Fürstentum, 1860 nun die Einweihung der Königsstatue von Maximilian II. zur Feier der 50-jährigen Zugehörigkeit zu Bayern, so ändern sich die Zeiten.

Lost Places Bayreuth: Das Gefängnis in St. Georgen. Foto: Florian André Unterburger

Der Verschwundene See

Das Markgrafenpaar nutzte das Brandunglück zwar noch zum Bau des improvisierten Neuen Schlosses und seines Hofgartens, doch mit Wilhelmines Tod 1758 stürzte Bayreuth dann endgültig in den Abwärtsstrudel. Nur fünf Jahre später starb auch Friedrich, trotz zweiter Ehefrau ohne männlichen Erben, und mit ihnen starb eine ganze Epoche. Insbesondere die Markgrafen Christian Ernst (“Gymnasium Christian Ernestinum”) und Georg Wilhelm (“St. Georgen”) machten die Bayreuther Residenz nach dem Dreißigjährigen Krieg erst reichsweit bekannt – ohne ihre geschickte Vermarktung wäre die preußische Königstochter Wilhelmine wohl nie in die fränkische Provinz zu locken gewesen.

Hier in der barocken Planstadt St. Georgen am See, hinter dem historischen Ordensschloss, in welchem abstruserweise bis heute ein Gefängnis untergebracht ist, kann man dem Umbruch der Zeiten besonders gut nachspüren. Bis vor 250 Jahren fanden hier im Brandenburger Weiher inszenierte Seeschlachten statt, mit bewaffneten Kriegsschiffen und hunderten Soldaten, es gab sogar eine aufgeschüttete Insel. 1775 jedoch wurde schließlich auch der Weiher abgelassen, einzig Straßennamen wie Insel- oder Seestraße und die Matrosengasse mit ihren Seemannshäusern erinnern heute noch an den verschwundenen See.

Lost Places Bayreuth: Die Matrosengasse in St. Georgen erinnert an ehemalige Seeschlachten. Foto: Florian André Unterburger

Bei diesem vollkommen verlorenen Ort kommt nur schwerlich die Faszination der Lost Places auf, doch vom Ordensschloss ausgehend können wir ihr zumindest noch ein Stück weit auf den Grund gehen. Nach der Trockenlegung wurde das Areal erst landwirtschaftlich genutzt und dann im 20. Jahrhundert zum heutigen Industriegebiet umgewandelt. Wir halten uns nordöstlich des Schlosses, queren die Bahngleise und folgen der Weiherstraße entlang bis zum Kreisverkehr. Wer ahnt schon, dass wir hier auf dem Grund des früheren Sees spazieren, dass an diesem Kreisel sein einstiger Nordwall verlief?

Lost Places Bayreuth: Die Weiherstraße kreuzt die Riedingerstraße im heutigen Industriegebiet St. Georgen. Foto: Florian André Unterburger

Untergang der Residenz

Aber nicht nur der Weiher wurde trockengelegt, nach dem Tod des visionären Markgrafenpaars setzte auch ein gewaltiger Braindrain der höfischen Künstler und Architekten ein – von Gontard und Pedrozzi bis zu den Gebrüdern Räntz und Spindler – die dann vor allem in Potsdam und Berlin berühmte Werke wie das Neue Palais, den Deutschen und Französischen Dom am Gendarmenmarkt sowie zahllose Skulpturen und Denkmäler schufen.

Die geistige Austrocknung begann schon 1763, als die Kunstakademie in der Friedrichstraße geschlossen und liquidiert wurde. Ab 1769 machte dann Alexander, der letzte Markgraf, auch noch Ansbach zu seinem Regierungssitz und Bayreuth verlor seine Stellung als markgräfliche Residenzstadt, die es für 166 Jahre inne hatte. Er ließ die Jagdschlösser Thiergarten und Kaiserhammer veräußern, die Eremitage verfallen und verkaufte 1791 schließlich das vereinigte Markgrafentum Ansbach-Bayreuth gegen eine lebenslange Leibrente an Preußen.

Unter dessen Verwaltung setzte sich der Ausverkauf fort, Kunst- und Forschergeist waren entschwunden, der geistige Aufbruch der Klassik und Romantik fand hundert Kilometer nördlich im ebenso beschaulichen Weimar und Jena statt – unter der Regentschaft von Anna Amalia, einer Nichte, und Carl August, einem Großneffen Wilhelmines. Während der wechselnden Besatzungen der Napoleonischen Kriege gab es kaum noch Neubauten, Bayreuth fehlten Macht und Geld um wieder Anschluss an die Zeit zu finden. Das abgebrannte Schloss, der abgelassene See, die verwilderten Parkanlagen – von Residenz zu Nebenresidenz, vom Verwaltungsgebiet zur Besatzungszone, vom Tauschobjekt zum Randgebiet Bayerns, 1810 war Bayreuth an seinem Tiefpunkt angelangt.

Lost Places Bayreuth: Die Eremitage in Bayreuth. Foto: Florian André Unterburger

Nationales Erwachen

Einst Mittelpunkt des Fränkischen Reichskreises, fand es sich fortan in ungewohnter Randlage an der nordbayerischen Peripherie. Die Industrialisierung begann sich hier nur zögerlich zu entfalten und der lang fehlende Bahnanschluss wirkt noch bis heute nach. Die Ansiedlung erster Fabriken, die Einführung der neuen Gasbeleuchtung kam folglich deutlich verspätet in der fränkischen Provinz an.

Erst in der postklassischen Epoche, gemeinsam mit dem nationalen Traum eines geeinigten Deutschlands synchronisierte sich Bayreuth wieder mit dem Zeitgeist. 1853, genau einhundert Jahre nach dem verheerenden Schlossbrand wurde die lang ersehnte Eisenbahnverbindung endlich eröffnet, das Erwachen der Stadt bahnte sich buchstäblich an.

Letztlich war es jedoch ein Lexikon, das unsere Stadt endgültig aus ihrem hundertjährigen Schlaf erwecken sollte. Im März 1870 stieß Richard Wagner darin auf Wilhelmines berühmtes Opernhaus, schon zwei Jahre später wurde der Grundstein für sein Festspielhaus gelegt – wiederum genau einhundert Jahre nach der letzten Seeschlacht. Der Zyklus von Aufstieg und Verfall war geschlossen.

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger ist Autor und Historiker, im Rahmen seines Buchprojekts „Der Zerfall der Alten Ordnung“ hat er seine Leidenschaft für Lost Places entdeckt. Regelmäßig forscht er neuen Spuren des Umbruchs nach. Für das Bayreuther Tagblatt hat er die aufregendsten Spurensuchen zum Nachspazieren niedergeschrieben..

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